Good Bye, Lenin! (von ) ist ein deutscher Spielfilm von Wolfgang Becker. Familien- und Zeitgeschichte verbindend, umspannt er das Jahr der Wende und erzählt von einer Frau, die im Oktober 1989 ins Koma fällt, die darauffolgenden Umbrüche „verschläft“ und nach Wiedererwachen von ihrem Sohn in der Illusion gehalten wird, sie lebe nach wie vor in der „alten“ DDR.Dieter Wunderlich: Buchtipps & Filmtipps, abgerufen am 22. Oktober 2017.
Die Tragikomödie mit Daniel Brühl und Katrin Sass in den Hauptrollen wurde zur Berlinale 2003 uraufgeführt und hatte außerordentlichen Erfolg im In- und Ausland, beim Publikum wie bei der Kritik. Good Bye, Lenin! erhielt zahlreiche Preise, unter anderem den Felix und den französischen César, beide in der Kategorie „Bester europäischer Film“.
Handlung mini|Sigmund Jähn: DDR-Kosmonaut, erster Deutscher im All und Alex’ Idol seit Kindertagen mini|Lenindenkmal in Ost-Berlin; stand am damaligen Leninplatz bis Herbst 1991
Die vierköpfige Ost-Berliner Familie Kerner führt ein intaktes, scheinbar glückliches Leben – bis zum Sommer 1978, als der Vater sich in den Westen absetzt. Seine Frau Christiane reagiert mit einer schweren Depression. Nach acht Wochen Psychiatrie kehrt sie jedoch „wie verwandelt“ zu ihren Kindern Ariane (13) und Alexander („Alex“, 10) zurück. Fortan geht sie auf in ihrer Rolle als Mutter und Grundschullehrerin – und nicht zuletzt als Sozialistin, indem sie unermüdlich versucht, im Alltag Gutes zu tun. Am 7. Oktober 1989 folgt sie als „verdienstvolle Persönlichkeit“ einer Einladung zum Festakt anlässlich des 40. Jahrestages der DDR im Palast der Republik. Zur gleichen Zeit schließt Alex sich einer Demonstration für mehr Freiheit an, die die Volkspolizei brutal auflöst. Durch Zufall sieht Christiane, wie Alex festgenommen wird, und er, wie sie kollabiert. Aus dem Gefängnis entlassen, erfährt Alex, dass seine Mutter einen Herzinfarkt erlitten hat und im Koma liegt – mit völlig ungewisser Prognose.
Vom Mauerfall, der Abdankung der alten Parteiriege und dem Einzug des Kapitalismus in Ost-Berlin erfährt sie ebenso wenig wie von den Veränderungen im Leben ihrer Kinder. Ariane, selbst schon Mutter, gibt ihr Studium auf zugunsten eines Jobs bei Burger King und verliebt sich in ihren Chef Rainer, der bei den Kerners einzieht. Die PGH von Alex wird abgewickelt; als gelernter Fernsehmonteur wird er übernommen von einer Firma, die Satellitenschüsseln vertreibt und ihre Mitarbeiter per Los zu Ost/West-Paaren zusammenschließt. Alex glaubt fest an die Wiedergenesung seiner Mutter. Dass er sie fast täglich besucht, liegt allerdings auch an der jungen sowjetischen Krankenschwester Lara, in die er sich verliebt. Bei ihrem ersten Kuss, im Juni 1990, wacht Christiane unerwartet auf. Die Ärzte warnen, schon die kleinste Aufregung könne für sie tödlich sein. Das verleitet Alex zu einer ersten Notlüge: Er behauptet, sie sei „beim Einkaufen“ kollabiert. Er bestärkt sie auch in ihrem Wunsch, nach Hause entlassen zu werden – überzeugt, sie dort besser abschirmen zu können vor der Realität des sich wiedervereinigenden Deutschlands, die sie, wie er glaubt, nicht verkraften würde.
Das dafür zu errichtende Illusionsgebäude verlangt ihm Fantasie, Stehvermögen und Improvisationskunst ab. Dass Christiane noch bettlägerig ist, kommt ihm entgegen; so muss er nur ein Zimmer der bereits verwestlichten Plattenbauwohnung in den alten Zustand zurückverwandeln. Aus dem Warensortiment verschwundene DDR-Produkte, die sie liebt – allen voran Spreewaldgurken –, täuscht er vor, indem er alte Verpackungen und Gläser aus Mülltonnen fischt, sie reinigt und mit Westinhalten füllt. Ihren Wunsch, fernzusehen, realisiert er mit Hilfe seines neuen Arbeitskollegen Denis, eines ambitionierten Amateurfilmers, der ihm Videos von alten DDR-Sendungen – vor allem der Aktuellen Kamera – sowie ein Abspielgerät besorgt. Die sich rasant wandelnde Außenwelt lässt sich vor Christiane dennoch nicht ganz verbergen: Einmal wird ein riesiges Coca-Cola-Banner auf der Hauswand entrollt, die sie von ihrem Bett aus sieht, ein andermal begegnet sie Neuankömmlingen aus Wuppertal, als sie sich eigenmächtig auf die Straße wagt. Alex und Denis reagieren darauf mit gefälschten Nachrichtensendungen, in denen sie von einer allmählichen Öffnung der DDR gegenüber dem Westen und von bundesdeutschen „Republikflüchtlingen“ berichten, die angeblich gerade zahlreich in die DDR einwanderten. Ariane und Lara, unfreiwillig zu Komplizinnen gemacht, drängen Alex jedoch, der Mutter endlich reinen Wein einzuschenken.
Ein Ausflug zur Familien-Datsche bietet dazu eine günstige Gelegenheit. Doch Christiane kommt Alex zuvor, indem sie sich ihre eigene Lebenslüge von der Seele redet: Die Republikflucht ihres Mannes war mit ihr abgesprochen; sie war entschlossen, mit den Kindern legal per Ausreiseantrag nachzukommen; vor den zu erwartenden Repressionen habe sie dann aber Angst gehabt, vor allem davor, dass man ihr die Kinder wegnehmen könnte. Der Tribut, den ihre Beichte fordert – akute Lebensgefahr infolge eines zweiten Herzinfarkts –, zwingt Ariane und Alex zu größter Eile, um ihr den sehnlichen Wunsch eines Wiedersehens mit ihrem Mann zu erfüllen: Ariane findet die Briefe von ihm mit seiner West-Berliner Adresse; Alex sucht ihn dort auf und bewegt ihn zum Kommen. Dass Christiane zuvor durch Lara über die veränderten politischen Verhältnisse aufgeklärt worden ist, entgeht ihm allerdings. So inszeniert er noch einen letzten großen Coup für sie und dreht mit Denis ein Fake, worin er Erich Honecker als Staatsratsvorsitzenden zurücktreten und durch Sigmund Jähn ersetzen lässt, sein persönliches Idol seit Kindertagen. Für diese Rolle gewinnt er den Taxifahrer, der ihn nach West-Berlin gefahren hatte und der Jähn zum Verwechseln ähnlich sieht. Dessen Antrittsrede gipfelt in der Erklärung, die DDR habe ihre Grenzen geöffnet, worauf Bilder vom tatsächlichen Mauerfall folgen, die so geschnitten sind, dass sie zum Kommentar, es würden nun die Bundesbürger in die DDR drängen, passen. Auch das reale Feuerwerk um Mitternacht, das die Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten am 3. Oktober 1990 feiert, hat Alex bedacht, als er zuvor den Abreißkalender manipulierte: Er zeigt den 7. Oktober, den 41. Jahrestag der DDR.
Drei Tage später stirbt Christiane. Im Beisein einer kleinen Trauergemeinde schießt Alex ihre Asche in einer alten Spielzeugrakete vom Hausdach aus in den Nachthimmel – überzeugt, für seine Mutter bis zum Schluss die Illusion aufrechterhalten zu haben von einem Land, „an das sie geglaubt hatte“ und das es gleichwohl „in Wirklichkeit nie so gegeben hat“.Zitate nach: Michael Töteberg (Hrsg.): Good Bye, Lenin! Schwarzkopf & Schwarzkopf, Berlin 2003.
Entstehung Drehbuch Der Drehbuchautor Bernd Lichtenberg schrieb laut eigener Aussage schon 1989 eine Geschichte, bei der er sich von seinen eigenen Erfahrungen der Wendezeit, die er als Neu-Westberliner und ähnlich jung wie sein Protagonist Alex erlebte, inspirieren ließ. Allerdings setzte er sie lange Zeit nicht um: „Ich hatte das Gefühl, die Zeit sei einfach noch nicht reif.“Good Bye, Lenin! Audiokommentar von Wolfgang Becker. DVD, X Edition, 2003. Als er Beckers Das Leben ist eine Baustelle gesehen hatte, sah er in ihm einen potentiellen Partner für dieses Projekt. Er war angetan von der Mischung aus Traurigem und Komischem, die ihm selbst für sein Projekt auch vorschwebte.Bernd Lichtenberg: Eine Familiengeschichte. In: Michael Töteberg (Hrsg.): Good Bye, Lenin! Schwarzkopf & Schwarzkopf, Berlin 2003.
Es soll bis zu sechs Drehbuchfassungen gegeben haben. Die ersten schrieb Lichtenberg allein, nach ausführlichen Gesprächen und in engem Kontakt mit Becker. Die radikalste Änderung erfuhr dabei Denis, der sich von einer Haupt- zu einer Helferfigur wandelt – von einem übergewichtigen jungen Türken, der gegen seinen Willen verheiratet werden soll, zu einem Hobbyfilmer. Nach Fertigstellung des Skripts war ihre Zusammenarbeit nicht beendet; während des Drehs wurde Lichtenberg dann, wenn Becker weitere Änderungen wünschte, „stark mit einbezogen“.„Der Schmerz geht, der Film bleibt – das Making of“. Good Bye, Lenin!, Exquisit Ausgabe, 3 DVDs, 2004.
Casting Die männlichen Hauptfiguren sind durchweg „über Kreuz“ besetzt: „Ossi“ spielt „Wessi“ und umgekehrt. Vor allem für den Protagonisten Alex war das nicht geplant; er sollte zumindest Berliner sein, doch Becker fand keinen geeigneten Kandidaten. Als er dann Daniel Brühl castete, entschied er sich für ihn, da er die Sorge um seine „Mutter“ überzeugend vermitteln konnte. Für seine fehlende dialektale Färbung wurde ein Sprachcoach engagiert.
Die Besetzung von Arianes sehr junger Tochter Paula war eine besondere Herausforderung. Während sie als Baby nur einen kurzen Auftritt hatte, war sie als Kleinkind häufig präsent. Aufgrund arbeitsrechtlicher Bestimmungen, die vorschreiben, dass Kinder nicht länger als vier Stunden „am Stück“ arbeiten dürfen, wurde Paula durch Zwillinge besetzt, die sich abwechseln konnten. Auch das Casting des Taxifahrers „Sigmund Jähn“ war schwierig. Becker hätte am liebsten das „Original“ persönlich dafür gewonnen, doch mehr als dessen Zustimmung, ihn zu doubeln, bekam er nicht. Als man mit dem Schweizer Stefan Walz schließlich einen geeigneten Darsteller gefunden hatte, wurde sein Gesicht durch eine Vollmaske noch weiter angeglichen und sein Text durch einen Stimmenimitator, der den vogtländischen Dialekt beherrschte, eingesprochen.
Dreharbeit und Nachproduktion Die Dreharbeiten waren für August 2001 angesetzt. Zwei Wochen Zeitverzug, bedingt durch die ernsthafte Erkrankung einer Hauptdarstellerin, zogen zwei Schwierigkeiten nach sich: das durch vertragliche Sperrfristen häufig dezimierte Ensemble und das ausnehmend schlechte Septemberwetter. Wieder und wieder mussten die Dreharbeiten abgebrochen oder ganz abgesagt werden. So wurde der Dreh auf der Datsche einmal durch Regen verhindert, ein anderes Mal durch eine Rotte Wildschweine, die den Garten zerstört hatten. Beim ersten Drehtermin der Finalszene stürmte es, beim zweiten ließ sich der Hubschrauber nicht starten. Ein dritter Anlauf war allein aus finanziellen Gründen nicht möglich; außerdem hätte dafür die Karl-Marx-Allee, eine der Hauptverkehrsadern, erneut voll gesperrt und in mühevoller Kleinarbeit von Anachronismen befreit werden müssen.„Lenin lernt fliegen – eine Dokumentation über die Entstehung der digitalen Effekte“. Good Bye, Lenin!, Exquisit Ausgabe, 3 DVDs, 2004.
Becker wird als fordernd und „perfektionistisch“ beschrieben. So war ihm Stimmigkeit in allen Äußerlichkeiten (Kleidung, In- und Exterieurs) wichtig, damit die Erzählillusion nicht gestört wurde. Um dies zu erreichen, wurden beispielsweise Etiketten von DDR-Produkten nachgedruckt;„Genau so war’s – eine Dokumentation über die aufwändige Recherchearbeit zu Drehbuch und Film“. Good Bye, Lenin!, Exquisit Ausgabe, 3 DVDs, 2004. nachgebaut wurde unter anderem die sich wabenförmig nach außen öffnende Fassade des „Tacheles“, im Wendejahr ein Szenetreff mit Kultstatus. Katrin Sass empfand die Dreharbeiten, ähnlich wie Daniel Brühl, als „sehr, sehr anstrengend“ und beschreibt Becker so: „[Er] bringt sich immer hundert Prozent ein, verfolgt seine Linie, konkret und präzise, besessen von seiner Arbeit und seiner Vision. Er will den bestmöglichen Film machen. Das ging an die Substanz: Als Schauspieler muss man mit, ob man noch kann oder nicht. Solche Regisseure sind mir tausendmal lieber als die, die alles immer ganz wunderbar finden, aber am Ende kommt ein Film heraus, der einen maßlos enttäuscht.“