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Die vorgezogene Wahl zum belgischen Parlament 1974 wurde am 10. März 1974 abgehalten. Zur Wahl standen die 212 Mitglieder der Abgeordnetenkammer und die 106 direkt gewählten von insgesamt 185 Mitgliedern des Senats.

Vorgeschichte Nach der Parlamentswahl 1971 bildete Gaston Eyskens erneut eine 3-Parteien-Regierung bestehend aus flämischen (CVP) und wallonischen Christdemokraten (PSC), sowie den Sozialisten BSP-PSB. Nach dem Rücktritt Eyskens’ wegen des Streits um den Status von Fourons wurde im Januar 1972 von dem wallonischen Sozialisten Edmond Leburton eine neue 5-Parteien-Regierung gebildet, der neben Christdemokraten und Sozialisten auch die flämischen (PVV) und wallonischen Liberalen (PLP)angehörten. Diese Regierung verfügte im Gegensatz zu ihrer Vorgängerin über eine für eine Verfassungsänderung notwendige Zweidrittelmehrheit in Kammer und Senat.

Im Oktober 1973 wurde die Regierung umgebildet. Sie stützte sich weiterhin auf Christdemokraten, Sozialisten und Liberale, statt wie bisher 22 Minister und 14 Staatssekretäre gehörten der Regierung Leburton II nur noch 22 Minister und sechs Staatssekretäre an. Nach wenigen Monaten trat Premierminister Leburton im Januar 1974 zurück. Nachdem die Bildung einer neuen Regierung gescheitert war, wurden vorzeitige Neuwahlen für den 10. März 1974 angesetzt. Ursache für den Rücktritt war die Ibramco-Affäre, der gescheiterte Versuch der belgischen Regierung, gemeinsam mit der staatlichen iranischen Ölgesellschaft NIOC in der Provinz Lüttich nahe der niederländischen Grenze eine Raffinerie zu errichten.

Kammer (Unterhaus) Ergebnisse Es errangen neun Parteien Sitze in der Abgeordnetenkammer.

In den 70er Jahren teilten sich die belgischen Parteien zunehmend nach sprachlichen Kriterien in eine flämisch- und eine wallonischsprachige Partei auf. Besonders kompliziert wurde es in der Provinz Brabant, die sowohl flämisch- als auch französischsprachige Arrondissements sowie das zweisprachige Brüssel umfasste.

Die Sozialisten – obwohl noch eine gesamtbelgische Partei – traten 1971 in den flämischen Provinzen als BSP, in den französischsprachigen Provinzen als PSB an. In Brabant kandidierten sie in den flämischen Arrondissements als Rode Leeuwen (Rote Löwen) und in den französischsprachigen Arrondissements als PSB(BRUX). Im zweisprachigen Brüssel kandidierten beide Listen. Bei der Wahl 1974 trat, mit Ausnahme von Brabant, eine landesweite Liste BSP/PSB an. In Brabant kandidierten 1974 in den flämischen Arrondissements die BSP Rode Leeuwen und in den französischsprachigen Arrondissements die PSB. Im zweisprachigen Brüssel kandidierten beide Listen. Obwohl die Listen zusammen 4,2 % zulegten, verloren die Sozialisten neun Sitze.

Bei den Christdemokraten kandidierte die CVP in den flämischen Provinzen und die PSC in den wallonischen Provinzen. In Brabant trat 1971 eine gemeinsame Liste CVP/PSC an. 1974 kandidierte in Brabant in den flämischensprachigen Arrondissements und Brüssel die CVP und in den französischsprachigen Arrondissements und Brüssel die PSC auf getrennten Listen. Die Christdemokraten verbesserten sich um 2,3 % und fünf Sitze.

Für die Liberalen trat die PVV 1971 in den flämischen Provinzen an, in den wallonischen Provinzen die PLP. In Brabant Kandidierte in Brüssel und den flämischsprachigen Arrondissements eine gemeinsame Liste PVV/PLP in den französischsprachigen Arrondissements und in Brüssel kandidierte die PLP(BRUX). 1974 trat landesweit eine gemeinsame Liste PVV/PLP an, nur in Brüssel kandidierte die PLP zusätzlich auf einer separaten Liste. Die Liberalen büßten 0,8 % und vier Sitze an.

Die flämische Volksunie konnte trotz leichter Stimmverluste einen Sitz dazugewinnen.

Die frankophone FDF trat 1971 gemeinsam mit dem RW in Brüssel und dem französischsprachigen Brabant an. 1974 kandidierte eine gemeinsame Liste von FDF und PLDP in Brüssel. Bei leichten Stimmgewinnen verbesserte sie sich um zwei Sitze. Der nur in Wallonien kandidierende Rassemblement Wallone (RW) büßte bei geringen Stimmverlusten einen Sitz ein.

Die Kommunisten traten 1971 in Flandern als KP bzw. PCB an. In Wallonien kandidierten sie als PC. 1974 kandidierten sie landesweit als KPB/PCB. Sie verloren ein Drittel der Stimmen und drei von fünf Sitzen. Die UDP-DN kandidierte nur in einigen Wahlkreisen der Provinz Namur und konnte zwei Sitze gewinnen.

Das amtliche Endergebnis: mini|hochkant=1.5|Stimmenstärkste Parteien nach Wahlkreisen: Wahlberechtigte abgegebene Stimmen 90,33 % gültige Stimmen 92,07 % Stimmen Anteil ± zu 1971 Sitze ± zu 1971 PSB/BSP 26,66 % +26,66 % 59 +59 CVP 23,25 % +4,93 % 50 +10 PVV/PLP 15,19 % +13,15 % 30 +26 VU 10,2 % −0,91 % 22 +1 PSC 9,09 % +2,89 % 22 +7 FDF-PLDP 5,73 % +5,73 % 14 +14 RW 5,12 % −0,69 % 11 −1 PSB 3,13 % −7,27 % 0 −25 KPB/PCB 2,04 % +2,04 % 2 +2 PLP 0,40 % −4,82 % 0 −11 UDP-DN 0,07 % +0,07 % 2 +2 PC – – −1,74 % – −4 FDF-RW – – −5,43 % – −12 KP – – −1,28 % – −1 PLP(BRUX) – – −1,71 % – −3 PSC/CVP – – −5,53 % – −12 PSB(BRUX) – – −3,08 % – −7 RL – – −1,97 % – −4 PVV – – −7,42 % – −16 BSP – – −11,80 % – −25

Anmerkungen BSP Belgische Socialistische Partij 1971 In den Provinzen Antwerpen, Limburg, Ost- und Westflandern BSP/PSB Belgische Socialistische Partij /Parti socialiste belge 1974 In allen Provinzen außer Brabant CVP Christelijke Volkspartij 1971 In den Provinzen Antwerpen, Limburg, Ost- und Westflandern 1974 In den Provinzen Antwerpen, Brabant, Limburg, Ost- und Westflandern FDF-PLDP Front Démocratique des Francophones -Parti Libéral Démocrate et Pluiraliste 1974 In der Provinz Brabant FDF-RW Front Démocratique des Francophones -Rassemblement wallon 1971 In der Provinz Brabant KP Kommunistische Partij 1971 in den Provinzen Antwerpen, Brabant, Limburg, Ost- und Westflandern KPB/PCB Kommunistische Partij van België /Parti Communiste de Belgique 1974 In den Provinzen Antwerpen, Brabant, Limburg, Lüttich, Ost- und Westflandern PC Parti Communiste 1974 in den Provinzen Hennegau und Lüttich PLP Parti pour la Liberté et le Progrès 1971 In den Provinzen Hennegau, Lüttich, Luxemburg und Namur 1974 In der Provinz Brabant PLP(BRUX) Parti pour la Liberté et le Progrès (Bruxelles) 1971 In der Provinz Brabant PSB Parti socialiste belge 1971 In den Provinzen Hennegau, Lüttich und Namur 1974 In der Provinz Brabant PSB(BRUX) Parti Socialiste Belge (Bruxelles) 1971 In der Provinz Brabant PSC Parti Social-Chrétien 1971 In den Provinzen Hennegau, Lüttich, Luxemburg und Namur 1974 In den Provinzen Brabant, Hennegau, Lüttich, Luxemburg und Namur PSC/CVP Parti Social-Chrétien / Christelijke Volkspartij 1971 In der Provinz Brabant PVV Partij voor Vrijheid en Vooruitgang 1971 In den Provinzen Antwerpen, Limburg, Ost- und Westflandern PVV/PLP Partij voor Vrijheid en Vooruitgang /Parti pour la Liberté et le Progrès 1971 In der Provinz Brabant 1974 In allen Provinzen RL Rode Leeuwen 1971 in den Provinzen Brabant und Westflandern RW Rassemblement Wallon 19711974 In den Provinzen Hennegau, Lüttich, Luxemburg und Namur UDP-DN Union démocratique et progressiste – Démocratie Nouvelle 1974 In der Provinz Namur VU Volksunie 19711974 In den Provinzen Antwerpen, Brabant, Limburg, Ost- und Westflandern

Senat (Oberhaus) Neben den Kammer-Abgeordneten wurden auch 106, von insgesamt 185 Senatoren, direkt gewählt.

Ergebnisse Insgesamt acht Parteien wurden in den Senat gewählt.

Wie in der Kammer ist es auch im Senat schwierig, die Wahlergebnisse mit den Resultaten von 1974 zu vergleichen.

Die Sozialisten (1971: BSP und PSB; 1974 BSP/PSB und BSP Rode Leeuwen) verloren einen Senatssitz. Die Christdemokraten (1971: PSC/CVP; 1974 CVP und PSC) verbesserten sich um drei Sitze. Die Liberalen verloren ein Mandat. Die flämische Volkunie verlor zwei Sitze, die frankophone FDF (1971: FDF-RW und PLDP; 1974 FDF-PLDP) gewann einen Sitz dazu, die Kommunisten konnten ihr Mandat verteidigen.

Das amtliche Endergebnis: Wahlberechtigte abgegebene Stimmen 90,33 % gültige Stimmen 90,77 % Stimmen Anteil ± zu 1971 Sitze ± zu 1971 BSP/PSB 25,11 % +25,11 % 27 +27 CVP 23,53 % +23,53 % 27 +27 PVV/PLP 14,58 % −0,32 % 16 +1 FDFRW-PLDP 11,37 % +11,37 % 13 +13 VU 10,52 % −0,85 % 10 −2 PSC 8,3 % +8,3 % 10 +10 KPB/PCB 2,22 % +0,17 % 1 ±0 BSPRL 1,60 % −0,27 % 2 +2 PSC/CVP – – −29,70 % – −34 BSP – – −11,82 % – −6 PLDP – – −1,56 % – −2 FDF-RW – – −11,49 % – −6 PSB – – −13,63 % – −16

Anmerkungen BSP Belgische Socialistische Partij 1971 In den Provinzen Antwerpen, Limburg, Ost- und Westflandern BSP/PSB Belgische Socialistische Partij /Parti Socialiste Belge 1974 In allen Provinzen BSPRL Belgische Socialistische Partij Rode Leeuwen 19711974 In der Provinz Brabant CVP Christelijke Volkspartij 1974 In den Provinzen Antwerpen, Brabant, Limburg, Ost- und Westflandern FDF-RW Front Démocratique des Francophones – Rassemblement Wallon 1971 In den Provinzen Brabant; Hennegau, Lüttich, Luxemburg und Namur FDFRW-PLDP Front Démocratique des Francophones Rassemblement Wallon –Parti Libéral Démocrate et Pluraliste 1974 In den Provinzen Brabant; Hennegau, Lüttich, Luxemburg und Namur KPB/PCB Kommunistische Partij van België -Parti communiste de Belgique 19711974 In den Provinzen Antwerpen, Brabant, Limburg, Lüttich, Ost- und Westflandern PLDP Parti Libéral, Démocrate et Pluraliste 1971 In der Provinz Brabant PSB Parti Socialiste Belge 1971 In den Provinzen Brabant, Hennegau, Lüttich, Luxemburg und Namur PSC Parti Social-Chrétien 1974 In den Provinzen Brabant, Hennegau, Lüttich, Luxemburg und Namur PSC/CVP Parti Social-Chrétien / Christelijke Volkspartij 1971 In allen Provinzen PVV/PLP Partij voor Vrijheid en Vooruitgang /Parti pour la Liberté et le Progrès 19711974 In allen Provinzen VU Volksunie 19711974 In den Provinzen Antwerpen, Brabant, Limburg, Ost- und Westflandern

Anmerkung zur Senatswahl 1971 Die Angaben zu den Sitzen sind in der benutzten Quelle offensichtlich fehlerhaft. Die Summe der Senatssitze ergibt 92 statt 106. Wenn man auf fgov.be die Resultate für die einzelnen Provinzen, bzw. Arrondissements betrachtet, fehlen auch dort Sitze.

Zwei Quellen schlüsseln die einzelnen Listen nicht so detailliert auf, stimmen aber in den Resultaten überein und haben als Summe 106 Senatssitze.

Partei Sitze CVP/PSC 34 BSP/PSB 30 PVV/PRL 17 VU 12 FDF-RW 12 KPb/PCB 1

Regierungsbildung Am 25. April bildete Premierminister Leo Tindemans (CVP) eine Minderheitsregierung aus flämischen (CVP) und wallonischen (PSC) Christdemokraten sowie flämischen (PVV) und wallonischen (PLP) Liberalen. Die Regierung verfügte über 102 der 212 Parlamentssitze. Wenige Wochen später, am 12. Juni 1974, trat der Rassemblement Wallone (RW) in die Regierung ein. Die Regierung Tindemans II hatte nun mit 113 Mandaten eine Mehrheit in der Abgeordnetenkammer.

Literatur

Einzelnachweise

#1974 Belgien Parlament