mini|Andreas Kahlow Andreas Kahlow (* 19. August 1952 in Berlin) ist ein deutscher Ingenieur, Wissenschaftshistoriker und Hochschullehrer.

Leben Andreas Kahlow war Sohn des Schriftstellers Heinz Kahlow und der Schauspielerin Eva Maria Kahlow. Von 1967 bis 1971 besuchte er die Max-Planck-Oberschule in Berlin-Mitte. Statt wie ursprünglich beabsichtigt Journalistik studierte er von 1971 bis 1975 Schiffstechnik an der Universität Rostock. Der Lebensweg des Großvaters (Kapitän, später Lotse) beeinflusste diese Entscheidung. Die Vertrautheit mit den künstlerischen Aktivitäten der freischaffend tätigen Eltern führten bei Kahlow zum Bemühen, wissenschaftlich-technische und literarisch-künstlerische Arbeit miteinander in Beziehung zu setzen. Nach Studienabschluss als Diplomingenieur für Schiffstechnik/Maschinenbau 1975 begann er zunächst als wissenschaftlicher Assistent am Bereich „Mechanik fester Körper“ der Sektion Schiffstechnik (Leiter Rudolf Postl) zu arbeiten. Das Promotionsthema „Eigenschwingungen verrippter flacher Schalen“ schloss an Kahlows Diplomarbeit zur Schalentheorie von V. A. Postnov und V. S. Kalinin an. Die Assistentenzeit wurde durch die Einberufung zum Grundwehrdienst in der Nationalen Volksarmee (NVA) für 18 Monate unterbrochen – das Promotionsthema wegen seiner Industrierelevanz jedoch von Volkmar DölzV. Dölz: Zur Berechnung von Eigenschwingungen orthogonal verrippter Schalen mit Hilfe des Ritzschen Verfahrens. Univ. Rostock, Diss. A 1983. weiterbearbeitet. Diese Unterbrechung bildete für Kahlow den Anlass, das Gebiet des Maschinenbaus und der Schiffstechnik zu verlassen und sich der Geschichte der Technik und technischen Wissenschaften zuzuwenden.

Im Jahre 1978 wechselte er an die Humboldt-Universität Berlin an den Fachbereich „Philosophische Probleme der Naturwissenschaften“ (Leiter: Hermann Ley, später Karl-Friedrich Wessel). Absolventen naturwissenschaftlich-technischer Fächer wurde hier die Möglichkeit gegeben, im Rahmen einer Aspirantur oder eines Forschungsstudiums philosophische und historische Probleme ihres Fachgebietes mit dem Ziel einer Promotion zu bearbeiten, Studenten wurden nicht ausgebildet. Neben der geschichtlichen Aufarbeitung der Entwicklung der Natur- und Technikwissenschaften fokussierten sich die Diskussionen am „Bereich“ auf die mögliche Übertragbarkeit von Aussagen der physikalischen Theorie der Selbstorganisation auf gesellschaftliche Entwicklungsprozesse. Mit einer Arbeit zur Theorieentwicklung in der Technischen Mechanik im 19. Jahrhundert promovierte Kahlow 1981 an der Humboldt-Universität Berlin zum Dr. phil.A. Kahlow: Philosophische Probleme der Theorieentwicklung technischer Wissenschaft am Beispiel der Herausbildung der Technischen Mechanik im 19. Jahrhundert. Humboldt-Univ. Berlin, Diss. A, 1981. die Betreuer waren die Professoren Hermann Ley und Rolf Sonnemann (TU Dresden).

Von 1981 an war Kahlow für drei Jahre als Wissenschaftsjournalist und Redakteur beim Fernsehen der DDR (DFF) tätig. Im Jahre 1984 konnte er mit dem Freiwerden einer Stelle im Institut für Theorie und Organisation der Wissenschaften (ITW) an die Akademie der Wissenschaften der DDR wechseln. Hier war er zunächst im Fachbereich „Wissenschaftstheorie“ (Leiter: Lothar Läsker), später im Fachbereich „Wissenschaftsgeschichte“ (Leiter: Hubert Laitko) tätig. Das im Bereich „Wissenschaftstheorie“ behandelte Thema der „Herausbildung neuer Forschungsrichtungen“ führte ihn zu einer langjährigen, von der Sozialpsychologin Annedore Schulze initiierten empirischen Untersuchung der Dynamik von Forschergruppen auf dem Gebiet der Halbleiterphysik (Elektrolumineszenz). Das Thema wurde zunächst innerhalb der DDR, später auch im internationalen Rahmen bearbeitet und führte 1993 zu einer größeren Veröffentlichung über Innovationen in der Forschung aus sozialpsychologischer Sicht.A. Schulze, A. Kahlow: Innovationen in der Forschung aus sozialpsychologischer Sicht. Die Entstehung von wissenschaftlichen Neuerungen als Gruppenbildungsprozeß. Europäische Hochschulschriften, Vol. 417. Peter Lang, Frankfurt am Main 1993. Im Bereich „Wissenschaftsgeschichte“ standen Themen der Geschichte der Werkstoffprüfung,A. Kahlow: August Wöhler und die Entwicklung der Festigkeits- und Materialforschung im 19. Jahrhundert. In: Dresdener Beiträge zur Geschichte der Technikwissenschaften, 14 1987, S. 45–67.A. Kahlow: Zusammenhänge zwischen Verwissenschaftlichung, Standardisierung und Automatisierung aus wissenschaftshistorischer Sicht am Beispiel der Herausbildung der Material- und Festigkeitsforschung im 19. Jahrhundert. In: Dresdner Beiträge zur Geschichte der Technikwissenschaften, Heft 16, 1988, S. 89–92.A. Kahlow: Die Denkschrift über die „Einführung einer staatlich anerkannten Klassifikation von Eisen und Stahl“ und die Entstehung einer staatlichen Materialprüfung in Preußen. In: Akademie der Wissenschaften – ITW-Kolloquien, 68, 1989, S. 83–97 der Technischen Mechanik.A. Kahlow: Thomas Young und die Herausbildung des Begriffs Elastizitätsmodul. In: NTM, 1990, Heft 2, S. 13–26 und des BrückenbausA. Kahlow: Knowledge Transfer in the 19. Century. Young, Navier, Roebling and the Brooklyn-Bridge. In: William R. Woodward, Robert S. Cohen (Hrsg.): World Views and Scientific Discipline Formation. Boston Studies in the Philosophy of Science, Band 134. Kluwer. Dordrecht 1991, S. 377–386.A. Kahlow: Leonhard Euler und die Projekte einer weitgespannten Newa-Brücke in St. Petersburg. In: Dresdener Beiträge zur Geschichte der Technikwissenschaften, 17, 1993, S. 37–45. im Vordergrund.

Nach Öffnung der DDR bewarb sich Kahlow an der Cité des sciences et de l’industrie in Paris erfolgreich um ein einjähriges Forschungsstipendium am „Centre des recherches en histoire des sciences et techniques“ (CRHST). Das Forschungsthema betraf wiederum die Geschichte der Technischen Mechanik. Aus dieser Tätigkeit gingen u. a. Aufsätze zum Einfluss Frankreichs auf die Entwicklung der Technischen Mechanik in DeutschlandA. Kahlow: French Influence on the Development of Applied Mechanics in Germany in the Nineteenth Century. In: History and Technology, 12, 1995, S. 179–189. (History and Technology 12(1995)) sowie zu Jean-Victor PonceletA. Kahlow: J. V. Poncelet et „l’esprit de la géométrie“. Naissance d’une communauté internationale d’ingénieurs (première moitié du XIXe siècle): Acte de la Journée d’étude 15–16 décembre 1994, CRHST, Cité des sciences et de l’industrie. Édités par Irina Gouzevich et Patrice Bret. Paris, 1998, S. 29–35. hervor (CRHST, Paris 1998) hervor.

Im Jahre 1992 wurde Andreas Kahlow als Professor für „Konstruktionsgeschichte“ an den Fachbereich Bauingenieurwesen der zuvor gegründeten Fachhochschule Potsdam berufen. Der damalige Gründungsdekan dieses Fachbereichs, Peter Berg, hatte die Einrichtung eines konstruktionshistorischen Fachs zum Bestandteil der Lehrkonzeption gemacht und eine enge Verbindung der Ausbildung mit dem Fachbereich Architektur vorgesehen. In jüngerer Zeit erfährt das Fachgebiet zunehmende Bedeutung (ASBau Referenzrahmen 2019). Der Aufbau des Lehrgebietes an der FH Potsdam umfasste zunächst die Fächer „Konstruktionsgeschichte“ für Bauingenieure und Architekten sowie das Fach „Technikgeschichte“ für Restauratoren. Später folgten Spezialveranstaltungen zur Geschichte des Ingenieurbaus und des Brückenbaus. Zusätzlich übernahm Andreas Kahlow auch Vorlesungen im Fachgebiet Statik. Ergänzender Bestandteil der Lehre waren in Zusammenarbeit mit seinen Kollegen Bauaufnahmen an sanierungsbedürftigen Bestandsgebäuden sowie Exkursionen zu aktuellen Baustellen wie historischen Bauwerken. Im Rahmen von studentischen „Ingenieurprojekten“ wurde mit der inhaltlichen Aufarbeitung des Fotoarchivs der Traditionsfirma Philipp Holzmann AG (bis 2002 existent) begonnen und im Internet zugänglich gemacht. Neben der Lehrtätigkeit an der Fachhochschule Potsdam nahm Kahlow von 1995 bis 2007 einen Lehrauftrag im Studiengang „Restaurierung/Grabungstechnik“ der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin (heute HTW Berlin) für das Fachgebiet „Vertiefte Kultur- und Technikgeschichte“ wahr und wirkte 2013 an der FH Potsdam und in Taschkent an der Ausbildung von usbekischen Studenten auf dem Gebiet der Bauerhaltung mit.

In seinen Veröffentlichungen widmete sich Andreas Kahlow seit 1992 neben der Geschichte der Technischen Mechanik zunehmend Themen der Bautechnikgeschichte. Eine Besonderheit bestand dabei in der medialen Kombination dieses Themas in Form von Ausstellungen, Tagungen und Veröffentlichungen. Zu den seit 1992 organisierten Tagungen und Ausstellungen, aus denen Veröffentlichungen hervorgingen, zählen 1992 Kontroverse, Kommunikation und Theorie in den technischen Wissenschaften, Tagung im Museum für Verkehr und Technik (heute: Deutsches Technikmuseum Berlin), Berlin (zusammen mit Karl-Eugen Kurrer);A. Kahlow; K.-E. Kurrer: Kontroverse, Kommunikation und Theorie in den technischen Wissenschaften. In: Bautechnik, 70, 1993, Heft 3, S. 184–185. 1993 Zeichnung, Graphik, Bild in Technikwissenschaften und Architektur, Tagung FH Potsdam (zusammen mit Karl-Eugen Kurrer);A. Kahlow; K.-E. Kurrer: Zeichnung, Graphik, Bild in Technikwissenschaften und Architektur. In: Bautechnik, 71, 1994, Heft 5, S. 303–304. 1998 Schönheit und Nutzen. David Gilly 1748–1808, Tagung und Ausstellung FH Potsdam und der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten (SPSG), Schloss Paretz (Ausstellung in Kooperation mit dem Fachbereich Design (Detlef Saalfeld));Vom Schönen und Nützlichen. David Gilly 1748–1808, FH Potsdam und Stiftung Preußische Schlösser und Gärten (Hrsg.), Idee und Konzeption: Andreas Kahlow. Potsdam 1998. 2001 Brücken in der Stadt – Der Potsdamer Stadtkanal und seine Brücken Tagung und Ausstellung FH Potsdam im Stadtmuseum Potsdam (Ausstellung in Kooperation mit dem Fachbereich Design der FH Potsdam);A. Kahlow (Hrsg.): Brücken in der Stadt. Der Potsdamer Stadtkanal und seine Brücken. Begleitbuch zur Fachtagung und Ausstellung. FH Potsdam, Potsdam 2001. 2006 Johann August Röbling 1806–1869. Ingenieurbau zwischen Kunst und Wissenschaft. Tagung der FH Potsdam im Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte, Ausstellung in Mühlhausen in Kooperation mit Nele Güntheroth, Stiftung Stadtmuseum Berlin und den Mühlhäuser Museen. Die Basis bildete ein DFG-Forschungsprojekt zum Wirken des Brückenbauers Johann August Röbling.N. Güntheroth, A. Kahlow, T, Müller (Hrsg.): Von Mühlhausen in die Neue Welt – Der Brückenbauer J.A. Röbling (1806–1869). In: Mühlhäuser Beiträge, Sonderheft 15, Mühlhäuser Museen und Stadtarchiv Mühlhausen, Mühlhausen/Thür. 2006.