Eduard Sturzenegger (* 28. November 1854 in Teufen AR; † 20. Februar 1932 in St. Gallen) war ein Schweizer Stickereifabrikant, Kunstsammler und Mäzen. Er baute in St. Gallen ein Stickereiunternehmen mit eigenem Filialnetz auf. 1926 schenkte er der Stadt St. Gallen 175 Werke aus seiner Kunstsammlung; sie bilden den Grundstock der Sturzeneggerschen Gemäldesammlung, die heute zum Kunstmuseum St. Gallen gehört.

Leben

Herkunft und Ausbildung Eduard Sturzenegger war das neunte von zwölf Kindern des Schneiders Bartholome Sturzenegger (1813–1888) und der Elsbeth Sturzenegger, geborene Meier (1815–1881). Die Familie lebte in Teufen in bescheidenen Verhältnissen. Sturzenegger war reformiert und heimatberechtigt in Trogen; er blieb ledig und hinterliess keine Nachkommen.

Nach der Schule in Teufen absolvierte er eine Lehre als Stickereizeichner und trat seine erste Stelle in Wald AR an. Ab 1872 führte er, gerade achtzehnjährig, in St. Gallen eine erste eigene Firma mit mehreren Angestellten. Lehr- und Wanderjahre führten ihn nach Paris und Saint-Quentin in der Picardie, wo er einen Betrieb aufzog, der seine Entwürfe in Handmaschinenstickerei ausführte. 1882 kehrte er nach St. Gallen zurück.Samuel Reller, Laura Studer, Matthias Wohlgemuth: Eduard Sturzenegger, seine Privatsammlung und die Sturzeneggersche Gemäldesammlung im Kunstmuseum St.Gallen. Forschungsprojekt 2018–21. Schlussbericht. Kunstmuseum St. Gallen, St. Gallen, April 2021, S. 11 (PDF; 2,8 MB).

Die Firma Ed. Sturzenegger 1883 richtete sich Sturzenegger in einem Geschäftshaus an der Geltenwilenstrasse ein und gründete dort eine Stickereifabrikation; der Firmensitz blieb bis 1916 an dieser Adresse. Im selben Jahr zeigte er eigene Kreationen an der Schweizerischen Landesausstellung in Zürich und erhielt dafür ein Diplom. Sechs Jahre später wurde er an der Weltausstellung in Paris mit einer Goldmedaille für seine Stickereientwürfe ausgezeichnet.egb.: Über 200 Mitarbeiter. Hundert Jahre Eduard Sturzenegger AG. In: Der Bund. 28. Dezember 1983 (Digitalisat auf e-newspaperarchives.ch). Das Textilmuseum St. Gallen verwahrt eine Medaille der Pariser Weltausstellung 1889 von Louis Bottée.

1886 eröffnete Sturzenegger ein eigenes Verkaufsgeschäft. Produziert wurden vor allem feine Roben und Appenzeller Handstickerei. Neben dem Export setzte die Firma auf den Versandhandel und auf eigene Läden: Statt über Exporthäuser zu verkaufen, unterhielt sie Verkaufsmagazine in grösseren Städten und an Fremdenverkehrsorten. Belegt sind Geschäfte in St. Gallen, Zürich, Bern, Luzern, Interlaken, Lausanne, Genf, St. Moritz und San Remo.

Am 7. Februar 1914 stimmte der Verwaltungsrat der Schweizerischen Bundesbahnen dem Verkauf der Liegenschaft Poststrasse 17 in St. Gallen an Sturzenegger zum Preis von 250'000 Franken zu.Bericht der Generaldirektion der schweizerischen Bundesbahnen über die Geschäftsführung und die Rechnungen des Jahres 1914 an den schweizerischen Bundesrat zuhanden der Bundesversammlung. In: Bundesblatt. 26. Mai 1915, S. 382 (Digitalisat im Schweizerischen Bundesarchiv). 1916 bezog die Firma dort ihr Geschäftshaus, das Verwaltung und Fabrikation aufnahm.

1919 machte Sturzenegger seinen langjährigen Buchhalter Werner Böniger-Flury († 1951) zum Prokuristen. Am 18. Juli 1921 wandelte er die Einzelfirma in die Ed. Sturzenegger Aktiengesellschaft um. Das gesamte Kapital von 750 Aktien zu je 1000 Franken Nennwert zahlte er selbst ein, das Aktienpaket blieb vollständig in seinem Besitz, und er war einziges Mitglied des Verwaltungsrats.Reller, Studer, Wohlgemuth: Schlussbericht Forschungsprojekt 2018–21. 2021, S. 13. Die Umwandlung diente damit nicht der Kapitalbeschaffung; die Wirtschaftshistoriker Eric Häusler und Caspar Meili führen die Firma als eines ihrer Beispiele dafür an, dass es bei der Welle von Aktiengesellschaftsgründungen nach dem Ersten Weltkrieg «wie schon vor 1912 oft um kapitalneutrale Umwandlungen bestehender Privatfirmen» ging.Eric Häusler, Caspar Meili: Swiss Embroidery. Die schweizerische Stickerei-Industrie 1865–1929. (= Neujahrsblatt des Historischen Vereins des Kantons St. Gallen. Band 155). St. Gallen 2015, S. 49, Anm. 447.

Nach Sturzeneggers Tod übernahm sein Neffe Johann (Jean) Eduard Sturzenegger-Bahon (1872–1943) den Vorsitz des Verwaltungsrats; Böniger blieb Geschäftsleiter. 1936 führte die Firma eine Pensionskasse für die Angestellten ein. In den 1960er-Jahren beschäftigte sie 65 Konfektionsangestellte und rund 100 Heimarbeiterinnen und unterhielt zwölf Filialen. Später wurde das Unternehmen in eine Textil- und eine Immobiliengesellschaft aufgeteilt; das Textilgeschäft bestand bis 2007.Reller, Studer, Wohlgemuth: Schlussbericht Forschungsprojekt 2018–21. 2021, S. 14.

Stiftungen und Legate Sturzenegger galt als Förderer der in der Krise der Stickereiindustrie bedrängten Sticker der Ostschweiz. 1924, zu seinem 70. Geburtstag, richtete er einen Wohlfahrtsfonds für das Personal seiner Firma ein und stockte ihn fünf Jahre später auf. Ende 1927 meldete die Presse eine Zuwendung von 150'000 Franken an diesen Fonds.St. Gallen. In: Neue Zürcher Nachrichten. 28. Dezember 1927 (Digitalisat auf e-newspaperarchives.ch).

1930 wandte er der Stiftung «Für das Alter» insgesamt 110'000 Franken zu: 25'000 Franken dem Direktionskomitee, 50'000 Franken dem st. gallischen, 25'000 Franken dem appenzell-ausserrhodischen und 10'000 Franken dem appenzell-innerrhodischen Kantonalkomitee.Stiftung «Für das Alter». In: Neue Zürcher Zeitung. 7. Oktober 1930, Ausgabe 02 (Digitalisat auf e-newspaperarchives.ch). In seiner letztwilligen Verfügung setzte er je 100'000 Franken für alte, arbeitsunfähige Hand- und Schifflisticker aus; die Verteilung übertrug er der Kommission des Ostschweizerischen Stickfach-Fonds.Erklärung. In: SVEA-Nachrichten. 15. September 1934, Nr. 18 (Digitalisat auf e-newspaperarchives.ch). 1936 wurden daraus sechzig Schifflisticker mit je 50 Franken und 350 Handmaschinensticker mit je 20 Franken bedacht.Kleine Mitteilungen. In: Neue Zürcher Zeitung. 30. Juli 1936, Ausgabe 03 (Digitalisat auf e-newspaperarchives.ch). Als 1934 der Vorwurf erhoben wurde, die Legate seien wegen der Liquidationskosten des Nachlasses gekürzt worden, wiesen ihn die Testamentsvollstrecker in einer förmlichen Erklärung zurück.

Bei der Würdigung des Verstorbenen im St. Galler Gemeinderat vom 15. März 1932 war von eineinhalb Millionen Franken die Rede, die Sturzenegger gemeinnützigen Institutionen gewidmet habe.Reller, Studer, Wohlgemuth: Schlussbericht Forschungsprojekt 2018–21. 2021, S. 26.

Kunstsammlung

Die Privatsammlung Wann und warum Sturzenegger zu sammeln begann, ist nicht überliefert; er dürfte auf die fünfzig zugegangen sein. Die erste dokumentierte Erwerbung ist Otto Geblers Gemälde Der Siebenschläfer, das er 1903 bei der Galerie E. A. Fleischmann in München kaufte. Insgesamt 53 Ankäufe über diese Galerie sind belegt. Daneben erwarb er zahlreiche Werke an Auktionen bei Hugo Helbing in München sowie ganze Werkgruppen aus den Nachlassauktionen des Hamburger Sammlers Martin Soehle (1907) und des Hofkunsthändlers Albert Riegner (1910).Reller, Studer, Wohlgemuth: Schlussbericht Forschungsprojekt 2018–21. 2021, S. 15.

1912 steuerte Sturzenegger mindestens zwölf Werke zur Ausstellung «Kunstwerke aus St. Gallischem Privatbesitz» bei, die der Kunstverein St. Gallen mit der Tonhalle-Gesellschaft ausrichtete. Im Jahr darauf beteiligte er sich mit anderen St. Galler Textilunternehmern am Ankauf von Franz von Stucks Susanna im Bade für das Kunstmuseum – seine erste öffentliche Schenkung im Bereich der bildenden Kunst. Nach dem Ersten Weltkrieg erweiterte er die Sammlung stark: Für die Jahre 1912 bis 1918 sind neun Erwerbungen dokumentiert, allein für 1919 dagegen 33, darunter neun Werke aus der Sammlung des Zürcher Kaufmanns Gustav Henneberg.Reller, Studer, Wohlgemuth: Schlussbericht Forschungsprojekt 2018–21. 2021, S. 16.

Beraten wurde Sturzenegger vom Appenzeller Maler Carl Liner, den er kennenlernte, als dieser als Experte der Zollbehörde die Echtheit eingeführter Werke zu beurteilen hatte. Aus der anfänglichen Meinungsverschiedenheit wurde eine Zusammenarbeit; Liner begleitete den Sammler auf einer Reise nach Paris, wo die beiden zehn Tage lang den Louvre und Kunsthandlungen besuchten.Reller, Studer, Wohlgemuth: Schlussbericht Forschungsprojekt 2018–21. 2021, S. 19.

Schwerpunkte der Sammlung waren Landschaften und Genrebilder der Münchner Schule der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, dazu kleinere Gruppen französischer und schweizerischer Malerei sowie einzelne Alte Meister. Eine Besonderheit bildete das Ensemble von fünfzehn Werken Carl Spitzwegs. Die Zuschreibungen der Alten Meister und mancher französischer Werke erwiesen sich später vielfach als unhaltbar.Reller, Studer, Wohlgemuth: Schlussbericht Forschungsprojekt 2018–21. 2021, S. 21. Insgesamt umfasste die Privatsammlung nach heutigem Kenntnisstand 288 Positionen.Reller, Studer, Wohlgemuth: Schlussbericht Forschungsprojekt 2018–21. 2021, S. 38.

Ein Zeitgenosse hielt 1933 fest, Sturzenegger habe seine Sammlung «unter kundiger Beratung des Malers Carl Liner ausgebaut». Sie wirke ziemlich homogen, da sie «nicht eine Sammlung mit kunsthistorischen Zielen oder mit sonst wissenschaftlichen Gesichtspunkten» sei, «sondern die im besten Sinn bürgerliche Sammlung eines Kunstfreundes, der sich in seinem Heim mit gediegenen Bildern umgibt». Infolgedessen seien auch «[n]icht alle Bilder […] ‹Galeriestücke›, aber das» sei «in dieser Sammlung auch nicht nötig, deren Vorzug ihr ‹privater› Charakter» sei.M. I.: St. Gallen, Gemälde aus Privatbesitz. In: Das Werk. Architektur und Kunst. Band 11, 1933, S. XXXIV.

Die Schenkung von 1926 1923 schenkte Sturzenegger dem Kunstmuseum St. Gallen ein erstes Gemälde. 1925 gelangte er mit dem Vorschlag einer grösseren Schenkung an die Stadt. Der Stadtrat liess den Bestand begutachten und einen Schenkungsvertrag ausarbeiten, den Sturzenegger und Stadtammann Eduard Scherrer (1862–1947) am 19. Februar 1926 unterzeichneten. Das beigefügte Gemälde-Verzeichnis führte 175 Werke auf. Zusätzlich übergab der Donator der Stadt 50'000 Franken als Fonds für Unterhalt und Erweiterung der Sammlung.Reller, Studer, Wohlgemuth: Schlussbericht Forschungsprojekt 2018–21. 2021, S. 21 f. Der Vertrag bestimmte, dass die Sammlung integral zusammenzuhalten sei.Reller, Studer, Wohlgemuth: Schlussbericht Forschungsprojekt 2018–21. 2021, S. 28.

Als Ausstellungsort sah die Stadt die «Villa am Berg» an der Rosenbergstrasse 38 vor, die ihr 1918 von Albert Scherrer (1842–1917) mit der Auflage öffentlicher Nutzung vermacht worden war. Nach Renovationsarbeiten, die Sturzenegger zur Hälfte mit weiteren 12'500 Franken bestritt, wurde die Sammlung am 18. Dezember 1926 mit 90 Werken auf 287 Quadratmetern eröffnet.Reller, Studer, Wohlgemuth: Schlussbericht Forschungsprojekt 2018–21. 2021, S. 22 f. Bis Oktober 1933 kam das Obergeschoss mit weiteren 187 Quadratmetern hinzu.

Nicht alle Fachleute begrüssten die Schenkung. Der Zürcher Galerist Gottfried Tanner urteilte 1923 gegenüber dem Präsidenten des Kunstvereins St. Gallen, was Sturzenegger in München zusammenkaufe, sei «unglaublich rückständig», und 1926, es sei «tatsächlich für ein Unglück» zu halten, «wenn man wegen ca. 6 guten Bildern 160 schlechte für immer adoptieren muss». Der Stadtammann hielt dem entgegen, Urteile von Kunsthändlern seien in solchen Fällen mit Vorsicht aufzunehmen.Reller, Studer, Wohlgemuth: Schlussbericht Forschungsprojekt 2018–21. 2021, S. 24.

Die gedruckten Kataloge verzeichneten 1930 noch 168, 1933 noch 116 Positionen.Kunstmuseum St. Gallen: Sturzeneggersche Gemäldesammlung im Kunstmuseum St.Gallen. Provenienzforschungsprojekt 2017/18, unterstützt vom Bundesamt für Kultur. Schlussbericht. St. Gallen, 6. Juli 2018, S. 34 (PDF; 3,8 MB).

Die Sturzeneggersche Gemäldesammlung