mini|Dieter Wellershoff (1995) mini|Signatur Dieter Wellershoff, 1972 Dieter Wellershoff (* 3. November 1925 in Neuss; † 15. Juni 2018 in Köln) war ein deutscher Schriftsteller. Sein Werk umfasst Romane, Erzählungen, Novellen, Hörspiele, Bühnenstücke, Drehbücher und Lyrik. In Essays und autobiographischen Werken befasste er sich mit Literatur, Kunst- und Zeitgeschichte.

Geprägt durch die Erfahrung als junger Soldat im Zweiten Weltkrieg, stellte Wellershoff in seinen Schriften immer wieder scheinbare Gewissheiten in Frage. Als Sinn seines Schreibens sah er „die Erweiterung und Vertiefung der Wahrnehmung des Lebens.“Literaturport: Dieter Wellershoff, abgerufen am 1. Mai 2017. „Eine ‚Probebühne des Lebens‘ sollen seine fiktionalen Geschichten sein, ein literarischer Simulationsraum, in dem man sich riskante Karrieren quasi gefahrlos ansehen kann, ohne den oft tödlichen Preis der Protagonisten dafür zahlen zu müssen.“Gisa Funk: Das doppelt belichtete Leben. In: FAZ, 29. Oktober 2007, Seite 34.

Leben

Bis 1945

mini|Autogrammstunde anlässlich eines Empfangs der Stadt Köln zu seinem 90. Geburtstag (2016) Dieter Wellershoff wurde 1925 als ältester Sohn von Walter und Cläre Wellershoff geboren. 1930 zog die Familie nach der Geburt seines Bruders Hans-Walter von Neuss nach Grevenbroich am Niederrhein, wo er aufwuchs und 1932 eingeschult wurde. Sein Vater war in Neuss und Grevenbroich Kreisbaumeister. In seinen Erinnerungen Ein Allmachtstraum und sein Ende berichtet Wellershoff von einem geordneten Leben in einem Beamtenhaushalt, in dem die Mutter „für das Haus und das gesellschaftliche Leben zuständig“ war.Dieter Wellershoff: Werke, Band 3, Köln 1996, S. 83.

Im Zweiten Weltkrieg wurde er zum Reichsarbeitsdienst eingezogen und meldete sich 1943 freiwillig zur Panzerdivision Hermann Göring.Wellershoff war Mitglied der NSDAP. In: FAZ.net, 9. Juni 2009. Kurz danach starb seine Mutter bei einer Gallenoperation. Am 13. Oktober 1944 wurde er in Litauen schwer verwundet.Trauerrede von Helge Malchow auf Dieter Wellershoff Den Kriegswinter 1944/45 verbrachte er in der zu einem Lazarett umfunktionierten Heilingbrunnerschule in Bad Reichenhall.Johannes Lang: Geschichte von Bad Reichenhall. Ph.C.W. Schmidt, Neustadt/Aisch 2009, S. 777. 1945 setzte er sich mit anderen Soldaten versprengter Truppenteile Richtung Westen ab, um nicht in sowjetische Kriegsgefangenschaft zu kommen. Es gelang ihnen, in US-amerikanische Kriegsgefangenschaft zu gehen. Seine Kriegserfahrungen verarbeitete er im Buch Der Ernstfall (1997) und auf der Audio-CD Schau dir das an, das ist der Krieg. Dieter Wellershoff erzählt sein Leben als Soldat (2010).

Am 20. April 1944 beantragte er die Aufnahme in die NSDAP und wurde rückwirkend zum 20. April 1943 aufgenommen (Mitgliedsnummer 10.172.531).Bundesarchiv R 9361-IX KARTEI/47820013Malte Herwig: Als wir jung waren. In: Die Zeit. 10. August 2009, abgerufen am 15. Dezember 2015. Wellershoff sagte dazu: „… im Gegensatz zur Wehrmacht, die ich als Jugendlicher wie fast alle meine Altersgenossen in den ersten Kriegsjahren idealisierte, hatte ich immer eine an Verachtung grenzende Abneigung gegen die ‚braunen Bonzen‘ der Partei. … Während dieser ganzen Zeit wäre es für mich ein völlig abwegiger Gedanke gewesen, in die Partei einzutreten.“ Er betonte, nie einen Aufnahmeantrag gestellt zu haben,Dieter Wellershoff: Manipulationen im Untergang. Ein Blick auf die letzten Kriegsjahre. Gastbeitrag in Der Spiegel 25/2009, abgerufen am 19. Januar 2017. allerdings war laut aktuellem Forschungsstand eine Aufnahme ohne eigenhändigen Antrag nicht möglich.Armin Nolzen: „Vom ‚Jugendgenossen‘ zum ‚Parteigenossen‘. Die Aufnahme von Angehörigen der Hitler-Jugend in die NSDAP“, in: Benz, Wolfgang (Hg.): „Wie wurde man Parteigenosse? Die NSDAP und ihre Mitglieder“, Fischer Verlag 2009, S. 123–150

Nach dem Tode des Autors beriet 2024 die Bezirksvertretung Innenstadt über eine Bürgereingabe, das bisher offiziell nicht benannte Eierplätzchen in der Kölner Südstadt nach Wellershoff zu benennen.Kölner Stadt-Anzeiger Kultur & Medien Exklusiv vom 30. Juli 2025: Dieter Wellershoff. Das steht im Gutachten zur NS-Vergangenheit des Kölner Autors, von Markus Schwering, abgerufen am 30. Juli 2025 Im Rahmen einer dem Umbennungsverfahren vorgeschalteten Prüfung beauftragte das NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln ein Gutachten, das Wellershoffs spätere Verdienste höher bewertete als eine feststellbare Regimenähe bis 1943/44. Allerdings gibt es Kritik an der Umbenennung des Platzes als solcher, die sich im Januar 2025 in einer künstlerischen Intervention äußerte.

1945 bis 1980

Nach Kriegsende holte er sein Abitur nach und studierte ab 1947 an der Universität Bonn Germanistik, Kunstgeschichte und Psychologie. 1952 heiratete er seine Studienkollegin Maria von Thadden. Ebenfalls 1952 veröffentlichte er seine Dissertation über Gottfried Benn, dessen gesammelte Werke er ab 1958 zusammen mit seiner Frau Maria herausgab. Von 1952 bis 1955 arbeitete er als Redakteur bei der vom Verband Deutscher Studentenschaften herausgegebenen Deutschen Studentenzeitung und schrieb ein Theaterstück, mehrere Radio-Features und Hörspiele. Seine erste Literaturauszeichnung – den „Hörspielpreis der Kriegsblinden“ – erhielt er für Minotaurus, das den Abtreibungsparagraphen 218 StGB thematisierte.

Im Jahr 1959 wurde Wellershoff vom Verlag Kiepenheuer & Witsch gebeten, ein wissenschaftliches Programm zu entwickeln. Es entstanden zwei Schriftenreihen, „die ‚Neue Wissenschaftliche Bibliothek‘ und die 'Studienbibliothek' in leuchtend gelben bzw. roten Einbänden, durch die dann Generationen von Studenten der Wirtschaftswissenschaften, der Soziologie, der Psychologie, der Geschichte, der Literaturwissenschaft und Philosophie Grundlagenwissen ihrer Fächer erhielten. [...] Viele dieser 'Reader', insgesamt weit über 100, herausgegeben von Dieter Wellershoff in Zusammenarbeit mit bedeutenden Wissenschaftlern wie Jürgen Habermas, Hans-Ulrich Wehler, Alexander Mitscherlich oder René König, sind bis heute Standardwerke, durch die die Wissenschaften der jungen Bundesrepublik nach der Düsternis der Nazizeit wieder internationales Niveau erreichten,“ schrieb der Verleger Helge Malchow und fuhr fort: „Neben dieser Fulltime-Aktivität macht Dieter Wellershoff den Verlag in kürzester Zeit zu einer der ersten Adressen für neue deutsche Literatur, die K&W trotz des großen, aber singulären Heinrich Böll, dessen Bücher Dieter Wellershoff auch lektorierte, zuvor nicht gewesen war.“Trauerrede von Helge Malchow auf Dieter Wellershoff Kiepenheuer und Witsch, abgerufen am 29. Juni 2018 Wellershoff holte junge Autoren wie Rolf Dieter Brinkmann, Nicolas Born und Günter Wallraff in den Verlag.

Wellershoff nahm ab 1960 an Tagungen der Gruppe 47 teil. 1965 initiierte er einen „neuen Realismus“. Die daraus hervorgegangene lockere Gruppierung wurde unter dem Namen „Kölner Schule des Neuen Realismus“ bekannt. Mitte der 1960er Jahre reduzierte Wellershoff seine Verlagsarbeit und begann eigene Romane zu schreiben. Es entstanden Ein schöner Tag (1966, das Porträt einer Familie, zwischen Konflikten, fehlender Kommunikation und Scheinidylle), Einladung an alle (1972, die multiperspektivische Schilderung einer Verbrecherjagd als Massenunterhaltung und einsamen Existenzkampf) und Die Sirene (1980, die Geschichte einer ungewöhnlichen Verführung oder Selbstverführung mittels einer geheimnisvollen Telefonstimme).

Er entwickelte parallel zu seinem literarischen Werk seine Literaturtheorie. „Man hatte hier nicht nur einen ungemein produktiven Autor vor sich, der Hörspiele, Drehbücher, Erzählungen und Romane schrieb, sondern auch einen ambitionierten Literaturwissenschaftler, der für einen Verlag nebenher Bücher lektorierte und sich regelmäßig mit Erörterungen zur Literaturgeschichte zu Wort meldete.“Gisa Funk: Das doppelt belichtete Leben. In: FAZ, 29. Oktober 2007, S. 34.

Nach 1981

Seit 1981 lebte Wellershoff als freier Schriftsteller in der Kölner Südstadt. Mit Der Sieger nimmt alles (1983) schrieb er auf Basis der Erfahrungen seines jüngeren Bruders, der Unternehmer geworden war, einen kritischen Wirtschaftsroman. Es geht darin um die fiktionale Figur „Ulrich Vogtmann, ein Aufsteiger par excellence, geprägt durch den Zweiten Weltkrieg und den Umbruch der Werte in der Nachkriegszeit“, der fasziniert ist „vom Allmachtstraum des großen Erfolgs. Er nimmt das Leben als Herausforderung, vertraut auf seine Vitalität, seinen Scharfsinn, sein Glück. Rücksichtslos verfolgt er sein Ziel, treibt seine Umgebung in den Ruin und sich selbst in die totale Isolation.“Randomhouse: Der Sieger nimmt alles. Abgerufen am 2. Mai 2017.

Wellershoffs jüngerer Bruder starb wenige Jahre später an Leukämie. Wellershoff schildert dessen erschütterndes Sterben in dem autobiografischen Buch Blick auf einen fernen Berg (1991).

Immer wieder schrieb Wellershoff autobiographische Texte wie Die Arbeit des Lebens (1985) oder das schon erwähnte Buch Der Ernstfall (1995) zu seinen Kriegserfahrungen. Hinzu kommen Texte über Literatur wie Der Roman und die Erfahrbarkeit der Welt (1988) oder Das geordnete Chaos. Essays zur Literatur oder Der verstörte Eros. Zur Literatur des Begehrens (2001). Einen literaturtheoretischen Schwerpunkt setzte er mit einer Vorlesungsreihe an der Frankfurter Universität, die unter dem Titel Das Schimmern der Schlangenhaut. Existentielle und formale Aspekte des literarischen Textes. Frankfurter Poetik-Vorlesungen (1996) erschien.

mini|Dieter Wellershoff (rechts) 2007 bei einer Aufführung der Verfilmung seines Romans „Der Liebeswunsch“, mit den Schauspielerinnen Jessica Schwarz, Barbara Auer u. a. Einen besonderen Erfolg bei der Kritik und beim Publikum erzielte er 2000 mit dem Bestseller-Roman Der Liebeswunsch, in dem es um das Beziehungsgeflecht von Freundschaft, Sehnsüchten, aber auch Kränkungen zweier gutbürgerlicher Paare geht, das durch den Liebeswunsch einer jungen Frau, die ihrem als falsch empfundenen Leben entkommen möchte, aus dem scheinbaren Gleichgewicht gerissen wird – mit fatalen Folgen. Das Buch wurde 2006 verfilmt.

Im Juni 2007 griff Wellershoff mit einem Beitrag in der FAZWofür steht die Kölner Moschee? in den Streit um die Kölner DITIB-Moschee ein und formulierte in teilweiser Abgrenzung von den kritischen Positionen Ralph Giordanos eigene Vorbehalte gegen den umstrittenen Moscheebau.

Hochbetagt schrieb Wellershoff weiter, einen Roman über einen Pfarrer, dem die Glaubensgewissheit abhandengekommen ist (Der Himmel ist kein Ort (2009)), oder zur Kunst, wie in Was die Bilder erzählen. Ein Rundgang durch mein imaginäres Museum (2013).

Die Audio-CD Ans Ende kommen. Dieter Wellershoff erzählte über Altern und Sterben (2014) reflektiert mit anhaltender Neugier das eigene Älterwerden und den Tod. Dieses Werk wurde „Hörbuch des Jahres 2014“; viele seiner anderen Werke vorher und das Gesamtwerk wurden ebenfalls ausgezeichnet. Sein Werk wurde in 15 Sprachen übersetzt.

mini|Grab auf dem Friedhof Melaten (Juni 2018) Wellershoff starb im Alter von 92 Jahren in seiner Heimatstadt Köln. Am 27. Juni 2018 wurde er auf dem Kölner Zentralfriedhof Melaten (Flur 64a Nr. 227/228) beigesetzt.

Berufungen

Wellershoff erhielt zahlreiche Berufungen als Lektor, Gastdozent und Writer in Residence an in- und ausländischen Hochschulen. Er war Mitglied der Akademie der Wissenschaften und der Literatur in MainzAkademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz: Todesfälle 2018 abgerufen am 8. April 2019 und des PEN-Zentrums Deutschland. Die Stadt Köln richtete 2018 zusammen mit dem Literaturhaus Köln zwei Dieter-Wellershoff-Stipendien ein, bei denen jährlich zusammen 24.000 Euro zur Förderung Kölner Autoren vergeben werden.Stadt Köln: Dieter Wellershoff Stipendien, abgerufen am 22. Juli 2018.

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