Klimahysterie ist ein politisches Schlagwort, das von Vertretern der Klimawandelleugnung zur Relativierung des gegenwärtigen Klimawandels verwendet wird. Es wurde von der deutschen sprachkritischen Aktion „Unwort des Jahres“ zum „Unwort des Jahres 2019“ gewählt.

Verwendung In den 1990er-Jahren tauchte der Begriff vereinzelt in Veröffentlichungen im deutschen Sprachraum auf, beispielsweise durch die Übersetzung eines Gastbeitrags von Richard Lindzen in der Zeit. 2004 nutzte ihn der Publizist und spätere AfD-Politiker Konrad Adam in einem Artikel in der Welt. 2006/2007 wurde „climate hysteria“ in den USA massenhaft genutzt. Auch behandelte der Journalist Alaan Wood im Zuge von mehreren Artikeln in der Australian, in denen die Klimawandelwissenschaft geleugnet wurde, die Sorge um den Klimawandel als „grüne Hysterie“ (engl. „green hysteria“).David McKnight: A change in the climate? The journalism of opinion at News Corporation. In: Journalism. Band 11, Nr. 6, 16. Dezember 2010, S. 700, doi:10.1177/1464884910379704. 2007 warnte Christian Bartsch in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) im viel zitierten Artikel Wider die Klimahysterie: Mehr Licht im Dunkel des Klimawandels, vor einer „Ideologie einer menschengemachten Klimakatastrophe“ und einer angeblich bevorstehenden „Klimadiktatur“. Ende der 2000er Jahre wurde der Begriff in deutschsprachigen Zeitungen häufiger verwendet.DWDS – Verlaufskurven – Basis: DWDS-Zeitungskorpus (ab 1945). DWDS-Wortverlaufskurve für „Klimahysterie“, erstellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache. Abgerufen am 14. Januar 2020.

Der Begriff fand ab Frühjahr 2019 mit den Diskussionen um Klimaschutz eine häufige Verwendung, indem AfD-Politiker und Publizisten vielfach den entscheidenden menschlichen Einfluss auf den Klimawandel abstritten oder relativierten. Auch benutzte die rechtspopulistische finnische Partei Perussuomalaiset den Begriff im Wahlkampf zur Parlamentswahl in Finnland 2019 laut der New York Times als neuen „Schlachtruf“ (engl. „Rallying Cry“).Ellen Barry, Johanna Lemola: The Right’s New Rallying Cry in Finland: ‘Climate Hysteria’. In: nytimes.com. 12. April 2019, abgerufen am 23. Januar 2020.

Im Juli 2019 schrieb Joachim Müller-Jung in der FAZ, im Internet sei angesichts der „aktuellen Hitzewoche […] eine Debatte über ‚Klima-Hysterie‘ entbrannt, die unpassender kaum sein könnte“.Joachim Müller-Jung: Debatte über „Klimahysterie“ : Hitze am Limit. In: FAZ. 25. Juli 2019, abgerufen am 15. Januar 2020. Franz Alt kommentierte zwei Tage später bei Telepolis die „hitzige Debatte über eine angebliche ‚Klima-Hysterie‘“, nachdem sein erst erbetener Kommentar von einer der auflagenstärksten Zeitungen als zu „alarmistisch“ abgelehnt worden sei. Er kritisierte, auch „Netz-Journalisten und einige Kollegen renommierter Zeitungen“ würden die Fakten nicht akzeptieren.Franz Alt: Klima-Hysterie? In: Telepolis. 27. Juli 2019, abgerufen am 14. Januar 2020.

„In der Schweiz wird durch das Abschmelzen zweier Gletscher der Zanfleuronpass eisfrei, der in der Römerzeit möglicherweise zum Überqueren der Alpen genutzt wurde und für mindestens 2000 Jahre unter Eis lag. Klimawandelleugner und Klimawandelleugnerinnen benutzen diese Nachricht als Beleg für eine ‚übertriebene Klimahysterie‘ – Fachleute halten dagegen.“

Unwort Die institutionell unabhängige sprachkritische Aktion „Unwort des Jahres“ wählte aus den im Jahresverlauf 2019 eingesendeten 671 Vorschlägen mit 397 verschiedenen Ausdrücken das Wort „Klimahysterie“ zum „Unwort des Jahres 2019“ in Deutschland. Die Begründung der Jury lautet, mit dem Wort „Klimahysterie“ würden Klimaschutzbemühungen und die Klimaschutzbewegung diffamiert und wichtige Debatten zum Klimaschutz diskreditiert. Das Wort pathologisiere „pauschal das zunehmende Engagement für den Klimaschutz als eine Art kollektiver Psychose“, sei angesichts des wissenschaftlichen Forschungsstandes „irreführend“ und stütze „in unverantwortlicher Weise wissenschaftsfeindliche Tendenzen“.

Mit der Bekanntgabe des Unwortes des Jahres 2019 fanden auch die Wörter „Umvolkung“ und „Ethikmauer“ als weitere Unwörter im Jahr 2019 eine kritische Erwähnung.

Reaktionen In der Zeit wie auch in der Süddeutschen Zeitung wurde kommentiert, der Begriff sei zudem sexistisch. „Hysterie“ sei eine veraltete Diagnose, die ursprünglich nur Frauen ausgestellt wurde.Johannes Schneider: „Klimahysterie“ muss kein böses Wort sein. In: Die Zeit. 14. Januar 2020, abgerufen am 14. Januar 2020. Juli Zeh kritisierte die Wahl als kontraproduktiv, da sie einseitig sei. Sie schlug vor „sowohl ‚Klimahysterie‘, aber zum Beispiel auch den Begriff ‚Klimaleugner‘“ als Unwörter auszuzeichnen.Juli Zeh im Gespräch mit Jörg Biesler: Juli Zeh: „Diese Wahl ist kontraproduktiv“. In: deutschlandfunk.de. 14. Januar 2020, abgerufen am 17. Januar 2020. In einer Fachzeitschrift für Pflege erklärte Heidi Günther dagegen das Wort des Jahres „Respektrente“ sei in Hinblick auf ihre zu erwartende finanzielle Situation nach 47 Jahren Arbeit das passendere Unwort. Das Verbreiten von „Unreden“ und Begriffen wie „Klimahysterie“ durch rechte Parteien sei erwartbar. Über die Aufmerksamkeit würden sich diese „Wahrscheinlich freuen“.Heidi Günther: Alle Jahre wieder. In: JuKiP – Ihr Fachmagazin für Gesundheits- und Kinderkrankenpflege. Band 9, Nr. 2, April 2020, S. 50, doi:10.1055/a-1101-6729.

Der stellvertretende Ministerpräsident Bayerns Hubert Aiwanger (Freie Wähler) äußerte, die Jury maße sich an „zu sagen, die Klimabewegung darf nicht diffamiert werden“.Jonathan Schulenburg: „Klimahysterie“: Aiwangers Urteil zu Aktivisten ist irreführend. In: br.de. 18. Januar 2020, abgerufen am 18. Januar 2020. Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) begrüßte die Begründung. Es könne nicht so getan werden, als wären notwendige Dinge Hysterie, „als wären wir krank“.Petr Jerabek: „Klimahysterie“: Aiwanger wettert gegen Unwort des Jahres. In: br.de. 14. Januar 2020, abgerufen am 18. Januar 2020.

Weblinks

Knut Cordsen: Sozusagen! Klimahysterie. In: br.de. 14. Januar 2020, Interview mit Nina Janich. Gabriela Dettwiler: «Klimahysterie!», «Klimapropaganda!» – was Klimaforscher zu den häufigsten Argumenten von Skeptikern sagen. In: NZZ. 27. März 2019. Stefan Rahmstorf: Alles nur Klimahysterie? In: pik-potsdam.de. Erschienen in: Universitas. 9/2007. Ergebnis der Suche nach: "Klimahysterie". In: portal.dnb.de. Literatur, in deren Beschreibung bzw. Titel sich das Wort „Klimahysterie“ findet.

Einzelnachweise

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