mini|hochkant=1.5|Bücherverbrennung auf dem Opernplatz in Berlin am 10. Mai 1933

Die Bücherverbrennungen in Deutschland von März bis Oktober 1933 waren eine Reihe von der NSDAP und einigen ihrer Unterorganisationen, wie der Hitlerjugend, der SA oder der Deutschen Studentenschaft geplanter und inszenierter Aktionen, bei der Studenten, Professoren und Mitglieder nationalsozialistischer Parteiorgane die Werke von ihnen verfemter Autoren ins Feuer warfen. Ein Schlüsselereignis war die durch den Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbund (NSDStB) am 10. Mai 1933 auf dem damaligen Berliner Opernplatz, dem heutigen Bebelplatz mit hoher Öffentlichkeitswirkung veranstaltete propagandistische Aktion, wie sie gleichzeitig an 18 weiteren deutschen Universitätsstandorten stattfand. Diese Bücherverbrennungen waren der Höhepunkt der „Aktion wider den undeutschen Geist“. Mit ihr starteten die Nationalsozialisten nach ihrer „Machtergreifung“ die systematische Verfolgung jüdischer, marxistischer, pazifistischer und anderer oppositioneller oder politisch unliebsamer Schriftsteller und leiteten eine Wende in Richtung nationalsozialistischer Erziehung ein.

Die Aktion „Wider den undeutschen Geist“ mini|Bücherverbrennung auf dem Opernplatz mini|Aufruf der Studentenschaft der Universität Würzburg, die privaten Bibliotheken von „undeutschem Schrifttum“ zu reinigen. (Flugblatt vom April 1933)

Bereits während der Weimarer Republik war die Deutsche Studentenschaft (DSt) zunehmend nationalpolitisch geprägt,Vgl. Werner Thieme: Deutsches Hochschulrecht. 1956, S. 331 ff. sie wurden gezielt ab 1929/1931 von nationalistischen, antisemitischen und republikfeindlichen Kräften unterlaufen und dann dominiert. Dies förderte an zahlreichen deutschen Universitäten einen deutlich reaktionären, chauvinistischen und nationalistischen Geist. Seit dem Sommer 1931 wurde die DSt von einem Vertreter des NSDStB geführt, der bei den AStA-Wahlen 1931 44,4 Prozent der Stimmen erlangt hatte. Ähnliche Strukturen wurden auch an mehreren anderen Universitätsstädten durch regionale Vertreter herbeigeführt. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten am 30. Januar 1933 konkurrierten zwar DSt und NSDStB um die Vorherrschaft, aber die Zielrichtungen ideologischer Einflussnahme auf die Studentenschaft ähnelte sich.Michael Grüttner: Studenten im Dritten Reich. Paderborn 1995, S. 54 und 250 ff.; siehe auch Stefanie Senger: Um die Schlagkraft der Organisation zu erhöhen, wurde drei Monate nach der Machtergreifung und kurz nach der Errichtung des Reichsministeriums für Volksaufklärung und Propaganda im März 1933 in der »Reichsleitung der Deutschen Studentenschaft« ein eigenes »Hauptamt für Presse und Propaganda der Deutschen Studentenschaft« mit Sitz in Berlin eingerichtet.

Anfang April 1933 forderte die Deutsche Studentenschaft ihre Organe auf, sich an einer vierwöchigen „Aktion wider den undeutschen Geist“ zu beteiligen, zu deren maßgeblichen Initiatoren Hans Karl Leistritz, der Leiter des Hauptamts, gehörte. Sie sollte am 12. April beginnen und am 10. Mai mit spektakulären öffentlichen Bücherverbrennungen enden. (PDF; 4,7 MB). Die Aktion erfolgte unter Berufung auf die Bücherverbrennung beim Wartburgfest 1817 und war als „Gesamtaktion gegen den jüdischen Zersetzungsgeist“ in der Gesellschaft angelegt: Deutsche Kultur-Wacht. Heft 9, 1933. Für die Hochschulpolitik bedeutete die „Aktion wider den undeutschen Geist“ den Anfang der Eroberung der Universitäten durch die zur „geistigen SA“ deklarierten Studentenschaften.

Als Erstes wurde der Befehl gegeben, an den Hochschulen „Kampfausschüsse wider den undeutschen Geist“ zu bilden, denen zwei Studenten, ein Professor, ein Vertreter des von Alfred Rosenberg geleiteten „Kampfbundes für Deutsche Kultur“ und ein Schriftsteller angehören sollten. Den Vorsitz hatten die Führer der jeweiligen Studentenschaft inne, welche gezielte Anleitungen erteilten, worauf an mehreren regionalen Standorten „Kampfausschüsse“ die Bücherverbrennungen sowie die Vertreibung der Personen jüdischer Herkunft aus dem Lehrkörper in Angriff nahmen.Karl-Heinz Jügelt: Bücherverbrennung in Rostock am 10. Mai 1933. In: Opera bibliotecarii, Rostock 2014, S. 177 ff. Die jeweilige Berichterstattung über Fortschritt und Ergebnis regionaler Maßnahmen gingen direkt an das Hauptamt mit Sitz in Berlin. An mehreren Universitätsstandorten war es sogar gelungen, Informanten des noch jungen Sicherheitsdienstes der NSDAP in den regionalen Kampfausschüssen zu platzieren.

Vorbereitung Wichtigstes Element des politischen Kampfes dieser Studentenorganisationen war die nationalsozialistische Propagandaarbeit. Am 2. April 1933, einen Tag nach dem Boykott jüdischer Geschäfte, wurde ein detaillierter Ablaufplan entworfen; am 6. April wurden die Einzelstudentenschaften in einem Rundschreiben über die bevorstehende Aktion in Kenntnis gesetzt:

Die Führung der Deutschen Studentenschaft setzte mit dieser Initiative alles daran, zu beweisen, dass sie bereit und fähig war, die Studenten für den Nationalsozialismus zu mobilisieren. Sie stand dabei in Konkurrenz zum Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbund, der nach der Reichstagswahl im März 1933 das ausschließliche Recht zur politischen Erziehung der Studenten beansprucht hatte. Im Zuge der Vorbereitungen kam es daher zu einer Auseinandersetzung zwischen beiden Organisationen und ihren Führern Gerhard Krüger (DSt) und Oskar Stäbel (NSDStB). Noch am Tag vor Beginn der Aktion, am 11. April, befahl Stäbel in einer Eil-Anordnung, die Aktion der DSt nicht nur zu unterstützen, sondern „die Führung dabei zu übernehmen“.

mini|Die zwölf Thesen wider den undeutschen Geist (Flugblatt vom 12. April 1933)

„12 Thesen wider den undeutschen Geist“ Den Auftakt bildete am 12. April 1933 die Veröffentlichung der 12 Thesen wider den undeutschen Geist. Statt fundierter Thesen enthält sie nur die Positionen und Ziele der „Aktion“ und prangert jüdische, sozialdemokratische, kommunistische und liberale Ideen sowie ihre Vertreter an. Die „Thesen“ wurden in roter Frakturschrift in deutschen Universitäten plakatiert und von vielen Zeitungen abgedruckt:

Die örtlichen „Kampfausschüsse“ waren als Speerspitze der Studentenschaft gegen den „jüdischen Intellektualismus“ gedacht. Leiter des reichsweiten „Kampfausschusses wider den undeutschen Geist“ war Paul Karl Schmidt, der in der Nachkriegszeit unter dem Pseudonym Paul Carell bekannt wurde. Er zeichnete für das Plakat und war für die 12 ThesenWigbert Benz: In: Forum „Barbarossa“. Beitrag 6, 2004; Vollständiger Text der 12 Thesen in Wikisource verantwortlich. Damit empfahl er sich für seine spätere antijüdische Kriegspropaganda als Pressechef im Auswärtigen Amt. Nach 1945 wurde er Journalist und erfolgreicher Sachbuchautor.

Artikeldienst Parallel zur Plakataktion wurde ein „Artikeldienst“ mit unterstützenden Stellungnahmen national eingestellter Kulturschaffender und Intellektueller organisiert, durch den die Öffentlichkeit auf die Aktion eingestimmt werden sollte. 66 Schriftsteller, deren „Einstellung zum deutschen Schrifttum“ der Studentenschaft bekannt war, wurden gebeten, einen Aufsatz zur Verfügung zu stellen, der über den Artikeldienst der DSt in der Presse verbreitet werden sollte, darunter Werner Bergengruen, Richard Billinger, Paul Ernst, Max Halbe, Karl Jaspers und Julius Streicher. Der Erfolg dieser Aktion war sehr dürftig. Der größte Teil der Angeschriebenen reagierte überhaupt nicht, nicht einmal Alfred Rosenberg, der in einem eigenen Schreiben um ein Einleitungswort zu der Aktion gebeten worden war. Etliche Schriftsteller wiesen auf die zu kurze Vorlaufzeit hin und boten bereits Veröffentlichtes zum Nachdruck an, wie der in München lebende Erwin Guido Kolbenheyer. Veröffentlicht konnten letztlich aber nur vier Beiträge werden, nämlich von Herbert Böhme, Will Vesper, Alfred Baeumler und Kurt Herwarth Ball (siehe unten „Zeitungsberichte“).

Professorenboykott Am 19. April erfolgte ein Aufruf der DSt-Führung, als weitere Aktion den Kampf „gegen den für unsere deutsche Hochschule untauglichen Hochschullehrer“ aufzunehmen. Die Losung lautete: Die Studenten wurden aufgerufen, Hochschullehrer, die nach dem Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums vom 7. April 1933 aus ihren Ämtern auszuscheiden hatten, mit eidesstattlichen Erklärungen und belastenden Quellen wie Zitaten aus Vorlesungen oder Literaturverweisen zu melden. Dazu gehörten neben Juden, Angehörigen kommunistischer Organisationen oder des Reichsbanners nach der Interpretation der DSt-Führung auch Personen, die „nationale Führer, die Bewegung der nationalen Erhebung oder das Frontsoldatentum beschimpft haben“, sowie Professoren, deren „wissenschaftliche Methode ihrer liberalen bzw. insbesondere ihrer pazifistischen Einstellung“ entsprach. Auch Hochschullehrer mit „politisch einwandfreier Haltung“ sollten der DSt-Führung gemeldet werden, sofern sie „eine mehr als nur mittelmäßige Begabung“ aufwiesen. Fast alle Universitäten beteiligten sich an dieser Aktion und Lehrkörper, Dekane und Rektoren unterstützten sie. Es kam zu organisierten Übergriffen gegen jüdische Dozenten, Mitarbeiter der Verwaltung und Mitstudenten, Vorlesungen wurden gestört und boykottiert, jüdische Professoren am Betreten ihrer Arbeitsstätte gehindert.

Die öffentliche Hetzjagd ging so weit, dass an den Universitäten Königsberg, Rostock, Erlangen, Münster und Dresden zwei Meter hohe „Schandpfähle“ errichtet wurden, an denen die Namen angefeindeter Professoren und einzelne literarische Schriften angeschlagen wurden:

Die Studentenschaft der Universität Rostock berichtete, dass am 5. Mai eine große Feier „mit Errichtung des Schandpfahls“ stattgefunden habe, an den .

Büchersammlung mini|Studenten der Deutschen Hochschule für Leibesübungen vor dem Institut für Sexualwissenschaft in Berlin vor der Plünderung am 6. Mai 1933Lorenz Pfeiffer: Studierende der Deutschen Hochschule für Leibesübungen als Akteure der ‚Aktion wider den undeutschen Geist’ im Frühjahr 1933 In: Jahrbuch 2008 der Deutschen Gesellschaft für Geschichte der Sportwissenschaften. S. 50 ff. ().

Die zweite Phase des „Aufklärungsfeldzuges“ begann am 26. April 1933 mit der Sammlung des „zersetzenden Schrifttums“. Jeder Student hatte zuerst einmal seine eigene Bücherei und auch die seiner Bekannten von „schädlichen“ Büchern zu säubern, danach wurden die Universitäts- und Institutsbibliotheken durchforstet. Auch öffentliche Bibliotheken und Buchhandlungen wurden nach „verbrennungswürdiger“ Literatur durchsucht. Die Stadt- und Volksbüchereien waren dazu angehalten, ihre Bestände selbst zu „säubern“ und die Bücher freiwillig zu übergeben. Unterstützung erhielten die Studenten von ihren Professoren und Rektoren, die an den Verbrennungsfeiern teilnahmen und auch in den Kampfausschüssen zur Aussonderung des zum Verbrennen bestimmten Materials mitarbeiteten. Grundlage für die Auswahl der Bücher bildeten die „Schwarzen Listen“ des 29-jährigen Bibliothekars Wolfgang Herrmann (siehe: Liste der verbrannten Bücher 1933).

Auch Buchhandel und Bibliotheken unterstützten tatkräftig die studentische Aktion. Das Fachorgan des Verbandes Deutscher Volksbibliothekare und das Börsenblatt des deutschen Buchhandels verbreiteten die Verbotslisten und kommentierten sie, die Bibliothekare wiesen in ihren Erläuterungen etwa darauf hin, dass die zu vernichtende Literatur vorwiegend jüdischer Provenienz sei. Die durch die Beschlagnahmen materiell Geschädigten wehrten sich nicht, die Leihbüchereien wurden sogar aufgefordert, eine Erklärung zu unterschreiben: