Das Enagisma (, Plural Enagismata) bezeichnet in der griechischen Religion das dargebrachte Opfer für „gewöhnliche Tote“ und Heroen. Es beinhaltet die Opferung von Tieren und verschiedenen Trankopfer und fand gewöhnlich am Grab des Toten statt. Enagismata sind über einen Zeitraum von 1000 Jahren dokumentiert und wurden danach in den Scholien und anderen Erklärungsquellen bis ins 12. Jahrhundert n. Chr. erläutert.

Begrifflichkeiten Enagizein (, „Totenopfer bringen“), enagismos (, „das Darbringen des Opfers“, das „Opfer“ selbst) und enagisterion (, der Ort für das Totenopfer).Gunnel Ekroth: The Sacrificial Rituals of Greek Hero-Cults in the Archaic to the Early Hellenistic Period. Lüttich 2002, Kapitel I, Absatz 2. Die Begriffe tauchen in den Quellen in Verbindung mit eschara (), Bothros, entemnein (), Haimakouria (, von „das Blut“ und „sättigen“) und choë () auf, von denen angenommen wird, dass sie Teile des Rituals des Opfers bezeichnen.Gunnel Ekroth: The Sacrificial Rituals of Greek Hero-Cults in the Archaic to the Early Hellenistic Period. Lüttich 2002, Kapitel I, Absatz 108.

Definition Nach Angaben von LSJ bedeutet enagizein den Toten Opfer anbieten, enagisma und enagismos Gaben für die Toten und enagisterion bezeichnet den Ort, an dem den Toten Gaben angeboten werden.Gunnel Ekroth: The Sacrificial Rituals of Greek Hero-Cults in the Archaic to the Early Hellenistic Period. Lüttich 2002, Kapitel I, Absatz 107. Die moderne Wissenschaft verbindet das Verb enagizein und die entsprechenden Substantive mit Opfern für Tote und Heroen. Allgemein wird enagizein verstanden als heilig machen, in den Bereich des Heiligen stellen, beziehungsweise aus dem Bereich der Lebenden entfernen.Gunnel Ekroth: The Sacrificial Rituals of Greek Hero-Cults in the Archaic to the Early Hellenistic Period. Lüttich 2002, Kapitel I, Absatz 109. Es taucht in den Quellen bis 300 v. Chr. nicht mit einem zusätzlichen Objekt auf, was als Indiz für einen technischen Fachbegriff gewertet wird.Jean Casabona: Recherches sur le vocabulaire des sacrifices en grec, des origines à la fin de l’époque classique. Aix-en-Provence 1966, S. 204,205,207.

Enagismata wurden gewöhnlich an den Gräbern der Toten ausgeführt und dienten dazu, den Zorn der oftmals durch einen gewalttätigen Tod ums Leben Gekommenen zu besänftigen und Unheil von den Lebenden abzuwenden.Gunnel Ekroth: The Sacrificial Rituals of Greek Hero-Cults in the Archaic to the Early Hellenistic Period. Lüttich 2002, Kapitel I, Absatz 143,145,152,153,156,160,168,221. Das Opfer fand in der Nacht statt.Gunnel Ekroth: The Sacrificial Rituals of Greek Hero-Cults in the Archaic to the Early Hellenistic Period. Lüttich 2002, Introduction, Absatz 6. Enagismata waren mit einer einzigen überlieferten Ausnahme nie mit einem Opfermahl verbunden, da die Opfertiere vollständig verbrannt wurden. Die Ausnahme stammt von Heliodoros aus späterer Zeit.Heliodoros, Aithiopika 3,1,3–5; 3,5,2–3; 3,6,1; 3,10,1–3.Gunnel Ekroth: The Sacrificial Rituals of Greek Hero-Cults in the Archaic to the Early Hellenistic Period. Lüttich 2002, Kapitel I, Absatz 174.

Bis 300 v. Chr. sind die Empfänger des Enagismas auf der Basis der bisherigen Überlieferungen entweder „gewöhnliche Tote“ oder Heroen. Es existieren keine Belege für Götter. Es könnte deshalb sein, dass dieses Opfer in diesem Zeitraum als Abgrenzung gegenüber der Verehrung von Göttern verstanden wurde.Gunnel Ekroth: The Sacrificial Rituals of Greek Hero-Cults in the Archaic to the Early Hellenistic Period. Lüttich 2002, Kapitel I, Absatz 142–144.

Nach 300 v. Chr. stießen neben den Heroen und „gewöhnlichen Toten“ die Götter als Empfängergruppe von Enagismata hinzu.Gunnel Ekroth: The Sacrificial Rituals of Greek Hero-Cults in the Archaic to the Early Hellenistic Period. Lüttich 2002, Kapitel I, Absatz 146. Dennoch treten in diesem Zeitraum in mehr als einem Drittel der Fälle Belege auf, die die Sterblichkeit der Heroen und das Göttliche gegeneinander abgrenzen.Gunnel Ekroth: The Sacrificial Rituals of Greek Hero-Cults in the Archaic to the Early Hellenistic Period. Lüttich 2002, Kapitel I, Absatz 161. In diesem Zeitraum kommt als neues Element der Kontext, auf den der Begriff Verwendung fand. Zu unterscheiden sind ein griechischer, ein römischer und sonstige Kontexte, in denen die Enagismata stattfanden. Den größten Anteil hatte die Begriffsverwendung im griechischen Kontext mit 94 von insgesamt 127 Belegen.Gunnel Ekroth: The Sacrificial Rituals of Greek Hero-Cults in the Archaic to the Early Hellenistic Period. Lüttich 2002, Kapitel I, Absatz 147.

Abgrenzung Im Gegensatz zu Thysia genannten Opfern, die eine weitere Art des griechischen Opfers darstellen, wird der Begriff Enagisma im Zusammenhang von „gewöhnlichen Toten“ und Heroen verwendet, die Thysia dagegen bei Opfern für Heroen und Götter. Eine Untersuchung aus dem Jahr 1966 kommt zum Schluss, dass die Beziehung der beiden Begriffe die eines Fachbegriffs (enagizein) gegenüber einem allgemeinen Begriff (thyein) ist,Jean Casabona: Recherches sur le vocabulaire des sacrifices en grec, des origines à la fin de l’époque classique. Aix-en-Provence 1966. S. 204. wobei der erstere als Aktion (enagismos) in schlechten Zeiten auftaucht.Jean Casabona: Recherches sur le vocabulaire des sacrifices en grec, des origines à la fin de l’époque classique. Aix-en-Provence 1966. S. 128. Die Abgrenzung zeigt sich im Besonderen, wenn beide Begriffe in der gleichen Quellenangabe gegensätzlich verwendet werden. Opfer im Rahmen des Herrscherkults und Kaiserkults wurden nicht mit enagizein bezeichnet, sondern mit thyein.Gunnel Ekroth: The Sacrificial Rituals of Greek Hero-Cults in the Archaic to the Early Hellenistic Period. Lüttich 2002, Kapitel I, Absatz 209.

Auf einer Inschrift aus dem Jahr 123/2 v. Chr. ist zu lesen, dass Epheben in einer Prozession zum Polyandrion von Marathon gingen. Bei den Gräbern der Gefallenen von der Schlacht bei Marathon legten sie Kränze nieder und führten ein Enagisma durch. Auf der gleichen Inschrift werden Thysiaopfer für Amphiaros und einen anderen Heros aufgeführt. Das Opfer für Amphiaros fand im Amphiarion mit anschließendem Opfermahl statt und war mit einem wiederkehrenden Fest verbunden. Die Verehrung des Heros hat eine lange Tradition und dauerte im Fall von Athen mindestens seit dem 5. Jahrhundert v. Chr. an. Im Fall der Enagismata von Marathon ist sich die Wissenschaft nicht sicher, ob dieses spezifische Ritual seit dem 5. Jahrhundert v. Chr. bestanden hat, da dafür keine anderen Belege existieren. Es ist durchaus möglich, dass das Opfer für die gefallenen Kriegsteilnehmer im 2. Jahrhundert v. Chr. entstanden ist, da die Epheben in der Vergangenheit in einer militärischen Institution zusammengefasst waren und im 2. Jahrhundert v. Chr. in Erziehungstätten wieder belebt wurden. Zudem lässt die gewonnene Schlacht von Marathon die stolze Vergangenheit der griechischen Kultur in einer Zeit des Niedergangs wieder aufleben.Gunnel Ekroth: The Sacrificial Rituals of Greek Hero-Cults in the Archaic to the Early Hellenistic Period. Lüttich 2002, Kapitel I, Absatz 111–115. Siehe zur Diskussion des Totenkults für die Gefallenen der Schlacht bei Marathon in der Forschung, Michael Jung: Marathon und Plataiai: zwei Perserschlachten als „lieux de mémoire“ im antiken Griechenland. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2006, S. 61–66 (Digitalisat). In diesem Beispiel ist im Unterschied zum Thysiaopfer das Enagisma nicht mit einem Opfermahl und Festivitäten verbunden. Auch der Durchführungsort ist verschieden. Das Enagisma findet am Grab der Verstorbenen statt, das Thysiaopfer dagegen im heiligen Bezirk (Temenos).

Pausanias verwendet sowohl Enagisma als auch Thysia als Bezeichnungen von Opfern. Wenn er die Kultstätte als Hieron, Temenos, Naos, Alsos (Hain), Heroon, Kenon erion (leerer Hügel), Bomos (Altar) oder Bothros bezeichnet, nennt er das Opfer thyein oder Thysia. In den Fällen, in denen er die Kultstätte mit einer Bestattung verbindet (Taphos (Grab), Mnema (Grabstätte), Polyandrion, Choma ges), ist der Begriff für die Opfertätigkeit enagizein.Gunnel Ekroth: The Sacrificial Rituals of Greek Hero-Cults in the Archaic to the Early Hellenistic Period. Lüttich 2002, Kapitel I, Absatz 153.

Ritual Detaillierte Beschreibungen von Enagismata fehlen in den Überlieferungen. Die verwendete Terminologie lässt aber Rückschlüsse auf die Art der durchgeführten Rituale zu. Man geht davon aus, dass die Gaben eines Enagismas vollständig durch Verbrennung vernichtet wurden. Das bedeutet gleichzeitig, dass ein Opfermahl nicht stattfinden konnte. Enagizein wird aber auch mit verschiedenen Arten von Trankopfern bestehend aus Wein, Melikraton (eine Art von Honigmet), Milch und Blut in Verbindung gebracht, allerdings viel seltener für Heroen.Gunnel Ekroth: The Sacrificial Rituals of Greek Hero-Cults in the Archaic to the Early Hellenistic Period. Lüttich 2002, Kapitel I, Absatz 176. Von verschiedenen Wissenschaftlern wurde vorgeschlagen, dass sich enagizein und die damit verbundenen Substantive auf beide Arten von Handlungen beziehen können.Gunnel Ekroth: The Sacrificial Rituals of Greek Hero-Cults in the Archaic to the Early Hellenistic Period. Lüttich 2002, Kapitel I, Absatz 109 und 145.

Plutarch beschreibt ein Enagisma für die Kriegstoten von Plataiai, das jährlich von den Plataiern im Namen aller Griechen erbracht wurde. Die Grabsteine wurden gewaschen und mit Myrrhe gesalbt. Der Stier wurde vom Archon mit einem Schwert am Scheiterhaufen geschlachtet, und die gefallenen Griechen wurden zum Festmahl und Haimakouria gerufen. Danach wurde ein Trankopfer von Wasser und Wein ausgegossen.Gunnel Ekroth: The Sacrificial Rituals of Greek Hero-Cults in the Archaic to the Early Hellenistic Period. Lüttich 2002, Kapitel I, Absatz 172.

Opfergaben Als Opfergaben wurden die verschiedensten Tiere ausgewählt. Achilles wurde ein schwarzer Stier geopfert.Gunnel Ekroth: The Sacrificial Rituals of Greek Hero-Cults in the Archaic to the Early Hellenistic Period. Lüttich 2002, Kapitel I, Absatz 163. PausaniasPausanias 2,10,1. berichtet von einem LammGunnel Ekroth: The Sacrificial Rituals of Greek Hero-Cults in the Archaic to the Early Hellenistic Period. Lüttich 2002, Kapitel I, Absatz 169. und KlearchosKlearchos fragment 58. In: Fritz Wehrli: Die Schule des Aristoteles. Bd. 3, Heft 2: Klearchos. 2., ergänzte und verbesserte Auflage. Schwabe, Basel 1969 (Sammlung der Fragmente d. Klearchos mit Kommentar). führt ein Enagisma auf, in dem ein Fischliebhaber für seinen verstorbenen Freund kleine gebratene Fische opfert.Gunnel Ekroth: The Sacrificial Rituals of Greek Hero-Cults in the Archaic to the Early Hellenistic Period. Lüttich 2002, Kapitel I, Absatz 140. PolybiosPolybios, Historíai 23,10,17. erwähnt als einziger Pferde als Opfertiere.Gunnel Ekroth: The Sacrificial Rituals of Greek Hero-Cults in the Archaic to the Early Hellenistic Period. Lüttich 2002, Kapitel I, Absatz 174. PlutarchPlutarch, Aristeides 21,2–5. beschreibt eine Prozession, bei der ein schwarzer Stier, Krüge mit Wein, Milch, Öl, Myrrhe, Wasser und Myrtenkränze zur Begräbnisstätte gebracht wurden.Gunnel Ekroth: The Sacrificial Rituals of Greek Hero-Cults in the Archaic to the Early Hellenistic Period. Lüttich 2002, Kapitel I, Absatz 172.

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