Die beiden erhaltenen Orgeln der St.-Marien-Kirche in Stralsund stammen aus den Jahren 1659 bzw. 1906. Sie wurden von Friedrich Stellwagen und Barnim Grüneberg geschaffen. Die von Friedrich Stellwagen geschaffene Hauptorgel aus dem Jahr 1659 gehört zu Norddeutschlands bedeutendsten Barockorgeln.

Hauptorgeln Orgeln bis 1647 Eine erstmalige urkundliche Erwähnung findet eine Orgel in der Marienkirche im Testament des Wendel Bucke im Jahr 1492, der darin zwei große Kannen für die Orgel vermacht. 1493 baute Johann Sculte eine Orgel; dieser errichtete einige Jahre später auch noch eine zweite, kleinere Orgel in St. Marien.Otto Jahn: Die Marienkirche. In: Stralsunder Heimatbücher, Heft 2, Stralsund 1930. Die für diesen Beitrag zugrunde gelegten Quellen wurden im Zweiten Weltkrieg zerstört. Die von ihm gebaute Hauptorgel hatte ihren Platz im Chorumgang.

Eine im 16. Jahrhundert wahrscheinlich von Nikolaus Maaß gebaute Orgel stand auf einer Empore an der Westfront des Langhauses. Ein Johann Müller stiftet in seinem Testament 1571 für den Bau der neuen Orgel 30 Mark.Stadtarchiv Stralsund, Test. 1128

Am 10. August 1647 brannte die Spitze des laut der Überlieferung 151 m hohen Kirchturms der Marienkirche, der die Kirche für zwei Jahrzehnte (von 1625 bis 1647) zum weltweit höchsten Gebäude gemacht hatte, infolge eines Blitzschlags ab. Die Trümmer durchschlugen die Gewölbe über der Orgel und vernichteten letztere. Des Weiteren brannte der Dachstuhl ab.

Die Orgel von Nikolaus Maaß wurde wahrscheinlich zerstört; eine Kirchenrechnung im Archiv der Marienkirche vermerkt für das Jahr 1649 die Zahlung von 12 Reichstalern an einen Orgelbauer, der am „posetif“ (Positiv) Arbeiten vorgenommen hatte – wohl an der kleineren der beiden von Sculte erbauten Orgeln.

Diese Orgel wurde wohl beim Neubau durch Friedrich Stellwagen abgebrochen.

Die Stellwagen-Orgel

Zwei Jahre nach dem Einsturz der Turmspitze war das Dach wieder repariert, nach zwei weiteren Jahren waren auch die Gewölbe geschlossen, so dass der Neubau einer repräsentativen Orgel angegangen werden konnte. Sie wurde vom Orgelbauer Friedrich Stellwagen in den Jahren von 1653 bis 1659 gebaut und ist eine der wenigen Neubauten Stellwagens.

Bau durch Friedrich Stellwagen 1653–1659 mini|Inschrift des Erbauers Aus dem Jahr 1653 stammt die erste urkundliche Erwähnung eines Orgelneubaus in St. Marien. Ein Ratsprotokoll vom 27. Juni 1653 genehmigt den Bau der Orgel, nennt allerdings nicht den Namen des Orgelbauers, der seine Pläne vorgestellt hatte. Ein weiteres Ratsprotokoll vom 1. August 1653 bestätigt die Genehmigung. Die Finanzierung des Baus oblag der Mariengemeinde, welche damals über reichliche Mittel verfügte und hinsichtlich Größe und Kosten der Orgel praktisch ohne Einschränkungen planen konnte.

Aufgrund der Qualität seiner kleinen, in der Johanniskirche gebauten Orgel fiel die Wahl auf Stellwagen. Er war 1653 allerdings noch mit Aufträgen für zwei Jahre eingedeckt, welche er nach der Entgegennahme einer Anzahlung für die Stralsunder Marienorgel zunächst in seiner Lübecker Werkstatt abarbeitete. Während Stellwagen noch in Lübeck tätig war, errichteten ein Stralsunder Zimmermeister und seine Gehilfen den Prospekt nach Stellwagens Angaben. 1655 traf dieser dann mitsamt seinem Hausstand, seinen Mitarbeitern und zwölf Blasebälgen für die neue Orgel per Schiff in Stralsund ein. Er mietete ein Haus in der Tribseer Straße und richtete in den Turmhallen der Marienkirche seine Werkstatt ein.

Über den Bauverlauf ist wenig bekannt. Die Fertigstellung des Werks fiel auf Ostern oder Pfingsten 1659. Die Orgel wurde im Oktober 1659 abgenommen, worauf die heute noch vorhandenen Musikemporen gebaut wurden – entsprechend zu den Emporen in der Lübecker Marienkirche, deren große Orgel (einschneidend umgebaut und erweitert durch Stellwagen 1637–1641) der Stralsunder Marienorgel offenbar als Vorbild diente. Friedrich Stellwagen selbst verstarb kurz nach Vollendung des Baus.links|mini|Werkaufbau der Stellwagen-Orgel Der Orgelprospekt mit seinen im niederländischen Knorpelstil gehaltenen Schmuckmotiven zählt zu den repräsentativsten Orgelprospekten des Frühbarock. Im Mittelpunkt dieses Hauptwerks steht König David als Stammvater geistlicher Musik. An oberster Stelle befinden sich die Pfeifen des Oberpositivs.

Zahlreiche geschnitzte und bemalte Figuren, Flammenzungen, Fratzen und andere Elemente verzieren die 20 Meter hohe Fassade. Musizierende Engel, Sonne, Mond und Sterne und eine geflügelte Weltkugel als Krönung der Orgel knapp unter dem Gewölbe der Kathedrale zählen zum Schmuckreichtum. Unterhalb des Gehäuses hängt ein Engel, der auf einer Fanfare bläst. Zwei der allesamt in den Kirchenraum gewandten Engel umfassen unter dem Rückpositiv das Familienwappen Stellwagens (ein Wagengestell) und die Inschrift „M. Friederich Stellwagen hat dieses Werck verrichtet. Anno 1659“. Auf der höchsten Bekrönung des Prospektes steht ein Engel auf der Weltkugel, in seinem rechten Arm ein Instrument und im linken Arm ein Spruchband mit der Aufschrift „S. Dominus Deus Sabaoth“ haltend.

Die Orgel steht am westlichen Ende des Langhauses auf einer Empore, die sich mit elf Metern Breite über die Breite des gesamten Mittelschiffs erstreckt. Die Empore wurde schwalbennestartig zwischen den inneren Turmpfeilern angebracht, mit 12,50 Metern über dem Fußboden gut drei Meter höher als die Vorgängerempore für die von Stellwagen abgerissene Hauptorgel. Die Empore war ursprünglich von den beiden Seitenböden und von der nördlichen Turmtreppe aus erreichbar.

Die Empore wird durch freitragende Eichenholzbalken getragen. Zum Kircheninneren ist die Empore mit Holz verkleidet.

Die als Werkorgel gefertigte barocke Orgel von St. Marien weist Hauptwerk, Oberpositiv, Rückpositiv und Pedalwerk auf. Das Hauptgehäuse enthält die übereinander angeordneten und in der Waagerechten durch Abstand getrennten Werke Hauptwerk und Oberpositiv sowie den Spielschrank mit drei Manualen und Pedal und den Registerzügen. Das Pedalwerk steht links und rechts, durch großen Abstand getrennt, vom Hauptwerk und dem Rückpositiv. Das hinter dem Spieltisch befindliche Rückpositiv ragt in den Kirchenraum hinein.

Klanglich ist die Orgel durch enge Mensuren, verbunden mit einem obertonreichen und klaren Klang, sowie durch zwölf Zungenstimmen geprägt.

Die sichtbaren Pfeifen im Prospekt sind bis auf sechs im Hauptwerk und Oberpositiv befindliche Pfeifentürme klingend. Die Enden der sichtbaren Pfeifen sind hinter verzierten Schleierbrettern verborgen.

Links und rechts des Spieltischs sind die Registerzüge angeordnet. Auf der linken Seite befinden sich: Trommet Mixtur Rauschpfeife Superoctave Octava Bordun Werckventil Glöcklein Krumhorn Scharrfs Nasard Octava Blockflött Ventil Cornetbaß Trommetb Posaunenb Nachthornenb Superoctavb Spitzflöttb Principallb Ventil Regal Dulzian Scharffs Sesquialtra Feltpfeiffe Gedackt GrQuintadeen Ventil

Rechts sind folgende Registerzüge angeordnet: Tremulant Principall Spitzflött Hollquinta Hollflött Flachflött Scharffs Zimbelstern Principall Holflött Kl.Quintadeen Gemshorn Trommett Schallmey Trommell Grossprincipallbass Gedacktuntersatzb Octavenb Feltpfeiffenb Mixturb Dulzianb Schallmeyb Vogelgeschrei Principall Dultzflött Quintadeen Octava Sifflitt Zimbell Trichter Regal

Reparaturen durch Ernst Julius Marx 1775–1778 Paul Schmidt aus Rostock schilderte den Provisoren am 12. August 1763 Mängel der Stellwagen-Orgel, die durch unsachgemäße Benutzung entstanden. 1770 entstanden nach einer Explosion im nahe der Kirche am Tribseer Tor gelegenen Pulverturm starke Schäden an der Orgel. Fünf Jahre nach der Beschädigung baten die Provisoren von St. Marien den Rat der Stadt um Genehmigung der Reparatur.

Während der Rat Paul Schmidt für die Ausführung der Reparaturen bevorzugte, lehnten die Provisoren diesen als „altfränkisch“ ab und bestanden darauf, Ernst Julius Marx zu beauftragen. Der Organist der Kirche, Georg Ludwig Zeidler, hatte Marx empfohlen. Zeidler sah Marx als Vertreter der „Silbermann’schen Schule“, er sah Vorteile bei der Bauart der Bälge, der Windleitungen und im höheren Winddruck; weitere von Zeidler in einer Stellungnahme erwähnte Vorteile der „Silbermann’schen Schule“ lassen darauf schließen, dass er in Unkenntnis der Werke stand und die Stellungnahme vorwiegend erstellte, um die Provisoren von Marx zu überzeugen. Zeidler fertigte eine Aufstellung der nach seiner Ansicht nötigen Reparaturen an. Der Rat der Stadt ließ eine solche Aufstellung auch durch Paul Schmidt fertigen.

Letztlich wurde doch Ernst Julius Marx mit der Reparatur beauftragt. Ein Kostenvoranschlag vom 5. Juli 1775 über 900 Reichstaler in Gold umfasste zahlreiche Änderungen, die überwiegend den Wünschen Zeidlers entsprechen. Dazu gab Marx einige mündliche Zusagen ab, die die Windstärke betrafen. Mit Schreiben vom 28. Juli 1775 teilten die Provisoren der Stadt mit, dass die Orgel „so als eine neue werden müßte“ und sie den Zensoren als eine neue übergeben werden würde. Auch sei Marx verpflichtet worden, zusätzlich auftretende Aufgaben ohne zusätzliche Bezahlung zu verrichten. Von 1775 bis 1778 wurde die Orgel daher von Ernst Julius Marx repariert; er nahm auch einige Umbauten vor. Für den Einbau einer Quinta 6′ im Pedal mussten beispielsweise andere Register weichen. Aus Ratsprotokollen der Stadt Stralsund ist ersichtlich, dass die Reparaturarbeiten nicht gewissenhaft durchgeführt worden sind.

Der Organist der St.-Nikolai-Kirche, Johann Christoph Escherich, vermerkte bei einem Gebrauch der Orgel vor der Abnahme, dass deren Stimmung höher sei als zuvor. Am 4. und 5. Mai 1778 fand unter Leitung von Altermann Wadman die Abnahme der Orgel durch den von den Provisoren bestellten Organisten Johann Diedrich Tiedemann aus Rostock und die durch den Rat der Stadt bestellten Organisten Paul Schmidt und Musikdirektor Escherich statt.

Tiedemanns Gutachten folgt dem Kostenvoranschlag Marx’, die von Marx mündlich gemachten Zusagen erwähnt Tiedemann nicht; es fehlen die Gradzahlen der Windladen, einige neue Register bzw. die Entfernung alter Register werden gar nicht aufgeführt. Escherich dagegen führt in seinem Bericht vom 11. Mai 1778 aus, dass der Winddruck nicht der von Marx angegebenen Stärke entspräche, dass bis auf die Baßlade alle Windladen durchstechen würden; die neue „Vox humana“ sei ein „brauchbares Register“, klinge aber nicht nach einer menschlichen Stimme. Escherich erwähnte zudem, dass Tiedemann während seiner Abnahme zahlreiche Ermahnungen geäußert habe. Er erwähnt auch nochmals, „(...) daß die Orgel ietzt anderthalb-Viertel Thon höher steht, wie vorhin, und daß (...) niemals eine reelle und harmonische Kirchen Musik wird können auf geführt werden (...)“. Paul Schmidt äußert sich in seinem Bericht wie folgt: