mini|Stich eines Chartisten-Aufstands Die Chartisten waren eine politische Reformbewegung im Vereinigten Königreich in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Sie werden „manchmal als die erste unabhängige Arbeiterbewegung bezeichnet, die sich auf britischem Boden bildete.“In deutscher Übersetzung nach William Brustein und Louisa Roberts: The Socialism of Fools? Leftist Origins of Modern Anti-Semitism. Cambridge University Press, New York 2015, S. 144.

Sie vertraten vornehmlich die folgenden Forderungen:

Zulassung von Gewerkschaften Arbeitszeitverkürzung (Zehn-Stunden-Tag) und bessere Arbeitsbedingungen Erweiterung des Wahlrechts Aufhebung der Kornzölle

Die Ziele wurden nur zum Teil erreicht, insbesondere nicht die Forderung nach allgemeinem Wahlrecht, die in der People’s Charter formuliert war.

Aber es wurden (zum Teil mit erheblicher Verzögerung) erreicht: 1842 und 1844 Arbeiterschutzgesetze 1844 die Gründung der Bewegung der Konsumgenossenschaften 1846 die Aufhebung der Kornzölle 1847 der Zehn-Stunden-Tag

Chartisten setzten sich für die Abschaffung weiblicher Fabrikarbeit ein, um so die Versorgung der Familie durch die Frau und die Ernährung der Familie durch den Mann zu sichern.

Verlauf

Anfänge Die Entstehung ist vermutlich auf den Reform Act von 1832 zurückzuführen, der dem größten Teil der bürgerlichen Mittelklasse das Wahlrecht gab, nicht aber der Arbeiterklasse.

Da sehr viele Organisationen den Chartisten zugerechnet werden, sprechen manche Forscher nicht von einer Bewegung, sondern von einer Zeit, in der die Arbeiter an die Lösbarkeit ihrer Probleme durch politische Reformen glaubten („For a short period, thousands of working people considered that their problems could be solved by the political organization of the country.“ – Dorothy Thompson in The Chartists). Anfangs nahm Thomas Attwood (1783–1856) ein englischer Bankier, Ökonom und bürgerlicher Politiker an der Chartistenbewegung teil.

Am 8. Mai 1838 wurde die von William Lovett formulierte People’s Charter veröffentlicht.Chartismus. In: Wörterbuch der Geschichte. Band I. Dietz Verlag, Berlin 1983; Lizenzausgabe: Pahl-Rugenstein, Köln 1984, S. 153. Sie enthielt folgende Ziele: Allgemeines Wahlrecht für Männer ab 21 Jahren gerechte Wahlkreisaufteilung (u. a. Beseitigung der Rotten boroughs) geheime Wahl Beseitigung von Einschränkungen für das passive Wahlrecht für Parlamentsabgeordnete Besoldung von Parlamentsabgeordneten regelmäßige Parlamentssitzungen

Diese Wahlreformbewegung verband sich mit bereits vorher bestehenden, meist sozial ausgerichteten Selbstorganisationsformen der Arbeiterschaft, die nun erstmals politische Forderungen formulierten. Von 1836 an kam es zu einer Gründungswelle von Arbeiterorganisationen, begünstigt auch durch die wiederholten britischen Wirtschaftskrisen in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Träger der People’s Charter wurde die London Working Men’s Association (LWMA). Sie beanspruchte für sich die Vertretung der Interessen der qualifizierten Facharbeiter. Mit friedlichen und legalen Mitteln sollte für diese Gruppe politischer Einfluss errungen werden. Dabei galt es sich sowohl gegen die Grundbesitzer als auch gegen die aufstrebenden, die Wirtschaft beherrschenden Großbürger durchzusetzen, die gemeinsam das Parlament dominierten. Aus der People’s Charter spricht die Forderung, den Arbeitern selbst den Weg in das Unterhaus zu öffnen und ihren Einfluss bei den Wahlen zu erhöhen, um dadurch soziale Verbesserungen für die Arbeiterschaft zu erreichen. Das Werkzeug zum Erreichen dieses Ziels sollte eine auf zahlreiche Unterschriften aus der Bevölkerung gestützte Petition an das Unterhaus sein.

Erste Charter Die sechs Forderungen verbreiteten sich nach ihrer Veröffentlichung 1838 rasch durch das gesamte Land. Einen erheblichen Beitrag dazu leistete der irische Unterhaus-Abgeordnete Feargus O’Connor, der mit seiner Befürwortung gewaltsamer Aktionsformen, der so genannten physical force zwar in Opposition zur LWMA stand, mit seiner Zeitung Northern Star aber die neue Bewegung in die Öffentlichkeit trug und verschiedene radikale Gruppen in Leeds zur Great Northern Union vereinte. Auch die bis dahin nur aus wenigen hundert Mitglieder bestehende LWMA erlebte eine Wachstumsphase. Neben der LWMA unterstützten zahlreiche andere radikale Organisationen die People’s Charter. Neben London bildete Birmingham ein Zentrum des frühen Chartismus, wenn auch mit der Birmingham Political Union (BPU) als eigenständige Organisation und der National Petition als eigenem Basisdokument. Eine Voraussetzung für den Erfolg des Chartismus war die starke Unterstützung durch die Gewerkschaften, die agitations-erfahrene Führungsfiguren und ein das Land überspannendes, in industriellen Zentren besonders dichtes Organisationsnetz boten. Zahlreiche Publikationen, Pamphlete, Reden und Versammlungen zu programmatischen Fragen und zur Vorbereitung der Petition sowie einer nationalen Versammlung der Vertreter des Chartismus bestimmten das Jahr 1838.

Im Februar 1839 trat der erste Nationalkonvent mit Delegierten der verschiedenen Chartisten-Bewegungen zusammen, der mit LWMA-Anführer William Lovett einen Gemäßigten zu ihrem Sprecher wählte. Die eigentliche Aufgabe der Versammlung war die Vorbereitung der Petitions-Übergabe an das Parlament. Diskutiert wurde allerdings vor allem die Vorgehensweise der Bewegung im Falle der Ablehnung der Petition. Dass die Petition nicht angenommen werden würde, war den Teilnehmern des Konvents klar. Strittig blieb die Frage, ob darauf und auf die ebenfalls befürchteten repressiven Maßnahmen des Staats mit physical force oder weiterhin mit moral force, also der lediglichen Zurschaustellung der großen Unterstützermassen, geantwortet werden sollte. Nach dem Ausscheiden verschiedener moderater Gruppen setzten sich die Verfechter der physical force weitgehend durch. Für den Fall der Ablehnung der Petition wurde gewaltsame Gegenwehr sowie Streikaktionen und Massenversammlungen als ulterior measures angekündigt. Auch in den lokalen Gliederungen, insbesondere im Norden Englands, stieg die Gewaltbereitschaft der Chartisten.

Dem Unterhaus wurden am 7. Mai 1839 1,3 Millionen Unterschriften zur Unterstützung der People’s Charter übergeben. Nur eine Minderheit der Abgeordneten war bereit, die Forderungen überhaupt zu diskutieren. In London wurde ein starkes Polizeiaufgebot zusammengezogen. Die meisten Mitglieder der Bewegung waren vom Misserfolg der Petition aber mehr schockiert als dass sie ihn als Anlass für einen Aufstand ansahen. Ein erwogener Generalstreik wurde nie in Angriff genommen. Zahlreiche Delegierte verließen den Konvent, der ab Mai in Birmingham weitertagte. Aufgrund innerer Streitigkeiten löste sich die Versammlung im September 1839 auf.

Nach der missglückten Petition kam es im Umfeld des Chartismus, auch als Reaktion auf die anlaufende Verhaftungs- und Prozesswelle, von der nahezu alle Anführer betroffen waren, zu gewaltsamen Auseinandersetzungen. Allerdings handelte es sich dabei nicht um die diskutierten ulterior measures. Sie wurden nicht konsequent oder gar nach einem das gesamte Land umfassenden Plan umgesetzt. Aus dem für einen Monat geplanten Generalstreik wurde eine lediglich dreitägige Arbeitsniederlegung in einigen Regionen, die aber zahlreiche Verhaftungen zur Folge hatte. Die chartistischen Führer und vor allem die Teilnehmer des Konvents versuchten, die Lage zu entspannen. Trotzdem zeigten sich die Chartisten zunehmend in milizähnlichen Formationen im Straßenbild, trainierten den Waffengebrauch und verstärkten die Propagandaarbeit vor Ort. Auch die Öffentlichkeit erwartete eine unmittelbar bevorstehende Konfrontation zwischen der Bewegung und dem Staat.

Besonders schwerwiegend war der Versuch einer großen Arbeitermenge, Schätzungen sprechen von 3.000 bis 7.000, im walisischen Newport den Chartistenführer Henry Vincent aus dem Gefängnis zu befreien. Der von seinen Anführern als Beginn einer Revolution gedachte Aufstand scheiterte jedoch an der massiven Gegenwehr der Polizei. Aufstände im restlichen Großbritannien blieben aus, da auch dort die Behörden mit einer Verhaftungswelle gegen die Chartisten vorgingen.

Zweite Charter Zu Beginn des Jahres 1840 hatte der Chartismus durch den offensichtlichen Misserfolg der ersten Petition und die Verhaftung zahlreicher Führungsfiguren viel von seiner Anziehungskraft verloren. Auch die positive Wirtschaftsentwicklung schwächte die Bewegung. Allerdings setzte fast gleichzeitig eine organisatorische Neuformierung ein. Noch 1840 entstand die National Charter Association (NCA), der die Mehrzahl der aktiven Chartisten beitrat. Die neue Organisation setzte verstärkt auf die Beeinflussung der öffentlichen Meinung durch Vorträge und Pamphlete. Zudem wurden die Koordination der lokalen chartistischen Gruppen, für die der Northern Star weiterhin eine zentrale Rolle spielte, und das Sammeln von Finanzmitteln vorangetrieben. Die folgenden Jahre waren aber auch von Abspaltungen einzelner Zirkel, Auseinandersetzungen zwischen Chartisten und anderen Reformgruppen, der Herausbildung religiös motivierter Gruppen und vom verstärkten Engagement in der Lokalpolitik geprägt. Vor allem die chartistischen Kirchen sowie die chartistische Abstinenzbewegung, beide vor allem in Schottland stark, lösten sich aus der Gesamtbewegung und sahen sich zunehmend weniger als Teilströmung und mehr als Alternative.

Bis 1842 wuchs die NCA zu einer Massenbewegung mit 70.000 Mitgliedern an. Trotz des Misserfolgs und der Verfolgung des Jahres 1839 kehrten nur wenige Chartisten der Bewegung den Rücken. Vor allem führende Vertreter der moral-force-Fraktion waren von den Gewaltereignissen abgeschreckt worden. Das chartistische „Fußvolk“ blieb jedoch in der Bewegung. Bereits kurz nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis im August 1841 weitete Feargus O’Connor seinen Einfluss auch auf die NCA aus. Als autoritärer Anführer formte er den Chartismus in Richtung auf eine unter ihm geschlossene Organisation um. Sein physical-force-Kurs führte zum Bruch mit Teilen der Organisation unter Lovett und weiteren lokalen Gruppen vor allem in Schottland. Gleichzeitig scheiterten Versuche, sich in der Complete Suffrage Union mit dem Bürgertum zu verbünden.

Schon während der Gründung der NCA war die Organisation einer neuen landesweiten Petition ein zentrales Ziel der Chartisten. Im Winter 1841/42 betrieben führende Chartisten, allen voran Feargus O’Connor, massive Propagandakampagnen zum Sammeln von Unterschriften, die weitaus besser organisiert waren als die Vorarbeit zur ersten Petition. Zusätzlichen Auftrieb erhielt die Petitionskampagne durch den vorangegangenen Regierungswechsel. Die Chartisten hofften, in der Tory-Regierung und dem neu zusammengesetzten Unterhaus wohlgesinnte Ansprechpartner zu finden.

Dem Unterhaus wurde die zweite Petition mit 3,3 Millionen Unterschriften am 4. Mai 1842 vorgelegt. Das Dokument enthielt neben den Forderungen der ursprünglichen People’s Charter eine größere Zahl von exakt umrissenen politischen Forderungen, unter anderem Beschwerden über die cruel wars against liberty und die unconstitutional police force. Darüber hinaus wurden das Poor Law von 1834, die Arbeitsbedingungen in den Fabriken sowie die Erhebung von Kirchensteuern auf Nonkonformisten kritisiert und Königin Victoria persönlich angegriffen. Auch diese Unterschriftenliste wurde abgelehnt. Der Bewegung versetzte das einen weitaus stärkeren Schlag als das Scheitern von 1839.