Pseudowissenschaft (), auch Afterwissenschaft, Scheinwissenschaft oder Pseudolehre, ist ein Begriff für Behauptungen, Lehren, Theorien, Praktiken und Institutionen, die beanspruchen, wissenschaftlich zu sein bzw. scheinbar wissenschaftlich sind, aber die Ansprüche an Wissenschaftlichkeit, insbesondere das Kriterium der Nachprüfbarkeit, nicht erfüllen. Der Begriff wird sowohl analytisch-deskriptivSven Ove Hansson: Defining Pseudoscience. In: Philosophia naturalis. Band 33, Nr. 1, 1996, S. 169–176. als auch abwertend„Pseudo-Science“, in Ted Honderich: The Oxford Companion to Philosophy. Oxford 1995, S. 726. benutzt.
Es lassen sich zwei Grundströmungen der Pseudowissenschaft unterscheiden: Erstens Wissenschaftsleugnung wie z. B. die Klimawandelleugnung und zweitens das Bewerben von Pseudotheorien wie z. B. der Astrologie oder der Homöopathie. Beide Grundströmungen sind jeweils unterschiedlich motiviert: Während es Wissenschaftsleugnern primär um das gezielte Bestreiten bestimmter etablierter wissenschaftlicher Erkenntnisse geht und sie dementsprechend unstrittige Forschungsergebnisse als kontrovers darstellen (siehe auch Desinformation), verfolgen die Vertreter von Pseudotheorien die Absicht, ihre eigenen Aussagen erst zu etablieren und demzufolge als konform zum Forschungsstand darzustellen. Wissenschaftliche Aussagen werden hierbei nur so weit bestritten, wie es für die Etablierung ihrer eigenen Aussagen nötig ist.
Begriffsbestimmung Viele verbreitete Vorschläge zu einer groben BegriffsbestimmungVgl. die Übersicht von Hansson 1996 . kommen zumindest in zwei Punkten überein: Pseudowissenschaften treten mit dem Anspruch der Wissenschaftlichkeit auf. Pseudowissenschaften stehen im Widerspruch zu den anerkannten wissenschaftlichen Methoden.
Sowohl diese beiden Bedingungen als auch deren weitere Präzisierungen sind allerdings umstritten. Eine derartige Minimaldefinition erlaubt aber zumindest die Abgrenzung zu andersgearteten Vorstellungen oder Thesen, beispielsweise: Religionen, insofern diese keine Tatsachen behaupten, die in Konflikt mit akademisch etablierten, wissenschaftlichen Erkenntnissen stehen. Ob die Theologie unterschiedlicher religiöser Traditionen diesen Konflikt vermeidet, ist allerdings unter Religionsphilosophen und Theologen umstritten. Hilary Putnam beispielsweise argumentiert, dass genuin religiöse Lehren prinzipiell nicht in Konflikt mit naturwissenschaftlichen Thesen geraten könnten, da es sich um getrennte Bereiche handle. Andere hingegen bestreiten diesHilary Putnam: On Negative Theology. In: Faith and Philosophy. Band 14, Nr. 4, 1997, S. 407–422. – moderne Formen der Schöpfungswissenschaft oder das Intelligent Design werden von vielen Wissenschaftstheoretikern sogar als paradigmatische Beispiele für Pseudowissenschaften behandelt. vgl. auch Overton 2000 Esoterik oder Obskurantismus, insofern hier ebenfalls keine wissenschaftlichen Ansprüche erhoben werden;Vgl. etwa nach heutigem Erkenntnisstand überholte Theorien, die aber zum Zeitpunkt ihrer Ausarbeitung nicht in Konflikt zu zeitgenössischen, gut bestätigten und etablierten wissenschaftlichen Theorien oder Methoden standen. Beispiele wären etwa die unterschiedlichen Ätherhypothesen. Diese Abgrenzung ist allerdings ebenfalls umstritten.
Die weitere Spezifikation der Kriterien valider Forschungsmethoden ist eine Frage, deren Antwortmöglichkeiten in der wissenschaftstheoretischen Diskussion der letzten Jahrzehnte kontrovers debattiert wurden. Ins Feld geführt werden beispielsweise Kriterien institutionalisierter Forschung wie Falsifizierbarkeit, intersubjektive Überprüfbarkeit oder Offenheit gegenüber Korrekturen und Revisionen. An Kriterien für die Auszeichnung von Pseudowissenschaften werden beispielsweise diskutiert: systematische Abschottung gegenüber Widerlegung und Kritik, nicht rational gerechtfertigte Selektivität gegenüber empirischen Daten, Vertreten einer geschlossenen Alternative statt einer schrittweisen Erweiterung bisheriger Theoriebildung und Forschungspraxis.
Abgrenzung
Hypothesen werden mit dem Ziel aufgestellt, sie wissenschaftlichen Überprüfungen zu unterziehen, sodass sie verifiziert oder falsifiziert werden können. Sie sind Bestandteil des deduktiven Verfahrens. In den Naturwissenschaften müssen durch Deduktion ermittelte Vorhersagen empirisch überprüfbar sein.
Die Parawissenschaft unterscheidet sich von der Pseudowissenschaft dadurch, dass bei ihr lediglich berechtigte Zweifel an der Wissenschaftlichkeit bestehen. Meist beziehen sie sich auf unklare, seltene und strittige Anomalien, die zwar durch eine wissenschaftliche Theorie erklärt werden, wobei die Theorie jedoch nach dem Forschungsstand zu weit hergeholt und unglaubwürdig erscheint. Oft handelt es sich um Phänomene, für die noch keine etablierten Erklärungen gefunden wurden.
Die meisten Religionen oder esoterischen oder „spirituellen“ Lehren erheben keinen (uneingelösten) wissenschaftlichen Anspruch. Ihre Lehren und Weltanschauungen werden daher, insoweit dies der Fall ist, gemeinhin nicht als Pseudowissenschaften bezeichnetVgl. z. B. Mahner 2007, 548. (anders z. B. Sokal, siehe oben). Ein Grenzfall liegt dann vor, wenn religiöse Aussagen inhaltlich im direkten Konflikt zu naturwissenschaftlichen Theorien stehen, ohne selbst durch wissenschaftliche Methoden gestützt zu sein (sondern sich beispielsweise auf eine höhere Autorität berufen wie göttliche Offenbarungen oder Erleuchtungserlebnisse).
„Cargo-Kult-Wissenschaft“ ist ein Begriff von Richard Feynman. Der Begriff soll mangelnde wissenschaftliche Integrität kennzeichnen, die im Gegensatz zur Pseudowissenschaft im Wissenschaftsbetrieb selbst vorkommt. Dies bezieht sich beispielsweise auf das unkritische Zitieren von fremden Forschungsergebnissen und das ungeprüfte Voraussetzen ihrer Korrektheit, oder auch auf die Übernahme eines Teilergebnisses, wobei jedoch wesentliche Bedingungen für dessen Zustandekommen ignoriert werden. Der Ausdruck ist eine metaphorische Parallelbildung zum ethnologischen Begriff des Cargo-Kult, er soll eine Praxis kennzeichnen, die zwar methodisch korrekt arbeitet oder oberflächlich betrachtet stimmige Ergebnisse liefert, die aber sinnlos geworden ist.
„Protowissenschaft“ oder „Vorwissenschaft“ bezeichnet Theorien, die keinen wissenschaftlichen Charakter besitzen, deren Vertreter jedoch einen solchen anstreben und versuchen, die problematischen Elemente so zu korrigieren, dass wissenschaftliche Aussagen in Zukunft möglich werden. Bei der Eröffnung eines vollständig neuen Forschungsfeldes befindet sich dieses im Allgemeinen eine gewisse Zeit lang in diesem Status.
Einigen wissenschaftlichen Theorien, die heutzutage akzeptiert sind, wurde von den damaligen Wissenschaftlern vorgeworfen, pseudowissenschaftlich, irrational oder offensichtlich falsch zu sein. Heute anerkannte Wissenschaften gingen also oft durch eine Vorstufe als Protowissenschaft. Oft war auch tatsächlich ein potenziell wissenschaftsfähiger Kern mit pseudowissenschaftlichen, religiösen oder ideologischen Elementen verwoben, sodass sich erst allmählich ein wissenschaftlicher Kern herauszukristallisieren begann. Wesentlich bei der Unterscheidung zwischen Pseudowissenschaft und Protowissenschaft ist, dass letztere das Potenzial besitzt, sich nach allen Kriterien des jeweils anerkannten Standes der Wissenschaft weiterzuentwickeln. Beispiele von Theorien, die von Zeitgenossen als Pseudowissenschaften bezeichnet wurden, sind u. a. die Theorie des Urknalls oder der Schwarzen Löcher, die Kontinentalverschiebung, die Elektromagnetischen Felder, Keime als Krankheitserreger, Meteoriten oder die moderne Psychiatrie.William F. Williams (Hrsg.): Encyclopedia of Pseudoscience. Facts on File, 2000, ISBN 0-8160-3351-X; Albert Einstein: ,
Begriffsgeschichte Der dem Begriff „Pseudowissenschaft“ entsprechende englische Begriff Pseudoscience lässt sich bereits in englischen Publikationen im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts finden. Eine frühe Verwendung des Begriffs findet sich auch in einem französischen Text bei dem Physiologen und Mitglied der Pariser Akademie der Wissenschaften François Magendie. Er bezeichnete 1843 die Phrenologie als „eine Pseudo-Wissenschaft von heute“. 1887 wird der Begriff von Thomas Huxley in zwei Essays – Scientific and Pseudo-Scientific RealismT. H. Huxley: Scientific and Pseudo-Scientific Realism. und Science and Pseudo-ScienceT. H. Huxley: Science and Pseudo-Science. – verwendet. Huxley, ein vehementer Verteidiger der darwinschen Evolutionslehre und zu diesem Zeitpunkt ehemaliger Präsident der Royal Society, setzt sich in diesen Essays kritisch mit bestimmten nichtkausalen Auffassungen des Wesens naturwissenschaftlicher Gesetze auseinander. Derartige Auffassungen wurden von Gegnern der Evolutionstheorie vertreten, aber auch in dem Buch Vestiges of the Natural History of Creation – einer frühen, vor Darwins On the Origin of Species erschienenen Publikation, in der Evolutionsideen vertreten wurden. Für Huxley ist eine solche nichtkausale Naturgesetztheorie mit Pseudowissenschaft verbunden:
Ideengeschichte in der Wissenschaftstheorie Karl Popper: Nichtfalsifizierbarkeit und verstärkte Dogmen