Die Jerusalemer Urgemeinde gilt als die erste Gemeinschaft des Urchristentums. Sie bildete sich nach der Kreuzigung Jesu in Jerusalem. Sie verkündete Juden und Nichtjuden die Auferstehung Jesu Christi, Vergebung der Sünden und Jesu Gebote, sich auf seine Wiederkunft (Parusie) und das damit verbundene Weltende vorzubereiten.

Quellen Für die Anfänge der Jerusalemer Urgemeinde gibt es nur wenige konkrete Anhaltspunkte. Als Quellen dienen die Aussagen des Briefs des Paulus an die Galater, Rückschlüsse aus den synoptischen Evangelien und vor allem Aussagen der Apostelgeschichte des Lukas.Johann Pock: Gemeinden zwischen Idealisierung und Planungszwang. LIT Verlag, Wien 2006, S. 86. Diese Schriften wurden im Zeitraum von 55 bis etwa 100 n. Chr. verfasst. Weiter zurück in die Vergangenheit kommt man mit Lehrtraditionen, die Paulus von Tarsus in seinen Briefen zitiert hat.Vgl. Leonhard Goppelt: Theologie des Neuen Testaments. Göttingen 1978, S. 325. Auch der in das Markusevangelium integrierte älteste Passionsbericht wurde wahrscheinlich im Kern von Jerusalemer Urchristen verfasst.Zu dieser These vgl. Rudolf Pesch: Das Evangelium in Jerusalem: Mk 14,12–26 als ältestes Überlieferungsgut der Urgemeinde. In: Peter Stuhlmacher (Hrsg.): Das Evangelium und die Evangelien: Vorträge vom Tübinger Symposium 1982 (= Wissenschaftliche Untersuchungen zum Neuen Testament. Band 28). Mohr Siebeck, Tübingen 1983, S. 113–155.

Lukas beschrieb die Urgemeinde als weitgehend harmonisch gelenkte Einheit des „apostolischen Zeitalters“ (etwa 30 bis 70), um sie als Vorbild für alle späteren christlichen Gemeinden hervorzuheben. Historische Kritik hat dieses Bild in vieler Hinsicht in Frage gestellt. Die ältere paulinische und markinische Überlieferung bestätigt die Apostelgeschichte in den Grundaussagen des christlichen Glaubens, ergänzt und korrigiert sie aber auch in wichtigen Details.

Keines der vier kanonischen Evangelien stammt aus der Urgemeinde. Sie erlauben aber Rückschlüsse auf deren Besonderheiten, wenn man ihre Angaben zur Verkündigung Jesu mit denen der Apostelgeschichte vergleicht. Indirekte Informationen zu Jerusalemer Gottesdienstformen und Ämterregeln ergeben auch nichtkanonische christliche Schriften wie die Didache, eine Art Katechismus von Judenchristen, die der Urgemeinde theologisch und ethisch nahestanden. Wichtige Einzeldaten zu ihrer späteren Geschichte stammen ferner aus außerbiblischen Quellen wie dem Testimonium Flavianum (um 90) des jüdischen Historikers Flavius Josephus sowie aus Notizen von Hegesippus (um 180), den der erste Kirchenhistoriker Eusebius von Caesarea zitierte.

Chronologie Die chronologischen Eckdaten geben einen Überblick über die ersten Abläufe und Entwicklungen der Urgemeinde.Udo Schnelle: Die ersten 100 Jahre des Christentums 30–130 n. Chr. Die Entstehung einer Weltreligion. Vandenhoeck & Ruprecht, 3. neubearbeitete Auflage Göttingen 2019, S. 238 (Tafel 4: Chronologie des frühen Christentums bis 50 n. Chr.) und S. 327 (Tafel 5: Chronologie des frühen Christentums bis 70 n. Chr.). n. Chr.EreignisseStellen30Tod Jesu par.~ 30–32Konstituierung der Jerusalemer Gemeinde/erste Konflikteab 30Wirken der Jesusbewegung in Galiläa; zunächst mündliche Überlieferung der Jesustradition; ; 31–43Petrus leitet die Jerusalemer Gemeinde31/32Bildung einer Gemeinde in Damaskus~ 32Hebräer und Hellenisten in Jerusalem32/33Stephanus32/33Berufung des PaulusApg 9; 22; 26ab 33Mission des PhilippusApg 8~ 33–34Paulus in der Arabia~ 34Gründung der Gemeinde in Antiochia351. Jerusalembesuch des PaulusGal 1,18~ 35Barnabas wirkt in AntiochiaApg 11,22–26~ 35–40mündliche/schriftliche Fixierung des Passionsberichtes, erste gezielte Sammlungen von Jesustraditionen-~ 36–42Paulus in Syrien und Kilikien (Tarsus)Apg 9,28–30~ 40Gründung der Gemeinde in Rom, ‚Christianer‘ als eigene Gruppe in AntiochiaApg 11,26~ 40–50Entstehung vorpaulinischer Traditionen-~ 42Paulus schließt sich Antiochia anApg 11,25–2643/44Verfolgung unter Agrippa I., Petrus verlässt Jerusalem und Jakobus übernimmt die Leitung der GemeindeApg 12,1–4.17~ 45–471. MissionsreiseApg 13–1448Apostelkonvent (Frühjahr); antiochenischer Zwischenfall (Sommer/Herbst)Apg 15,1–34;

Gal 2,1–10.11–1449Claudius-EdiktApg 18,248–51/522. MissionsreiseApg 15–1850/51Paulus in KorinthApg 18,1–1751/52Gallio in KorinthApg 18,12–1752–55/563. MissionsreiseApg 18–2152–54/55Paulus in EphesusApg 1955Reise des Paulus nach MakedonienApg 20,1–2; 2Kor 2,1356(Jahresbeginn:) Letzter Aufenthalt des Paulus in Korinth(Apg 20,2–3)56(Frühsommer:) Ankunft des Paulus in JerusalemApg 2156–58Haft des Paulus in CäsareaApg 23–2458Amtswechsel Felix/FestusApg 24,2759Ankunft des Paulus in RomApg 28,11ff.64Tod des Petrus und Paulus-

Ursprung Jesu Anhängerschaft aus Galiläa, die ihm nach Jerusalem gefolgt war, zerstreute sich wohl schon nach seiner Festnahme . Die meisten Jünger kehrten spätestens nach seiner Grablegung in ihre Heimatdörfer zurück, da seine Hinrichtung am Kreuz auch seine Predigt vom nahen Reich Gottes widerlegt zu haben schien .

Nachdem sie in Galiläa zum Glauben an die Auferstehung Jesu gekommen waren, kehrte eine von Petrus geleitete Jüngergruppe nach Jerusalem zurück, was wegen der ständigen Ankunft von Pilgern in der Stadt ohne Aufsehen geschah.Ludger Schenke: Die Urgemeinde. Geschichtliche und theologische Entwicklung, Stuttgart 1990, S. 22. Kleine Hausgemeinden ohne übergreifende Organisation entstanden wohl annähernd zeitgleich über ganz Palästina verstreut.Ludger Schenke: Die Urgemeinde. Geschichtliche und theologische Entwicklung, Stuttgart 1990, S. 23. Sie verkündeten Jesus als den Messias Israels und aller Völker. Was die Jesusanhänger dazu bewog, liegt historisch im Dunkeln, hängt aber mit ihren Auferstehungserfahrungen zusammen.

Die Urgemeinde entstand nach der Darstellung des Lukas in durch ein Wunder, die Ausgießung des Heiligen Geistes an Pfingsten. Dieses erfüllte für die Urchristen jene Geistverheißung, die der jüdische Prophet für die Endzeit verheißen hatte. Denn mit Jesu Auferstehung begann für sie die von Israels Propheten verheißene Endzeit. Daher verkündeten sie das Pfingstwunder als Vorwegnahme der Ankunft des Gottesreichs, das alle Sprachbarrieren überwindet und alle Nationalitäten in das Lob Gottes aufgrund der durch Jesus erwirkten Sündenvergebung einstimmen lässt . Demnach verstand der Verfasser der Apostelgeschichte die Urgemeinde als eschatologische Heilsgemeinschaft, in der die Völkerverständigung schon Realität ist und auf den verheißenen Völkerfrieden ( par. ) vorausweist.

Mitglieder und Organisation Die Urgemeinde bestand im Wesentlichen aus „Jüngern“ – Männern und Frauen –, die Jesus von Nazaret schon in Galiläa zu seinen Nachfolgern berufen hatte und die ihn auf seinem Weg nach Jerusalem begleitet hatten. Nachdem die Jünger Jesu Auferstehung verkündigt hatten, schlossen sich ihnen zunächst Juden mit ganz unterschiedlichem Hintergrund an, viele von ihnen wohl „Fromme“ mit einer starken Endzeiterwartung. Auch Pharisäer kamen hinzu, die ihre intensive Beschäftigung mit der Hebräischen Bibel und ihre Ausrichtung des Alltags auf Gott einbrachten. Zeloten, die sich der Urgemeinde anschlossen, vermittelten ihr den Einsatz für Arme und Entrechtete. Wenn erwähnt, dass auch jüdische Priester „dem Glauben gehorsam wurden“, so handelt es sich möglicherweise um in Jerusalem lebende Essener. Ludger Schenke meint, dass Parallelen in Selbstverständnis und Praxis zwischen Qumran und der Urgemeinde auf konvertierte Essener zurückzuführen seien.Ludger Schenke: Die Urgemeinde. Geschichtliche und theologische Entwicklung, Stuttgart 1990, S. 67 f. mini|Theodotos-Inschrift, Stifterinschrift einer Jerusalemer Synagoge des 1. Jahrhunderts n. Chr. (Israel-Museum). In Jerusalem lebten auch viele griechischsprachige Juden, die aus der Diaspora zugezogen waren und für die eine eher konservative Grundausrichtung und eine sehr positive Einstellung gegenüber dem Tempel anzunehmen ist. Wenn einige vom Tempelkult, wie sie ihn dort erlebten, enttäuscht waren, so schlossen sie sich möglicherweise der Urgemeinde an und brachten die Tempelkritik ein, die später die Jerusalemer „Hellenisten“ kennzeichnete.Ludger Schenke: Die Urgemeinde. Geschichtliche und theologische Entwicklung, Stuttgart 1990, S. 70.

Zwölf der von Jesus berufenen männlichen Nachfolger hebt die Evangelienüberlieferung als Erstberufene und Abbild der Zwölf Stämme Israels namentlich hervor. Judas Iskariot, der zu diesem Kreis gehörte, soll sich nach seinem Verrat Jesu an den Hohen Rat das Leben genommen haben; an seine Stelle trat nach Matthias. Schenke nimmt an, dass die Zwölf (unter Führung des Petrus) die Jerusalemer Gesamtgemeinde als Kollegium leiteten. Dieses Kollegium habe aber nur kurz bestanden, da Paulus es nicht mehr antraf, als er Jerusalem besuchte. Gerade in Jerusalem hatte die Wiederherstellung der Zwölf Stämme Israels programmatische Bedeutung.Ludger Schenke: Die Urgemeinde. Geschichtliche und theologische Entwicklung, Stuttgart 1990, S. 75–78. Die frühe Dogmatisierung des Zwölferkreises in allen Evangelien zeigt zudem: Die Urgemeinde verstand sich als vom zu Gott erhöhten Messias Jesus Christus auserwählte endzeitliche Vorausdarstellung des gesamten Gottesvolks.Vgl. Leonhard Goppelt: Theologie des Neuen Testaments, Göttingen 1978, S. 259. Hinter dieser Formulierung steht Goppelts These einer stufenweisen Gestaltwerdung der Kirche als des neuen Gottesvolkes Israel: „Der Zwölferkreis ist seine zeichenhafte Vorausdarstellung, die Gemeinde der Pfingsten seine grundlegende Realisierung, die Gemeinde unter dem paulinischen Evangelium seine grundlegende Gestaltwerdung.“ Hier zitiert nach: Horst Simonsen: Leonhard Goppelt (1911–1973). Eine theologische Biographie. Exegese in theologischer und kirchlicher Verantwortung. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2004, S. 151. Ihre Israelmission hatte daher für sie Vorrang.

Seinen Jüngern zeigte sich Jesus nach dem Neuen Testament als der Auferstandene und berief sie dabei zur Mission: Dies begründete ihre Autorität als Apostel. Da Simon Petrus die erste Erscheinung des Auferstandenen erlebte, wurde er in seiner Führungsposition bestätigt, die er schon zu Jesu Lebzeiten im Jüngerkreis gehabt hatte. Schenke verweist auf das Traditionslogion und vermutet, dass die Jüngergruppe in einer schweren Krise war (offenbar nach dem Kreuzestod Jesu), in der Petrus die Verzagten zusammenrief und stärkte.Ludger Schenke: Die Urgemeinde. Geschichtliche und theologische Entwicklung, Stuttgart 1990, S. 20–22. Als Apostel galt jeder, der nach Jesu Tod eine Erscheinung des Auferstandenen hatte und von ihm zur Mission beauftragt worden war. Dieser Kreis ging über die Zwölf hinaus: Erst Lukas identifizierte ihn mit den Leitern und Gründern der Urgemeinde. Bis wann der Zwölferkreis deren Leitung innehatte, ist ungewiss. Paulus nennt bereits in seinem Galaterbrief (verfasst 50–57) nur noch die „drei Säulen“ Jakobus, Simon Petrus und Johannes .Vgl. Hans Conzelmann: Geschichte des Urchristentums, Göttingen 1976, S. 41. hochkant|mini|Ikonendarstellung des Jakobus