Mit der Faust in die Welt schlagen ist ein Roman des Autors Lukas Rietzschel. Er handelt vom Leben zweier Brüder, die in einem ostsächsischen Dorf aufwachsen, das der Autor „Neschwitz“ nennt. Thematisiert wird die Radikalisierung Jugendlicher in Ostdeutschland zwischen 2000 und 2015. Das Buch ist im September 2018 im Ullstein Verlag erschienen.

Autor

Der Autor Lukas Rietzschel wurde 1994 in Räckelwitz geboren. Er wuchs in einfachen Verhältnissen in Kamenz auf. Seine Mutter war Krankenschwester, sein Vater Fliesenleger. Er studierte Politikwissenschaft und Germanistik in Kassel, was dort auch ohne Abitur als Eingangsvoraussetzung möglich ist.Felix Bayer: Sächsischer Autor Lukas Rietzschel "Man kann mit dem Osten über den Osten reden". Spiegel Online. 16. September 2018, abgerufen am 16. Februar 2020 An der Hochschule Zittau/Görlitz studierte Rietzschel nach seinem Weggang aus Kassel Kulturmanagement.Philipp Ettel: Buchtipp: "Mit der Faust in die Welt schlagen". sputnik.de. 6. September 2018, abgerufen am 16. Februar 2020 Heute lebt und arbeitet Lukas Rietzschel in Görlitz. Seine Leidenschaft für das Lesen und Schreiben entdeckte er im Alter von 16 Jahren.

Die Idee zu seinem Roman Mit der Faust in die Welt schlagen kam ihm im Zuge der Ereignisse der Flüchtlingskrise 2014/15 und der damit zusammenhängenden zunehmenden Fremdenfeindlichkeit. Lukas Rietzschel lebte zu dieser Zeit in Kassel, und er hat es, wie er selbst sagt, aus dem bildungsfernen Milieu, d. h. aus seiner Sozialisation als typisches Arbeiterkind ohne Büchersammlung zu Hause, herausgeschafft. Er sah, wie sich in seiner Heimat, in Ostsachsen, alte Schulfreunde in der medialen und realen Welt zunehmend ausländerfeindlich zeigten. Mit seinem Debütroman möchte er „irgendwie erklären, was da passiert und passiert ist“. Auch wenn sich in dem Buch mehrere Parallelen zu Lukas Rietzschels eigenem Leben finden, enthält es dennoch (wie jeder epische Text) kein „Abbild“ des Lebens in Ostsachsen, sondern Rietzschel lässt seine eigenen Erfahrungen und Fiktionen zu einer Geschichte zusammenfließen.

Literarische Epoche

Der Roman Mit der Faust in die Welt schlagen ist ein Werk der deutschen Gegenwartsliteratur. Dabei lässt sich der Roman auf die Nachwende- beziehungsweise Post-DDR-Literatur spezifizieren. Jegliche Ereignisse des Buches basieren auf den Folgen der Wende, auch wenn der Roman den Vorgang der Wende selbst nicht behandelt. Alle Geschehnisse spielen im Osten Deutschlands respektive der ehemaligen DDR. Lukas Rietzschel nimmt häufig Bezug auf die Ereignisse der DDR- und Transformations-Zeit, wobei die Wende selbst als Zäsur dient, an der sich die Zeitmessung im Roman orientiert. Dies wird gleich auf der ersten Seite des Romans deutlich, wenn der Erzähler sagt: „Dann war der Umzug gekommen […], und jetzt, fünf Jahre später, das eigene Haus. Elf Jahre nach der Wende“ (S. 9).

Zeitgeschichtlicher Hintergrund

Das Buch spielt von 2000 bis 2015 in der Oberlausitz, im Dreieck zwischen Kamenz, Bautzen und Hoyerswerda. Auf dem Hintergrund der Folgen des Zusammenbruchs der DDR und der Umbrüche der TransformationszeitIn seinem Artikel „Wir Nachwende-Künstler“ schreibt Lukas Rietzschel am 7. November 2019 für „Die Zeit“: „Der Osten ist anders. Zu sehen, wie Eltern und Bekannte arbeitslos wurden, wie sie sich im neuen System zu behaupten versuchten, träumten, mitunter scheiterten, ließ mich solidarisch werden. Wenn es im Osten etwas nicht gab, dann Kontinuität. Ob Sympathisant, Gegner oder Mitläufer, alle haben den Bruch erlebt. Es ist kaum jemandem gelungen, sich an seinem Sitz festzuhalten, den Großen und den Kleinen nicht. Ich kann diesen Menschen nichts vorwerfen. Erst recht kann ich nicht nachtreten.“ () entlädt sich die Wut der heranwachsenden Hauptfiguren Tobias und Philipp an den jeweils aktuellen politischen Vorgängen. So schimpfen die beiden über die finanzielle Rettung Griechenlands und versuchen auf verschiedenen Ebenen die Flüchtlingswelle von 2015 zu stoppen, indem sie z. B. beim örtlichen Hexenfeuer Ausländer verprügeln und in Dresden an einer Pegida-Demonstration teilnehmen. Bereits in ihrer Kindheit wird immer wieder auf verschiedene weltpolitische Ereignisse Bezug genommen, als bspw. im Fernsehen über die Terroranschläge des 11. September berichtet wird oder eine Radiosprecherin über den Irakkrieg informiert. Aber auch die rassistischen Ausschreitungen 1991 im nahegelegenen Hoyerswerda oder Übergriffe auf Sorben werden wiederholt thematisiert. Durch all dies macht Lukas Rietzschel die Aktualität des Buches deutlich; er stellt die erzählte Handlung in den Kontext der Ereignisse in Deutschland und der Welt.

Inhaltsangabe

Im Mittelpunkt des Romangeschehens stehen die fiktiven Brüder Tobias und Philipp Zschornack, die in Neschwitz, einem Dorf in Ostsachsen, als Söhne einer Krankenschwester und eines Elektrikers aufwachsen. Die beiden Geschwister erleben in ihrer Kindheit mit dem Umzug aus dem DDR-Plattenbau in das neu gebaute Einfamilienhaus den sozialen Aufstieg der Familie. Dabei verspricht das eigene Haus den Aufstieg in die Mittelschicht. Doch das Familienglück ist nicht von Dauer; in ihrer Jugend erleiden Philipp und Tobias das Scheitern der Ehe ihrer Eltern, das schließlich in der Aufgabe des Eigenheims mündet und zum erneuten Einzug der Mutter in den zuvor verlassenen Neschwitzer Plattenbau führt. Philipp und Tobias leiden zudem sehr unter dem Tod ihres geliebten Großvaters und sie bemerken in zunehmendem Maße die Trostlosigkeit ihrer durch Verfall und Arbeitslosigkeit gekennzeichneten Heimat. Niemand scheint in der Lage, den beiden Heranwachsenden Halt zu geben und ihre Fragen zu Vergangenheit und Gegenwart zu beantworten. Denn sie sind von Erwachsenen umgeben, die zu sehr mit ihren eigenen Problemen beschäftigt sind. Vor dem Hintergrund dieser Orientierungslosigkeit und Einsamkeit, auch aufgrund des akuten Mangels an jungen Frauen im Dorf, wendet sich zunächst Philipp und später auch Tobias dem Neonazi Menzel und dessen Freunden zu. Beide Brüder sind bei rassistischen Anschlägen der Neonazis dabei. Philipp wirkt bei einem Anschlag auf eine Familie mit türkischstämmiger Adoptivtochter mit und Tobias löst eine Prügelei bei einem Hexenfeuer aus. Anders als Philipp, der sich nach und nach aus der Neonaziszene zurückzieht, fühlt sich Tobias immer mehr zu der Szene um Menzel hingezogen. Er gerät immer tiefer in Probleme, übernimmt die Nazi-Ideologie und ist überzeugt, dass seine Heimat vor Ausländern geschützt werden müsse. Als in Dresden die ersten Pegida-Demonstrationen beginnen und auch Neschwitz Flüchtlinge aufnehmen soll, kommt es zur Eskalation. Der Roman endet mit einem Anschlag auf die alte Grundschule der beiden Brüder, wobei die Schule zuerst überschwemmt und anschließend angezündet wird.

Zentrale Themen und Motive

Rietzschels Roman beschäftigt sich mit Hoffnung und Neuanfang genauso wie mit schwierigen familiären Strukturen und dem Rückgang sozialer Fertigkeiten wie Kommunikation, Hilfsbereitschaft und Zusammenhalt. Zentrale Themen des Buches sind die Zunahme des Rechtsextremismus, vor allem in Sachsen, und die Zunahme der Probleme der Bevölkerung in strukturschwachen Regionen. Im Roman wird die Entwicklung von Hoffnung bis hin zu Perspektivlosigkeit und Gewalt aufgezeigt.

Bereits in den ersten Kapiteln finden sich die zentralen Motive des Romans. Ein Beispiel dafür ist das geschlossene Schamottewerk in der Nähe des Wohnortes der Familie, das sinnbildlich für den Zerfall der gesamten Region steht. Im Kontrast dazu steht das Einfamilienhaus als Symbol für den sozialen Aufstieg der Familie, als den sie den Auszug aus dem alten DDR-Plattenbau interpretieren. Dieser Aufstieg endet im Verlaufe des Buches abrupt, nachdem die Ehe der Eltern zu Bruch gegangen ist, unter anderem weil der Vater eine Affäre mit seiner Jugendliebe Kathrin beginnt. Das Haus der Familie Zschornack steht aber auch sinnbildlich für die Entwicklung Ostdeutschlands nach der Wende, da der Hausbau mit Euphorie und Hoffnung auf eine bessere Zukunft beginnt, jedoch durch Probleme erschwert wird und da schließlich die Hoffnung der Hausbesitzer auf einen sozialen Aufstieg zunichtegemacht wird. Ein weiteres wichtiges Motiv ist die Faust als Symbol für das jederzeit präsente Gewaltpotenzial, welches in Neschwitz und besonders im Umfeld von Tobias und Philipp herrscht. Die Wut und Aggression der Hauptfiguren mündet zum Beispiel in die Schlägerei am Hexenfeuer und die Überflutung des zukünftigen Flüchtlingsheims. Außerdem sind weitere wichtige Motive der Alkohol als Folge der Hoffnungslosigkeit, das ständige Fernsehen als Kontaktmedium zur Außenwelt, das Fehlen geeigneter Partnerinnen nach dem Wegzug vieler „Strebermädchen“ sowie der Vulkan zur Verdeutlichung des Brodelns innerhalb der Gesellschaft und der Möglichkeit eines plötzlichen Ausbruchs von Wut und Empörung.

Figuren

Philipp Am Anfang des Romans ist Philipp acht Jahre alt (S. 11) und zum Ende ist er 23. Er hat eine schmale, zerbrechliche Statur, die sich im Laufe des Romans nicht verändert. Zu Beginn des Buches wohnt er mit seinem kleinen Bruder Tobias (Tobi) und seinen Eltern in einem neu gebauten Einfamilienhaus. Im Verlauf der Handlung macht er seinen Realschulabschluss und arbeitet dann als Mechatroniker (S. 260). Später zieht er in seine eigene Wohnung (S. 240).

Ein zentraler Charakterzug von Philipp ist sein Wunsch dazuzugehören, so auch zu der Gruppe um Menzel (S. 195). Um dazuzugehören, ist er bei Aktionen dabei, die er eigentlich nicht gutheißt (S. 224). Erst im Prozess des Erwachsenwerdens gelingt es ihm, das Bedürfnis, um jeden Preis dazuzugehören, abzulegen (S. 288). Er entfernt sich von der Gruppe und lässt sich von dieser nicht mehr beeinflussen.

Eine andere Erklärung für die zunehmende Distanz Philipps zur Gruppe um Menzel ist sein Phlegma. Menzel kritisiert, dass Philipp nie eigene Ideen in die Gruppenaktivitäten einbringe, sondern ein bloßer „Mitläufer“ sei. Menzels Zorn zieht sich Philipp dadurch zu, dass er nicht an der Bundestagswahl 2013 teilgenommen und damit nicht an der Ablösung von Angela Merkel als Bundeskanzlerin mitgewirkt hat. Mangelnder Antrieb und mangelnder Ehrgeiz bringen Philipp auch dazu, sich mit seiner Arbeit als Mechatroniker zufriedenzugeben und in Neschwitz wohnen zu bleiben.

Auffällig ist, dass Philipp im Laufe des Romangeschehens keine engen Beziehungen zu anderen unterhalten kann. Die Verbindung zu seinen Schulfreunden Christoph und Axel wird immer schwächer. Er hat für eine kurze Zeit eine Freundin, namens Theresa, von der er sich aber bald trennt (S. 260). Auch das Verhältnis zu seiner Familie ist schlecht. Der Kontakt zu seinem Vater ist nach dessen Trennung von der Mutter abgebrochen, und von seiner Mutter und seinem jüngeren Bruder Tobi sagt er sich durch seinen Umzug in eine eigene Wohnung los. Es bleibt am Ende offen, ob Philipp sich vollständig von seiner Familie abspaltet oder ob er sich schließlich um ein besseres Verhältnis zu Mutter und Bruder bemüht (S. 317).

Philipps Charakter ist insgesamt widersprüchlich und vielschichtig. Einerseits ist er sehr ängstlich und unsicher (S. 289), aber andererseits tritt er herausfordernd und provozierend auf – gerade auch (aber nicht nur) gegenüber seinem kleinen Bruder (S. 162).

Tobias (Tobi) Zu Beginn des Romans ist Philipps jüngerer Bruder Tobias fünf Jahre und am Ende 20 Jahre alt (S. 11). Im Gegensatz zu seinem älteren Bruder verändert sich sein äußeres Erscheinungsbild deutlich. Er entwickelt sich von einem schmalen, kleinen Jungen zu einem großen und kräftig gebauten jungen Mann. Trotz seines jungen Erwachsenenalters am Ende des Romans hat er bereits Falten vom übermäßigen Alkoholkonsum (S. 288). Tobias erwirbt im Laufe des Romangeschehens einen Hauptschulabschluss und arbeitet in einer Kamenzer Fahnenfabrik.