mini|Harlan Ellison (1986) Harlan Jay Ellison (* 27. Mai 1934 in Cleveland, Ohio; † 28. Juni 2018LebensdatenHarlan Ellison ist tot. In: Spiegel Online, 29. Juni 2018. Abgerufen am 29. Juni 2018.Wieland Freund: Er schrieb die beste Star-Trek-Folge aller Zeiten. In: Die Welt, 29. Juni 2018. Abgerufen am 29. Juni 2018. in Los Angeles, Kalifornien) war ein US-amerikanischer Schriftsteller, Drehbuchautor und Kritiker.
Person und Werk Harlan Ellison ist für seine Erzählungen und Kurzgeschichten im Bereich der Science-Fiction, Fantasy und des Horror bekannt, womit aber nur ein Teil seiner Arbeiten abgedeckt ist. Viele seiner Bücher enthalten keine phantastischen Elemente. Er hat sich daher immer wieder gekränkt gezeigt, wenn er auf die SF festgelegt wurde – eine Konsequenz der vielen Preise, die er vor allem ab Mitte der 1960er Jahre bis in die 1970er Jahre hinein für phantastische Erzählungen erhalten hat. Ellison glänzte immer durch Vielseitigkeit und hohen Lebens- und Realitätsbezug, chronische Erschöpfung führte jedoch nach einer langen Erfolgsperiode seit den 1980er Jahren zu einer Verlangsamung seines Outputs.
Was seine bekannteren Geschichten verbindet, sind meist phantastische Elemente und Rahmenbedingungen, die auf die Figuren einwirken; der spezielle Charakter von Ellisons Werken liegt in seiner Vorliebe für düstere Stimmungen, starke Emotionen und schwarzen Humor, sowie in seiner sprachlichen Experimentierfreude. Charakteristisch sind auch Ellisons leidenschaftliches politisches und soziales Engagement, seine Bereitschaft, Stellung zu beziehen und sich unpopulär zu machen.
Ellison wurde häufig als Redner engagiert und führte diverse persönliche Kampagnen durch, sei es gegen christliche Glaubensvorstellungen, Dummheit, das Internet, die Machtlosigkeit von Autoren gegenüber Regisseuren oder Produzenten, das Fernsehen oder für eine größere Anerkennung in seinen Augen unterschätzter oder in Vergessenheit geratender Autoren wie Alfred Elton van Vogt, Fritz Leiber oder Gerald Kersh.
Seine Kurzgeschichten veröffentlichte er auch unter Pseudonymen, darunter Lee Archer, Cordwainer Bird, Robert Courtney, Wallace Edmondson, Ellis Hart, E. K. Jarvis und Clyde Mitchell.
Werdegang Ellison wurde in Cleveland geboren. Als Sohn der einzigen jüdischen Familie in seinem Viertel – und zudem klein von Gestalt – war er vielen Angriffen ausgesetzt. In Cleveland gab er auch in sehr jungen Jahren bereits eine Fanzeitung über SF heraus. Als 13-Jähriger floh er von zu Hause und schloss sich einer reisenden Gruppe von Schaustellern an, arbeitete u. a. als Holzfäller und als Fischer. Seine ersten schriftstellerischen Arbeiten entstanden ab 1955 in New York City, wo er für die dort konzentrierten Schundmagazine reihenweise Geschichten über Gewaltverbrechen, Geständnisliteratur und Horrorgeschichten schrieb, um sich über Wasser zu halten. Sein Freund und Vertrauter war in dieser Zeit Robert Silverberg, der genau das Gleiche tat.
In New York kam er mit vielen SF-Autoren in Kontakt und versuchte, seine SF-Geschichten in den einschlägigen Magazinen veröffentlicht zu bekommen, was ab 1956 gelang. Schließlich schloss er sich einige Monate einer Straßengang an, um Erfahrungen zu sammeln und darüber zu schreiben (Memos from Purgatory). Sein erster Roman Web in the City (1958) erschien, während er als Soldat in Fort Knox stationiert war. Etwa ein Jahr lang war er der Herausgeber beim Taschenbuchverlag Regency Books. Seine vierte Kurzgeschichtensammlung Gentleman Junkie (1961 bei Regency) wurde von Dorothy Parker in den höchsten Tönen gelobt, ein für Ellison einschneidendes Erlebnis.
Fernsehen und Science Fiction Nach einem Umzug schrieb Ellison in Los Angeles neben seinen Geschichten Drehbücher, um mehr Geld zu verdienen. Darunter waren zwei 1964/65 produzierte Episoden der The-Outer-Limits-Reihe und das ursprüngliche Drehbuch für die Star-Trek-Episode „The City on the Edge of Forever“ (Griff in die Geschichte) von 1967. Sowohl die abgeänderte Fernsehfassung als auch das Originaldrehbuch gewannen wichtige Preise.
Zur selben Zeit fand er auch in der SF-Szene Beachtung, wo er mit seinen Geschichten wie auch mit seiner Persönlichkeit wie ein Komet einschlug. Die vom modernen Pünktlichkeitswahn und der Rolle des Künstlers handelnde Geschichte „‘Repent, Harlequin!’ Said the Ticktockman“ zählt in den USA zu den am häufigsten wieder nachgedruckten Geschichten überhaupt. Daneben wurden sehr bekannt: „I Have No Mouth, and I Must Scream“, „Pretty Maggie Moneyeyes“, „The Beast That Shouted Love at the Heart of the World“, „A Boy and His Dog“ und später „The Deathbird“ und „Adrift Just Off the Islets of Langerhans: Latitude 38° 54′ N, Longitude 77° 00′ 13″ W“. Für seine Geschichten erhielt er regelmäßig die höchsten Auszeichnungen des SF-Betriebs.
Ellisons Einfluss auf andere Autoren war in der SF immens, auch wenn nie ein breites Publikum auf ihn aufmerksam wurde. Zu seinem Einfluss trug auch seine Arbeit als Herausgeber zweier umfangreicher Sammlungen speziell georderter Geschichten von jeweils über 30 wichtigen Phantastik-Autoren bei, welche die Titel „Dangerous Visions“ und „Again, Dangerous Visions“ trugen. Ellison hatte die Autoren gebeten, mutige Geschichten einzureichen, die anderswo abgelehnt worden waren oder zumindest aller Voraussicht nirgends anders veröffentlicht werden könnten.
Diese sorgfältig hergestellten Bände gaben einen Überblick über den Entwicklungsstand phantastischer Literatur und waren ein solcher Erfolg, dass es in SF-Kreisen schon bald selbstverständlich wurde, auch zuvor unveröffentlichte Geschichten unterschiedlicher Autoren eines gewünschten Standards in Sammelbänden zusammenzufassen. (Damon Knight hatte dies zuvor mit seiner langlebigen „Orbit“-Reihe begonnen.) Als Herausgeber fungieren dann in den meisten Fällen Autoren und keine Verlagsangestellten. Arbeitete Ellison als Herausgeber, so ließ er es sich nie nehmen, unentdeckten Talenten die ihnen zustehende Öffentlichkeit zu verschaffen. Die beiden Bände wurden von der Kritik als zentrale Bezugswerke für die Bewegung der „New Wave“ der Science Fiction betrachtet, von denen Ellison bereits als einer der Hauptvertreter galt.
In den frühen 70er Jahren erschien mit „The Glass Teat“ auch Ellisons erste Zusammenstellung kritischer Essays über das Fernsehen und das damalige Fernsehprogramm.
Nach dem Durchbruch Ellisons Bücher überzeugten zunehmend als zusammenhängende Werke, auch wenn sie nur noch aus einzelnen Geschichten bestanden. So wurden zwei seiner späteren Sammlungen mit den Titeln „Strange Wine“ (1978) und „Shatterday“ (1980) auch besonders gelobt. In letzterem war u. a. das mit einem Hugo Award ausgezeichnete „Jeffty Is Five“ (1977) enthalten, in dem Ellison von einem ewig jungen Kind erzählte, dessen Welt sich um ihn herum gnadenlos veränderte.
Die ebenfalls aufgenommene Novelle „All the Lies that Are My Life“ (1980) behandelte das Thema Freundschaft, wobei hier wie in vielen seiner wichtigsten Werke autobiographische Wahrheiten durchschlugen. Der damals schriftstellerisch aufkeimende Stephen King bekannte sich in seinem Sachbuch „Danse Macabre“ klar zu Ellison, wobei vor allem Kings Kurzgeschichten grob einer ähnlichen Tradition wie die von Ellison zuzuordnen sind. Beide Autoren waren aber bekennend von den Vorreitern der modernen Horror-Literatur beeinflusst, darunter H.P. Lovecraft und Edgar Allan Poe. Der von Ellison geförderte Dan Simmons reihte sich da bald ein.
Ellison schrieb in den frühen 1970er Jahren u. a. Filmdrehbücher zu Romanen von Isaac Asimov („Ich, der Robot“) und Norman Spinrad („Champion Jack Barron“), die unverfilmt blieben, während sein Pilot-Fernsehskript zu „The Starlost“ stark abgeändert vor die Kameras ging und die Serie dann ohne ihn gemacht wurde. Nachdem Ellison jahrelang über Filmstudios, Fernsehsender und Produzenten hergezogen war, nahm er Mitte der 80er Jahre unter bestimmten Bedingungen an der Gestaltung einer Neuauflage der Reihe The Twilight Zone teil, das mit einer filmischen Umsetzung seiner Geschichte „Shatterday“ begann. Seine spätere Episode „Paladin of the Lost Hour“ über Weisheit, Freundschaft und Verantwortung in einer modernen Welt zählte zu den besten und wurde ebenfalls als Kurzgeschichte mit Begeisterung aufgenommen (Locus Award). Ellison verließ die Serie nach weniger als einem Jahr, als eines seiner Drehbücher beim Sender nicht genehmigt wurde.
Ellisons Produktivität ging in den frühen 1980er Jahren zurück, als er gesundheitliche Probleme bekam und nicht mehr so lange an der Schreibmaschine sitzen konnte. Da ihm jedoch die Umgebung seiner Arbeit unerheblich ist, schrieb er eine Reihe von Geschichten in den Schaufenstern von Buchgeschäften, die er unterstützen wollte. Dabei gab ihm eine Person ein Stichwort, welches die Geschichte anregen sollte, und die fertigen Seiten wurden für Passanten im Schaufenster ausgehängt. Auf diese Weise entstanden im Laufe der Jahre über dreißig Geschichten, die er zum Teil in seine Bücher aufnahm.
Spätphase 1987 wurde die Sammlung The Essential Ellison mit dem Bram Stoker Award für die beste literarische Sammlung ausgezeichnet. 1988 und 1997 erschienen mit „Angry Candy“ und dem recht umfangreichen „Slippage“ weitere Erzählsammlungen. Der aufwändige Band „Mind Fields“ von 1994 enthielt 33 Kurzgeschichten, die von abgedruckten Bildern Jacek Yerkas inspiriert wurden.
1995 wurde Ellison mit dem Bram Stoker Award für sein Lebenswerk ausgezeichnet und auch die Novelle „Mefisto in Onyx“ und die Kurzgeschichte „Chatting With Anubis“ (beide auch in „Slippage“) erhielten 1993 bzw. 1995 ebenfalls jeweils den Bram Stoker Award.
Die Geschichte „The Man Who Rowed Christopher Columbus Ashore“ wurde 1993 in den Jahresband der Best American Short Stories aufgenommen. Die Geschichte „Goodbye to All That“ wurde 2003 für einen Nebula Award nominiert. In „Harlan Ellison’s Watching“ (1989) waren Filmkritiken versammelt, zwei andere Bände enthielten Essays. Zu seinen bekannteren Kritiken gehören Verrisse der Filme Krieg der Sterne und Star Trek: Der Film. (Weniger bekannt ist, dass Ellison vor allem in jungen Jahren viel Musikkritik sowie als Anhänger vieler Musikstile unzählige Liner Notes verfasst hatte.)
Mit Beginn der 1990er Jahre wurde Ellison beratend für die SF-Fernsehserie Babylon 5 tätig, da er mit dem Produzenten J. Michael Straczynski befreundet war. Das international vermarktete Computerspiel „I Have No Mouth, and I Must Scream“ (Cyberdreams, 1995) basierte auf seiner Erzählung und ging weit darüber hinaus, zumal Ellison sein Desinteresse an moderner Technik für einige Monate ablegte und die Handlung, die Dialoge und das Begleitheft mitverfasste sowie dem Spiel seine Stimme lieh. Ende der 1990er Jahre überwachte Ellison persönlich die Herausgabe diverser älterer Bücher, die längst vergriffen waren („Edgeworks“ Bände 1 bis 5). Dafür schrieb er wie üblich teils neue Fußnoten und Einleitungen. Ellison, der seit der Kindheit ein großer Fan und Fürsprecher der Comic-Kunst war, arbeitete mit ausgewählten Textern und Zeichnern zusammen, die jeweils einzelne Geschichten für „Harlan Ellison’s Dream Corridor“, eine eigens ins Leben gerufene Comic-Reihe, adaptierten.
Verfilmungen von „Mefisto in Onyx“ sowie ein „Dream Corridor“-Film waren im Gespräch; seine Geschichte „The Discarded“ wurde mit seiner Beteiligung Mitte 2006 für die TV-Reihe „Masters of Science Fiction“ (ABC; Regie: Jonathan Frakes) umgesetzt. Viele Erzählungen und Novellen gab Ellison trotz Anfragen nicht für Verfilmungen frei, darunter „Jeffty Is Five“. Des Öfteren wurden bereits angedachte Projekte von Ellison wieder gestoppt, weil etwa in Besetzungsfragen keine Einigung erzielt werden konnte.