mini|Phänomenta-Gebäude und Umgebung auf einem Luftbild mini|hochkant|Beleuchteter Turm der Phänomenta bei Nacht Die Phänomenta Lüdenscheid (Eigenschreibweise: PHÄNOMENTA) ist ein Science Center in Lüdenscheid in Nordrhein-Westfalen. Ziel der Phänomenta ist es, Besuchern zu ermöglichen, grundlegende Phänomene durch eigenes Handeln zu verstehen. Die Phänomenta in Lüdenscheid wurde 1996 gegründet und basiert auf ihrem Vorbild in Flensburg., abgerufen am 20. April 2017
Der Unterschied zu einem Technikmuseum besteht darin, dass es keine Sammlung zur Besichtigung und keine langen Texte zum Lesen gibt. Naturwissenschaften, mit Schwerpunkt auf Physik und Technik, sollen hier durch Experimentieren und Ausprobieren erlebt und begriffen werden. Daher sind die Exponate interaktiv und so gestaltet, dass sie keine Antwort vorwegnehmen. Begreifen mit allen Sinnen steht im Vordergrund.
Das Science Center grenzt direkt an die Innenstadt und an das Lüdenscheider Bahnhofsgelände, welches sich zu einem Lern- und Studienort entwickelt hat.come-one.de (Bericht vom 7. November 2015): Tor zum „Viertel mit Zukunft“ Abgerufen am 8. September 2020. Bahnhofsgelände und Phänomenta sind über eine Fußgängerbrücke direkt verbunden. Der Turm, welcher das Foucaultsche Pendel beherbergt, wurde am 8. Mai 2015 eröffnetcome-on.de (Bericht vom 8. Mai 2015): Phänomenta ist offiziell eröffnet Abgerufen am 8. September 2020. und hat sich zu einer Landmarke der Stadt herausgebildet.
Vorgeschichte Professor Fiesser entwickelte das Konzept der Phänomenta und realisierte es 1985 in einer Ausstellung innerhalb der Universität in Flensburg. Wenige Jahre später entstand ein eigenes Haus, welches noch heute die Phänomenta Flensburg beheimatet. Sie wurde schließlich wichtiges Vorbild und Namenspatin für die Entstehung der Ausstellung in Lüdenscheid. Eine weitere Inspiration liegt in dem Exploratorium in San Francisco, welches 1969 von Frank Oppenheimer eröffnet wurde. Es handelt sich dabei um das erste Science-Center der Welt, welches auch heute noch in Betrieb ist. Zusätzlich zu einer Ausstellung bietet das Exploratorium auch ein „Cookbook“ an, in welchem die Experimente dargestellt werden und das zum Nachbauen anregt. Während sich die angelsächsischen Science-Center an Oppenheimer orientierten, stand für Professor Fiesser der eher anthroposophische Ansatz von Hugo Kükelhaus Pate. Kükelhaus war als Tischler, Künstler und Pädagoge sehr darauf bezogen menschengerechte Gegenstände und Architektur voranzutreiben. Dazu gehörte auch die Umsetzung des Erfahrungsfeld zur Entfaltung der Sinne. Hier sind Besucher dazu eingeladen sich inspirieren zu lassen, selbst zu experimentieren und zu forschen. Zwar sprechen die Erfahrungen hier explizit verschiedene Sinne an, anstatt sich auf naturwissenschaftliche Phänomene zu beziehen, allerdings ist die Methodik der eines Science-Centers nicht unähnlich. Selbstbestimmtes Lernen und Erleben stehen im Vordergrund, während keine Antworten oder Nutzungsarten vorgegeben werden. Dieser Ansatz des eigenständigen Lernens und des Forschens ohne Vorgaben und feste Regeln, war Inspiration für die Gründung der Phänomenta Lüdenscheid.
Gründung In den 1990er-Jahren arbeitete ein kleines Team engagierter Bürger an der Realisierung einer eigenen Phänomenta in Lüdenscheid und gründete den gleichnamigen Verein. Dazu zählten Lehrer, Ingenieure, Architekten und Pädagogen. Zu Beginn bestand das Angebot der Phänomenta aus sechs Exponaten, welche in einer Wanderausstellung in der Stadtbibliothek, aber auch an anderen Orten in der Stadt, ausgestellt wurden. 1996 beschloss der Verein, dass die Ausstellung einen festen Standort benötigt. Hierfür wurden Etagen der ehemaligen Ernst-Grüber-Fabrik angemietet und kurze Zeit das erste Science-Center Nordrhein-Westfalens in Betrieb genommen. Zu diesem Zeitpunkt war die Ausstellung außerhalb Lüdenscheids noch weitestgehend unbekannt. In den Anfängen verließ man sich noch viel auf ehrenamtliches Engagement und die Ausstellung wurde vorwiegend von Lehrern betrieben und gefördert.
Ziel der Ausstellung war und ist es, Naturwissenschaften für alle begreifbar zu machen, sowie es die Phänomenta Flensburg und das Exploratorium in San Francisco vorleben. Grundgedanke aller Ausstellungen ist die Anwendung der Hands-On-Pädagogik. Besucher sind ausdrücklich aufgefordert, die Exponate anzufassen und auszuprobieren. Hilfestellung bieten ihnen die Handlungsanregungen an den einzelnen Stationen, die jedoch nicht die Lösung vorwegnehmen. Dieses Konzept startete in den 1990er Jahren und wird bis heute so weitergeführt.
Zu dieser Pionierzeit der Phänomenta Lüdenscheid wurden alle Exponate speziell für die Ausstellung in der eigenen Werkstatt konzipiert und hergestellt.
Erweiterung der Phänomenta mini|Phänomenta-Gebäude vor dem Umbau ab 2013 In den folgenden Jahren kamen zahlreiche Exponate hinzu. Erneut entstand ein Großteil in der eigenen Werkstatt. Während die Phänomenta zum Start noch als eine Ausstellung auf einer Etage der alten Fabrik begann, so übernahm sie im Laufe der Zeit das gesamte Gebäude. Seit 2000 wird das Science Center durch die „Stiftung Phänomenta Lüdenscheid“ getragen. Im selben Jahr kam ein moderner Anbau hinzu, der das Café beherbergen sollte. Allerdings war auch diese Erweiterung nicht genug, da die Platznot im Jahr 2009 dazu führte, dass das Gebäude des benachbarten Steinmetzbetriebs erworben wurde.
Im Rahmen der Regionale 2013 „415 m über NN Denkfabrik“ begannen 2008 die Arbeiten für die bislang neuste Erweiterung der Phänomenta. Im Laufe dieses Projekts kam es zu einer Überplanung des Bahnhofsgeländes: das Technikzentrum Südwestfalen, der Neubau der DIAL, die Fachhochschule Südwestfalen, das Entwicklungs- und GründerCentrum EGC, als auch eine Fußgängerbrücke, welche Phänomenta und Bahnhof verbindet, wurden errichtet. Zusätzlich umfassten die Arbeiten einen Neubau für die Phänomenta, samt 75 Meter hohem Turm, welcher das größte begehbare Kaleidoskop Europasraumprobe.com: Das größte Kaleidoskop Europas - Phänomenta Lüdenscheid setzt eine neue Landmarke Abgerufen am 8. September 2020. beherbergt.
Die Regionale 2013 eröffnete auch über die „Denkfabrik“ mit ihren einzelnen Bausteinen, insbesondere mit der Fachhochschule, eine gute Vernetzungsmöglichkeit mit den naturwissenschaftlichen Experimenten der Phänomenta.
Seit der Neueröffnung 2015 wird die Phänomenta durch verschiedene Workshops, Lesungen sowie Wechselausstellungen ergänzt.
Turmbau und Kugelbahn mini|hochkant|Turm der Phänomenta in der Bauphase im Februar 2015 Der Turm stellt heute das Markenzeichen der Phänomenta Lüdenscheid dar und war bereits ab 1998 in Planung. Grund hierfür war die Planung des Foucaultschen Pendels, welches einen angemessenen Standort benötigte, um zu funktionieren. Allerdings war zu diesem Zeitpunkt eine Realisierung noch ausgeschlossen, da die benötigten Mittel zur Verwirklichung nicht zur Verfügung standen.
Die Idee für Pendel und Turm wurden allerdings nie aufgegeben, weshalb es mehrere Anläufe gab, diese zu realisieren. Bereits vor der Regionale 2013 gab es einen Versuch durch lokale Sponsoren einen begehbaren Turm für das Pendel zu schaffen. Als 2013 die Regionale in den Startlöchern stand, bewarb die Stadt Lüdenscheid sich und fand über das Projekt „Denkfabrik“ einen Weg, um die Phänomenta um den Turm zu erweitern. Im Rahmen desselben Projekts entstand auch die Fußgängerbrücke, welche eine direkte Verbindung zwischen Phänomenta und Bahnhof bildet.
Im Laufe der Planungsarbeiten wurden 16 verschiedene Standorte in Betracht gezogen, bis es möglich war sich auf den heutigen Standort zu einigen. Einer der Gründe für die Unsicherheit bei der Standortplanung ist die Lage der Phänomenta. Aufgrund des nahegelegenen Bahnhofs kamen Zweifel auf, ob das Pendel unbeeinflusst schwingen und die geplante Konstruktion funktionieren kann. Da ein Foucaultsches Pendel dauerhaft schwingen soll, können bereits kleine Vibrationen z. B. durch ankommende Züge ein Problem darstellen. Allerdings stellte sich nach mehreren Gutachten heraus, dass die Konstruktion am heutigen Standort keine Probleme diesbezüglich verursachen sollte. Die Bauarbeiten wurden 2015 beendet. Dass die Phänomenta nun mit einem Turm und einem Foucaultschen Pendel ausgestattet ist, ist dem kontinuierlichen Einsatz von Walter Hueck zu verdanken.
Im Zuge des Neubaus, galt es eine 20 Meter lange Freifläche im Foyer mit einem Exponat auszustatten. Es kam die Idee auf, eine Kugelbahn zu errichten, welche gleichzeitig als Einführung für die Ausstellung fungiert und diese widerspiegelt. Gedanke dahinter war, dass die Bahn eines der ersten Exponate ist, welches den Besuchern beim Betreten ins Auge fällt.
Die Kugelbahn spiegelt verschiedene physikalische und mathematische Themenbereiche wider. Mechanik und Kinematik werden z. B. durch die sich bewegenden Zahnräder und Bälle dargestellt. Die Verteilung der Bälle auf die verschiedenen Bahnen demonstriert wiederum die Stochastik und das Ende der Bahn verbildlicht das Binärsystem. Jeder Besucher kann sich intensiv mit der Bahn beschäftigen, um die Zusammenhänge zu erfassen. Allerdings kann die Kugelbahn auch einfach bestaunt werden, ohne tiefer in die Materie einzutauchen. Die Neugier einer jeden Person ist das, was die Besucher zum Forschen treiben soll.
Kaleidoskop und Pendel mini|Foucault-Pendel im Inneren des Turms Im 75 Meter hohem Turm befindet sich auch das Pendel der Phänomenta. Das Pendel war wie der dazugehörige Turm bereits seit 1998 in Planung, ließ sich aber bis zur Regionale 2013 nicht realisieren. Es handelt sich hierbei um ein rund 28 Meter langes, sphärisches Pendel. Ein solches Pendel diente 1851 dem französischen Wissenschaftler Léon Foucault als Beweis der Erddrehung. Schwingt das Pendel, so behält es nicht seine geradlinige Bahn bei, sondern fängt an eine enge Rosettenbahn zu beschreiben. Dies passiert, da sich die Erde unter der Schwingungsebene des Pendels wegdreht und aus der Sicht einer Person, die sich mit der Erde zwangsläufig mit dreht, dafür sorgt, dass die Bahn abgelenkt wird. Die Ablenkung führt man auf die Corioliskraft zurück, welche sich aus der Trägheitskraft des schwingenden Pendels bildet. Hiermit steht es im wortwörtlichen Mittelpunkt der Ausstellung im Neubau der Phänomenta und stellt die Rotation der Erde um ihre eigene Achse dar.
Um den Bau des Foucaultschen Pendels zu planen, wurde Prof. Schön von der Humboldt-Universität zu Berlin herangezogen. Dieser hatte die Idee, das Pendel nicht wie sonst oft üblich Dominosteine umwerfen zu lassen, um den Fortschritt der Rotation aufzuzeigen. Sein Plan beinhaltete stattdessen zwei Kugeln, welche vom Pendel auf einer Kreisbahn vorangeschoben werden. Da so aber regelmäßig Energie das Pendelsystem verlässt, war ein System nötig, mit dem die verlorene Energie wieder in das System geführt werden konnte, da das Pendel ansonsten bereits nach einigen Stunden stillstehen würde. Als Lösung wurde ein Elektromagnet eingesetzt, welcher dem Pendel, in einem festgelegten Rhythmus, einen Schub gibt, wenn es ihn passiert. Allerdings kamen Zweifel auf, ob diese Lösung in der Praxis funktionieren würde. Bei einer Kollision zwischen Pendel und Kugeln gibt es immer eine kleine Ablenkung. Ist diese zu groß, passiert das Pendel den Magneten nicht mehr mittig. Das würde dafür sorgen, dass die Ablenkung größer und größer werden würde. Sollte das passieren, wäre der eigentliche Sinn eines Foucaultschen Pendels nicht mehr erfüllt. Deshalb gab es auch Zweifel an der Position des Turms in der Nähe des Bahnhofs, da unsicher war, ob die Vibrationen durchfahrender Züge ein Problem darstellen würden. Es stellte sich aber nach mehreren Gutachten heraus, dass weder der Bahnhof noch die Kollisionen mit den Kugeln die Bahn verfälschen würden, und das Pendel konnte wie geplant gebaut werden.