mini|Straße entlang des Flüchtlingscamps Moria (2017)
Das griechische Flüchtlingslager Moria () befand sich im Landesinneren der ostägäischen Insel Lesbos nahe der Ortschaft Moria in der Gemeinde Mytilini. In dem für 2800 Personen konzipierten Lager lebten zeitweilig 20.000 Menschen (März 2020); es war Europas größtes Flüchtlingslager und ein sogenannter Hotspot der EU. In dem Lager herrschten wegen der Überfüllung jahrelang katastrophale Verhältnisse. In der Nacht auf den 9. September 2020 zerstörte ein Großbrand das Lager und die Habe der Flüchtlinge fast vollständig und machte 12.600 Menschen obdachlos. Zunächst wurden mehrere junge Migranten aus Afghanistan verdächtigt und verurteilt, das Feuer ausgelöst zu haben. 2025 wurden drei Beschuldigte von einem Jugendgericht freigelassen. Ein Teil der Menschen wurde nach dem Feuer auf das griechische Festland gebracht, für rund 7800 Menschen wurde ein provisorisches Zeltlager an der Küste in der Nähe des bereits bestehenden Flüchtlingslagers Kara Tepe errichtet.
Registrierungs- und Aufnahmezentrum Am 25. September 2013 wurde bei Moria ein Lager als Screening-Center und Abschiebehaftgefängnis eröffnet, das Platz für 98 Menschen bot. Die maximale Verweildauer in dem Lager war auf 30 Tage ausgelegt.Internationale Organisation für Migration (Hrsg.): Assessment Report: The Health Situation at EU Southern Borders – Migrant Health, Occupational Health, and Public Health. Greece. (PDF; 1,6 MB) In: iom.int. 2013, S. 24, 56, abgerufen am 16. September 2020 (englisch). Direkt danebenLesvos: Voices from inside Moria – The new Pagani of Troika. In: lesvos.w2eu.net. 30. Juni 2014, abgerufen am 16. September 2020 (englisch). wurde auf dem früheren Areal des griechischen Militärs 2014 ein größeres Erstaufnahmezentrum errichtet. Die Kosten dafür trug zu 75 Prozent die Europäische Union, 25 Prozent stammten vom griechischen Staat.Ann Singleton, John Moore, Tony Bunyan: Moria First Reception Centre Report. (PDF; 520 kB) In: statewatch.org. 19. Juli 2014, abgerufen am 16. September 2020 (englisch). Ende 2014 waren die Bauarbeiten abgeschlossen.UNHCR (Hrsg.): Greece. As a Country of Asylum. UHHCR Observations on the Current Situation of Asylum in Greece. (PDF; 1,9 MB) In: refworld.org. Dezember 2014, S. 9 (Fußnote 22), abgerufen am 16. September 2020 (englisch). Der Betriebsbeginn des neuen Lagers war für Januar 2015 vorgesehen.
Infolge der Flüchtlingskrise 2015 war das für 410 Personen konzipierte Lager bald überbelegt.UNHCR (Hrsg.): Flüchtlingszahlen auf griechischer Insel steigen. In: unhcr.org. 10. Juni 2015, abgerufen am 16. September 2020. Als Reaktion wurden die Kapazitäten des Lagers auf 2800 Plätze ausgebaut.UNHCR (Hrsg.): UNHCR verstärkt Hilfe auf griechischer Insel Lesbos. In: unhcr.org. 13. November 2015, abgerufen am 16. September 2020.
Hotspot-Lager der EU Das Lager wurde von der Europäischen Union (EU) im Rahmen der Europäischen Migrationsagenda als Registrierungs- und Aufnahmezentrum zur Erstregistrierung von Geflüchteten vorgesehen und am 8. Oktober 2015 zum „Hotspot“ erklärt. Die EU unterstützte die Erstregistrierung durch Frontex und das Europäische Unterstützungsbüro für Asylfragen, kurz EASO und Asylsuchende konnten nach kurzer Aufenthaltsdauer auf das griechische Festland übersetzen. Die Verwaltung des nun für 2.800 Personen ausgelegten Lagers oblag der griechischen Polizei gemeinsam mit dem UNHCR.UNHCR (Hrsg.): Lesvos Island – Greece. Facsheet. (PDF; 633 kB) In: unhcr.org. 12. November 2015. S. 1, abgerufen am 16. September 2020 (englisch). Neben dem Flüchtlingslager Moria bestehen noch zwei weitere Flüchtlingslager auf der Insel, das Lager Kara Tepe direkt an der Küste vor allem für Familien und das Lager PIKPA für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. Weitere Flüchtlingslager befinden sich auf den benachbarten Inseln.
Im Lager Moria herrschten fatale humanitäre Zustände. Zelte und Hygienemöglichkeiten wurden von den Behörden nicht bereitgestellt, so dass die Flüchtlinge sich selbst Behausungen bauten. Eine Versorgung mit Nahrungsmitteln war nicht gewährleistet.
Seit Frühjahr 2016 ist es zur Umsetzung des EU-Türkei-Abkommens vom 18. März 2016 zur Rücknahme der von der Türkei kommenden Flüchtlinge hauptsächlich Verweilzentrum, in dem Asylsuchende darauf warten, in Griechenland Asyl zu beantragen, auf andere europäische Staaten u. a. im Rahmen von Familienzusammenführungen verteilt oder abgeschoben zu werden. Seit 2016 leitete Giannis Balpakakis das Lager; wegen der zunehmend chaotischen Umstände gab er im September 2019 auf.
Nach dem EU-Türkei-Abkommen In dem EU-Türkei-Abkommen vom 18. März 2016 wurden „zur Beendigung des menschlichen Leids und zur Wiederherstellung der öffentlichen Ordnung“ vorübergehende und außerordentliche Maßnahmen vereinbart. Neue „irreguläre Migranten“, die ab dem 20. März 2016 auf den griechischen Inseln ankommen und die kein Asyl beantragen oder deren Antrag als unbegründet oder unzulässig abgelehnt wird, sollten auf Kosten der Europäischen Union in die Türkei zurückgebracht werden. Für jeden Syrer, der von den griechischen Inseln in die Türkei zurückgebracht wird, soll ein anderer syrischer Flüchtling aus der Türkei in die EU umgesiedelt werden. Migranten und Flüchtlinge, die nach dem 20. März 2016 auf den griechischen Inseln ankommen und bei denen voraussichtlich eine Rückführung in die Türkei möglich ist, werden möglichst nicht mehr aufs griechische Festland gebracht, weil sonst die Türkei abgelehnte Asylsuchende nicht zurücknehmen würde.Tagesschau.de, EU-Türkei-Flüchtlingspakt Was steht drin und lohnt sich der Deal?, 3. Oktober 2019Der Stern, Europäische Lösung? So stehen andere EU-Länder zur Aufnahme von Migranten aus Moria, 15. September 2020 Nach Ansicht des Europäischen Rates entfaltet die Erklärung EU-Türkei weder rechtliche Bindungswirkungen noch stellt sie eine Übereinkunft oder einen Vertrag dar.Gericht der Europäischen Union: . 28. Februar 2017.
Wegen Überforderung der griechischen Behörden gelang die Umsetzung von Teilen des Abkommens nur unzureichend. Tausende von erfolglosen Asylbewerbern konnten nicht in die Türkei zurückgeführt werden. Zudem wurden viele Flüchtlinge von den Inseln aufs Festland verlegt, von dort gilt die Rücknahme-Verpflichtung für die Türkei aber nicht mehr, wobei diese seitens der Türkei ohnehin kaum bis gar nicht umgesetzt wird.Deutschlandfunk, Der Flüchtlingspakt mit der Türkei und seine Probleme, 2. Oktober 2019, abgerufen am 27. September 2020 Bis März 2020 wurden nur ca. 1500 Migranten in die Türkei zurückgebracht, während die Europäische Union etwa 7000 asylberechtigte Flüchtlinge aus der Türkei aufgenommen hat.Tagesschau, EU-Türkei-Abkommen Wer hat den Flüchtlingsdeal gebrochen?, 5. März 2020, abgerufen am 27. September 2020
Der Europarat und Menschenrechtsorganisationen kritisierten die systematische Überfüllung der Lager, in denen eine unzureichende Versorgung mit Wasser, Lebensmitteln, sanitären Einrichtungen und Medikamenten herrsche. Die griechischen und europäischen Behörden sollen unverzüglich Maßnahmen ergreifen, um die Sicherheit und den Schutz der Frauen und Kinder sowie aller anderen Bewohner in den Hotspots zu gewährleisten. Alleinstehende Männer sollen in Unterkünften untergebracht werden, die getrennt von denen von Frauen, Kinder und Familien sind. Bewohner und Bürgermeister der Inseln forderten wiederholt die Schließung der Lager und den Transfer der Asylsuchenden auf das Festland.
Am 26. April 2016 gab es in einem abgesonderten und eingefriedeten Bereich für Abzuschiebende eine Revolte der Inhaftierten und der Bereich brannte ab.Brigitta Kuster, Vassilis S. Tsianos: Hotspot Lesbos. S. 19. Am 19. September 2016 zerstörte ein Brand rund 60 % der Einrichtung des Flüchtlingslagers. Etwa 3000 Lagerbewohner flohen in die Umgebung. Am 15. November 2016 lieferten sich Insassen stundenlange Auseinandersetzungen mit Sicherheitskräften. In der Nacht starben zwei Migranten bei einer Gasexplosion.
Die damalige Gouverneurin der Region Nördliche Ägäis prangerte jahrelang die katastrophalen Zustände in Griechenlands größtem Hotspot an. Im September 2018 drohte sie mit der Schließung des Lagers.Gerd Höhler: Griechenlands Flüchtlingslager versinken im Chaos. Handelsblatt, 14. September 2018, abgerufen am 28. September 2020. Unter dem Druck der internationalen Öffentlichkeit begann der Migrationsminister Dimitris Vitsas im Herbst 2018 besonders Schutzbedürftige, wie Kinder, schwangere Frauen und Kranke, aufs Festland umzusiedeln.Gerd Höhler: Flüchtlinge in der Hölle von Moria: „Hier gilt nur das Gesetz der Gewalt“. Handelsblatt, 2. Januar 2019, abgerufen am 28. September 2020.
Im August 2019 war das für 2800 Menschen ausgelegteLager Moria abgebrannt: Suche nach Quartier für Flüchtlinge. In: orf.at. 9. September 2020, abgerufen am 10. September 2020. Lager mit dem Vierfachen seiner Kapazität zur Aufnahme von Schutzsuchenden überbelegt.Volker Pabst: Die steigende Zahl von Flüchtlingen in der Ägäis drängt Griechenlands neue Regierung zum Handeln. In: NZZ.ch. 3. September 2019, abgerufen am 19. Januar 2020.
Am 29. September 2019 starben bei einem Brand zwei Menschen.Feuer und Unruhen in Flüchtlingslager Moria. In: zeit.de. 29. September 2019, abgerufen am 19. Januar 2020. Im Oktober 2019 zählte das Lager 13.000 Menschen.Annette Kögel: Wo die Flüchtlingskrise nicht enden will. In: tagesspiegel.de. 4. Oktober 2019, abgerufen am 19. Januar 2020. Einige hundert besonders schutzbedürftige Personen wurden unter Aufsicht der Internationalen Organisation für Migration aufs Festland gebracht.Decongestion of Greek Islands Continues as 700 Refugees and Migrants Move to Mainland. In: iom.int. 8. Oktober 2019, abgerufen am 9. September 2020 (englisch).
Zur Entlastung der überfüllten Lager auf den Inseln plante die griechische Regierung im Herbst 2019 die Umsiedlung von 20.000 Flüchtlingen auf das griechische Festland, was teilweise umgesetzt wurde. Boris Cheshirkov, der Sprecher des griechischen UNHCR erklärte, dass der Flüchtlingspakt zwischen der EU und der Türkei durch die Übersiedlung nicht aufgeweicht werde, da es sich bei jenen, die aufs Festland gebracht werden um Menschen handele, deren Asylanträge aller Wahrscheinlichkeit nach genehmigt werden.Griechen wehren sich gegen Ansiedlung von Migranten. Die Welt, 8. November 2019, abgerufen am 26. September 2020.
Im Januar 2020 waren es bereits 19.000.Harriet Grant, Giorgos Moutafis: ‘Moria is a hell’: new arrivals describe life in a Greek refugee camp. In: theguardian.com. 17. Januar 2020, abgerufen am 19. Januar 2020 (englisch). Am 3. Februar 2020 liefen etwa 2000 Flüchtlinge zum Hafen der Inselhauptstadt Mytilini, forderten die Bearbeitung ihrer Asylanträge und protestierten gegen die Lebensbedingungen im überfüllten Lager. Die Polizei blockierte die Straßen und setzte Tränengas gegen die Demonstranten ein.Griechische Polizei setzt Tränengas gegen Migranten ein. In: orf.at. 3. Februar 2020, abgerufen am 3. Februar 2020. Der Hohe Flüchtlingskommissar der Vereinten Nationen forderte im Februar 2020 die Verlegung von Familien und Kranken an andere Orte.Harriet Grant: UN calls for urgent evacuation of Lesbos refugee camp. In: theguardian.com. 11. Februar 2020, abgerufen am 12. Februar 2020 (englisch). In dem Lager gab es im Februar nur drei Ärzte, acht Krankenschwestern und zwei Hebammen.Lesbos als „Pulverfass kurz vor Explosion“. In: orf.at. 13. Februar 2020, abgerufen am 14. Februar 2020. Eine im Lager tätige Ärztin warnte angesichts der damals beginnenden COVID-19-Pandemie vor der Gefahr einer Epidemie in dem unzureichend medizinisch versorgten übervollen Flüchtlingslager. Am 16. März 2020 starb bei einem Brand ein sechsjähriges Mädchen, woraufhin erneut eine Evakuierung des Lagers gefordert wurde.