mini|Walter Lippmann, 1936 Walter Lippmann (* 23. September 1889 in New York; † 14. Dezember 1974 bei New York) war ein amerikanischer Journalist und Publizist. Er gilt in den USA als meistgelesener und einflussreichster politischer Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Sein Werk Die öffentliche Meinung von 1922 wird als grundlegendes Werk des Journalismus, der Medienwissenschaften, der Politikwissenschaft und der Sozialpsychologie betrachtet.

Seine spätere Auffassung von der eingeschränkten Rolle des Journalismus in der Demokratie stand im Gegensatz zu der John Deweys und führte zu der später als Lippmann-Dewey-Debatte bezeichneten Auseinandersetzung über den Wert der öffentlichen Meinung.

Er war außerdem eine einflussreiche Persönlichkeit in der Entstehungsgeschichte des Ordoliberalismus. Das Colloque Walter Lippmann von 1938 gilt als entscheidend für die Entwicklung des Neoliberalismus.Walter Ötsch und Silja Graupe: Der vergessene Lippmann – Politik, Propaganda und Markt. In: Walter Lippmann: Die öffentliche Meinung. Wie sie entsteht und wie sie manipuliert wird. Frankfurt/Main 2018, S. 11.

Leben Herkunft und Bildungsweg Lippmann wurde in der Upper East Side New Yorks als einziges Kind jüdischer Eltern deutscher Herkunft geboren und wuchs, wie sein Biograf Ronald Steel schreibt, in einem „vergoldeten jüdischen Ghetto“ auf. Sein Vater Jacob Lippmann war Rentier, der durch das Textilunternehmen seines Vaters und die Immobilienspekulation seines Schwiegervaters vermögend geworden war. Seine Mutter, Daisy Baum, wie ihr Ehemann aus ursprünglich wirtschaftlich bescheidenen Verhältnissen stammend, hatte das renommierte Hunter College absolviert. Die wohlhabende und einflussreiche Familie gehörte zur gesellschaftlichen Oberschicht, pflegte Kontakte in höchste Kreise und verbrachte den Sommerurlaub regelmäßig zur Kur in Europa. Die Familie war reformjüdisch orientiert, man besuchte den Tempel Emanu-El. Lippmann stand beiden Eltern emotional eher distanziert gegenüber, engere Bindungen hatte er zur Großmutter mütterlicherseits. Die politische Orientierung der Familie war republikanisch.mini|Walter Lippmann, 1914Lippmann besuchte ab 1896 die Sachs School for Boys, danach das Sachs Collegiate Institute, eine elitäre und streng säkulare vor allem von Kindern deutsch-jüdischer Familien besuchte Privatschule in deutscher Gymnasialtradition, geleitet von dem Altphilologen Dr. Julius Sachs, einem Schwiegersohn von Marcus Goldman aus der Goldman-Sachs-Familie. Zum Unterricht gehörten 11 Wochenstunden Altgriechisch und 5 Stunden Latein.

Im Alter von 17 Jahren begann Lippmann an der Harvard University Literatur, Geschichte, Philosophie und Wirtschaft zu studieren. Er war kein Mitglied der renommierten Clubs, die Juden als Mitglieder ausschlossen, aber von Phi Beta Kappa. Zu seinen akademischen Lehrern zählten George Santayana, William James und Graham Wallas, der Führer der Fabian Society und Mitbegründer der London School of Economics. Er beendete sein Studium kurz vor dem Masterexamen.

Er wurde mit William James und Graham Wallas persönlich bekannt. William James wurde durch seine literarischen Aufsätze auf ihn aufmerksam und lud ihn zu seinen Teegesellschaften ein. Graham Wallas widmete ihm sein Werk The great Society.

Journalistische, publizistische und politische Tätigkeit 1910 wirkte er an einer Artikelserie in Lincoln Steffens’ Everybody’s Magazine mit, in der die Korruption innerhalb der monopolistischen Bankenstruktur vor allem von J. P. Morgan dargestellt wurde. Der Skandal, der daraus folgte, trug zur Gründung eines Ausschusses des Parlaments bei und führte zum Gesetz zur Gründung der Zentralbank.

Lippmann arbeite in seinen sozialistischen Anfängen in der Verwaltung für den sozialistischen Bürgermeister George R. Lunn und war Mitglied der Sozialistischen Partei Amerikas. Er kündigte nach vier Monaten bei Lunn und bemängelte später, Lunn könne zwar einige Verbesserungen für die Menschen, aber keine revolutionären Änderungen bewirken.

1913 erschien sein Erstlingswerk A Preface to Politics, worin er psychoanalytische Methoden auf politiktheoretische Fragen anwendet. Das Werk erlangte die Aufmerksamkeit von Sigmund Freud und Theodor Roosevelt. Freud veröffentlichte eine positive Rezension, Roosevelt bezeichnete ihn als den brillantesten jungen Mann Amerikas.

Im folgenden Werk Drift and Mastery von 1914 propagierte er bereits eine Expertokratie als Gegenentwurf zu liberalen, sozialistischen und konservativen Politikmodellen. Eine auf wissenschaftliche Erkenntnisse gestützte Managerelite solle den Staat leiten. 1915 erschien The Stakes of Diplomacy: Er fordert darin die Hegemonie der USA und den Einfluss amerikanischer Konzerne über internationale Konsortien.

1914 gründeten Lippmann, Herbert Croly und Walter Weyl (1873–1919) das linke Magazin The New Republic.

Während des Ersten Weltkriegs wurde Lippmann Berater von US-Präsident Woodrow Wilson und half bei der Ausgestaltung von dessen 14-Punkte-Programm. 1916 trat er im Wahlkampf für Woodrow Wilson ein, der mit einer isolationistischen Position die Stimmen der Mehrheit gewann, dabei aber wie Lippmann auf den Kriegseintritt hinarbeitete. Nach der Zimmermann-Depesche erklärt die USA 1917 Deutschland den Krieg. Die politischen Slogans, für die Demokratie zu kämpfen und die Welt sicher für die Demokratie zu machen, stammten von Lippmann. Er war 1919 mit Wilson ein Gegner des Versailler Vertrages.

Lippmann leitete das Forschungsteam Inquiry im Untersuchungsausschuss zum Ersten Weltkrieg, aus dem 1921 das Council on Foreign Relations hervorging, in dem er eine einflussreiche Rolle spielte.1932–1937 war er Direktor im Direktorium des Council on Foreign Relations.CFR: "Continuing the Inquiry" Geschichte des CFR

1929 gelang es ihm, zwischen dem Vatikan und Mexiko zu vermitteln und eine erneute Intervention der USA zu vermeiden.

Lippmann hatte leichten Zugang zu den Entscheidungsträgern der USA und lehnte den Kommunismus strikt ab. Der Spionagering um Jacob Golos benutzte seine Sekretärin Mary Price, um Lippmanns Quellen oder die Sachverhalte, an denen er arbeitete, in Erfahrung zu bringen.

Er prägte nach 1945 die Begriffe cold war, reeducation. Er war ein Kritiker der Truman-Doktrin, auch hinsichtlich des Vietnam-Kriegs.

35 Jahre lang war er Kolumnist in mehreren bedeutenden Pressemedien gleichzeitig (New York Herald Tribune).

1932 wurde Lippmann in die American Academy of Arts and Letters, 1947 in die American Philosophical Society und 1949 in die American Academy of Arts and Sciences gewählt. 1959 wurde er als assoziiertes Mitglied in die Königliche Akademie von Belgien aufgenommen. Jeweils 1958 und 1962 erhielt Walter Lippmann den Pulitzerpreis, einmal für seine Kolumne Today and Tomorrow und einmal für sein Interview mit Nikita Chruschtschow von 1961, für welches er in die Sowjetunion gereist war.

Privatleben mini|Walter Lippmann mit seiner Frau Faye, 1936 Lippmann war zweimal verheiratet, zum ersten Mal 1917 bis 1937 mit Faye Albertson (23. März 1893 – 17. März 1975). Faye Albertson war die Tochter Ralph Albertsons, eines Pfarrers der Congregational Church.The Walter Lippmann Papers. Part 1: Selected Correspondence, 1906–1930 (Reels 1–39). From the holdings of the Manuscript and Archives Division of Sterling Memorial Library at Yale University, New Haven, Connecticut. Primary Source Microfilm an imprint of the Gale Group Primary Source Microfilm an imprint of the Gale Group, ISBN 1-57803-280-6 Dieser war einer der Vorkämpfer des christlichen Sozialismus und der Social-Gospel-Bewegung im Sinne George Herrons. Während seines Studiums in Harvard besuchte Walter oft das Anwesen der Albertsons in West Newbury, Massachusetts, wo diese eine sozialistische Kooperative gegründet hatten, die (Cyrus Field) Willard Cooperative Colony. Lippmann wurde von Faye Albertson verklagt und schuldhaft geschieden; Faye Albertson heiratete nach der Scheidung 1940 Jesse Heatley.

1938 heiratete er Helen Byrne Armstrong, Tochter von James Byrn (gestorben am 16. Februar 1974). Sie ließ sich im selben Jahr von Hamilton Fish Armstrong scheiden, dem Herausgeber von Foreign Affairs, einem engen Freund Lippmanns. Die Freundschaft und die Mitarbeit an Foreign Affairs für die folgenden 35 Jahre endete mit der Liebesaffäre zu Armstrongs Frau.

Lippmann war in persönlichen Angelegenheiten sehr diskret. Es ist kein Briefwechsel mit seiner ersten Frau überliefert. Er befasste sich selten mit seiner persönlichen Vergangenheit.

Medien und Propaganda 1920 stellten Lippmann und Charles Merz in einer Studie mit dem Titel A Test of the News fest, dass die Berichterstattung der New York Times über die Oktoberrevolution nicht dem Standard einer neutralen Berichterstattung entsprach, die für die Meinungsbildung der Bürger in einer Demokratie unabdingbar sei. Mit A Test of the News veröffentlichte er die erste systematische Langzeituntersuchung zur Berichterstattung eines Presseorgans hinsichtlich Objektivität und Neutralität. In Liberty and the News (1920) stellte er den Zusammenhang von Bildung und Meinung radikal infrage. Alle lebten nur vom Wissen aus „zweiter, dritter oder vierter Hand“ und von Headlines. mini|Walter Lippmann, um 1920 Heute noch wegweisend und auf Literaturlisten zu finden ist seine Schrift über Die öffentliche Meinung (Public Opinion, 1922). Lippman sah in der Herstellung einer einheitlichen Meinung („manufacturing consent“) eine der Hauptaufgaben von Entscheidungsträgern und Massenmedien, während die Entscheidungen in einer demokratischen Gesellschaft einer spezialisierten Klasse („specialised class“) vorbehalten sein sollten. Hintergrund war auch die Rolle des Rundfunks und der Produktwerbung. Seine These ist, dass die öffentliche Meinung durch die Medien gemacht werde, nicht durch mündige Bürger (wie der tonangebende US-Philosoph John Dewey, Democracy and education, es sich vorstellte). Die „Herde der Bürger“ müsse vielmehr durch eine regierende Klasse mit Unterstützung von Experten regiert werden. Für eine notwendige umfassende Information seien die Bürger überfordert. Zunächst ist dies eine demokratieskeptische Elitentheorie. Die Schrift war zudem bahnbrechend für die Stereotypenforschung. Lippmann versteht unter dem Begriff Stereotypen „verfestigte, schematische, objektiv weitgehend unrichtige kognitive Formeln, die zentral entscheidungserleichternde Funktion in Prozessen der Um- und Mitweltbewältigung haben“.R. Bergler, B. Six: Stereotype und Vorurteile. In: C. F. Graumann (Hrsg.): Sozialpsychologie, Band 7, 2. Halbband, Göttingen Verlag für Psychologie, 1972. Zitiert nach: Dörte Weber: Geschlechterkonstruktion und Sozialpsychologie. Theoretisches Modell und Analyse in Studien zum Pflegeberuf. Verlag für Sozialwissenschaften Wiesbaden, 2005, S. 115. Ferner prägte er für Journalisten den Ausdruck gatekeeper. Die Gatekeeper würden entscheiden, was der Öffentlichkeit vorenthalten und was weiterbefördert wird. „Jede Zeitung ist, wenn sie den Leser erreicht, das Ergebnis einer ganzen Serie von Selektionen“. Dadurch, dass die Auswahlregeln gleichgeschalteter Journalisten weitgehend übereinstimmen, komme eine Konsonanz der Berichterstattung zustande, die auf das Publikum wie eine Bestätigung wirke (alle sagen es, also muss es stimmen) und jene oben beschriebene Stereotypen-gestützte Pseudoumwelt in den Köpfen des Publikums installiere.Walter Lippmann: Die öffentliche Meinung. Rütten + Loening, München. Das mindert auch die Bedeutung der Schulbildung, die wenig Einfluss auf die Meinungsbildung habe. Nicht Lektüre und Diskurse ließen Meinungen entstehen, sondern Kommunikation in Codes und Stereotypen.

Wirtschaftsordnung Lippmann kritisierte das Versagen der scharfen Kritiker des klassischen Liberalismus. Der reformierte Liberalismus, den er propagierte, sollte den Markt erhalten, aber regulieren. Er kritisierte aber den Staatsinterventionismus des New Deal im Buch The Good Society (1937).