Le silence des ombres (deutsch etwa: „Die Stille der Schatten“) ist ein Opern-Triptychon mit den Teilen La mort de Tintagiles (Der Tod des Tintagiles), Intérieur (Daheim) und Alladine et Palomides (Alladine und Palomides) von Benjamin Attahir, der als Libretto drei gleichnamige kleine Dramen für Puppenspiel von Maurice Maeterlinck aus dem Jahr 1894 nutzte. Das Triptychon wurde am 25. September 2019 im Königlich-Flämischen Schauspielhaus Brüssel (KVS) uraufgeführt.
Handlung
La mort de Tintagiles
(Szenenhinweise nach der Übersetzung von Friedrich von Oppeln-Bronikowski)
Erster Akt. Auf dem Gipfel eines Hügels, der das Schloss beherrscht
Ygraine führt ihren kleinen Bruder Tintagiles zu dem düsteren Haus auf einer Insel, in dem sie mit ihrer Schwester Bellangère und dem alten Diener Aglovale wohnt – der Vater lebt nicht mehr, und ihre beiden Brüder sind verschollen. Tintagiles hat seine ersten Jahre jenseits des Meeres verbracht, musste jetzt aber auf Befehl der Königin zurückkehren. Die Schwestern haben es nie gewagt, die Insel zu verlassen. Das vernachlässigte Schloss der Königin liegt in einem Tal hinter toten Bäumen. Nur der riesige Turm ist zu sehen und wirft seinen Schatten auf das Haus. Die alte Königin, Großmutter der Geschwister, lebt allein in ihrem Schloss, ohne es jemals zu verlassen. Alle fürchten ihre unerklärliche Macht, der offenbar alle anderen Familienmitglieder zum Opfer gefallen sind. Die Schwestern sind fest entschlossen, ihren Bruder vor ihr zu schützen. Ygraine mahnt Tintagiles, sich nie von ihr oder Aglovale zu entfernen.
Zweiter Akt. Ein Gemach im Schloss
Ygraine teilt Bellangère mit, dass sich Tintagiles nach der langen Reise in ihr Bett gelegt habe und ohne Grund weine. Bellangère ist beunruhigt. Sie hat am Turm eine offene Pforte bemerkt, ist vorsichtig eingetreten und konnte so ein Gespräch der Dienerinnen belauschen. Diese sprachen von einem kleinen Kind, das die Königin sehen wolle. Sie werden möglicherweise noch diesen Abend kommen, um es zu holen. Ygraine ist sich sicher, dass Tintagiles in Gefahr ist. Sie hofft, dass die Königin Erbarmen zeigt, wenn sie sich ihr unter Tränen unterwerfen. Das habe auch in der Vergangenheit geholfen. Selbst die Männer hätten sich einst vor ihr auf den Boden geworfen. Eigentlich sei es längst Zeit für einen Aufstand. Bellangère und Aglovale versprechen, in ihrer Nähe zu bleiben. Aglovale fühlt sich allerdings zu alt für einen Kampf. Er rät den Schwestern, die Türen zu schließen und Tintagiles fest in die Arme zu nehmen.
Dritter Akt. Dasselbe Gemach
Ygraine hat die drei Tore des Hauses untersucht. Sie will mit Aglovale nur die große Tür bewachen, da sich die beiden anderen nicht mehr öffnen lassen. Aglovale hat sein altes Schwert geholt und setzt sich auf die Türschwelle. Bellangère trägt Tintagiles herein. Er ist bleich, wirkt schwächlich und erklärt, nicht mehr gehen zu können. Außerdem fürchtet er sich vor der Dunkelheit, da die einzige Lampe nur wenig Licht gibt. Plötzlich schreit er auf, da er hinter der Pforte Geräusche gehört hat, und sinkt ohnmächtig nieder. Aglovale bestätigt, dass sich Leute nahen. Ein Schlüssel knarrt im Schloss, und die Tür öffnet sich etwas. Aglovale versucht, die Öffnung mit seinem Schwert zu schließen, doch es zerbricht. Nur mit vereinten Kräften gelingt es ihnen, die Tür zuzudrücken. Die Eindringlinge ziehen sich zurück. Erleichtert schließen sich alle vier in die Arme.
Vierter Akt. Ein Gang vor dem Gemach des vorigen Akts
Kurz vor Mitternacht lauschen die drei Dienerinnen der Königin an der Pforte, ob die Bewohner noch wach sind. Da sie nichts hören, dringen sie in das Gemach ein und finden Tintagiles schlafend in enger Umarmung seiner Schwestern. Vorsichtig lösen sie die Arme und Haare der Mädchen und entführen das Kind unbemerkt. Als sie das Ende des Gangs erreichen, erwacht Tintagiles und stößt einen Schrei aus. Die Schwestern schrecken aus dem Schlaf auf. Ygraine nimmt die Verfolgung auf. Ihre Schwester Bellangère bricht vor der Tür zusammen.
Fünfter Akt. Ein großes eisernes Tor unter sehr finsteren Gewölben
Ygraine ist alleine in den düsteren Turm vorgedrungen, in dem sie Tintagiles vermutet. Sie ruft verzweifelt nach ihrem Bruder und schlägt mit den Fäusten an die Pforte. Tintagiles antwortet schwach von der anderen Seite. Beide versuchen vergeblich, die schwere Tür zu öffnen. Dabei zerbricht Ygraines Lampe, sodass sie sich in völliger Dunkelheit befindet. Die beiden verabschieden sich mit einer symbolischen Umarmung voneinander, bis Tintagiles zu Boden stürzt. Ygraine konnte ihn nicht schützen.
Intérieur
(Szenenhinweise nach der Übersetzung von George Stockhausen)
Ein alter Garten mit Weidenbäumen; im Hintergrund ein Haus mit drei erleuchteten Fenstern.
Durch die Fenster ist deutlich eine Familie zu sehen, die bei Lampenschein friedlich die Nacht durchwacht. Der Vater sitzt am Kamin. Die Mutter blickt ins Leere, einen Arm auf den Tisch gestützt. Zwei weiß gekleidete junge Mädchen sticken und träumen lächelnd vor sich hin. Ein Kind schläft unter dem linken Arm der Mutter.
Der Alte und der Fremde erscheinen im Garten und beobachten die Familie vorsichtig. Die beiden müssen ihnen die Nachricht vom Tod der dritten Tochter überbringen, die der Fremde ertrunken im Fluss gefunden hat. Sie überlegen, wie sie das möglichst schonend tun können, ohne die betagten und kränklichen Eltern zu überfordern. Der Alte schlägt vor, zuerst alleine in das Haus zu gehen, da er mit der Familie bekannt ist. Da er fürchtet, nach den ersten Worten nichts mehr sagen zu können, soll ihm der Fremde folgen, sodass sie sich mit dem Bericht abwechseln können. Während die beiden das stille Familienleben im Haus betrachten, gehen sie das Geschehen noch einmal durch: Der Fremde war abends auf dem Weg zum Dorf. Da es bereits dämmerte, ging er auf den Fluss zu, wo noch besseres Licht war. Dort entdeckte er das tote Mädchen. Der Alte hatte sich noch am Morgen mit ihr unterhalten, als sie aus der Kirche kam. Sie habe ihren Großvater auf der anderen Seite des Flusses besuchen wollen. Der Fremde hat von den Bauern erfahren, dass sie bis zum Abend am Fluss umhergeirrt sei – möglicherweise habe sie nach Blumen gesucht. Jetzt wachen Marthe und Marie, die beiden Enkelinnen des Alten, bei der Toten, während die Bauern eine Tragbahre herstellen. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis sie zum Haus kommen. Bis dann sollte die Familie alles erfahren haben.
Marie kommt hinzu und berichtet, dass das ganze Dorf auf dem Weg sei. Sie habe die Leute gebeten, ihre Lichter auszulöschen und leise zu sein. Die beiden Schwestern im Haus schauen eine Weile aus den Fenstern, ohne die anderen zu bemerken. Auch Marie ist beeindruckt von der friedlichen Stimmung im Haus. Wie ihr Großvater hat sie Hemmungen, das Familienglück zu zerstören. Sie bittet ihn, den nächsten Morgen abzuwarten – doch Marthe warnt bereits vor dem Nahen der Dorfbewohner. Sie hat sie zwar gebeten, auf dem Weg zu warten, doch es sind auch schreiende Kinder darunter. Sie hat die Tote bereits etwas hergerichtet, deren Ring und etwas Obst für das Kleinkind mitgebracht und Blumen pflücken lassen. Es ist höchste Zeit, die Familie zu informieren. Der Alte bittet sie, mit ihrer Schwester zu warten, während der Fremde die Bauern aufhält und er selbst ins Haus geht. Marie, Marthe und er Fremde beobachten den Eintritt des Alten und die Reaktionen der Familie mitfühlend von draußen. Die Menge aber drängt zu den Fenstern und wird zunehmend unruhig. Kinder schreien, weil sie ebenfalls sehen wollen. Am Kopfnicken des Alten erkennen alle, dass er „es gesagt“ hat. Vater, Mutter und die beiden Töchter eilen zur Tür hinaus. Alle gehen auf einmal ab. Nur das kleine Kind bleibt im Haus zurück. Der Fremde bemerkt abschließend, dass es nicht aufgewacht ist.
Alladine et Palomides
(Szenenhinweise nach der Übersetzung von Friedrich von Oppeln-Bronikowski)
Erster Akt. Parkwildnis
Szene 1. Der alte König Ablamore betrachtet seine schlafende junge Sklavin Alladine, in die er sich verliebt hat. Er hat ihr seine Gefühle noch nicht offenbart, will sie aber heiraten und zur Königin machen. Er küsst sie vorsichtig und freut sich über ihr Lächeln.
Szene 2. Alladine erwacht, als ein Reiter zwischen den Bäumen auftaucht. Es ist Palomides, der Verlobte von Ablamores Tochter Astolaine, der einige Tage vor der geplanten Hochzeit angereist ist.
Szene 3. Palomides teilt dem König mit, dass Astolaine erst am nächsten Tag kommen werde. Seine eigenen Schwestern sind bereits drei Tage zuvor eingetroffen.
Szene 4. Ablamore stellt ihm Alladine vor. Diese liebkost ein Lamm, das sie von ihrer Patin erhalten hat und von dem sie jetzt unzertrennlich ist. Alladine und Palomides fühlen sich sofort zueinander hingezogen.
Szene 5. Alladine erzählt Palomides, dass sie sich in dem riesigen Palast noch immer verloren fühle und sich einmal sogar darin verirrt habe.
Zweiter Akt
Szene 1. Ein Gemach im Schloss.Die Szene ist in der Partitur enthalten, fehlt aber im Video der Uraufführung. Ablamore trifft auf Alladine, die gedankenversunken aus dem Fenster auf den Park schaut. Er vertraut ihr an, dass er sich um seinen Sohn sorgt, der seit einiger Zeit verändert scheint. Ablamore lädt Alladine zu einem Spaziergang ein. Sie lehnt ab, da sie sich nicht wohl fühlt. Als Ablamore die Tür öffnet, läuft das Lamm unbemerkt hinaus.
Szene 2. Eine Zugbrücke über den Gräben des Schlosses. Bei der Rückkehr von der Jagd trifft Palomides auf Alladine und ihr Lamm. Er warnt sie vor der gefährlichen Brücke, die über reißendes Wasser führt. Das Lamm springt aus Alladines Händen, fällt in den Graben und wird in einen Strudel gezogen. Alladine ist entsetzt. Sie will Palomides nicht mehr sehen.
Szene 3. Ein Gemach im Schloss. Ablamore spricht mit Alladine über ihre Gefühle für Palomides. Er hat die beiden am Vortag bei einem Kuss beobachtet, den sie sich unter dem Fenster Astolaines gaben. Er vermutet einen geheimen Plan der beiden, da sie gewusst haben mussten, dass sie gesehen wurden. Obwohl Ablamore ihr alles verzeihen will, bestreitet Alladine den Kuss. Ablamore wirft sich vor ihr auf die Knie und bittet sie um Mitgefühl für Astolaine, die einzige noch lebende seiner sieben Töchter. Diese habe durch Palomides gerade erst ihren Lebenswillen wiedergefunden.
Szene 4. Astolaines Gemach. Palomides spricht offen mit Astolaine über seine Gefühle für Alladine. Obwohl Astolaine ihn noch immer liebt, zeigt sie Verständnis und will ihm helfen.
Dritter Akt
Szene 1. Ein Gemach im Schloss. Astolaine teilt ihrem Vater mit, dass sie Palomides nicht heiraten werde, da sie selbst sich verändert habe. Sie will ihr weiteres Leben an der Seite Ablamores verbringen. Vater und Tochter umarmen sich.
Szene 2. Ein Gemach im Schloss. Alladine, Palomides wollen zusammen mit seinen Schwestern aus dem Schloss fliehen, da sie Ablamore nicht mehr trauen. Astolaine hat bereits alles Notwendige vorbereitet. Doch jetzt bekommt Palomides Gewissensbisse. Er will Alladine am nächsten Tag seine Entscheidung mitteilen.