mini|Ein Patient in katatonem Stupor Katatonie ( ,von oben nach unten‘ und τόνος ,(An-)Spannung‘, zusammen also ,Anspannung von Kopf bis Fuß‘)William Haubrich: Medical meanings. American College of Physians, 2003, ISBN 1-930513-49-6. ist ein neuropsychiatrisches und psychomotorisches Syndrom, das sich durch gestörte Motorik, Immobilität, Verhaltensstörungen und sozialen Rückzug kennzeichnet. Auftreten kann sie als Begleiterscheinung, aber auch als Ursache oder Folge von psychischen Erkrankungen wie schweren Depressionen, Manien, bipolaren affektiven Störungen und vor allem katatoner Schizophrenie, von Stoffwechselstörungen, nach dem Konsum von Alkohol und anderen Drogen, aber auch bei anderen neurologischen Erkrankungen bzw. Erkrankungen des Immunsystems, zum Beispiel als neurologische Störung infolge einer AIDS-Erkrankung, im Rahmen einer Autoimmunenzephalitis oder eines malignen Neuroleptika-Syndroms.J. C. Huffman, G. L. Fricchione: Catatonia and psychosis in a patient with AIDS: treatment with lorazepam and aripiprazole. In: J Clin Psychopharmacol. [Case Reports Letter]. Band 25, Nr. 5, Oct 2005, S. 508–510.B. T. Carroll, T. J. Anfinson, J. C. Kennedy, R. Yendrek, M. Boutros, A. Bilon: Catatonic disorder due to general medical conditions. In: J Neuropsychiatry Clin Neurosci. [Case Reports Review]. 1994 Spring; Band 6, Nr. 2, S. 122–133.

Der Erstbeschreiber des Krankheitsbildes war Karl Ludwig Kahlbaum (1828–1899), Psychiater und Inhaber einer Privatheilanstalt für Nerven- und Gemütskranke in Görlitz. Über lange Zeit wurde – und wird – die Katatonie hauptsächlich als Form der Schizophrenie diagnostiziert. Die katatone Schizophrenie als eine Unterform der „Gruppe der Schizophrenien“ (Eugen Bleuler, 1911), geht mit Störungen der Motorik einher, die zwischen extremer Erregung und Passivität hin- und herwechseln können.

Die Vielfalt der tatsächlich möglichen Zusammenhänge verdeutlicht die Schwierigkeiten bei der Diagnosestellung und bezüglich der Wahl der richtigen Therapie. In der neuen ICD-11 ist erstmals eine eigene Diagnosekategorie – getrennt von der Gruppe der Schizophrenien – vorgesehen.

Symptombild Katatonie äußert sich in unnatürlichen und stark verkrampften Haltungen bzw. Verhaltensweisen des ganzen Körpers bzw. der Person. Es wird dabei zwischen hypokinetischen [„hypo...“ = ein Weniger, ein Zuwenig an ...] und hyperkinetischen [„hyper...“ = ein Mehr, ein Zuviel an ...] Phänomenen unterschieden. Folgende Begriffe sind relevant:

Stupor (Starre des ganzen Körpers) Mutismus (beharrliches Schweigen) bizarre Haltungsstereotypien (längeres Verharren in einer Körperhaltung auch bei äußeren Versuchen der Veränderung) Flexibilitas cerea (wachsartiger Widerstand der Muskulatur bei passiver Bewegung) Negativismus (Widerstand gegenüber allen Aufforderungen oder Versuchen, sich zu bewegen – oder stattdessen Bewegungen, die das Gegenteil der Aufforderung ausführen) Katalepsie (Beibehaltung der Körperstellung nach passiver Bewegung) sehr erhöhte psychomotorische Erregung Bewegungs- und Sprachstereotypen (dauerndes und scheinbar sinnfreies Wiederholen von Bewegungen oder von Sprachanteilen ohne äußeres „Vorbild“) Echopraxie/Echolalie (dauerndes und scheinbar sinnfreies Nachahmen von Bewegungen oder von Sprachanteilen) Manierismen (sonderbare, „karikaturhafte“ Darstellung alltäglicher Gestik, Mimik).

Die Krankheitsvariante kann unter anderem aufgrund einer fehlenden Wasser- und Nahrungsaufnahme lebensbedrohlich sein.

Behandlung Am besten erforscht sind die medikamentöse Behandlung mit Benzodiazepinen. Eine besondere und lebensbedrohliche Schwierigkeit besteht hinsichtlich der Behandlung eines katatonischen Zustands, wenn dieser infolge eines malignen Neuroleptikasyndroms auftritt. In diesem Fall muss nämlich die neuroleptische Medikation abgesetzt werden. Bei psychopharmakologischer Therapie mit GABA-ergen Substanzen u. a. mit Lorazepam,P. I. Rosebush, M. F. Mazurek: Catatonia and its treatment. In: Schizophr Bull. [CommentReview], März 2010, Band 36, Nr. 2, S. 239–242. ist Vorsicht geboten, da eine Benzodiazepin-Abhängigkeit bereits nach ein- bis zweiwöchiger Einnahme entstehen kann, die eine Katatonie auslösen bzw. verschlimmern kann.J. J. Arnos: Lorazepam withdrawal-induced catatonia. In: Ann Clin Psychiatry., Mai 2012, Band 24, Nr. 2, S. 170–171.T. Sivakumar, A. Yadav, M. Sood, S. K. Khandelwal: Lorazepam withdrawal catatonia: a case report. In: Asian Journal of Psychiatry, Dezember 2013, Band 6, Nr. 6, S. 620–621. doi:10.1016/j.ajp.2013.05.008S. G. Glover, R. Escalona, J. Bishop, A. Saldivia: Catatonia associated with lorazepam withdrawal. In: Psychosomatics, März-April 1997, Band 38, Nr. 2, S. 148–150. Je nach zugrundeliegender psychischen Störung erfolgt eine Behandlung z. B. mit Neuroleptika bei schizophrenen oder Antidepressiva bei depressiven Störungen. Elektrokonvulsionstherapie ist indiziert zur Behandlung der therapieresistenten Katatonie sowie Mittel erster Wahl bei perniziöser Katatonie.

Siehe auch Atonie Dystonie Hypertonie

Literatur K. L. Kahlbaum: Die Katatonie : oder das Spannungsirresein, eine klinische Form psychischer Krankheit. 1874; . Roland Depner: Alles Nervensache? Wie unser Nervensystem funktioniert – oder auch nicht. Schattauer, Stuttgart 2012, ISBN 978-3-7945-2887-5. Michael Franz: Katatonie. Ein neues psychopathologisches Inventar zur Evaluation des Schweregrades und sein Einsatz bei einer alternativen Therapieform. Dissertation, Universität Gießen, 1994. Winfried Krill: Systematische Untersuchung zum Erleben katatoner Patientinnen und Patienten. Interpretationen der Katatonie im Spiegel des subjektiven Erlebens. Dissertation, Universität Frankfurt am Main, 1997. Daniel Nagel: Frontoparietale Dysfunktionen bei der Katatonie. Eine neuropsychologische Untersuchung. Dissertation, Universität Magdeburg, 1999. Georg Northoff: Katatonie. Einführung in die Phänomenologie, Klinik und Pathophysiologie eines psychomotorischen Syndroms. Enke, Stuttgart 1997, ISBN 3-432-29811-0. Georg Northoff: Neuropsychiatrische Phänomene und das Leib-Seele-Problem. Katatonie im Knotenpunkt zwischen Medizin und Philosophie. Dissertation, Universität Bochum, 1992. P. Hosseini, R. Whincup, K. Devan, D. A. Ghanem, J. B. Fanshawe, A. Saini, B. Cross, A. Vijay, T. Mastellari, U. Vivekananda, S. White, F. Brunnhuber, M. S. Zandi, A. S. David, B. Carter, D. Oliver, G. Lewis, C. Fry, P. R. Mehta, B. Stanton, J. P. Rogers: The role of the electroencephalogram (EEG) in determining the aetiology of catatonia: a systematic review and meta-analysis of diagnostic test accuracy. In: EClinicalMedicine., 5. Januar 2023, Band 56, S. 101808. doi:10.1016/j.eclinm.2022.101808.

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Einzelnachweise

Kategorie:Psychopathologisches Symptom