mini|Der Beginn des vierten Buches der Georgica in der Handschrift Rom, Biblioteca Apostolica Vaticana, Vaticanus Palatinus lat. 1632, fol. 51v (1473/1474 geschrieben) Die Georgica (Neutrum Plural; altgriechisch für „[Gedichte vom] Landbau“) sind ein Lehrgedicht in vier Büchern, das Publius Vergilius Maro (Vergil) zwischen 37 und 29 v. Chr. schrieb.
Inhalt und Interpretation Das erste Buch der Georgica behandelt hauptsächlich den Ackerbau, das zweite den Obst- und Weinbau, das dritte die Viehzucht und das vierte die Imkerei. Zwischen den eigentlichen landwirtschaftlichen Themen werden jedoch zahlreiche Mythen behandelt und poetische Reflexionen eingeflochten. Dies verdeutlicht, dass Vergil weniger eine sachliche Belehrung anstrebte, sondern seine Dichtung einerseits in den Dienst des Augustus stellt, um dessen kulturelle renovatio zu unterstützen. So dient die ausführliche und stark idealisierende Schilderung des Bienenstaates als Gleichnis für dessen Herrschaft.
Andererseits strebte Vergil schlicht ein poetisches Kunstwerk an: Der Begriff „Lehrgedicht“ darf nicht als grob versifiziertes Sachbuch missverstanden werden, sondern bezeichnet nach antikem Verständnis eine eigenständige Dichtung, die genau wie ein Heldenepos der Götter und Mythen, aber auch der Bilder, Metaphern und kunstvollen Sprache bedarf. Dies gelang Vergil in außerordentlichem Maße. Tatsächlich gelten die Georgica als eine der vollendetsten Dichtungen der antiken Literatur.
Erstes Buch
Einleitung: Verse 1–42: Vergil gibt kurz den Inhalt der vier Bücher an. Er unterlässt den traditionsgemäßen Musenanruf, richtet sein Lehrgedicht an Maecenas und betet zu zwölf Göttern: Erstens zu Sonne, Mond, zum Weingott Liber, zur Korngöttin Ceres sowie zu Faunen und Dryaden. Zweitens zum Pferdegott Neptunus sowie zu den Hirtengöttern Aristaeus und Pan. Drittens zur Ölbaumgöttin Minerva, zum Herrn des Pfluges, Triptolemus, und zum Herrn der Feldgrenzen, Silvanus. In der Folge ruft Vergil Augustus an, den er als Gottmensch sieht, nicht jedoch als Gott auf Erden. Ihm solle vielmehr im Himmel Göttlichkeit zuteilwerden.Otto Schönberger: Georgica, S. 145/146
mini|Georgica 1,141–160 im spätantiken Codex Vergilius Augusteus Erster Hauptteil: Verse 43–203: über das Werk des Bauern: Vergil führt Arten des Bodens an und beschreibt die Arbeiten des Bauern vor und nach der Aussaat. Zuerst geht er auf den unfruchtbaren Boden ein, dann auf den erschöpften, der revitalisiert werden soll. Vergil schildert, wie der Boden und der Mensch gleichermaßen um den Ertrag kämpfen. Er geht auf die Brache und die Düngung ein, schließlich auf die Bewässerung. Er betont den Segen der Arbeit des Bauern, die ja gottgewollt ist. Nachdem er sich somit über Feldarbeiten geäußert hat, folgt nun eine Darstellung der Ackergeräte, angefangen beim Pflug und endend bei der Tenne. Zuletzt ergeht sich Vergil in Erörterungen über die Lehren der Alten (über die Tenne, zukünftige Ernten und Saatgut).Otto Schönberger: Georgica, S. 147–150. Ferner wird in Vers 145 das heutzutage weitverbreitete Motto Labor omnia vincit erwähnt.
Zweiter Hauptteil über die ländlichen Termine: Verse 204–310: Es wird auf die Bedeutung der Sternzeichen für den Feldbau eingegangen, die Wichtigkeit des Arbeitskalenders soll herausgestellt werden. Im weiteren Verlauf werden Grundlagen der Astronomie thematisiert: Mit der Astronomie kommuniziert die Geographie. Durch das Eintreten in die zwölf Zeichen des Himmels wird der ländliche Jahresverlauf gesteuert. Vergil spricht die Weltzonen an, von welchen es fünf gibt. Diese werden von den Wende- und Polarkreisen bestimmt. Die scheinbar von der Sonne durchlaufene Bahn am Himmel, die Ekliptik, führt im Tierkreis schräg durch die heiße Zone und erreicht im Norden mit der gemäßigten Zone den Krebs, im Süden hingegen den Steinbock. Es folgt eine Ausführung über den Mondkalender, wobei er die ordnende Macht Jupiters herausstellt. Zuletzt weist er einerseits auf Arbeiten hin, die bei Nacht zu erledigen sind, andererseits auf solche bei Tage.Otto Schönberger: Georgica, S. 150–153.
Dritter Hauptteil über das Wetter: Verse 311–463: Zunächst wird auf herbstliches Unwetter eingegangen. Dem folgen Ausführungen über Möglichkeiten des Schutzes gegenüber dem Wetter und das Ceresfest. Danach referiert Vergil über Anzeichen für schlechtes und für gutes Wetter. Dann werden Wetterzeichen der Sonne und des Mondes besprochen.Otto Schönberger: Georgica, S. 153–155.
Zweites Buch
Einleitung: Verse 1–8: Vergil ruft den Weingott Bacchus an.Otto Schönberger: Georgica, S. 156.
Erster Hauptteil über den Ursprung und die Pflege der Bäume: Verse 9–176: Nach Vergil entstehen diese entweder aus dem Stamm oder der Wurzel. Bäume entständen durch Ableger oder Pfropfung. Maecenas wird angerufen. Sodann werden Möglichkeiten der Veredelung angegeben wie Verpflanzung, Pfropfen und Okulieren. Des Weiteren werden die Arten von Bäumen behandelt und auf die Abhängigkeit von Boden und Klima wird hingewiesen. Vergil lobt Italien als Land, in welchem sich die Ordnung des Goldenen Zeitalters bewahrt habe. Diese Ordnung der Natur sei Vorbild für die gesamte Welt.Otto Schönberger: Georgica, S. 156–159.
Zweiter Hauptteil über die Mühsal des Gärtners bei der Baumpflege: Verse 177–345: Der Teil wird eingeleitet durch einen Abschnitt über die Arten des Erdreiches. Vergil lehrt, wie der Boden geprüft wird, wie die Pflanzen eingesetzt werden, wie wichtig die Tiefe der Pflanzgruben ist und was bei Mischpflanzungen zu beachten ist. Der zweite Hauptteil endet mit den Pflanzen des Frühlings und einem Lob auf jene Jahreszeit.Otto Schönberger: Georgica, S. 159–161.
Dritter Hauptteil über die bäuerliche Arbeit und ihren Segen: Verse 346–540: Hier erzählt Vergil etwas über Pflanzenpflege, Pflanzenschutz, das Bacchusfest und die Weinbauernarbeit, die Arbeit mit Oliven- und Obstpflanzen und den Nutzen sonstiger Bäume. Zuletzt besingt er das Landleben an sich.Otto Schönberger: Georgica, S. 161–164.
Drittes Buch
Einleitung: Verse 1–48: Vergil betet Pales und Apollo an und widmet sich an Octavian und Maecenas. Vergil will Octavian mit seinem dichterischen Werk gleichsam ein Denkmal setzen, so wie auch andere ihn mit einem Tempel ehren.Otto Schönberger: Georgica, S. 165–167
Erster Hauptteil über die Tierzucht und -pflege: Verse 49–285: Zunächst wird die Zuchtwahl beim Rind angesprochen, zunächst bei der Kuh, dann beim Stier. Auch jene beim Pferd wird diskutiert, in diesem Zusammenhang auch die Bedeutung des Alters des Pferdes und das Pferderennen. Sodann geht Vergil auf die Pflege von Großvieh ein, zunächst auf jene der Vater-, dann auf jene der Muttertiere und schließlich auf jene der Jungtiere. Ebenso wird die Fortpflanzung der Tiere besprochen.Otto Schönberger: Georgica, S. 167–170
Zweiter Hauptteil über Kleintiere und Seuche beim Vieh: Verse 286–566: Vergil besingt die Sommerweide, das Skythenland und sein Klima sowie seine Tiere und Menschen. Als Gegenstück zu den guten Weiden der Hirten nennt er die Wüste und die nördlichen Länder. Dann führt er Vorteile verschiedener Tiere an wie solche des Schafes, der Ziege und des Hundes. Das dritte Buch endet mit Schilderungen von Tierkrankheiten. Das Motiv des Todes beherrscht den Schluss. Vergil erzählt von der Norischen Viehseuche, die mit der Rinderseuche und mit Milzbrand verwandt gewesen sein dürfte, wobei er sich bei ihrer Darstellung an Pestbeschreibungen des Thukydides und des Lukrez orientiert haben soll.Otto Schönberger: Georgica, S. 170–173
Viertes Buch Thema ist die Bienenkunde, insbesondere aus der Sicht eines Imkers. Vergil schätzt die Bienen, weil er ihnen Eigenschaften wie Loyalität, Fleiß und künstlerische Qualitäten zuschreibt. Im Bienenstaat spiegle sich die menschliche Rechtsordnung wider, der ja wie der Staat des Menschen auch ein großes Maß an Organisiertheit besitzt. Des Weiteren lobt er den Kampfesmut der Bienen, der gemäß Vergil an den tapferen Römer erinnere. Im Staatswesen der Bienen sieht er ein Vorbild für den römischen Staat, an welches dieser sich durch die augusteischen Staatsreformen angenähert habe. Die Bienen sieht der Dichter als Erben des Goldenen Zeitalters.Otto Schönberger: Georgica, S. 174/175
Einleitung: Verse 1–7: Vergil richtet sich wiederum an Maecenas.Otto Schönberger: Georgica, S. 175
Erster Hauptteil über das Leben der Bienen und deren Pflege: Verse 8–280: Betont wird die Bedeutung des Standortes des Bienenhauses sowie des Schutzes vor Kälte und Wind. In weiterer Folge interessiert Vergil die Lebensweise dieser Tiere, wie sie arbeiten und ausschwärmen. Die Begegnung verschiedener Schwärme missdeutet Vergil als Kämpfe zwischen Bienenvölkern und -königen. Er spricht weiters von zwei Bienenarten und widmet einige Verse dem Verfliegen. Dann legt er Beschreibungen des Bienenstaates dar, er bewundert die Geselligkeit und die Arbeitsteilung von Bienen, beobachtet, wie sie sich bei Ruhe und bei drohender Gefahr verhalten und sich fortpflanzen. Vergil geht auf den seiner Meinung nach stoischen Charakter der Bienen ein. Er vergisst auch nicht Ausführungen über die Honigernte und bespricht Arten von Schädigungen und Krankheiten.Otto Schönberger: Georgica, S. 175–179
Zweiter Hauptteil über Tod und Leben sowie den Aristaeus- und den Orpheus-Mythos: Verse 281–566: Die Georgica werden hierin durch ein Epyllion gekrönt. Erstmals in der Literaturgeschichte werden die vier Themen Bienenentstehung, Aristaeus, Proteus und Orpheus miteinander in Zusammenhang gebracht. Vergil trug wesentlich zur Reifung des Orpheus-Mythos bei. Er verschachtelt mehrere Erzählungen miteinander. Sein Epyllion zeichnet sich aus durch Handlungsarmut und Monologe. Aristaeus wird präsentiert als egozentrische, ehrgeizige und tätige Person. Er hat Schuld am ersten Tod der Eurydice und wird sich nach einem Hinweis des Proteus dieser bewusst. Nun erkennt er das Unheil, welches er angerichtet hat. Durch seine Sühnehandlung erneuert er den Frieden mit den Göttern. Zwar wird wie im Orpheus-Mythos auch hier der Tod nicht besiegt, doch steht im Aristaeus-Mythos am Schluss die positive Erkenntnis, dass Altes vergehen muss, damit schließlich Neues entstehen kann. Bei Aristaeus realisiert sich zwar das zerstörerische Potential seiner Leidenschaften so wie bei Orpheus, doch löst sich Aristaeus vom bloßen Naturwesen, indem er mit seiner Sühne einen religiösen Akt setzt.
Proteus berichtet Aristaeus vom Schicksal von Orpheus und Eurydice und belehrt ihn mit seiner Gerechtigkeitserzählung in moralischer Hinsicht. Aristaeus, das Naturwesen, tritt in Kontakt mit Orpheus, dem Kunstwesen. Während Aristaeus eine halbgöttliche Erscheinung darstellt, ist Orpheus ganz menschlich. Proteus ist eine Art mythische Gottheit der Natur.
Orpheus bekommt im Gegensatz zu Aristaeus nicht die Hilfestellung einer Gottheit. Sein anfänglicher Erfolg beruht auf seinen künstlerischen Fertigkeiten. Schließlich verliert er jedoch das Spiel gegen den Tod. Während Orpheus die Wiedererweckung seiner Geliebten misslingt, endet der Mythos des Aristaeus damit, dass es im Rahmen seiner Sühnehandlung zur Entstehung der Bienen kommt (Bugonie). Die Bugonie ist gleichsam ein Zeichen für das Werden, das dem Vergehen folgt.
Im Orpheus-Mythos wird hingegen demonstriert, dass der Mensch grundsätzlich keine übermenschliche Hilfe erwarten darf, es ihm aber gelingen kann, mit seiner Liebe den Tod fast zu überwinden. Zuletzt verhindert freilich gerade diese seine endgültige Überwindung. Damit wird die Ambivalenz der menschlichen Leidenschaftlichkeit gezeigt. Orpheus ist mit der Kunst seines Gesanges auch zu fast übermenschlichen Leistungen fähig. Freilich kämpft er mit dieser Kunst verzweifelt gegen die Natur an, beinahe gelingt ihm das Unmögliche. Schließlich muss aber auch er sich dem unvermeidlichen Schicksal des Todes fügen.