mini|Lisa von Lübeck, Rekonstruktion einer Hansekogge in Kraweelbauweise aus dem 15. Jahrhundert mini|Neuer Admiralitätskanal, auf der Newa, Sankt Petersburg, 1876 mini|Petersburg Blick auf die Newa, (1912), Russisches Museum, Alexander Beggrow Der Ostseehandel im Ostseeraum bezeichnet die historischen und aktuellen gewinn- und leistungsorientierten Austauschhandlungen der dort lebenden oder wirkenden Personen und Personengruppen vom Mittelalter bis zur heutigen Zeit.

Der Raum erfuhr erst seit dem Spätmittelalter eine prägnante herrschaftliche Verdichtung und die Entstehung größerer urbaner Zentren. Deswegen wurde der Ostseehandel in der neuzeitlichen Geschichtsforschung lange als peripherer europäischer Ereignishorizont begriffen (im Gegensatz dazu steht der Mittelmeerhandel). Diese vergangene Bewertung wandelt sich aber mit zunehmender Intensivierung der Forschungsaktivitäten. Michael North zufolge war die Ostsee in der Frühen Neuzeit Drehscheibe der Weltwirtschaft. Der frühneuzeitliche Ostseehandel basierte auf dem Austausch von Nahrungsmitteln und Rohstoffen des ressourcenreichen Nord- und Osteuropas gegen Fertigwaren des gewerblich hochentwickelten Nordwesteuropas. Die Ostsee verknüpfte verschiedene Weltregionen miteinander und war Kernraum von ertragreichen Austauschbeziehungen. Diese wurden systematisch in den europäischen Handel verflochten und integriert.Yuta Kikuchi: Hamburgs Ostsee- und Mitteleuropahandel 1600–1800: Warenaustausch und Hinterlandnetzwerke (= Wirtschafts- und Sozialhistorische Studien, Band 20). Böhlau Verlag, Wien/Köln/Weimar 2018, S. 111.

Betrachtungsebenen Gesellschaftlich Handel im modernen Sinn umfasst neben der Verkehrshandlung, also dem Transport von materiellen Gütern vom Erzeuger über Händler bis zum Abnehmer, viele weitere menschliche Austauschformen. Grundlegend hierfür ist die direkt oder indirekt gerichtete korporative oder individuelle Gewinnerzielungsabsicht. Dazu gehören: Immaterielle, aber leistungsorientierte Austauschformen wie interpersonaler oder interorganisationaler Wissenstransfer Austausch von immateriellen Verfügungsrechten Logistikprozesse im weiteren Sinn, wozu auch Messen, Kongresse sowie Marketing und Vertriebsorganisationen, aber auch die klassischen Märkte gehören Infrastruktur und Verkehrsträger die Finanzbranche, Börsen, Investitionen und allgemeine Spekulationen im weiteren Sinn auch Tourismus und alle Formen von organisierten personellen Standortverlagerungen mit Gewinnerzielungsabsicht, z. B. individueller Grenzhandel (finnischer Spirituosentourismus in Estland, Polenmärkte etc.) Regierungshandeln und Forschungsaktivitäten im Querschnitt zu ökonomischen Bezügen

Geografisch mini|Ostseegliederung Ökonomische Cluster, Raumplanung, Netzwerkbeziehungen, Kooperationsmodelle, globale Verflechtungen und Akteurskonstellationen sind grundlegende Betrachtungsdimensionen des Handels.

Es gibt und gab einen ostseeexternen Handel, also den Güteraustausch von einem Ort des Ostseeraums zu einem Ort außerhalb des Ostseeraums, und den ostseeinternen Handel. Die Minimaldefinition für Ostseehandel sieht entweder den geografischen Ursprung einer Transaktion oder ein geografisches (Zwischen-)Ziel innerhalb des Ostseeraums vor.

Das Binnenland des Ostseehandels reichte historisch so weit, wie schiffbahre Zubringerflüsse Binnenschifffahrt ermöglichten. Im Süden endete dieser Einfluss erst südlich der Oder. Die Zentren Breslau, Frankfurt an der Oder (Frankfurter Messe), aber auch Warschau, Leipzig (Leipziger Messe, Via Imperii), die Altmark, das Havelland und ebenso die Elbschifffahrt gehören historisch zum Wirtschaftsraum der Ostseeregion.

Künstliche Wasserstraßen haben diesen Einflussraum stetig erweitert.

Politisch-historisch Supranationale Verbünde wie die heutige Europäische Union, aber auch die Hanse schufen politische Wirtschaftsräume. Personal- und Realunionen wie Sachsen-Polen oder Polen-Litauen führten zum Aufbau von Wirtschaftsverflechtungen, die jahrhundertelang stabil waren und bis heute nachwirken.

Herrschaftstransformationen des Ostseeraums und Auswirkungen auf den Ostseehandel mini|Ostseeraum auf Basis des Flusssystems mini|Carta marina der Ostsee, 1539 mini|Expansion Schwedens 1560–1660

Der Ostseeraum war und ist eine Zone vielfältiger Austauschbeziehungen. Dort lebten seit Urzeiten verschiedene sprachliche Gemeinschaften – Germanen, Slawen, Balten und Finnen – zusammen, die sich im Mittelalter, zum Teil aber auch erst in der Neuzeit zu Völkern und Staaten entwickelten. Trotz der sehr unterschiedlichen Anrainer, der ungleichen wirtschaftlichen Entwicklung und der verschiedenartigen geologischen und klimatischen Bedingungen bildete die Ostseeregion frühzeitig eine in sich verbundene Geschichtslandschaft. Erst allmählich wurden der Ostseeraum und seine Territorien auch der Schauplatz politischer und kriegerischer Auseinandersetzungen. Kirchliche, ökonomische und kulturelle Vernetzung verdichtete sich aufgrund der verkehrsmäßig leicht zu bewerkstelligenden Kontakte.

Im Zuge der Christianisierung der einst heidnischen alteingesessenen Bevölkerungsgruppen der Prußen, Liven, Letten und weiterer wurden bis 1212 deren Länder von deutschen Kreuzzüglern und Siedlern in Besitz genommen. Dem Deutschen Orden wurden Gebiete zur Bildung eines eigenen weltlichen Staates übertragen. Deutsche Kaufleute gründeten Reval, der Schwertbrüderorden setzte sich gegenüber den Dänen in Estland durch. An der Newa 1240 und auf dem Peipussee 1242 endeten weitergehende deutsche und skandinavische Expansionsversuche. Die Städte Livlands mit der kaufmännischen deutschen Oberschicht und einem aus ihr hervorgehenden Stadtrat an der Spitze gehörten fast alle der Hanse an.Klaus Garber, Martin Klöker: Kulturgeschichte der baltischen Länder in der Frühen Neuzeit: Mit einem Ausblick in die Moderne. Max Niemeyer Verlag, Tübingen 2003, S. 18–20. Dieser Teil der Ostsee gehörte fortan zum christlichen und westlich geprägten Abendland.

Im Zuge der frühneuzeitlichen hegemonialen Kämpfe, auch als Nordische Kriege bezeichnet, um das Dominium maris baltici war die staatliche Zugehörigkeit einzelner Küstenländer im Laufe der Geschichte häufigen Veränderungen unterworfen. Verschiedene Mächte gewannen jeweils für längere Perioden die Herrschaft über die Ostsee oder zumindest Teile der Küste, so zum Beispiel das Schwedische Reich im 17. Jahrhundert. Diese herrschaftlichen Reiche kontrollierten vor allem den Transit der Meeresengstellen wie den Sund und verfügten damit über wichtige Einnahmen, wobei der Sundzoll die entscheidende Finanzgröße darstellte. Der Getreidehandel war in der frühen Neuzeit bestimmend. Er ging vor allem in die hoch urbanisierten Niederlande und sicherte deren Versorgung ab.

Gleichzeitig war der Ostseeraum Schauplatz eines intensiven Austausches auf allen Ebenen des gesellschaftlichen und kulturellen Lebens. Die Verdichtung der Kommunikation mithilfe von Schifffahrt und Handel sowie die Migration von Personengruppen förderten Transformationsprozesse, die zum Teil herrschaftlich-staatlichen Entwicklungen entgegenliefen. So entstanden supranationale Kulturen, wie die der Wikinger und der Slawen (Kiewer Rus, Republik Nowgorod und weitere) oder der Hanse. Auch die Niederlandisierung im 16./17. Jahrhundert sowie die Sowjetisierung im 20. Jahrhundert prägten den Ostseeraum.

Dänemark, Schweden und Russland errichteten und unterhielten große Kriegsflotten, um ihre maritimen Interessen und territoriale Integrität zu schützen. Der Raum war zugleich zwischen 1500 und 1800 häufiger Schauplatz großer Seeschlachten. Schweden konnte das Meer und den Handel im 17. Jahrhundert aufgrund seiner Flotte als „Mare Nostrum“ vollständig dominieren. Es verlor diesen Status jedoch nach 1700 an Russland und sank fortan zu einer sekundären Macht ab.

Der Ostseeraum durchlief nach 1800 noch verschiedene Wahrnehmungswandel. Russland intensivierte im 18. Jahrhundert seine Herrschaft in den neu gewonnenen Ostseeprovinzen Ingermanland, Schwedisch-Estland, Livland und Kurland. Mit Sankt Petersburg entstand ein „Fenster zum Westen“, über das fortan die meisten Austausche mit dem europäischen Westen erfolgten. Russland, die neue nordische Großmacht, versuchte fortan geopolitisch ein Nordisches System zu errichten. Es folgte im 19. Jahrhundert eine langanhaltende russisch dominierte Ruhe des Nordens, die bis zum Ersten Weltkrieg anhielt und die den Charakter der Ostsee als eines quasi-russischen Binnenmeeres konservierte. Der nationalsozialistische Historiker Erich Maschke entwarf das Bild eines germanischen Ostseeraums. Die 1940 erfolgte sowjetische Okkupation der baltischen Staaten und deren Einverleibung in die Sowjetunion sowie der Verlust der meisten deutschen Gebiete an der Ostseeküste reduzierten das allgemeine Interesse an dieser Region, das vor allem von Emigranten und Heimatverbänden wachgehalten wurde.

Einschneidend waren die politischen Umbrüche von 1989, die der Region zu einer neuen Bedeutung verhalfen. Finnen und Esten nahmen sich verstärkt wahr. Der wissenschaftliche Austausch zwischen Deutschland und den Ostseeanrainerstaaten belebte sich nachhaltig. Schleswig-Holstein eröffnete 1988 die Debatte um eine Neue Hanse, die in Anlehnung an die Städtehanse des Mittelalters die Kooperation der Ostseeländer auf eine neue Basis stellen sollte. Dem folgten kulturelle Initiativen wie die Kunstausstellungen Ars Baltica und das Musikfestival Jazz Baltica. Ermöglicht wurde dies von den politischen Ereignissen von 1989 und dem Zerfall der Sowjetunion. Damit veränderte sich die Wahrnehmung des Raumes ein weiteres Mal. Städte und Länder, die als weit entfernt, unbekannt und fremd gegolten hatten, wurden in der Nachbarschaft entdeckt und trotz des sichtbaren ökonomischen Verfalls als kulturell ähnlich wahrgenommen. Gleichzeitig entwarfen Politiker den Ostseeraum als Zukunftsregion. Vor allem die skandinavischen Staaten (wo allein Dänemark der EU angehörte) fürchteten, von der Dynamik des europäischen Einigungsprozesses überholt und marginalisiert zu werden. Daher gründeten die Ostseeanrainer auf Initiative der dänischen und deutschen Außenminister Uffe Ellemann-Jensen und Hans-Dietrich Genscher 1992 den Ostseerat, der durch Treffen von Ministerpräsidenten, Außenministern und Parlamentariern die Kooperation auf politischem Gebiet deutlich intensivierte und die Arbeit zahlloser Subkomitees und NGOs inspirierte. Durch die Mitgliedschaft aller Ostseeanrainer sowie Islands im Westen wurde die Ostsee noch einmal – diesmal politisch – neu definiert. Die EU-Osterweiterung seit 2004, durch die jetzt alle Ostseeanrainer mit Ausnahme Russlands der Europäischen Union angehören, und die Verkündung der EU-Strategie für den Ostseeraum 2009 veränderten das Bild des Raumes erneut. Durch die Ostseeraum-Strategie mit den Schwerpunkten Umwelt, Wirtschaft, Sicherheit und Erreichbarkeit soll die Ostseeregion zu einer Modellregion für regionale Kooperation in der EU werden. Dazu gehören Konstruktionen des Ostseeraumes als Missions-, Handels-, Herrschafts- und Kooperations- bzw. Zukunftsregion(en).

Das wiedererwachte politische Interesse hat der Ostseeraumforschung wesentliche Impulse gegeben.

Auswirkungen des Handels in den Austauschbeziehungen