mini|Max Horkheimer (vorne links), Theodor W. Adorno (vorne rechts) und Jürgen Habermas (im Hintergrund rechts), Siegfried Landshut (im Hintergrund links) im Jahr 1964 in Heidelberg

Max Horkheimer (* 14. Februar 1895 in Zuffenhausen; † 7. Juli 1973 in Nürnberg) war ein deutscher Sozialphilosoph und führender Kopf der Frankfurter Schule. Als Direktor des Instituts für Sozialforschung und Herausgeber der Zeitschrift für Sozialforschung suchte er mit Wissenschaftlern aus unterschiedlichen Disziplinen und einem unorthodoxen Verständnis der marxistischen Gesellschaftstheorie ein interdisziplinäres materialistisches Forschungsprogramm zu verwirklichen, das er 1937 in der amerikanischen Emigration in einem programmatischen Aufsatz als Kritische Theorie bezeichnete. Später verfasste er zusammen mit Theodor W. Adorno die philosophische Essaysammlung Dialektik der Aufklärung, die als das grundlegende Werk der Kritischen Theorie gilt.

Leben Horkheimer wuchs in der Schwieberdinger Straße 58 in Zuffenhausen auf: stuttgarter-zeitung.de, 26. Januar 2009. als Sohn einer jüdischen Fabrikantenfamilie auf. Sein Vater war der Kunstwollfabrikant Moritz Horkheimer; seine Mutter Babette, geb. Lauchheimer, kam aus Esslingen am Neckar.Eberhard Kögel: Habt ihr scho gedeild? Erinnerungen an den jüdischen Viehhandel in Esslingen. Esslingen 2006, ISBN 3-933231-37-X, S. 8. Max besuchte kein humanistisches Gymnasium, sondern ein Realgymnasium, das die Schüler auf praktische Berufe vorbereiten sollte.Stuart Jeffries: Grand Hotel Abgrund. Die Frankfurter Schule und ihre Zeit. Klett-Cotta, Stuttgart 2019, S. 53. Auf väterlichen Wunsch verließ er als Untersekundaner im Alter von 15 Jahren das Dillmann-Gymnasium in Stuttgart. auf: stuttgart.de Von seinem Vater als Nachfolger in der Unternehmensleitung bestimmt,Rolf Wiggershaus: Max Horkheimer: Unternehmer in Sachen „Kritische Theorie“. Fischer Taschenbuch, Frankfurt am Main 2013, S. 11. trat er als Lehrling in die väterliche Fabrik ein. In dieser Zeit lernte er Friedrich Pollock kennen, auch er der Sohn eines Stuttgarter Fabrikanten, doch mit ganz verschiedener familiärer Erziehung. Während Horkheimer in einer konservativ-jüdischen Familie erzogen wurde, hatte sich Pollocks Elternhaus rigoros vom Judentum abgewandt. Pollock erschloss seinem Freund eine neue Welt jenseits religiöser und konservativer TraditionenRolf Wiggershaus: Max Horkheimer: Unternehmer in Sachen „Kritische Theorie“. Fischer Taschenbuch, Frankfurt am Main 2013, S. 12. und war ihm behilflich, sich gegenüber dem „omnipräsenten Vater“ zu behaupten.Zvi Rosen: Max Horkheimer. Beck’sche Reihe, München 1995, S. 15. Aus dieser Bekanntschaft ging eine lebenslange Freundschaft bis zu Pollocks Tod 1970 hervor. Am Beginn ihrer Jugendfreundschaft setzten sie einen förmlichen „Freundschaftsvertrag“ auf, der im Laufe ihres Lebens immer wieder erneuert und durch gemeinsame Beschlüsse und Memoranda ergänzt werden sollte.Philipp Lenhard. Friedrich Pollock. Die graue Eminenz der Frankfurter Schule. Suhrkamp, Berlin 2019, S. 33. Nach Lehrzeit und einem Volontariat in Brüssel wurde Horkheimer 1914 Juniorchef im väterlichen Unternehmen. Als Betriebsleiter und Prokurist ließ er sich vom Kriegsdienst im Ersten Weltkrieg freistellen. Erst im Frühjahr 1917 wurde er einberufen, aber im Frühjahr 1918 „aus gesundheitlichen Gründen“ wieder aus der Kaiserlichen Armee entlassen und in eine Klinik in München eingeliefert. Wegen einer Erkrankung der Lunge verbrachte er danach mehrere Monate in einem Sanatorium.Arno Münster: Der junge Horkheimer. Ein Essay zum 50. Todestag des Begründers der Frankfurter Schule. Karl Alber, Baden-Baden 2023, S. 20.

Mit Pollock erlebte er in München die Errichtung der Räterepublik und ihre brutale Niederschlagung durch die Freikorps.Philipp Lenhard. Friedrich Pollock. Die graue Eminenz der Frankfurter Schule. Suhrkamp, Berlin 2019, S. 56 ff. In die Fabrik seines Vaters kehrte er nach dem Krieg nicht wieder zurück.Stuart Jeffries: Grand Hotel Abgrund. Die Frankfurter Schule und ihre Zeit. Klett-Cotta, Stuttgart 2019, S. 59. 1919 holte er gemeinsam mit Pollock in München in wenigen Monaten als Externer das Abitur nach.Das Schlimme erwarten und doch das Gute versuchen. Ein Gespräch mit Professor Dr. Max Horkheimer. In: Gerhard Rein (Hrsg.): Dienstagsgespräche mit Zeitgenossen. Kreuz, Stuttgart 1976, S. 149–188, hier S. 155.

Akademische Karriere mini|Max Horkheimer mit Rose Riekher beim 1. Kulturkritiker-Kongress in München (1958) 1919 begann er sein Studium an der Universität in München mit dem Hauptfach Psychologie und den Nebenfächern Philosophie und Nationalökonomie.Das Schlimme erwarten und doch das Gute versuchen. Ein Gespräch mit Professor Dr. Max Horkheimer. In: Gerhard Rein (Hrsg.): Dienstagsgespräche mit Zeitgenossen. Kreuz, Stuttgart 1976, S. 149–188, hier S. 156. Nach einem Semester wechselte er an die Universität in Frankfurt am Main; 1920/1921 studierte er an der Universität Freiburg. In Freiburg hörte er den Phänomenologen Edmund Husserl und besuchte gemeinsam mit Friedrich Pollock ein Seminar von Martin Heidegger.Philipp Lenhard: Friedrich Pollock. Die graue Eminenz der Frankfurter Schule. Suhrkamp Verlag, Berlin 2019, S. 65. 1922 wurde er in Frankfurt mit summa cum laude von Hans Cornelius promoviert, dessen Assistent er danach für drei Jahre war. 1925 habilitierte er sich ebendort. Als Privatdozent legalisierte er 1926 mit der Heirat das langjährige Verhältnis zu Rose Christine Riekher (1887–1969), der früheren Privatsekretärin seines Vaters, der er den Kosenamen „Maidon“ gegeben hatte. Gemeinsam mit ihr und Friedrich Pollock hatte er bereits seit 1921 in einem eigens vom Geld der Eltern gekauften Haus in Kronberg im Taunus in der Nähe von Frankfurt zusammengelebt. Nachdem die Eltern viele Jahre sich gegen die Liaison ihres Sohnes mit der acht Jahre älteren Nichtjüdin gestellt hatten, gaben sie nach der Heirat ihren Widerstand auf und nahmen die Schwiegertochter in ihre Familie auf.Stuart Jeffries: Grand Hotel Abgrund. Die Frankfurter Schule und ihre Zeit. Klett-Cotta, Stuttgart 2019, S. 59.

1930 ernannte ihn die Universität Frankfurt zum Ordinarius für Sozialphilosophie an der Philosophischen Fakultät. Im gleichen Jahr wurde er Direktor des 1923 als Stiftung von Hermann Weil und seinem Sohn Felix Weil gegründeten und 1924 unter Carl Grünberg offiziell eröffneten Instituts für Sozialforschung bis zu dessen Schließung nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Jahre 1933.

Emigration und Rückkehr nach Deutschland Horkheimer emigrierte über Genf, wo das Institut für Sozialforschung in Kooperation mit der Internationalen Arbeitsorganisation eine Zweigstelle eröffnet hatte, 1934 nach New York, wo er an der Columbia University mit Hilfe amerikanischer Kollegen das Institut für Sozialforschung weiterführen konnte. 1941 übersiedelte er an die Westküste nach Pacific Palisades (Los Angeles) und wurde direkter Nachbar von Thomas Mann. Sein engster Mitarbeiter und Freund Theodor W. Adorno folgte ihm wenig später. 1947 veröffentlichte er in den USA Eclipse of Reason (dt. Ausgabe: Zur Kritik der instrumentellen Vernunft, 1967) und – in Amsterdam – gemeinsam mit Adorno die Dialektik der Aufklärung, zwei seiner Hauptwerke.

1949 kehrte Horkheimer an die Universität Frankfurt zurück, ihrem Ruf auf den Doppellehrstuhl für Philosophie und Soziologie folgend. „Er wollte Möglichkeiten zu praktischer Einflussnahme auf historische Entwicklungen nutzen, und in Deutschland sah er einen Schauplatz wichtiger Weichenstellungen.“Rolf Wiggershaus: Max Horkheimer: Unternehmer in Sachen „Kritische Theorie“, Fischer Taschenbuch, Frankfurt am Main 2013, S. 168 1950 konnte das Institut für Sozialforschung unter seiner Leitung (mit Adorno als stellvertretendem Direktor) wieder eröffnet werden.Zur Rückkehr Horkheimers nach Frankfurt und zu seinem Wirken dort vgl. die Aufsätze des Sammelbandes: Monika Boll und Rafael Gross (Hrsg.): Die Frankfurter Schule und Frankfurt. Eine Rückkehr nach Deutschland. Begleitpublikation zur Ausstellung im Jüdischen Museum Frankfurt vom 17. 9. 2009 bis 10. 1. 2010. Wallstein, Göttingen 2009. ISBN 978-3-8353-0566-3. 1951 und 1952 war er Rektor der Universität. Nachdem sich Anfang des Jahres 1959 an der Frankfurter Universität eine Deutsch-Israelische Studiengruppe gründete, trat Horkheimer dem Kuratorium der studentischen Vereinigung bei.Jonas Hahn: Die Deutsch-Israelischen Studiengruppen und die frühen studentischen Kontakte mit Israel 1948–1972, Göttingen 2025, S. 196f.

Horkheimer war Begründer und Herausgeber der Zeitschrift für Sozialforschung (1932–1939), fortgesetzt als Studies in Philosophy and Social Science (1940–1942), und Initiator der Studien über Autorität und Familie (erschienen 1936 in Paris). Als spiritus rector beider Projekte arbeitete er eng mit einer Gruppe von sozialkritischen, marxistisch und freudianisch gesinnten Wissenschaftlern zusammen, die man in der Sekundärliteratur als „Horkheimer-Kreis“ und später auch als Frankfurter Schule etikettierte. Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs und in den ersten Nachkriegsjahren inspirierte und organisierte Horkheimer bedeutende Studien zur Antisemitismus- und Vorurteilsforschung.Vgl. Wiggershaus: Max Horkheimer: Unternehmer in Sachen „Kritische Theorie“, 2013, S. 161–182. Er schrieb auch das Vorwort zum wichtigsten Einzelband der fünfbändigen Studies in Prejudice, der maßgeblich von Theodor W. Adorno mitverantworteten Authoritarian Personality (1950).

Sein Schüler und späterer NachfolgerUnmittelbarer Nachfolger auf Horkheimers Lehrstuhl war Jürgen Habermas von 1964 bis 1971. auf dem Frankfurter Lehrstuhl, Alfred Schmidt, hat zusammen mit Gunzelin Schmid Noerr Horkheimers Gesammelte Schriften in 19 Bänden herausgegeben. Auch der Briefwechsel zwischen Horkheimer und Adorno ist mittlerweile komplett veröffentlicht.Th. W. Adorno, M. Horkheimer: Briefwechsel 1927–1969. 5 Bände, hrsg. von Ch. Gödde und H. Lonitz, Frankfurt 2003. Ein weiterer von Horkheimers Schülern war der Lyriker Helmut Lamprecht.Lamprecht, Helmut. In: Walter Habel (Hrsg.): Wer ist wer? Das deutsche Who’s who. 24. Ausgabe. Schmidt-Römhild, Lübeck 1985, ISBN 3-7950-2005-0, S. 734.

Rückzug ins Tessin Bereits 1957, ein Jahr nach der offenen Entstalinisierung, hatte Horkheimer sich zusammen mit Friedrich Pollock in Montagnola in der Schweiz niedergelassen. In einem Schreiben „an den Präsidenten der Friedhofskommission der Israelitischen Kultusgemeinde Bern“ äußerte er „den Wunsch, zusammen mit seiner Frau einmal dort auf dem jüdischen Friedhof begraben zu werden, wo sich bereits die Gräber seiner im Schweizer Exil gestorbenen Eltern befanden“.Wiggershaus: Max Horkheimer: Unternehmer in Sachen „Kritische Theorie“, 2013, S. 199

Horkheimer starb am 7. Juli 1973 in einem Nürnberger Krankenhaus an den Folgen einer Routineuntersuchung.Magnus Klaue, Im Schatten Adornos, Die Welt vom 7. Juli 2023 Er wurde, wie es sein Wunsch war, neben seiner Frau auf dem Jüdischen Friedhof Bern beigesetzt.Dan Diner: Am Grab von Max Horkheimer, in: René Bloch, Jacques Picard (Hrsg.): Wie über Wolken. Jüdische Lebens- und Denkwelten in Stadt und Region Bern, 1200–2000, Beiträge zur Geschichte und Kultur der Juden in der Schweiz. Schriftenreihe des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebunds, Band 16, Chronos, Zürich 2014, ISBN 978-3-0340-1219-5, S. 413–418

Wirken und Bedeutung mini|Horkheimer-Gedenktafel an dessen ehemaligem Wohnhaus an der Westendstraße im Frankfurter Westend