mini|Rupert Sheldrake (2008)

Als morphisches Feld (engl. „morphic field“), ursprünglich auch als morphogenetisches Feld, bezeichnet der britische Biologe Rupert Sheldrake ein hypothetisches Feld, das als „formbildende Verursachung“ für die Entwicklung von Strukturen sowohl in der Biologie, Physik, Chemie, aber auch in der Gesellschaft verantwortlich sein soll. Von der Wissenschaftsgemeinde wird die Hypothese als pseudowissenschaftlich eingestuft, dennoch wird die wissenschaftliche Überprüfung der Hypothese in Einzelfällen gefordert.Anthony Freeman: The Sense of Being Glared At. In: Journal of Consciousness Studies, 12, Nr. 6, 2005, S. 4–9. (PDF; 67 kB)Dürr, H.-P., Gottwald, F.-T. (1999) (Hg.): Rupert Sheldrake in der Diskussion. Das Wagnis einer neuen Wissenschaft des Lebens., Scherz Verlag, Bern München Wien

Der in der Entwicklungsbiologie verwendete Begriff des morphogenetischen Feldes ist nicht identisch mit den von Sheldrake angenommenen Feldern.

Ausgangspunkt Sheldrake studierte Biochemie am Clare College der Universität Cambridge und Philosophie an der Universität Harvard. Er interessierte sich dafür, wie Pflanzen und auch alle anderen Lebewesen ihre Form erhalten. Eine einzelne Zelle spaltet sich in anfangs identische Kopien, die mit jeder weiteren Zellteilung spezifische Eigenschaften annehmen; einige Zellen werden zu Bausteinen von Blättern, andere bilden Sprossachsen. Diese Differenzierung genannte Veränderung ist irreversibel.

Die Entwicklung von einer einzelnen Zelle zu einem komplexen Organismus ist Gegenstand der Entwicklungsbiologie. Die wichtigsten Mechanismen bei der Differenzierung der Organismen wurden von ihr aufgeklärt. Seit den 1920ern wurde diskutiert, dass die Regulation der Entwicklung eines Embryos sowie die Gliedmaßenregeneration die Existenz unbekannter „morphogenetischer Felder“ impliziere. Abgelöst wurde die Diskussion durch die Entdeckung der differentiellen Genexpression, die die Musterbildung zumindest zum großen Teil erklären konnte. Erst in den 1990ern wurden Faktoren gefunden, die tatsächlich solche „Felder“ festlegen – sie werden als Morphogene bezeichnet.Scott F. Gilbert: Developmental Biology. Auflage: 8th rev. ed. (10. Mai 2006) Palgrave Macmillan ISBN 978-0-87893-250-4

Hypothese In der von Sheldrake entwickelten Theorie wird die Existenz eines universellen Feldes postuliert, welches das „Grundmuster“ eines biologischen Systems kodieren soll. Er nahm zunächst Bezug auf den davor bereits bestehenden Begriff des morphogenetischen oder Entwicklungsfeldes, formulierte diesen aber im Rahmen seiner Hypothese neu.

Nach Sheldrakes Ansicht ist es einer Form, die bereits an einem Ort existiert, ein Leichtes, auch an irgendeinem anderen Ort zu entstehen. Nach dieser Hypothese wirkt das morphische Feld nicht nur auf biologische Systeme, sondern auf jegliche Form, beispielsweise auch auf die Bildung von Kristallstrukturen. Das nannte Sheldrake 1973 ein morphisches Feld, später auch das Gedächtnis der Natur. Seine Hypothese veröffentlichte er 1981 in seinem Buch A New Science of Life (deutsch: „Das schöpferische Universum. Die Theorie des morphogenetischen Feldes“).

In seinem 1988 veröffentlichten Werk Presence of the Past: A Field Theory of Life. (deutsch: „Das Gedächtnis der Natur. Das Geheimnis der Entstehung der Formen in der Natur“) erweiterte er seine Hypothese dahingehend, dass die morphischen Felder auch die Naturgesetze selbst erfassen. Nach dieser Sichtweise bestünde die Natur möglicherweise nicht aus Naturgesetzen, sondern eher aus Gewohnheiten.

Im Unterschied zum elektromagnetischen Feld als „energetischem Typus der Verursachung“Quelle fehlt soll dieses Feld keine Energie zur Verfügung stellen. Die Hypothese eines morphischen Feldes dient als Erklärungsmodell für das genaue Aussehen eines Lebewesens (als Teil seiner Epigenetik) und sollte am Verhalten und der Koordination mit anderen Wesen beteiligt sein. Dieses morphische Feld soll eine Kraft zur Verfügung stellen, welche die Entwicklung eines Organismus steuert, sodass er eine Form annimmt, die anderen Exemplaren seiner Spezies ähnelt. Ein Rückkoppelungsmechanismus namens morphische Resonanz soll sowohl dieses Muster verändern als auch erklären, warum etwa Menschen während ihrer Entwicklung die charakteristische Form ihrer Art annehmen.

Bereits 1958 hatte der Chemiker und Philosoph Michael Polanyi in seinem Buch Personal Knowledge: Towards a Post-Critical Philosophy (S. 348–359) ein sehr ähnliches Konzept entwickelt,Google Books – Michael Polanyi: Personal Knowledge das er ebenfalls als morphogenetische Felder bezeichnet hatte. (PDF; 33 kB) Andere Vorläufer sind die ebenfalls weitgehend unbeachtete Theorie morphogenetischer Felder des Biologen Alexander Gurwitsch aus den 1920er Jahren und die noch ältere, um die vorhergehende Jahrhundertwende erdachte Entelechie-Theorie des Embryologen Hans Driesch.Hans-Peter Dürr et al.: What is Life?: Scientific Approaches and Philosophical Positions, World Scientific, 2002, ISBN 981-02-4740-0, S. 10

Begründungen Einer von Sheldrakes Beweisbausteinen war eine Arbeit des Forschers William McDougall von der Harvard-Universität, der in den 1920er Jahren Lernverhalten von Ratten in Labyrinthen untersucht hatte.George C. Drew, McDougall's Experiments on the Inheritance of Acquired Habits, NATURE 143, 188–191 (1939). McDougall hatte beobachtet, dass Ratten schneller aus einem Labyrinth herausfanden, nachdem andere Ratten bereits den Weg heraus gefunden hatten. Zunächst benötigten die Ratten durchschnittlich 165 Versuche, bevor sie durch das Labyrinth fanden, aber einige Generationen später gelang es Ratten bereits nach 20 Versuchen. Für die Versuche wurde stets dasselbe Labyrinth verwendet; Geruchsspuren, die den schnelleren Erfolg der Ratten erklären, wurden außer Acht gelassen. McDougall glaubte hingegen, dass der Grund dafür in einer Art von Lamarckschem Evolutionsprozess lag, und Sheldrake sah darin den Beweis für die Existenz eines morphischen Feldes. Die ersten Ratten im Labyrinth schufen nach seiner Ansicht ein Lernmuster innerhalb eines „Rattenfeldes“, auf das die Nachkommen dieser Ratten zurückgreifen konnten, selbst wenn sie nicht miteinander verwandt waren.

Ein anderes Beispiel kam aus der Chemie, in der sich ein anderes noch ungeklärtes „Lernverhalten“ bei der Züchtung von Kristallen abspielte. Wenn eine neue chemische Verbindung erstmals hergestellt wird, geht der Kristallisationsprozess langsam vonstatten. Sobald andere Forscher das Experiment wiederholen, stellen sie fest, dass der Prozess schneller abläuft. Chemiker schreiben dies der gestiegenen Qualität späterer Experimente zu, da die dokumentierten Fehler der früheren Versuche nicht erneut begangen wurden. Sheldrake hingegen hielt dies für ein weiteres Beispiel morphogenetischer Felder. So hätten die zuallererst gezüchteten Kristalle ein Feld erschaffen, auf das die Kristalle der später durchgeführten Experimente zurückgegriffen hätten.

Seitdem kam eine Reihe von anderen Beispielen hinzu. Sowohl das Verhalten von Affen in Japan beim Putzen ihrer Nahrung als auch die Fähigkeit europäischer Vögel, das Öffnen von Milchflaschen zu lernen, wurden als Beispiele einer „nichtlokalen“ Kraft bei Verhalten und Lernfähigkeit angeboten.

Termiten-Experiment

Morphische Felder werden von Sheldrake postuliert, um die Ganzheitlichkeit selbstorganisierender Systeme zu erklären. Er leitet aus seinen Beobachtungen ab, dass man diese nicht allein durch die Summe ihrer Bestandteile oder deren Wechselwirkungen erklären kann. Sheldrakes Gedankenmodell von der Ausprägung selbstorganisierender Systeme durch morphische Felder ordnet demnach Atome, Moleküle, Kristalle, Zellen, Gewebe, Organe, Organismen, soziale Gemeinschaften, Ökosysteme, Planetensysteme, Sonnensysteme und Galaxien. Mit anderen Worten, sie ordnen Systeme auf allen Stufen der Komplexität und sind die Grundlage für die beobachtete Ganzheit der Natur, die mehr ist als die Summe ihrer Teile. Dies kann als erste, vereinfachte Definition für morphische Felder dienen.

Als populärwissenschaftlichen Aufhänger seiner Theorien verwendet Sheldrake häufig Hinweise auf ein Experiment, das der südafrikanische Naturforscher Eugène Marais angeblich in den 1920er Jahren durchgeführt hat: In einen Termitenbau wird ein durchgehender, senkrechter Spalt von mehreren Zentimetern Breite geschlagen. Danach wird in dessen Mitte eine über die Ränder hinausragende Stahlplatte fixiert, sodass die beiden Hälften des Baus voneinander getrennt, die Schnittflächen aber noch offen sind. Dies habe nun nicht verhindern können, dass die Termiten auf beiden Seiten der Platte bei der Reparatur des Schnittes ähnliche Bögen errichten, die sich ohne die Platte exakt treffen würden. Marais berichtet in seiner Schrift zwar über diese angebliche Beobachtung, macht aber keinerlei spezifische Angaben etwa über die Breite des Schnittes etc. Detaillierte Angaben, wie exakt sich die Konstruktionen tatsächlich treffen, liegen ebenfalls nicht vor.

Eine weitere Beobachtung Marais’, auf die Sheldrake häufiger Bezug nimmt, nämlich das Einstellen jeglicher Tätigkeit des Termitenvolkes beim Tod der Königin, ist in der Tat nachweisbar. Die Wissenschaft führt dies heute in der Regel auf das Ausbleiben von Pheromonausscheidungen der Königin zurück, die aufgrund geringster Konzentrationen schwer messbar sind.

Sheldrakes Kernaussage ist im Bezug auf die Ideen von Marais die, dass es einen übergeordneten Plan geben müsse, nach dem die Termiten ihren Bau konstruieren und reparieren. Da dieser Plan nicht in einer kleinen Termite selbst vorhanden sein könne, müsse er außerhalb zu suchen sein. Kritiker wenden dazu ein, dass Marais wie Sheldrake das „Prinzip der bedingten Wahrscheinlichkeiten“ übersähen: Kleine Änderungen, die nach bestimmten Regeln verlaufen, führen in ihrer Addition zu einer hohen Komplexität, ohne dass ein Gesamtplan überhaupt vorliegen müsse.

Weitere Arbeiten 1994 veröffentlichte Sheldrake das Buch Sieben Experimente, die die Welt verändern könnten. Darin schlägt Sheldrake sieben Experimente vor, mit deren Hilfe sich seine Hypothese bestätigen oder widerlegen ließe: Ein Experiment zur Überprüfung der in einigen Fällen berichteten Fähigkeit von Haustieren, die Rückkehr ihres Besitzers vor dessen Ankunft zu spüren. Ein Experiment zur Fähigkeit von Brieftauben, zu ihrem Taubenschlag zurückzufinden. Normalerweise wird diese auf ein magnetfeldempfindliches Sinnesorgan der Taube zurückgeführt. Ein Experiment zur hochorganisierten Struktur von Termitenvölkern. Ein Experiment zum Spüren, dass man von hinten angestarrt wird. Ein Experiment zu Wahrnehmungen in Phantomgliedmaßen nach der Amputation (siehe: Phantomschmerz). Die Kritik der Konstanz der universalen Gravitationskonstante. Bisher wissenschaftlich nicht untersucht, da Sheldrake noch keine falsifizierbare Hypothese zu dieser Frage angab. Ein Experiment zur Wirkung der Erwartungen des Experimentators auf das Experiment. Normalerweise wird diese erklärt im Rahmen des Versuchsleitereffekts.

Eines dieser Experimente veröffentlichte er in der Studie Der siebte Sinn der Tiere (1999). Die Studie wird häufig als methodisch mangelhaft abgelehnt.