Die Chatten (Aussprache: Katten; und , , ) waren ein germanischer Volksstamm, der im Bereich der Täler von Eder, Fulda und des Oberlaufes der Lahn seinen Siedlungsschwerpunkt hatte, was zu großen Teilen dem heutigen Niederhessen und Oberhessen bzw. Nordhessen und z. T. Mittelhessen entspricht. Die Bezeichnung Hessen ist möglicherweise eine spätere Abwandlung des Stammesnamens der Chatten,„Der Name der Hessen wurde im 5./8. Jahrhundert durch ein diminuierendes -s-Suffix aus dem der Chatten entwickelt (Adolf Bach: Chatti - Hassi, in: Hessisches Jahrbuch für Landesgeschichte 1954, S. 1/20).“ Zitat aus: Adolf Bach: Geschichte der deutschen Sprache. VMA-Verlag, Wiesbaden ohne Jahr, S. 117 (Abkürzungen aufgelöst). In: C.J. Wells: Deutsch: eine Sprachgeschichte bis 1945. Niemeyer, Tübingen 1990, S. 50 steht dagegen: "Hessen (< Chatti?)". Er stellt die Etymologie also in Frage. dann wären sie auch Namensgeber des heutigen Hessen. Die Schreibung mit ‚Ch‘ gibt das germanische ‚h‘ wieder, das als ausgesprochen wird.
Herkunft mini|300px|Karte der germanischen Stämme um 50 n. Chr. (ohne Skandinavien) mini|Blick vom Heiligenberg bei Gensungen über die typische Hügellandschaft des Chattengaus Kerngebiet des chattischen Siedlungsraumes waren nach 15 n. Chr. die Ebene von Fritzlar-Wabern und das Kasseler Becken, eine Gegend, die heute den Namen Chattengau trägt, sowie die westhessische Senkenlandschaft bis ins Gießener Becken.Dorothea Rohde, Helmuth Schneider (Hrsg.): Hessen in der Antike - Die Chatten vom Zeitalter der Römer bis zur Alltagskultur der Gegenwart. Kassel, 2006. S. 41 f. Der Ursprung des Stammes liegt bis heute weitestgehend im Dunkeln, nach neuestem Forschungs- und Kenntnisstand wanderten die Chatten als unbedeutender Kleinstamm um 10 v. Chr. in das Gebiet an der oberen und mittleren Lahn ein, wo sie zu Nachbarn der Sueben wurden, die die niederhessische Senke dominierten. Mit der Errichtung des Markomannen-Reiches unter Marbod 3 v. Chr. in Böhmen ging der Abzug dieser elbgermanischen (suebischen) Bevölkerungsgruppen aus Nordhessen einher. Gleichzeitig wanderten neue, mit der rhein-weser-germanischen Kultur verbundene Gruppen, höchstwahrscheinlich die Chatten, ins nördliche Hessen ein und füllten das dort entstandene Machtvakuum.Albrecht Jockenhövel: Die Eisenzeit. In: Albrecht Jockenhövel und Fritz-Rudolf Hermann (Hrsg.): Die Vorgeschichte Hessens. K. Theiss, Stuttgart 1990. S. 284. Im Vergleich zur eingesessenen Bevölkerung dürfte sich die Anzahl der Neusiedler auf einige wenige hundert waffentragende Männer sowie deren Familien beschränkt haben. Dieser als „chattischer Traditionskern“ in der Wissenschaft angesehene Sippenverband hat vermutlich für die Ethnogenese des gesamten Stammes eine wichtige Rolle gespielt, da unter seine Oberhoheit auch die spätlatènezeitliche Vorbevölkerung sowie die verbliebenen Sueben Nordhessens gerieten.Dorothea Rohde, Helmuth Schneider (Hrsg.): Hessen in der Antike - Die Chatten vom Zeitalter der Römer bis zur Alltagskultur der Gegenwart. Kassel, 2006. S. 37 ff. mini|Die Fritzlarer Börde, Kernsiedlungsgebiet der Chatten Funde lassen darauf schließen, dass im späten 2. Jahrhundert n. Chr., zur Zeit der Markomannenkriege, ein erneuter Zuzug elbgermanischer Bevölkerungsgruppen einsetzte, der in seiner Größenordnung jedoch noch schwer abzuschätzen ist. Ob die Stammesbildung friedlicher Natur war oder kriegerisch erfolgte, ist weiterhin umstritten, allerdings weisen Brandspuren bei zahlreichen Funden aus dem postulierten Siedlungsgebiet auf Zerstörungen hin, die aber nicht flächendeckend gewesen sein dürften.Armin Becker: Rom und die Chatten. Darmstadt und Marburg 1992, S. 60. Dabei wurde die einheimische Bevölkerung aber nicht restlos vertrieben, sondern siedelte dezimiert weiterhin an ihren alten Wohnplätzen, worauf die kontinuierliche Besiedlung des Fundortes Geismar von der frühen Kaiserzeit bis ins frühe Mittelalter hinweist.Armin Becker: Rom und die Chatten. Darmstadt und Marburg 1992, S. 77 f.
Zeitlicher Abriss Als die Ubier, die an der unteren Lahn und im Westerwald lebten, 39 v. Chr. vom römischen Feldherrn Marcus Vipsanius Agrippa auf linksrheinisches Gebiet umgesiedelt wurden, nahmen die Chatten mit Zustimmung der Römer zeitweise deren Land in Besitz. Ihr Siedlungsgebiet kann zu diesem Zeitpunkt noch nicht in Nordhessen gelegen haben, da die Fläche vom Mittelrhein bis zur Fulda für den hier noch zahlenmäßig und politisch unbedeutenden Stamm schlichtweg zu groß gewesen wäre.Armin Becker: Rom und die Chatten. Darmstadt und Marburg 1992, S. 98. Unklar ist zudem, welche Rolle die Chatten bei der Zerstörung des möglicherweise ubischen Oppidums am Dünsberg (ca. 11/10 v. Chr.) im Rahmen der Drusus-Feldzüge (12 bis 8 v. Chr.) spielten. Im Jahr 11 v. Chr. gerieten sie in Konflikt mit den Sugambrern, weil sie sich weigerten, ein gemeinsames Bündnis gegen Rom zu schließen. Ursache für die ablehnende Haltung der Chatten war vermutlich ein Vertrag mit den Römern, der sie zum Schutz der Rheingrenze gegen suebische Gruppen verpflichtete und ihnen im Gegenzug die Inbesitznahme des rechtsrheinischen Ubierlandes gestattete.Armin Becker: Rom und die Chatten. Darmstadt und Marburg 1992, S. 97. Nach der Erkenntnis, dass die Römer Pläne zur Eroberung des unbesetzten Germanien hegten, zogen sie sich schon 10 v. Chr. aus dem Gebiet der umgesiedelten Ubier zurück und wanderten zu den Sugambrern aus. Nachdem Tiberius als Oberbefehlshaber am Rhein 4 n. Chr. die Sugambrer auf linksrheinisches Gebiet deportiert hatte, veränderte sich auch das Siedlungsbild rechts des Rheins. In den nun entvölkerten Landschaften, etwa im unteren Lahntal, setzten sich nun Tenkterer und Usipeter fest, die dadurch unmittelbar zu Nachbarn der Chatten wurden.Reallexikon der Germanischen Altertumskunde. Band 4. De Gruyter, Berlin 1981, S. 380 f.
Im Jahre 9 n. Chr. nahmen die Chatten wohl an der Rebellion des Arminius gegen Publius Quinctilius Varus teil und schlossen sich in den folgenden Jahren der anti-römischen Koalition unter Führung der Cherusker an. Dafür spricht, dass im Jahre 15 n. Chr. Mattium (nicht lokalisiert), einer der Hauptorte der Chatten, im Zuge der Germanicus-Feldzüge restlos zerstört wurde. Etwas später soll ein chattischer Adliger mit Namen Adgandestrius allerdings dem römischen Senat die Ermordung des Arminius durch Gift angeboten haben, die Tiberius jedoch ablehnte. Tacitus erwähnt, dass es um ca. 58 n. Chr. zu Kämpfen mit ihren östlichen Nachbarn, den Hermunduren, um einen salzführenden Grenzfluss (vermutlich die Werra) kam, die in einer Niederlage für die Chatten endeten.Tacitus, Annales 13,57,1 f. Die Anwesenheit des Germanicus an der Eder, wo Tacitus Mattium lokalisiert, sowie der spätere Konflikt mit den Hermunduren lassen darauf schließen, dass die Chatten spätestens ab 15 n. Chr. nach Nordhessen einwanderten.
69 n. Chr. beteiligten sich die Chatten am Bataveraufstand unter der Führung des Iulius Civilis. Gemeinhin werden die Bataver, die im Gebiet der späteren Niederlande ansässig waren, als ein nach inneren Konflikten abgespaltener und in der zweiten Hälfte des 1. Jahrhunderts v. Chr. ausgewanderter, früherer Teil der Chatten angesprochen. Möglicherweise handelte es sich dabei um einen Großteil des chattischen Reiteradels, denn römische Autoren heben die besondere Rolle der Kavallerie bei den Batavern hervor, während den Chatten von Tacitus insbesondere die Kriegsführung zu Fuß zugeschrieben wird.Reallexikon der Germanischen Altertumskunde. Band 4. De Gruyter, Berlin 1981, S. 383.
mini|Wandbild zur Entstehung des Taunus-Wetterau-Limes in den Chattenkriegen, Saalburgmuseum 83 und 85 n. Chr. kämpften römische Truppen des Domitian in den sogenannten Chattenkriegen gegen Chatten, die im Vorland von Mogontiacum im Taunus und im Gießener Becken lebten. Dabei gelang den Römern die Unterwerfung des Gebietes der Wetterau, was ein Bestandteil der Germanienpolitik Domitians (Neuordnung der Grenze) war. In der Folge entstanden die Grenzbefestigungen des Taunus- und Wetteraulimes.Reinhard Wolters: Die Römer in Germanien. München 2000, S. 66 ff. Die Auseinandersetzungen im Zusammenhang mit dem Putsch des Saturninus 89 n. Chr. gegen Domitian werden gelegentlich als Zweiter Chattenkrieg Domitians bezeichnet.Thomas Fischer: Die Römer in Deutschland. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1999. Einige Jahre später scheinen sich die Chatten in die inneren Angelegenheiten der benachbarten Cherusker eingemischt zu haben und vertrieben um das Jahr 88 n. Chr. deren Fürsten Chariomerus.Cassius Dio, epitome 67,5. Tacitus berichtet zudem darüber, dass die Cherusker von den Chatten unterworfen worden seien, allerdings werden die Cherusker von einigen anderen Geschichtsschreibern in späterer Zeit mehrmals erwähnt.Zahlreiche Beispiele bei Max Ihm, s. v. Cheruski, in: RE III,2, 1899, Sp. 2272. Über einen Zeitraum von fast einem Jahrhundert wird dann auch von den Chatten nichts mehr berichtet, denn erst 162 n. Chr. werden sie im Zusammenhang mit Einfällen in Obergermanien und Rätien erwähnt, 170 n. Chr. plünderten sie die römische Provinz Belgica. Um 213 n. Chr. begingen zahlreiche chattische Frauen Suizid, um nicht in die römische Sklaverei verschleppt zu werden – ein Ereignis, das Parallelen zum Massenselbstmord bei der Eroberung der keltischen Stadt Numantia oder der jüdischen Festung MasadaFlavius Josephus, Jüdischer Krieg 7,389. Deutsche Übersetzung: Flavius Josephus: De bello Judaico. Der jüdische Krieg, hrsg. von Otto Michel und Otto Bauernfeind. Band 2/2. Kösel, München 1969, S. 145. aufweist.
Die Chatten im Spiegel römischer Autoren
Der römische Geschichtsschreiber Tacitus berichtet in seiner Germania, dass die Chatten mehr als andere germanische Stämme Bergbewohner seien und aus diesem Grund über festere Körper, sehnigere Glieder und einen regsameren Geist verfügen. In ihrer Disziplin und ihrem Organisationsgeschick vergleicht Tacitus die Chatten mit den Römern. Wie die römischen Legionäre führten sie Marschgepäck mit sich, gehorchten Befehlen ihrer Heerführer, ständen in fester Schlachtordnung und verschanzten sich über Nacht. Des Weiteren nennt Tacitus einen Initiationsritus der Chatten: Diese würden, sobald sie erwachsen seien, ihr Haupt- und Barthaar wachsen lassen und einer Gottheit weihen. Über dem getöteten Feind und den Beutewaffen schneiden sie sich die Haartracht ab und verkünden, dass sie nun ihres Stammes und ihrer Eltern würdig seien und ihre Geburt bezahlt hätten.
Manche Chatten unterstrichen ihre Tapferkeit im Kampf mit dem Tragen eines eisernen Ringes und behielten auch die wildwachsende Haartracht ihr gesamtes Leben lang bei. Zudem heirateten sie nicht und ließen sich von anderen Stammesangehörigen versorgen.Tacitus, Germania 30 f.
Martial erwähnt, dass Chatten und Bataver einen rötlichen Schaum, die sog. spuma chattica, herstellten, der „teutonischem Haar Feuerfarbe“ gebe.Martial, Epigrammata 14,26. Dieser Schaum stellte im Handel mit den Römern ein nachgefragtes Tauschmittel dar.Armin Becker: Rom und die Chatten. Darmstadt und Marburg 1992, S. 69.
Eingliederung in den fränkischen Stammesverband