mini|hochkant|Abubakar Gumi Abū Bakr ibn Mahmūd (), bekannt als Abubakar Gumi (geb. 1924 od. 1926 in Gumi, Sokoto; gest. 11. September 1992 in London), war ein islamischer Gelehrter und Koranexeget, der zu den Pionieren der Salafīya-Reformbewegung in Nigeria gehörte.Brigaglia: “Two exegetical works from twentieth-century West Africa.” 2013, S. 253. Er war eine der zentralen Persönlichkeiten für die Entwicklung des Islams in Nordnigeria in der Ära von Ahmadu BelloLoimeier: Islamische Erneuerung und politischer Wandel in Nordnigeria. 1993, S. 121. und diente diesem als Dolmetscher bei seinen zahlreichen Treffen mit Politikern arabischer Staaten.Gumi: Where I Stand. 1992, S. 203. Außerdem fungierte er von 1962 bis 1967 als „Groß-Qādī“ des Nordstaats. Gumis Vorträge zur Koranexegese, die ab 1967 im Rundfunk übertragen wurden, waren das wichtigste Instrument für die Popularisierung einer von der Salafīya inspirierten Kritik am Sufismus in Nigeria. In seinem Pamphlet al-ʿAqīda aṣ-ṣaḥīḥa bi-muwāfaqat aš-šarīʿa („Der wahre Glaube in Übereinstimmung mit der Scharia“) wandte er sich gegen die Lehren und Praktiken der beiden Sufi-Bruderschaften Tidschānīya und Qādirīya. Ende der 1970er Jahre wirkte er an der Gründung der Izala-Bewegung mit, die sich an seinen Grundsätzen orientierte.

Leben Geburtsdatum Abubakar Gumis Geburtsdatum ist unklar. In seiner Autobiographie gibt er an, das in einigen offiziellen Dokumenten zu findende Geburtsjahr 1922 beruhe darauf, dass der mit ihm befreundete Afrikanist Mervyn Hiskett ihn 1960 in einem Empfehlungsschreiben für das Scharia-Appelationsgericht von Nord-Nigeria älter gemacht hatte er als wirklich war, weil Gumi das in der Ausschreibung genannte Mindestalter noch nicht überschritten hatte.Gumi: Where I Stand. 1992, S. 73. Nach eigenen Angaben wurde er am letzten Freitag des Ramadan des islamischen Jahres 1344 geboren. Allerdings rechnet er dieses Datum an derselben Stelle falsch um und erklärt, es entspreche dem 7. November 1924.Gumi: Where I Stand. 1992, S. 5. In Wirklichkeit entspricht es dem 9. April 1926. Allerdings steht zu diesem Datum in Widerspruch, dass Gumi an einer anderen Stelle aussagt, dass ihm seine erste Frau Hawwa'u, die er 1941 heiratete, zugeführt wurde, als er erst 17 Jahre alt war.Gumi: Where I Stand. 1992, S. 201.

Jugend und Schulzeit in Sokoto Abubakars Vater Mallam Mahmud na-Gumi war der Qādī der Stadt.Andrea Brigaglia: “Abubakar Gumi”, in: Encyclopaedia of Islam, THREE Edited by: Kate Fleet, Gudrun Krämer, Denis Matringe, John Nawas, Devin J. Stewart. Brill, Leiden 2014. Abubakar wurde zunächst von seinem Vater unterrichtet. Im Jahre 1933 kam er an die Grundschule von Dogon Daji, einem Ort, der einen Tagesmarsch von seinem Heimatort entfernt liegt.Gumi: Where I Stand. 1992, S. 14. Hier wurde er wegen seines für sein Alter ungewöhnlichen Wissens zum „Führer des Gebets“ (Hakimin Salla) der Schüler bestimmt.Loimeier: Islamische Erneuerung und politischer Wandel in Nordnigeria. 1993, S. 122. Anderthalb Jahre später wechselte er auf die neu eröffnete Grundschule von Sokoto, wo er zunächst die dritte Klasse besuchte und schon wenig später in die vierte Klasse versetzt wurde. Von 1936 bis 1942 besuchte Abubakar die Mittelschule von Sokoto.Gumi: Where I Stand. 1992, S. 19f. Hier unterrichteten Ahmadu Bello, der spätere Premierminister von Nordnigeria, ebenso wie Dschunaid ibn Muhammad al-Buchārī, der spätere Wazīr von Sokoto, und Yahyā Gusau.John Hunwick (Hrsg.): Arabic literature of Africa, vol. 2, The writings of central Sudanic Africa. Brill, Leiden 1995. S. 551–555. In der Schule lernte er auch andere Personen kennen, die später zu prominenten Persönlichkeiten des Landes wurden, wie zum Beispiel Shehu Shagari. 1937 starb Abubakars Vater nach längerer Krankheit.Gumi: Where I Stand. 1992, S. 23. 1941, als Abubakar im letzten Jahr der Mittelschule war, wurde er mit seiner ersten Frau verheiratet, einer Frau aus seinem Heimatort Gumi.Gumi: Where I Stand. 1992, S. 26. Im zweiten Quartal des Jahres 1942 schrieb sich Gumi für ein Jahr in der Qādī-Schule von Sokoto ein.Gumi: Where I Stand. 1992, S. 26.

Ausbildung und Lehrtätigkeit in Kano Danach zog Gumi nach Kano, um islamisches Recht an der renommierten Kano Law School zu studieren, die der Waziri von Kano Muhammad Gidado 1930 nach dem Modell des Gordon College im Sudan gegründet hatte.Gumi: Where I Stand. 1992, S. 30. Das Studium an dieser Anstalt schloss er nach vier Jahren mit der Bestnote ab.Ben Amara: The Izala Movement in Nigeria. 2011, S. 114. Zu den klassischen Werke des islamischen Rechts, die er studierte, gehörte der Muchtasar zur Risāla von Ibn Abī Zaid al-Qairawānī.Ben Amara: The Izala Movement in Nigeria. 2011, S. 113. In Kano studierte er auch bei Nasiru Kabara (gest. 1996), einem bekannten Gelehrten und Anführer der Qādirīya.

1947 erhielt Gumi kurzzeitig eine Stelle als Oberschreiber des Qādīs at-Tāhir in Sokoto. 1948 zog er aber zurück nach Kano, um dort für zwei Jahre an der neu gegründeten britischen School of Arabic Studies (SAS) zu studieren, die vornehmlich der Lehrerausbildung diente.Gumi: Where I Stand. 1992, S. 61f. Gumi kam in dieser Zeit auch in Kontakt mit dem Anführer der nigerianischen Mahdisten, Ibn Hayāt ad-Dīn, der als eines der prominentesten Opfer britischer Kolonialpolitik galt. Unter seinem Einfluss gab er die Affiliation mit der Qādirīya auf und wurde ein Anhänger der Mahdīya. Auch heiratete er eine von Saʿīds Töchter mit Namen Maryamu, die ihm einen Sohn gebar, aber ebenso wie das Kind unmittelbar nach der Geburt verstarb.

1949 erhielt Gumi eine Stelle als Lehrer an der neu gegründeten Lehrerbildungsanstalt in der kleinen Ortschaft Maru in Zentralsokoto. Hier entwickelte er eine Freundschaft mit Aminu Kano, einem der Begründer Northern Teachers' Association, mit dem er sich über die Notwendigkeit des Kampfs gegen unzulässige Neuerungen austauschte.Loimeier: Islamische Erneuerung und politischer Wandel in Nordnigeria. 1993, S. 123. In der Stadt beobachtete er, dass die Menschen bei der rituellen Reinigung vor dem Gebet den Tayammum und nicht den Wudū' verrichteten, und auch der Imam der Zentralmoschee so handelte. Infolgedessen begann er, mit den Schülern auf dem Schulgelände zu beten und sie davor zu warnen, in die Moschee in der Stadt zu gehen. Um die gleiche Zeit kritisierte Gumi den Sultan von Sokoto, weil er bei einer Festrede dem König von Großbritannien seinen Dank ausgesprochen hatte. Gumi bekam daraufhin Schwierigkeiten und wurde beschuldigt, illegal auf dem Schulgelände gebetet, Schüler an der Teilnahme am Freitagsgebet gehindert und sich als Mahdi ausgegeben zu haben.Ben Amara: The Izala Movement in Nigeria. 2011, S. 115.

Die Jahre 1950 bis 1954 verbrachte Gumi wieder an der School of Arabic Studies in Kano. Zwischen 1950 und 1952 schloss er seine Ausbildung ab, danach unterrichtete er an dieser Schule.Loimeier: Islamische Erneuerung und politischer Wandel in Nordnigeria. 1993, S. 124.

Aufenthalte in Sudan und Saudi-Arabien Noch während Gumi in Kano unterrichtete, bewarb er sich um ein Stipendium für ein Studium an der Azhar in Ägypten, das ihm aber von der britischen Kolonialverwaltung verweigert wurde. Möglicherweise hing diese Entscheidung der Briten mit ihren Befürchtungen zusammen, Gumi könnte in Kairo mit dem Gedankengut der Muslimbrüder in Berührung kommen und davon beeinflusst werden. Stattdessen wurden mehrere Regierungsstipendien für ein Studium in Sudan ausgeschrieben, für die sich Gumi zusammen mit anderen Bewerbern aus dem Bildungsministerium im Juni/Juli 1953 bei einwöchigen Prüfungen qualifizierte.Gumi: Where I Stand. 1992, S. 65. Die Gruppe wurde zu einem Kurzstudium an dem sudanesischen Bildungsinstitut Bacht ar-Rudā in ad-Duwaim geschickt. Zu den nigerianischen Studenten, die zusammen mit ihm in den Sudan gingen, gehörten mehrere andere Männer, die später einflussreiche Positionen in der Verwaltung und im Justiz- und Bildungswesen in Nordnigeria erlangten.Loimeier: Islamische Erneuerung und politischer Wandel in Nordnigeria. 1993, S. 125. Gumi hatte gelegentlich Anfälle von Heimweh, wie etwa Anfang 1955, als er ein Gedicht schrieb, in dem er sich über die Einsamkeit lustig machte.Gumi: Where I Stand. 1992, S. 67.

Im Sommer 1955, während seines letzten Jahres im Sudan, reiste Abubakar Gumi zum Haddsch nach Mekka.Gumi: Where I Stand. 1992, S. 68. Dort traf er auf Ahmadu Bello (gest. 1966), den damaligen Premierminister von Nordnigeria, der ihn an die Spitze der offiziellen nordnigerianischen Delegation stellteGumi: Where I Stand. 1992, S. 98. und zum Dolmetscher für seine Kontakte mit den saudischen Regierungsvertretern ernannte. Hierdurch entwickelte sich eine engere Beziehung zwischen ihnen.Loimeier: Islamische Erneuerung und politischer Wandel in Nordnigeria. 1993, S. 125. 1956 kehrte Gumi an die School of Arabic Studies in Kano zurück, wo er als Senior Education Officer des Erziehungsministeriums mehrfach befördert wurde.Gumi: Where I Stand. 1992, S. 68f, 74.

Im Jahre 1957 wurde Gumi zum ersten nigerianischen Pilgerbeauftragten in Dschidda ernannt, im Mai reiste er nach Saudi-Arabien ab.Gumi: Where I Stand. 1992, S. 69. Er hielt sich für zehn Monate in Saudi-Arabien auf und führte dabei eine Untersuchung über die Bedingungen des Haddsch für die nigerianischen Pilger durch.Loimeier: Islamische Erneuerung und politischer Wandel in Nordnigeria. 1993, S. 125f. Dies ermöglichte ihm auch, eine direkte Verbindung zum wahhabitischen Gelehrtenstand aufzubauen.

In Kaduna, der Hauptstadt von Nord-Nigeria Als Groß-Qādī am Scharia-Appelationsgericht mini|Die Sultan-Bello-Moschee in Kaduna Nach Nigeria zurückgekehrt, wurde Gumi am 1. Oktober 1960 zum stellvertretenden Groß-Qādī am neu eingerichteten Scharia-Appelationsgericht von Nord-Nigeria in Kaduna berufen.Gumi: Where I Stand. 1992, S. 72–74. Als 1962 der bisherige Groß-Qādī Scheich ʿAwad Muhammad Ahmad, ein Sudanese, aus Altersgründen ausschied und in sein Heimatland zurückkehrte, wurde Gumi zu seinem Nachfolger. Der Sardauna Ahmadu Bello (1909–1966) machte ihn außerdem zu seinem „principal adviser“ und nahm ihn auf zahlreiche Reisen in arabische und muslimische Länder mit. Zusammen reisten die beiden jedes Jahr im Ramadan zur ʿUmra nach Mekka.Ben Amara: The Izala Movement in Nigeria. 2011, S. 109, 112, 116. 1962 gründete Gumi zusammen mit dem Sardauna mit finanzieller Unterstützung aus Saudi-Arabien und Kuwait die Ǧamāʿat Naṣr al-Islām („Gesellschaft für den Sieg des Islams“, abgekürzt als JNI). Ab 1963 hielt Gumi regelmäßig Vorlesungen zur Koranexegese in der neu eröffneten Sultan-Bello-Moschee in Nigeria ab, die allem von der damaligen politischen Klasse des Nordens besucht wurden.Ben Amara: The Izala Movement in Nigeria. 2011, S. 116. Seine Exegese, die er auf Hausa vortrug, wurde zum wichtigsten Mittel für die Artikulation seiner Reformagenda.Brigaglia: “Two exegetical works from twentieth-century West Africa.” 2013, S. 257. Der politische und religiöse Einfluss von Gumi machte ihn zu einem Wächter des Islams in Nigeria. Von dieser Position aus kritisierte er auch die etablierten Bruderschaften und die traditionelle Autorität der Emire und des Sultans.Ben Amara: The Izala Movement in Nigeria. 2011, S. 110.