mini|hochkant=1.45|Jedermann und Buhlschaft, Salzburger Festspiele 2014
Jedermann. Das Spiel vom Sterben des reichen Mannes ist ein Theaterstück von Hugo von Hofmannsthal. Es wurde am 1. Dezember 1911 im Berliner Zirkus Schumann unter der Regie von Max Reinhardt uraufgeführt. Die Titelrolle verkörperte Alexander Moissi. Das Bühnenbild der Uraufführung entwarf Ernst Stern. Seit 1920 wird das Stück jedes Jahr bei den von Reinhardt und Hofmannsthal begründeten Salzburger Festspielen aufgeführt.
Nach dem Vorbild spätmittelalterlicher Mysterienspiele, Hans Sachs’ Von dem sterbenden reichen Menschen, Hekastus genannt (1549), dem Schulddrama Hecastus (1539) von Georgius Macropedius und anderen dramatischen Bearbeitungen aus der frühen Neuzeit (Elckerlijc/Everyman, Homulus) treten im Jedermann neben den Figuren von Gott und Teufel auch der Tod, der Mammon, der Glaube und andere abstrakte Begriffe als Personifikationen auf. Der wohlhabende Jedermann sieht sich unerwartet mit dem Tod konfrontiert, der ihn vor seinen Schöpfer führen will. Weder sein treuer Knecht noch seine Freunde noch sein Geld wollen ihn ins Grab begleiten. Erst der Auftritt seiner Werke und des Glaubens bringen ihn dazu, sich zum Christentum zu bekennen und als reuiger Bekehrter ins Grab zu steigen.
Inhalt Als Gott sieht, dass man ihn auf der Erde nicht mehr schätzt, beschließt er, die Menschen durch den Tod wieder an seine Macht zu erinnern. Er trägt dem Tod auf, zu Jedermanns Haus zu gehen und ihn vor das göttliche Gericht zu rufen.
Eines Tages befiehlt Jedermann nun dem Hausvogt, dass er ihm einen Geldsack bringe, damit er das Grundstück, das er kaufen will, bezahlen kann. Er will dort einen Lustgarten anlegen, den er seiner Buhlschaft (seiner Geliebten) schenken will. Auf dem Weg dorthin begegnet Jedermann einem armen Nachbarn, der ihn um Geld bittet. Doch Jedermann gibt ihm nur einen Schilling. Als der Nachbar an seinen christlichen Glauben appelliert und mehr Geld will, weil er selbst einmal reich war, schickt Jedermann ihn fort. Kurz darauf trifft er auf einen Schuldner von ihm, der ihn bittet, seinen Schuldbrief zu zerreißen. Doch Jedermann verweigert dies und lässt ihn einsperren. Jedermann kennt kein Erbarmen, doch weil die Frau des Schuldners so sehr weint, erklärt er sich bereit, ihr und ihren Kindern Unterhalt und Verköstigung zu zahlen. Nach der Begegnung vergeht Jedermann die Lust, das Grundstück für den Lustgarten zu besichtigen, und er beschließt zu seiner Buhlschaft zu gehen. Doch kaum verlässt Jedermann das Haus, trifft er seine Mutter. Diese hält ihm, wie schon oft, sein Verhalten zu Gott vor.
mini|links|hochkant=1.45|Tischgesellschaft mit Brigitte Hobmeier als Buhlschaft, Salzburger Festspiele 2014 Kaum hat ihn seine Mutter verlassen, kommt ihm seine Buhlschaft entgegen, um ihn zu dem für ihn vorbereiteten Fest abzuholen. Auf dem Feste jedoch fühlt sich Jedermann schwach und krank und hat seltsame Erscheinungen. Keiner kann das Glockenläuten hören, das Jedermann hört. Als er plötzlich sagt, er höre jemanden seinen Namen rufen, denken sie, dass er Fieber habe. Doch Jedermann hat es mit der grausamen Wirklichkeit zu tun. Als er sich umblickt, steht ein ihm unbekannter Mann hinter ihm, der sich als Tod zu erkennen gibt und ihn auffordert, sich für den letzten Weg bereit zu machen. Erst jetzt wird Jedermann sein schlechter Charakter bewusst, und er fleht den Tod an, ihm nur eine kurze Frist zu gewähren, damit er sich einen Freund suchen kann, der mit ihm vor das Gericht Gottes tritt. Nach langem Bitten gewährt der Tod ihm eine Frist von einer Stunde.
Zuerst fragt er seinen guten Freund, den Gesellen, ob er ihm nicht einen Gefallen tun will, denn er muss eine weite Reise antreten. Der Gesell ist bereit, ihm jeden Gefallen zu tun, doch als er hört, dass er ihn vor das göttliche Gericht begleiten soll, weigert er sich. Kaum anders handeln die beiden Vettern Jedermanns und deren Bedienstete (Knechte). Da er sich nun von allen verlassen fühlt, will er wenigstens sein Geld in die Ewigkeit mitnehmen. Aber aus seiner Geldtruhe kommt Mammon und erklärt sich nicht bereit, mit ihm zu gehen.
Nun ist Jedermann völlig einsam und der Verzweiflung nahe. Da hört er aus dem Hintergrund eine leise Stimme, die seinen Namen ruft. Als er sich umdreht, sieht er eine gebrechliche Frau, die ihm sagt, dass sie seine „guten Taten“ sei und ihn gern ins Jenseits begleiten will. Sie ist aber zu schwach, da er sie immer so vernachlässigt hat. Sie ist aber bereit, ihre Schwester, den Glauben, darum zu bitten.
Der Glaube weist Jedermann nun auf die unendliche Liebe Gottes hin und rät ihm, den Herrn um Gnade zu bitten. Jedermann ergreift die letzte Hoffnung auf Rettung und versucht nach Jahren der Ungläubigkeit, wieder zu Gott zu finden, wobei ihm ein Mönch hilft.
Inzwischen kommt der Teufel, um die schuldbeladene Seele Jedermanns, derer er sich ganz sicher ist, zu holen und mit ihr zur Hölle zu fahren, doch er muss zu seinem Verdruss sehen, dass sie ihm durch die Gnade Gottes entrissen wurde.
Des Teufels letzte Worte, nachdem er den Jedermann nicht bekommen hat: Die Welt ist dumm, gemein und schlecht Und geht Gewalt allzeit vor Recht, Ist einer redlich, treu und klug, Ihn meistern Arglist und Betrug. (Geht ab.) Wenig später kehrt Jedermann völlig gereinigt zurück und kann nun mit ruhigem Gewissen in Begleitung des Glaubens und der guten Werke vor Gottes Richterstuhl treten.
Entstehung mini|hochkant|Hofmannsthal, 1910 Ein englisches Mysterienspiel diente Hofmannsthal als Vorlage: Everyman. A Morality Play, gedruckt in London im zweiten Jahrzehnt des 16. Jahrhunderts. Er übernahm auch Elemente aus der Comedi vom sterbend reichen Menschen von Hans Sachs sowie Lieder des mittelalterlichen Minnesangs von Burkart von Hohenfels. In der Szene der Mutter ist das Gedicht Kein Ding hilft für den zeitling Tod von Albrecht Dürer eingewoben. Weitere Vorbilder waren nach Hofmannsthals eigenen Angaben Grimms Märchen, Johannes Strickers De düdesche Schlömer in der Zusammenfassung von Karl Goedeke (in Every-Man. Homulus und Hekastus, Hannover 1865), Pedro Calderón de la Barcas Das Nachtmahl des Balthasar und Robert Burtons Die Anatomie der Schwermut.Andreas Thomasberger (Hrsg.): Nachwort zu: Jedermann. Das Spiel vom Sterben des reichen Mannes (= Reclams Universal-Bibliothek. Band 18037). Reclam Verlag, Stuttgart 2000, ISBN 3-15-018037-6, S. 81 ff.
Charakteristikum des Mysterienspiels des späten Mittelalters ist es, dass nicht Individuen auftreten, sondern Personifikationen: etwa der Sensenmann, der Mammon (Geld), der Glaube. Die Handlung des Mysterienspiels ist demnach eine Allegorie des christlichen Weltgefüges, vor dem sich der Mensch – „jedermann“ – verantworten muss. Der Jedermann-Stoff gelangte in Salzburg auf der Bühne der Benediktineruniversität bereits 1632 zur Aufführung. Das Theaterstück mit dem Titel Anastasius fortunae pila, terrae piaculum, orci monstrum – „Anastasius, Spielball des Glücks, Opfer der Welt, Schaubild der Hölle“ wurde vom Benediktinerpater Thomas Weiss († 1651) verfasst; in der Titelrolle glänzte der Universitätspedell Wolfgang Braumiller (1600–1683), ein barocker Schauspielstar.
Hofmannsthals Drama ist vollständig in Versen gehalten; das Versmaß ist durch die nicht immer gleiche Zahl von unbetonten Silben dem Knittelvers ähnlich, der für die mittelhochdeutsche und frühneuhochdeutsche Dichtung typisch ist. Die Sprache hat insgesamt eine mittelhochdeutsche Färbung. Man kann annehmen, dass Hofmannsthal hier, wie im fast zeitgleich entstandenen Rosenkavalier eine Art „imaginäre Sprache“ schaffen wollte, die eine bestimmte Stimmung der Vergangenheit heraufbeschwört, ohne diese historisch rekonstruieren zu wollen. Selbst die Bühne der ersten Inszenierung, ein einfaches dreistöckiges Gerüst, war angelehnt an die altenglische Bühne.
Vielmehr ging es Hofmannsthal darum, ein „Zeitstück“ zu schaffen, in dem die Gegenwart in der Vergangenheit sichtbar wird. Die Wiederbelebung des Mysterienspiels war ein außergewöhnlicher Versuch, das Theater zu erneuern. Er entschied sich für die Allegorie als Stilmittel, weil es „in der Idee des Dramas“ sei, „das zerfließende Weltwesen in solcher Art zu festen Gegensätzen zu verdichten“ (1911). Damit wird die Allegorie zum zeitgemäßen Mittel, die wirre Welt der Gegenwart überhaupt erst wieder begreifbar zu machen.
Frühere Fassungen mini|links|hochkant|Alexander Moissi, erster Jedermann in Berlin (1911) und in Salzburg (1920) Das Projekt Jedermann zog sich über acht Jahre hin. Mit den ersten Entwürfen begann Hofmannsthal im April 1903. Eine frühe Fassung des Stoffs von 1905 ist erhalten; sie unterscheidet sich jedoch sehr stark von dem späteren Stück. Beendet wurde es erst im September 1911. Hofmannsthal schreibt, er habe den Stoff über Jahre hinweg mit sich herumgetragen; schließlich habe der Wunsch gesiegt, dem alten Stoff Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, ihn „gewähren lassen ohne Einmischung, wiederherstellen ohne Willkür“ (1911).
Die von 1905 erhaltene Fassung ist nicht in Reimen gehalten, sondern in Prosadialogen; auch die Sprache ist noch nicht altertümelnd; die Dialoge noch im hohen Ton von Hofmannsthals Frühwerk gehalten. Der Schauplatz des Spiels ist genau angegeben: „Ein Garten bei Wien“. Jedermann ist gezeichnet als „ein reicher Hausbesitzer“, der Mammon als sein Bediensteter. Das Fragment besteht aus vier Dialogen, die Jedermann mit dem Mammon, dem Tod; der Verwandtschaft und dem Freund führt.
Das Fragment scheint sehr dicht Hofmannsthals eigene biographische Situation zu reflektieren. Im Sommer 1901 hatte er geheiratet und mit seiner Frau ein Haus bezogen. Finanziell war er durch das Vermögen seines Vaters unabhängig. Der erste Dialog zwischen Jedermann und dem Mammon lässt das Herrschaftsverhältnis zwischen beiden hervortreten. Jedermann hadert mit dem Mammon, seinem Knecht, dessen Dienstfertigkeit ihm unerträglich ist.
mini|hochkant|Leopoldine Konstantin als Buhlschaft, Berlin 1912 Zentral ist auch Jedermanns innerer Konflikt zwischen unstillbarem Lebensdurst und unausweichlicher Vergänglichkeit: „Es ist eine wütende Qual: Ich bin da, ich einzelnes Leben, und da ist die Welt, funkelt herauf durch die Stämme, Tal an Tal. Nicht auszuschöpfen! Und ich, ich schwinde hin, ich bin schon halb dahin!“ Als der Tod ihn holen will, bittet Jedermann um weitere Lebenszeit, jedoch nicht wie in der späteren Fassung, um Begleitung für den Gang vor seinen Schöpfer zu finden, sondern um sich, wie der Tod ihm aufträgt, zu „trösten“, um „Jedermann und mein Gesicht ertragen lernen“.
Deutlich ist der Bezug zum Tod von Hofmannsthals Mutter im Jahr 1904. Ihr gilt der Selbstzweifel des autobiographischen Jedermann/Hofmannsthal: er erinnert sich daran, am Sterbebett der Mutter in ihren Augen eine „angstvolle, antwortlose Frage“ gelesen zu haben, die ihm gegolten habe – doch er sei aus dem Zimmer gegangen. „(I)ch muß doch im Stande gewesen sein zu verstehen, was ihre Augen vor dem Sterben sagen wollten. – Wenn ich es nicht verstanden habe – für was leben wir denn dann – für was haben wir dann Augen im Kopf und einen Mund und eine Zunge und ein Gehirn und Gedanken und Gefühle?“
Der Dialog mit dem Freund spielt mit Sicherheit auf die Freundschaft mit Stefan George an, die zu diesem Zeitpunkt bereits fast zerstört war. Er beginnt als nostalgische gemeinsame Erinnerung an „die Pracht unserer Jugend“. Nun sei es an der Zeit, die „üppigen Träume“ der Jugend wahrzumachen; der Dialog endet mit dem Bruch der Freundschaft. Ein Jahr später, im März 1906, sollten Hofmannsthal und George tatsächlich ihre 15 Jahre andauernde Freundschaft beenden.
„Jedermann“ bei den Salzburger Festspielen
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