Die Terrasse von Sainte-Adresse,Das 1996 veröffentlichte Monet-Werkverzeichnis von Daniel Wildenstein ist dreisprachig angelegt und gibt den französischen Titel Terrasse à Sainte-Adresse, den englischen Titel Garden at Sainte-Adresse und den deutschen Titel Die Terrasse von Sainte-Adresse an, siehe Daniel Wildenstein: Monet, Catalogue raisonné – Werkverzeichnis. S. 51. auch Garten in Sainte-Adresse,Angelika Schneider (Hrsg.): Französische Meisterwerke des 19. Jahrhunderts aus dem Metropolitan Museum of Art, New York. S. 158. oder Terrasse am MeeresuferJohn Rewald: Die Geschichte des Impressionismus. S. 102. ( oder Jardin à Sainte-Adresse)Terrasse à Sainte-Adresse ist als französischer Titel im Werkverzeichnis von Daniel Wildenstein von 1996 vermerkt, Daniel Wildenstein: Monet, Catalogue raisonné – Werkverzeichnis. S. 51. Unter dem Titel Jardin à Sainte-Adresse hatte möglicherweise Monet das Bild 1879 ausgestellt, siehe Gary Tinterow, Henri Loyrette: Origins of impressionism. S. 434. ist ein 1867 entstandenes Gemälde des französischen Malers Claude Monet. Das in Öl auf Leinwand gemalte Bild hat eine Höhe von 98 cm und eine Breite von 130 cm. Monet zeigt in diesem Bild eine sommerliche Szene an der normannischen Kanalküste in Sainte-Adresse. Die darin porträtierten Personen sind vermutlich Familienangehörige des Malers, darunter sein Vater, zu dem er ein angespanntes Verhältnis hatte. Die Komposition ist von japanischer Kunst beeinflusst und zeigt in Farbwahl und Pinselstrich bereits eine für den Impressionismus typische Ausführung. Das Gemälde gehört zur Sammlung des Metropolitan Museum of Art in New York City.
Bildbeschreibung Das Gemälde zeigt eine Szene in Sainte-Adresse an einem sonnigen Tag im Sommer 1867.Scott Schaefer: Terrasse à Sainte-Adresse in Sylvie Gache-Patin: L’impressionnisme et le paysage français. S. 54. Von einem erhöhten Standpunkt aus geht der Blick auf ein Gartengrundstück und den dahinter liegenden Ärmelkanal mit seinem geschäftigen Schiffsverkehr. Auf der Gartenterrasse im Vordergrund haben sich vier Personen um ein zentrales Blumenrondell mit roten und weißen Blüten gruppiert. Vor dem runden Blumenbeet befinden sich vier zum Meer hin aufgereihte Gartenstühle, von denen die zwei mittleren mit einer Frau und einem Mann besetzt sind. Eine weitere Frau und ein weiterer Mann stehen etwas nach links versetzt hinter dem Beet vor einem den Garten begrenzenden grünbewachsenen Zaun. Verschiedene Kunsthistoriker haben angenommen, dass die dargestellten Personen zur Familie Monets gehören. Vorn rechts sitzt ein schräg von hinten dargestellter älterer Mann, bei dem es sich vermutlich um Monets Vater Adolphe handelt.Monets Vater erscheint in ähnlicher Aufmachung im Gemälde Adolphe Monet lesend im Garten, siehe Daniel Wildenstein: Monet, Catalogue raisonné – Werkverzeichnis. S. 38–39. Er erscheint als graubärtiger Herr in eleganter Sommergarderobe mit grauer Hose, dunkler Jacke, hellem Strohhut und einem zwischen den Beinen abgestellten Spazierstock. Während diese personelle Zuordnung als sehr wahrscheinlich gilt, sind die anderen Identifizierungsversuche der im Bild gezeigten Akteure eher Vermutungen.Scott Schaefer benennt nur den Vater, siehe Scott Schaefer: Terrasse à Sainte-Adresse in Sylvie Gache-Patin: L’impressionnisme et le paysage français. S. 54. So nimmt Gary Tinterow an, bei dem Mann am Gartenzaun handele es sich möglicherweise um Claude Monets Onkel Dr. Adolphe Lecadre.Gary Tinterow in Gary Tinterow, Henri Loyrette: Origins of impressionism. S. 434. Er trägt einen braunen Anzug, hat einen schwarzen Zylinder aufgesetzt und stützt sich auf einen Spazierstock. Der Dargestellte hat sich der neben ihm stehenden Frau zugewandt, für die mutmaßlich seine Tochter Jeanne Marguerite Lecadre Modell stand.Der Name Jean Marguerite Lecadre wird von verschiedenen Autoren genannt, so von Gary Tinterow in Gary Tinterow, Henri Loyrette: Origins of impressionism. S. 434; von Daniel Wildenstein in Daniel Wildenstein: Monet, Catalogue raisonné – Werkverzeichnis. S. 51. Sie wird in Seitenansicht gezeigt und trägt ein weißes Kleid. Über die Schulter hat sie einen aufgespannten gelben Sonnenschirm gelegt. Die Frau mit dem Rücken zum Bildbetrachter links neben Monets Vater könnte Sophie Lecadre sein, die Ehefrau von Dr. Adolphe Lecadre,Gary Tinterow nennt den Namen Sophie Lecadre, bezeichnet sie jedoch als Monets Cousine und nicht als seine Tante in Gary Tinterow, Henri Loyrette: Origins of impressionism. S. 434. oder Monets Tante Marie-Jeanne Lecadre.Daniel Wildenstein vermutet im Bild die Tante Lecadre, ohne den Vornamen zu nennen, siehe Daniel Wildenstein: Monet, Catalogue raisonné – Werkverzeichnis. S. 38–39. Sie trägt ein helles Kleid, ihr Kopf wird von einem aufgespannten Sonnenschirm verdeckt. Während die vier in Reihe angeordneten Stühle ein Miteinander der Personen andeuten, geben ihre Positionen im Bild und ihre Ausrichtung zueinander nicht zwingend eine enge Verbindung wider. Zwar scheint das Paar am Gartenzaun im Gespräch miteinander zu sein, aber ein Bezug zu den anderen Personen – etwa ein Blickkontakt – besteht im Bild nicht. Monets Vater blickt links an dem gegenüberstehenden Paar vorbei und hält zur Frau neben ihm einen gewissen Abstand. Bei dieser Frau ist nicht deutlich, wohin ihre Aufmerksamkeit gerichtet ist. Sie könnte zwar die anderen Personen im Bild beobachten, aber genauso gut auf die Schiffe am Horizont schauen.
Die Szenerie mit den vier Personen findet auf einer Terrasse statt, die im Bild als trapezförmige gräuliche Fläche erscheint. Deutlich heben sich sonnenbeschienene helle Bereiche von blau-grauen Schatten ab. Diese finden sich als breiter Streifen auf der linken Seite und als langgezogene Silhouetten der Gartenstühle am unteren Bildrand. Die langen Schatten deuten auf eine tiefstehende Sonne am Nachmittag hin. Im Schattenbereich der Stühle findet sich zudem die Signatur „Claude Monet“. Der Übergang von der Flanierebene zum angrenzenden grünen Rasenbereich erscheint als diagonale Linie, die wie mit einem Linial gezogen wirkt. Am rechten Rand gibt es vor einem hohen roten Gartenzaun einen üppiger Blumenbewuchs mit zahlreichen Blüten in Rot und Gelb. Solche Blumen finden sich zudem am unteren und am linken Rand. Bei einzelnen aufragenden Blütenstängeln könnte es sich um Gladiolen handeln. Diese üppige Blumenpracht weist – ebenso wie die Garderobe der Dargestellten – auf den Sommer als Jahreszeit hin. Zwei Masten mit wehender Flagge ragen vor dem Gartenzaun links am Ende des Blumenbeetes und rechts neben einer Gartentür empor. Während am linken Mast ein rot-gelber Wimpel gehisst ist, dessen Bedeutung unklar bleibt, zeigt sich am rechten Mast deutlich die französische Trikolore.
Hinter der Terrasse bildet der Ärmelkanal als breiter horizontaler Streifen den Mittelgrund. Das leicht wellige bläuliche Meer wird von zahlreichen Schiffen befahren. So ist links neben dem Paar am Zaun in geringer Entfernung ein Segelboot mit dunklen Segeln zu erkennen. Zahlreiche weitere Segelboote und -schiffe, aber auch Dampfschiffe mit langen Rauchwolken, sind nahe der Horizontlinie zu sehen. Auf der linken Bildseite zeigt sich am Horizont die gegenüberliegende Küstenlinie, bei dem einige Autoren das Ufer von Honfleur ausmachen wollen,Gary Tinterow in Angelika Schneider: Französische Meisterwerke des 19. Jahrhunderts aus dem Metropolitan Museum of Art, New York. S. 158. eventuell ist es aber auch ein anderer Küstenabschnitt in Richtung Trouville-sur-Mer. Über dem Horizont entfaltet sich ein weißes Wolkenband und darüber ein hellblauer Himmel.
Sowohl das sommerliche Motiv mit Menschen, die ihre Freizeit am Meer verbringen, wie auch ein Pinselduktus, bei dem Monet mit kurzen Strichen reine Farben auf die Leinwand brachte, sind typische Merkmale eines Gemäldes im Stil des Impressionismus, auch wenn dieser Begriff erst sieben Jahre nach Entstehung des Bildes geprägt wurde.John Rewald: Die Geschichte des Impressionismus. S. 102. John Rewald lobte Monet, er würde in diesem Bild „die Vibration des Lichtes nachbilden“.John Rewald: Die Geschichte des Impressionismus. S. 102. Der scheinbar spontanen Malweise steht jedoch eine strenge Bildkomposition gegenüber. So hat Monet das Bild in drei übereinander liegende Bereiche aufgeteilt: Himmel, Wasser und Terrasse.Gary Tinterow, Henri Loyrette: Origins of impressionism. S. 146. Dies wird besonders durch die Trennungslinien des Horizontes und des bildparallel verlaufenden Gartenzaunes verdeutlicht. Die Flaggenmasten bilden hierzu die vertikalen Ergänzungen, sodass sich aus diesen Linien ein einfaches kompositorisches Gitternetz ergibt. Die flächige Behandlung des Vordergrundes, etwa die nahezu einfarbigen Bereiche des Bodens und bei der Rasenfläche, lassen auf japanische Vorbilder schließen.
Ein Bild nach japanischem Vorbild mini|Katsushika Hokusai: Der Turban-Turm im Gohyaku-Rakan-Tempel, um 1830 Monet bezeichnete das Gemälde Die Terrasse von Sainte-Adresse 1868 als le tableau chinois où il y a des drapeaux (sinngemäß: chinesisches Gemälde mit den Flaggen).Monet schrieb „le tableau chinois où il y a des drapeaux“ in einem Brief an seinen Freund Frédéric Bazille vom Dezember 1868, wiedergegeben in Gary Tinterow, Henri Loyrette: Origins of impressionism. S. 434. Monets Malerfreund Pierre-Auguste Renoir sprach bei dem Bild von „le japonais aux petits drapeaux“ (das Japanische mit den kleinen Flaggen).Renoir schrieb „le japonais aux petits drapeaux“ in einem Brief an Bazille im August 1860, wiedergegeben in Gary Tinterow, Henri Loyrette: Origins of impressionism. S. 434. Die Adjektive chinesisch oder japanisch wurden in den 1860er Jahren in Paris als synonyme Bezeichnungen für fernöstliche Kunst verwandt. Es waren aber vor allem japanische Farbholzschnitte, die Einfluss auf Monets Werk hatten. Beim Gemälde Die Terrasse von Sainte-Adresse könnte sich Monet direkt auf eine Arbeit des japanischen Malers Katsushika Hokusai bezogen haben.Gary Tinterow in Angelika Schneider: Französische Meisterwerke des 19. Jahrhunderts aus dem Metropolitan Museum of Art, New York. S. 158. In dessen Serie der 36 Ansichten des Berges Fuji gibt es die um 1830 entstandene Darstellung Der Turban-Turm im Gohyaku-Rakan-Tempel, die deutliche Parallelen zu Monets Gemälde zeigt. In beiden Ansichten haben sich Personen auf einer Terrasse versammelt, ein Zaun beziehungsweise eine Balustrade trennen den Vordergrund vom Mittelgrund, das Bild ist in strenge horizontale Bereiche aufgeteilt und im Vordergrund finden sich leere Freiflächen.Charles S. Moffet: Terrase at Sainte-Adresse in Anne Dayez, Michel Hoog, Charles S. Moffett: Impressionism: a centenary exhibition. S. 140. Monet besaß diesen Holzschnitt von Hokusai und weitere japanische Bilder. Sie befinden sich bis heute in seinem museal genutzten ehemaligen Wohnhaus in Giverny.Gary Tinterow, Henri Loyrette: Origins of impressionism. S. 434.
Monets Begeisterung für die Kunst aus Japan entsprach dem Zeitgeist des Japonismus. Vermutlich hatte Monet Kunst aus Asien 1867 auf der Pariser Weltausstellung gesehen, kannte aber möglicherweise auch vorher schon entsprechende Arbeiten. Nicht zuletzt hatten seine Künstlerkollegen Édouard Manet, Jean-François Millet und James McNeill Whistler nach japanischem Vorbild gearbeitet, deren Werke wiederum Einfluss auf Monets Schaffen hatten.John Leighton: Claude Monet in Juliet Wilson-Bareau, David Degener: Manet and the Sea. S. 204.
Das Familientreffen in Sainte-Adresse