Biblische Exegese (veraltet auch Exegetik) ist die Auslegung von Texten des Tanach im Judentum und von Texten des Alten Testaments und Neuen Testaments im Christentum. Mit ihrer Hilfe sollen fachlich gebildete Leser sowie Laien die Aussagen und Inhalte, die historischen und textlichen Zusammenhänge der biblischen Texte erfassen. Die biblische Exegese ist von der Biblischen Hermeneutik zu unterscheiden. Exegese ist die Auslegung eines konkreten (biblischen) Textes, Hermeneutik beleuchtet und klärt die Voraussetzungen und die Ziele einer Auslegung.
Die biblische Exegese unterstützte in ihrer wissenschaftlichen Form wechselseitig die Bemühungen von Philologie und der sich entwickelnden Literaturwissenschaft und profitierte von diesen.Ludger Schwienhorst-Schönberger: Exegese als Wissenschaft. In: Benedikt Paul Göcke (Hrsg.): Die Wissenschaftlichkeit der Theologie, Bd. 2: Katholische Disziplinen und ihre Wissenschaftstheorien. Aschendorff Verlag, Münster 2019, ISBN 978-3-402-11918-1, S. 1–13, hier S. 2. Insofern war sie an der Entwicklung einer allgemeinen exegetischen Methodologie beteiligt.
In der heutigen Forschung gibt es Bemühungen, eine Trennung zwischen jüdischer und christlicher Bibelwissenschaft zu vermeiden. Dennoch wird in diesem Artikel vor allem die christliche Bibelwissenschaft behandelt.
mini|Carl Spitzweg: Disputierende Mönche. Während einer der christlichen Mönche auf sein Schriftstück zeigt, nimmt der andere eine ablehnende Haltung ein und deutet gleichzeitig auf seinen Verstand.
Allgemeine Fragestellungen Der Zugang zur Christlichen Bibel Nach Auffassung der meisten Christen ist die Christliche Bibel weder ein wörtlich zu befolgendes Gesetzbuch, noch ist sie eine Sammlung veralteter Erzählungen. Biblische Erzählungen enthalten – neben Inhalten symbolischer Bedeutung – historisch zuverlässige Information, die zum Teil archäologisch belegt werden kann. Auch enthalten sie Lebenserfahrungen und -weisheiten vieler Generationen, Erfahrungen mit Gottes Wirken inmitten von Liebe und Leid, Tod und Schicksal. Viele Menschen sehen die Bibel als Hilfsangebot zur Verarbeitung von Erfahrungen sowie als Deutungs- und Sinnangebot.
mini|Die Bibel Christians III. von Dänemark, Kopenhagen, 1550 – die erste dänische Übersetzung – in 3.000-facher Auflage
Umgang mit schwer verständlichen Bibelstellen Es gibt „zwei Arten des Bibellesens“: Erstens die Beschäftigung mit schwierigen Bibelstellen, und zweitens das Verweilen bei leicht verständlichen Bibelstellen.So unterschieden von Franz Graf-Stuhlhofer: Basis predigen. Grundlagen des christlichen Glaubens in Predigten, dazu eine didaktische Homiletik für Fortgeschrittene. VTR, Nürnberg 2010, S. 124–129. Bibelleser neigen zu Erstgenanntem, sie verweilen bei rätselhaften Aussagen, und dazu nehmen sie exegetische Methoden zur Hilfe. Der Schriftsteller Mark Twain sprach diese Alternative an; er schrieb: „Die meisten Menschen haben Schwierigkeiten mit jenen Bibelstellen, die sie nicht verstehen. Mir dagegen bereiten nicht die unverständlichen Bibelstellen Bauchweh, sondern diejenigen, die ich verstehe.“Mark Twain in: The Wit and Wisdom, zit. nach Graf-Stuhlhofer: Basis predigen, 2010, S. 126. Neben dem Studieren schwer verständlicher Abschnitte gibt es also auch die Möglichkeit des Meditierens darüber, wie die verständlichen Abschnitte auf das eigene Leben einwirken könnten.
Streit über die Methoden Seit den 1970er Jahren kam eine Vielfalt von Methoden der Exegese auf. Dadurch stellt sich auch die Frage, wie diese Methoden miteinander zusammenhängen: Bauen sie aufeinander auf? Sind sie von ihren Voraussetzungen her miteinander vereinbar? Sind alle diese Methoden legitim und sinnvoll? Welche Berechtigung hat daneben eine spezifisch theologische Interpretation der Bibel? Diese Fragen werden kontrovers diskutiert.
„Eisegese“ (Hineinlesen)
Bei einer Eisegese handelt es sich um das Gegenteil einer textgerechten Auslegung. Der Begriff wird oft polemisch verwendet in dem Sinn, dass der Ausleger etwas in den Text hineininterpretiert, was dort nicht zu finden sei. Dabei wird eine vorher vorhandene oder vorgegebene Meinung, zum Beispiel aufgrund anderer Bibelstellen, in den Text hineingelegt. Wegen der mit vielen Bibelstellen verbundenen Unklarheiten wird die Regel „Schrift muss durch Schrift erklärt werden“ angewandt, d. h. beim Auslegen einer bestimmten Stelle ist mitzubedenken, was die Bibel sonst noch zu den an der betrachteten Stelle erwähnten Themen sagt.Franz Graf-Stuhlhofer im Vorwort („Warum Christen verschiedener Meinung sind“) zu Peter Streitenberger: Die fünf Punkte des Calvinismus aus biblischer Perspektive. VTR, Nürnberg 2011, S. 5–11, dort 7.
Beteiligung des Vorverständnisses Beim Bibellesen haben die meisten Leser bereits eine bestimmte Vorstellung davon, was Gott möchte bzw. was zu biblischen Zeiten geschah. Dieses Vorverständnis finden sie dann beim Bibellesen wieder. Dass ein Bibeltext auch anders verstanden werden könnte, ist eine Einsicht, zu der sich Bibelleser erst durchringen müssen. Auch die mit der Vorstellung von der Einheit der Bibel verbundene Auslegungsregel „Schrift muss durch Schrift erklärt werden“ verstärkt den Einfluss des Vorverständnisses. Im Hinblick auf die an einer bestimmten, gerade betrachteten Bibelstelle angesprochenen Themen gibt es oft eine Vielzahl von Vergleichsstellen. „Da es aber nicht möglich ist, viele Stellen gleichzeitig zu betrachten, sondern stets eine nach der anderen, ist es nur mittelbar die Vielzahl der anderen relevanten Stellen, die dem Bibelleser beim Auslegen hilft; unmittelbar wirkt sein Bild mit, das er sich bisher aufgrund seines früheren Bibellesens geformt hat.“ (Franz Graf-StuhlhoferGraf-Stuhlhofer im Vorwort zu Streitenberger: Die fünf Punkte des Calvinismus, 2011, S. 7 f.)
Geschichte der Biblischen Exegese Die jüdische Exegese als Vorbild der christlichen Exegese Die jüdische Bibelauslegung ist von einem zweiteiligen Offenbarungsbegriff geprägt: Der schriftlichen Tora (der jüdischen Bibel) wird eine mündliche Tora gegenübergestellt. Diese mündliche Tora beinhaltet die schriftgelehrte Diskussion, die vor allem in Mischna und Talmud (paradoxerweise) in schriftlicher Form vorliegt, und sich bis heute in rabbinischen Diskussionen fortsetzt. Dennoch kann gesagt werden, dass auch diese mündliche Tora dem Mose am Sinai gegeben wurde. Wichtig an diesem Konzept ist, dass es einander widersprechende Positionen integrieren kann.Stemberger: Einleitung in Talmud und Midrasch, 1992.
Die jüdische Bibelauslegung, die man in Ansätzen schon in innerbiblischen Bezügen finden kann, liegt in ersten Zeugnissen aus den Jahrhunderten vor der Zeitenwende vor etwa 2000 Jahren vor. Die klassische (also: im Judentum tradierte) Bibelauslegung ist zwar hebräisch bzw. aramäisch überliefert, aber auch hellenistisch geprägt. Sie zeigt bereits Vorläufer in den Schriften von Qumran. Die an den wöchentlichen Tora-Lesungen ausgerichtete Kommentar- bzw. Predigtliteratur heißt Midrasch. Der Begriff kann aber auch zur Bezeichnung einzelner Textpassagen in anderen Literaturwerken (wie den Talmudim) benutzt werden. Ein zweiter wichtiger Bereich sind die aramäischen Bibelübersetzungen (Targumim), die z. T. stark paraphrasierend vorgehen und dabei auch midraschartige Elemente in den Text einflechten. Methodisch ist diese rabbinische Exegese durch den Gegensatz zweier Grundauffassungen geprägt, die mit zwei Gelehrten verbunden werden: Während Rabbi Jischmael darauf besteht, dass „die Tora in der Sprache der Menschen rede“, sieht Rabbi Akiba die Notwendigkeit, einen darüber hinausgehenden Sinn an bestimmten sprachlichen Elementen des Bibeltextes festzumachen, der als göttlicher Text mit jeder kleinen Einzelheit eine bestimmte Aussage verbinden müsste. So schien es als ein wichtiges dogmatisches Erfordernis nachzuweisen, dass in der Tora von der Auferstehung der Toten gesprochen werde, was eine Lektüre auf der Ebene des einfachen Textes nicht konkret hergibt.
In den Kontext hellenistischer Kultur gehören die Bibelauslegungen von Philo von Alexandrien, Flavius Josephus und in gewisser Weise auch das Neue Testament. Hier ist die Auslegung biblischer Texte sehr stark von Allegorisierungen geprägt, die eine Menschenähnlichkeit Gottes in den Bibeltexten als uneigentliche Rede zu deuten versuchen.
Seit dem 10. Jahrhundert n. Chr. kam eine neue Form rabbinischer Kommentare auf, die einen stark rational und philologisch orientierten Ansatz hatten, die phantasievollen Midraschim allerdings auch rezipierten und zusammenfassten. Diese Kommentare (u. a. Raschi, Kimchi, Ibn Esra) wurden zusammen mit den Targumim (s. o.) in großen Tora- oder Bibelausgaben (Miqra’ot Gedolot, bzw. „Rabbinerbibeln“) parallel zum Bibeltext abgedruckt und sind in der Neuzeit z. T. auch sehr stark von christlichen Auslegern rezipiert worden.Galley u. a.: Die Hebräische Bibel, 2004.
Urchristentum bis Mittelalter – der vierfache Schriftsinn Schon Anfang des 2. Jahrhunderts bescheinigt der 2. Brief des Petrus den Briefen des Paulus, dass in ihnen seien .Klaus-Michael Bull: 5.3. Der 2. Petrusbrief (2Petr). In: Ders.: Bibelkunde NT auf die-bibel.de/ressourcen/bibelkunde/bibelkunde-nt. Abgerufen am 10. Mai 2026.
Entsprechend der Kommentierungsmethode der klassischen philologischen Schule in Alexandria stellte Origenes (ca. 185–254) für die Bibel die Theorie vom „mehrfachen Schriftsinn“ auf. Demzufolge reichte nicht die rein literarisch-philologische Analyse des Textes. Dem einfachen Gläubigen genügte dieser geschichtliche Sinn, jedoch sollte die Exegese für Geübtere auch den seelischen Sinn erheben und für Vollkommene der geistig-geistliche Sinn festgestellt werden.
Dieser Dreischritt somatische – psychische – pneumatische Exegese wurde dann durch Johannes Cassianus im 5. Jahrhundert zur Theorie vom vierfachen Schriftsinn ausgebaut,Vgl. Cassianus, coll. 14,8 (Corpus Scriptorum Ecclesiasticorum Latinorum, Bd. 13, S. 404). die für das gesamte Mittelalter prägend war.Vgl. Peter Walter, „Schriftsinne“, in: Lexikon für Theologie und Kirche, Bd. 9, Herder, durchgesehene Ausgabe der 3. Auflage Freiburg. u. a. 2009, Sp. 268–269. Ähnlich wie in der jüdischen Tradition der Bibelauslegung (siehe PaRDeS) tritt zur historisch-literalen Exegese nun ein Dreischritt, der sich am Schema Glaube-Liebe-Hoffnung orientiert. Literalsinn (wörtliche, geschichtliche Auslegung) Allegorischer Sinn (Interpretation „im Glauben“) = dogmatisch Tropologischer Sinn (Interpretation „in Liebe“) = moralisch Anagogischer Sinn (Interpretation „in Hoffnung“) = endzeitlich
Damit stand die Frage einer mehrdeutigen Schrift im Raum. Da aber nach eindeutigen Auslegungen gefragt wurde, setzten hier Reformbemühungen ein.
Der Skeireins ist eine gotische Auslegung zum Johannesevangelium der Wulfilabibel. Eine weitere Auslegung ist der „Skarapsus“ aus dem 8. Jahrhundert, ein Text, der dem hl. Pirminius zugeschrieben wird. Der Heliand ist ein frühmittelalterliches altsächsisches Großepos und wichtiges Glied im historischen Kontext der Entstehung der deutschen Sprache und Literatur. Dort wird in stabreimenden Langzeilen das Leben Jesu Christi in der Form einer Evangelienharmonie nacherzählt.
Reformation und Konzil von Trient