Rhede (plattdeutsch Rhee) ist eine Stadt im westlichen Münsterland im Nordwesten des Bundeslands Nordrhein-Westfalen und gehört zum Kreis Borken im Regierungsbezirk Münster.
Geografie Geografische Lage Rhede ist ein Grundzentrum im südwestlichen Teil des Kreises Borken. Die Stadt Rhede zählt zum westlichen Münsterland, gehört geografisch gesehen jedoch auch zum östlichsten Teil des Niederrheinischen Tieflandes, welches hier fließend in die Westfälische Bucht übergeht. Im Norden grenzt Rhede für wenige Kilometer an die niederländische Staatsgrenze. Rhede ist zudem Teil eines grenzübergreifenden historischen Raums, der als Hamaland bezeichnet wird. Durch den Ort fließt der Rheder Bach, der im Süden Rhedes in die Bocholter Aa mündet.
Der Ortskern der Stadt liegt auf einer Höhe von etwa 30 bis . Höchster Punkt liegt mit im äußersten Süden, der tiefste Punkt mit im Westen an der Grenze des Stadtgebiets zur Nachbarstadt Bocholt. mini|Der Rheder Bachmini|Lage des Ortsteils Rhede in Rhede
Naturraum und Geologie Das gesamte Gebiet der Stadt Rhede gehört zum Naturraum der Niederrheinischen Sandplatte und ist damit der östlichste Teil des Niederrheinischen Tieflandes. Die beiden Wasserläufe Bocholter Aa und der Rheder Bach trennen das Stadtgebiet in die Rheder Talebene, die Krechtinger Aatalaue und die südliche Krechtinger Sandtalebene.
Die pleistozänen Ablagerungen bestehen zum größten Teil aus Rheinkiesen und -sanden, die von Beimengungen der östlichen Rheinnebenflüsse durchsetzt sind. Im alten Stadtkern prägen trockene Eichen- und Buchenwälder das Bild, während in den ländlicheren Lagen eher Stieleichen und Hainbuchen zu finden sind. Die differenzierten Böden im südlichen Stadtgebiet förderten die Entwicklung von feuchteren Eichenwäldern.
Das in Rhede ausgeprägte Wassernetz kann zum Einzugsbereich der in den Niederlanden sich als Mündungsarm des Rheins darstellenden IJssel gezählt werden. Größter Wasserlauf ist die Bocholter Aa mit den Zuflüssen Rheder Bach und Ketteler Bach.
Ausdehnung des Stadtgebiets
Flächennutzung Nutzung Prozentanteil an der Gesamtfläche Gebäude- und Freifläche 7,8 % Waldfläche 17,9 % Erholungsfläche 0,4 % Verkehrsfläche 4,8 % Landwirtschaftsfläche 67,7 % Sonstige 1,4 %
Die Gesamtfläche der Stadt Rhede beträgt 78,65 Quadratkilometer, größter Stadtteil nach Fläche ist Vardingholt mit 2902,62 Hektar. Es folgen Krommert mit 2213,52 Hektar, Rhede mit 1305,22 Hektar, Büngern mit 1281,56 Hektar und schließlich Krechting mit 162,08 Hektar Fläche.
Die Nord-Süd-Ausdehnung beträgt 15,4 km, die West-Ost-Ausdehnung 7,7 km.
Klima
Das Klima des Niederrheinischen Tieflandes, dessen Bestandteil die Stadt Rhede ist, ist durch die relative Nähe zum Meer klar atlantisch geprägt. Kennzeichnend sind die milden und feuchten Winter sowie die mäßig warmen und feuchten Sommer. Der Niederschlag erfolgt über das Jahr gleichmäßig, die durchschnittliche Jahresniederschlagshöhe liegt bei rund 750 mm.Deutscher Wetterdienst, Offenbach am Main: Wetterstation Bocholt 1961–1990 Die durchschnittliche Sonnenscheindauer beträgt 1515 Stunden pro Jahr, die Monatsmitteltemperatur 9,4 Grad Celsius.
Stadtgliederung Rhede (bis 1955 Gemeinden Rhede und Altrhede) Vardingholt Krommert Krechting Büngern
Geschichte Urgeschichte Das älteste Zeugnis menschlichen Lebens im Raum Rhede ist ein herzförmiger Faustkeil, der 1982 im Osten der Stadt gefunden wurde. Das vermutlich aus dem Oberschenkelknochen eines Mammuts stammende Stück ist der Zeit des Neandertalers, also etwa den Jahren 120.000 bis 40.000 v. Chr. zuzurechnen.Archäologisches Korrespondenzblatt 13, 1983 Die zunehmende Verwaldung in der Mittleren Steinzeit führte zum Abwandern von Rentieren; die Jagd konzentrierte sich daher auf Standwild wie Rehe und Auerochsen. In Rhede wurden bisher keine Zeugnisse aus dem Mesolithikum gefunden, die zahlreichen Funde in Westfalen stellen eine menschliche Besiedlung Rhedes aber nicht in Frage.Geschichte der Stadt Rhede: Die Urgeschichte des Raumes Rhede. Münster 2000 Die für landwirtschaftliche Nutzung eher ungeeigneten Sandböden im südlichen Münsterland führten zu einer längeren Besiedlung von mesolithischen Jäger und Sammlergruppen bis in das Neolithikum hinein. Erste Nachweise von Ackerbau und Viehhaltung im westlichen Münsterland gibt es durch als Grabbauten genutzte Findlinge ab dem 4. und 3. Jahrtausend v. Chr. Erstes im Rheder Raum gefundenes Objekt war eine mittlerweile verschollene, 1937 gefundene geschliffene spätjungsteinzeitliche Steinaxt.
Zum Beginn der Bronzezeit, in Westfalen ab etwa 1800 v. Chr., kommt es zunächst zu keinen Änderungen der neolithischen Traditionen. Erst in der mittleren Bronzezeit zeugen geänderte Bestattungsriten von einem Wandel. Es gibt mehrere Hinweise auf Urnengräberfelder in Rhede, so das Gräberfeld von Rhede. 1902 wurden bei Erdarbeiten zerstörte Urnen gefunden.
Die um 9 n. Chr. gewonnene Varusschlacht führte zum Rückzug der Römer, so dass das heutige Westfalen von germanischen Stammesverbänden besiedelt blieb. Im Raum Rhede waren es zunächst die Brukterer, später die Chamaven. Funde von römischen Münzen bei Krechting verdeutlichen, dass es Kontakt zwischen den germanischen Stämmen und den linksrheinisch lebenden Römern gab.
Mittelalter Im Frühmittelalter kam es zur ersten schriftlichen Erwähnungen Rhedes. Die in den Zinsregistern der Abtei Werden gefundenen Dokumente sprechen 1050 von Rheti, 1150 von Rethe.Die Urbare der Abtei Werden an der Ruhr, Bonn 1906 Bereits um 800 entstanden die Werdener Güter in Rhede, als die vom ersten Münsteraner Bischof Liudger gegründete Abtei ihre Ausbauphase erlebte.
Werner von Rethe war der erste Stammherr des Adelsgeschlechts Rhede, das unter diesem Nachnamen auftritt. Seine Vorfahren waren zwar Urbewohner des gleichen Gebiets, führten aber den Nachnamen Rethe noch nicht. Adelige Familien begannen ca. seit 1200 damit, sich nach ihren Stammsitzen zu benennen. So nahm auch der Ritter Werner im Anfang des 13. Jahrhunderts den Namen seines Stammsitzes Rethe an und nannte sich Werner von Rethe. Er war ein Ministeriale – Dienstmann – seines Landesherrn, des Fürstbischofs von Münster, und nahm als wohlhabender Burgherr eine angesehene Stellung ein. Sein Nachfolger war sein ältester Sohn Gerlach Bitter von Rethe, der in der Zeit von 1249 bis 1281 in zahlreichen Urkunden erwähnt wird. Er erbaute vermutlich auch die erste Burg Rhede, gegenüber dem heutigen Schloss Rhede. Gerlach Bitter von Rethe führte einen Prozess um das Patronatsrecht über die Kirche von Rhede mit dem Kloster Varlar, den er 1249 verlor. Gerlach Bitter von Rethe hatte keine Kinder, sein Bruder Werner jedoch vier Söhne, von denen der zweite Hinrikus Stammherr in Rhede wurde. Sein ältester Sohn Werner wurde Nachfolger von Hinrikus in der Herrschaft Rhede von 1300 bis 1336. Er gebrauchte die Schreibweise Werner von Rede. Ob einer der drei Söhne des Werner Stammherr auf Haus Rhede geworden ist, kann urkundlich nicht mehr sicher nachgewiesen werden. Nach dem Lehnbuch des Fürstbischofs Florenz von Wevelinghoven hatte im Jahre 1379 ein Adolf von Rede den Herrensitz als bischöfliches Lehen inne und man geht davon aus, dass dieser Adolf der zweite Sohn des Werner von Rede gewesen ist.
mini|hochkant|Schloss Rhede Um 1370 hat ein Wechsel der Besitzer von Rhede stattgefunden, denn es erscheinen von nun an die Herren von Rhemen als Nachfolger der Herren von Rhede, deren Nachfahren in die Niederlande gingen.Rhede aus seiner Geschichte von Wilhelm Hagedorn, 1951; Anton Schmeddinghoff, Westfälische Zeitschrift, 1934, Band 90. Die 1324 zerstörte ältere Burg wurde zwar wieder aufgebaut, jedoch machte sich Everhard von Rhemen die Stadt Bocholt zum Feind und so zerstörten 1388 Bocholter Truppen den Burgsitz mit Ausnahme des Bergfrieds ein weiteres Mal. Eine weitere Zerstörung in den Jahren nach 1392 erscheint möglich. 1426 erbauten die Herren von Rhemen dann das heute noch stehende Schloss gegenüber dem alten am anderen Ufer des Rheder Baches.
Die Grundherrschaft mit ausgeprägtem Rechts- und Wirtschaftssystem für die abhängige bäuerliche Bevölkerung entwickelte sich besonders in der Karolingerzeit vom 9. bis 11. Jahrhundert. Im Spätmittelalter wandelten sich die Herrschaftsverhältnisse des Fronsystems durch zunehmende Agrarwirtschaft, die wiederum auf das Aufblühen der Städte wie Wesel oder Münster zurückzuführen ist. Marktproduktion und Geldwirtschaft wurden zunehmend wichtiger. Anders als im benachbarten Rheinland kam es im südwestlichen Westfalen aber nicht zu einer Entstehung eines relativ freien Bauernstandes.
Frühe Neuzeit Das Kirchspiel Rhede gehörte zum Hochstift Münster, Ende des 15. Jahrhunderts lebten in der Pfarrei etwa 630 Menschen. Im Dorfkern befand sich das Zentrum des Handwerks, am häufigsten vertreten waren Zimmerleute und Schuster. Handelstätigkeiten waren aufgrund zur Nähe zum Handelsplatz Bocholt eher beschränkt. Raschen Aufschwung erfuhr die Baumseidenweberei im 17. Jahrhundert in Rhede. Nach der Aufhebung der Zünfte 1811 stieg die Zahl der Weber bis 1816 auf 153.
Durch die dichte Lage an der Grenze zwischen dem Hochstift Münster, den Vereinigten Niederlanden und dem Herzogtum Kleve in der von Kriegen geprägten Zeit des späten 16. Jahrhunderts bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts kam Rhede eine wichtige Bedeutung zu. Im Spanisch-Niederländischen Krieg kam es zu starken Zerstörungen und damit einhergehend zu Plünderungen. Lubbert von Rhemen, Herr des Hauses Rhede, erhielt 1580 den Auftrag, 1200 Reiter anzuwerben; es ist davon auszugehen, dass sich einige Rhedenser unter ihnen befanden. Auch im Dreißigjährigen Krieg musste die Bevölkerung von Rhede leiden, besonders durch die Pestepidemie 1636. Im Siebenjährigen Krieg belastete sie vor allem die hohen Steuerlasten, die zur Führung des Kriegs notwendig wurden.
Industrialisierung Bereits gegen Ende des 18. Jahrhunderts wurde im Münsterland die verbreitete Handweberei durch Spinnmaschinen ersetzt. 1852 stellte ein Bocholter Unternehmer seine Produktion mit Hilfe einer Dampfmaschine um, was zum Aufstieg der Textilindustrie in Bocholt führte und eine große Sogwirkung auf das Umland entfaltete. Zusammen mit der zunehmenden Auswanderung nach Amerika führte diese Entwicklung zwischen 1855 und 1875 zu einem Bevölkerungsrückgang in Rhede.Die Geschichte der Textilindustrie in Rhede, Rhede 1986
Mit der Inbetriebnahme der ersten mechanischen Weberei 1891 begann auch in Rhede das Industriezeitalter. Begünstigend für diese Entwicklung war auch die Anbindung an das Eisenbahnnetz 1902. Die Strecke führte von Emmerich über Rees, Bocholt, Rhede, Borken und Coesfeld nach Münster. Nach Einstellung des Personenverkehrs 1974 blieb die Strecke bis 1991 für Gütertransporte in Betrieb, ist mittlerweile aber (bis auf das so genannte Industriestammgleis vom Bahnhof Bocholt ins Industriegebiet Bocholt-Mussum) zwischen Rees und Coesfeld abgebaut. Infolge der Industrialisierung kam es zu einem deutlichen Bevölkerungszuwachs in der Gemeinde Rhede. Die Einwohnerzahl wuchs von 4247 im Jahre 1890 auf 5797 im Jahre 1913. Die fünf ortsansässigen Textilbetriebe beschäftigten 1914 433 Arbeiter aus Rhede. 1924 Jahren kamen Steyler Missionsschwestern nach Rhede. Auf dem großen Anwesen ihres St.-Gudula-Klosters dem Schloss gegenüber richteten sie unter anderem eine Hauswirtschaftsschule mit Internat, später auch berufliche Schulen und eine Heimvolkshochschule ein, die unter anderem jungen Frauen aus den Bauerschaften und Nachbardörfern eine weiterführende Bildung ermöglichte. 1983 verließen die Schwestern Rhede.Kirche+Leben, 5. Dezember 2021, S. 10.
Nationalsozialismus Die NSDAP konnte bei der Reichstagswahl am 5. März 1933 im Amt Rhede nur 10,3 % aller Stimmen erzielen.Norbert Fasse: Katholiken und NS-Herrschaft im Münsterland. Bielefeld 1996 Selbst für den ohnehin für die NSDAP schwachen Wahlkreis Kreis Borken war das Ergebnis sehr niedrig.