mini|alternativtext=Foto Eckhaus Wanheimer Straße 301|Wanheimer Straße 301
Beim Brandanschlag in Duisburg-Wanheimerort in der Nacht vom 26. auf den 27. August 1984 wurde in einem Wohnhaus, in dem überwiegend aus der Türkei Eingewanderte wohnten, Feuer gelegt. Es starben sieben Angehörige der Familien Satir-Turhab, weitere 23 Bewohnerinnen und Bewohner des Hauses wurden verletzt. Lange konnte der Fall polizeilich nicht aufgeklärt werden. Das hat u.a. dazu geführt, dass der Brandanschlag in Vergessenheit geriet. Erst 1996 wurde eine Täterin als Pyromanen verurteilt. Die Täterin wurde wegen der Brandstiftung 1984 auf das Wohnhaus in der Wanheimerstraße 301 und auf eine Geflüchtetenunterkunft im Duisburger Norden 1993, weshalb sie von der Polizei festgenommen wurde, angeklagt. Erst in Untersuchungshaft gestand sie, auch das Wohnhaus 1984 in Duisburg angesteckt zu haben. Verurteilt wurde sie 1996 im Strafprozess am Landgericht Duisburg wegen schwerer Brandstiftung für den Fall 1984 und für den Fall 1993 wegen versuchten Mordes in Tateinheit mit schwerer Brandstiftung. In dem Urteil wurden ihr keine rassistischen Motive oder gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit nachgewiesen. Im Jahr 2018 wurde der Fall wieder publik gemacht, wodurch ein möglicher rassistischer Hintergrund der Tat in den Fokus geriet.
Tathergang und Folgen Das Eckhaus Wanheimer Straße 301 in Duisburg-Wanheimerort () steht an der Grenze zu einem Industriegebiet am Rhein und in der Nähe der Hüttenwerke Krupp Mannesmann (zum Tatzeitpunkt noch Mannesmann). Es wurde 1984 überwiegend von Gastarbeitern aus der Türkei bewohnt.„Duisburg 1984“, in: ak – analyse & kritik – zeitung für linke Debatte und Praxis, Nr. 642, 16.10.2018 Von dem Feuer durch Brandstiftung im Treppenhaus„Neue Informationen nach Großbrand in Wanheimerort: ‚Spuren von Flüssigkeit auf Treppe gesehen‘“, in: WAZ, 19.9.1984 wurden die 57 Bewohner des Mehrfamilienhauses im Schlaf überrascht – der erste Notruf ging am Montag, dem 27. August, um 0:29 Uhr bei der Feuerwehr ein.„War es Ausländerhass? Türken starben bei Brand in Duisburg“, in: WAZ, 11.12.2018
Aus der im zweiten ObergeschossCeren Türkmen und Bengü Kocatürk-Schuster: „Duisburg 1984: Aufarbeiten, kollektiv gedenken und anklagen“. lebenden Familie Satır starben durch den Brand oder durch Sprung aus dem Fenster die 40-jährige Mutter, vier Kinder sowie der Schwiegersohn und das neugeborene Enkelkind:„Initiative DU 26. August 1984“
Ferdane Döndü Satır, 40 Jahre alt Zeliha und Rasim Turhan, 18 Jahre alt, und deren Sohn Tarık Turhan, 1 Monat alt Çiğdem Satır, 7 Jahre alt Ümit Satır, 5 Jahre alt Songül Satır, 4 Jahre alt
Rukiye und Aynur, zwei weitere Töchter, überlebten schwerverletzt durch einen Fenstersprung, ebenso der Vater Ramazan Satır, der zum Zeitpunkt des Brandes außer Haus gewesen war. 23 weitere Bewohner des Hauses wurden verletzt. Die Todesopfer wurden in Adana beigesetzt; der Vater kehrte in die Türkei zurück und beging im August 1985 bei einem Autounfall Selbstmord.
Ermittlungen und Aufarbeitung Nachdem die Täterin lange nicht ermittelt werden konnte, gestand im Jahr 1994 im Rahmen der Ermittlungen zum Brandanschlag auf ein Flüchtlingswohnheim in Duisburg-Hamborn am 26. Januar 1993 die Angeklagte Evelin D. auch die Tat in Wanheimerort. Als Tatmotiv wurde Pyromanie ermittelt und die Täterin mit Urteil vom 30. Dezember 1996 in die Psychiatrie eingewiesen, wo sie 2010 starb. Obwohl sich beide Taten gegen Migranten richteten, wurde ein politisches Motiv der Täterin ausgeschlossen.
Schon kurz nach der Tat war Rassismus von Polizei und Staatsanwaltschaft als Tatmotiv verworfen worden. Stattdessen wurde ein Bandenkrieg zwischen Türken und Jugoslawen für den Anlass gehalten – ein jugoslawischer Bewohner des Hauses saß mehrere Monate in Untersuchungshaft. Vereinzelt wurde in Medien und Zivilgesellschaft zwar Rassismus als Motiv vermutet – so berichtet der Spiegel (42/1984) in einer Auflistung rechtsextremer Verbrechen ohne weiteren Kommentar: „In Duisburg kamen bei einem Brandanschlag auf ein von Ausländern bewohntes Gebäude sieben Türken ums Leben. Neben dem Hauseingang waren Hakenkreuze in die Wand geritzt“.„Neonazis: Unser Traum“, in: Der Spiegel, 18.10.1984 Zudem gründete sich in Duisburg eine Bürgerinitiative, die in einem offenen Brief Ermittlungen in Richtung Rechtsextremismus forderte. Doch konnte dieses Ziel nicht erreicht werden. Oberbürgermeister Josef Krings wurde in der WAZ „zu den aus der Luft gegriffenen Vorwürfen von DKP-Sympathisanten, das von Türken bewohnte Haus in Wanheimerort sei von Neo-Nazis angezündet worden“ mit den Worten zitiert: „Eine bewußte Irreführung. Ich kratze keinen Rechtsradikalen aus dem Grab, den es nicht gibt.“WAZ, 25.9.1984 Die Tat geriet in Vergessenheit.„Duisburg: ‚Von Rassismus wurde nicht gesprochen‘“, in: nd, 6.11.2018
Während einer wissenschaftlichen Recherche entdeckte die Soziologin Ceren Türkmen im Dokumentationszentrum und Museum über die Migration in Deutschland Hinweise auf einen Brandanschlag mit 7 Toten in den lokalen Zeitungen. Da sie selbst in Duisburg aufgewachsen war und in der Nähe des Tatorts ihre Kindheit verbrachte, war sie überrascht, dass es kein Wissen zum Brandanschlag in der Stadt gab. Die widersprüchlichen Informationen in den Medien im Archiv veranlassten eine tiefere Auseinandersetzung für sie sowohl in der Stadt als auch in den Archiven der Staatsanwaltschaft Duisburg. 2018/2019 gründete sie mit weiteren Mitgliedern die Initiative Duisburg 1984, die sich seitdem für eine Neubewertung des Brandanschlags einsetzte.„Rassismus als mögliches Motiv: Initiative möchte Brandanschlag 1984 in Duisburg neu untersuchen“, Deutschlandfunk Kultur, 03.07.2019 Nachdem die Mitglieder die Betroffenen fanden, organisierten sie sich seit 2019 gemeinsam für Aufklärung, Erinnerung und Gerechtigkeit. Sie stellten den Anschlag in eine Reihe von in der Folge der Aufdeckung des NSU neu untersuchten Anschlägen, bei denen institutioneller Rassismus, fehlendes Wissen und Sensibilität für rechte, rassistische und antisemitische Gewalt in den 1980er Jahren die Ermittlungen in die falsche Richtung gelenkt habe.
Einzelnachweise
Weblinks Der Brandanschlag von Duisburg im lokalen und bundesweiten Kontext, Migazin 01.09.2020. Vergessener Brandanschlag in Duisburg, Bochumer Stadt- und Studierendenzeitung, 19.09.2020. Zusammenschnitt von zeitgenössischen Beiträgen des WDR
Kategorie:Kriminalfall in Deutschland Kategorie:Kriminalfall 1984 Kategorie:Geschichte (Duisburg)