Als Griffsystem für ein Holzblasinstrument bezeichnet man die Art und Weise, wie der Spieler auf dem Instrument mit seinen Fingern unter Verwendung der auf dem Instrument angebrachten Klappen die auf dem Instrument möglichen Töne erzeugt. Dabei kann es für ein Instrument unterschiedliche Klappen- und damit Griffsysteme geben, die in der Regel auch mit unterschiedlichen Innenbohrungen des Instruments verbunden sind, die wiederum einen unterschiedlichen Klang zur Folge haben.
Griffsysteme für die moderne Klarinette
Moderne Klarinetten werden in drei Griffsystemen hergestellt. Die beiden wichtigsten sind das das aus der historischen Klarinette weiter entwickelte deutsche System, auch Oehler-System genannt, und das französische, auch Böhm-System genannt. Dementsprechend spricht man von einer deutschen oder einer Oehler-Klarinette und von einer französischen oder einer Böhm-Klarinette. Daneben gibt es noch das 1850 in Belgien entwickelte Albert-System; dazu wird auf den Artikel Albert-System-Klarinette verwiesen. Hier werden im weiteren nur die beiden zunächst genannten Systeme mit ihren Varianten beschrieben.
Iwan-Müller-Klarinette
mini|90px|links|13 Klappen Klarinette nach Iwan Müller
mini|links|90px|Versenktes Tonloch mit konischem Ring im Vergleich zu einem einfachen Tonloch
mini|90px|links|Frühe Klarinette mit 4 Klappen, Mundstück in Übersichblasen-Position
Zuvor wird ein Blick auf die Klarinette geworfen, die man als erste moderne Klarinette bezeichnen kann: die Anfang des 19. Jahrhunderts von dem deutschen Klarinettisten und Klarinettenbauer Iwan Müller (1781–1854) entwickelte Klarinette, deren Neuerungen den gesamten Bau von Holzblasinstrumenten revolutionierte.
Sowohl die französische wie die deutsche Klarinette wären nicht denkbar ohne diese Klarinette. Während bis dahin für die mit Klappen versehenen Tonlöcher unzulänglich schließende Polster aus Filz verwendet wurden – wegen der Unzulänglichkeiten der Klappen wurde deren Anzahl auch gering gehalten –, entwickelte Müller Lederpolster; im Zusammenhang damit versenkte er die Tonlöcher für die Klappen und umgab sie mit erhobenen konischen Ringen (Zwirlen). Schließlich ersetzte er die bis dahin gebräuchlichen Klappen mit Kippmechanik weitestgehend durch Löffelklappen. All das zusammen führte dazu, dass die Tonlöcher bei Betätigung der Klappen perfekt geschlossen wurden. Das wiederum erlaubte es, die Klarinette nunmehr statt der üblichen 7 zunächst mit 13 Klappen auszustatten. Diese drei Erfindungen sind bis heute Bestandteil jeder Klarinette und werden auch bei anderen Holzblasinstrumenten verwendet. Sodann widmete sich Müller der bis dahin unzulänglichen Intonation der Klarinette, die er durch eine andere Anordnung der Tonlöcher verbunden mit der neuen Mechanik wesentlich verbessern konnte, so dass es möglich wurde, fast in jeder Tonart problemlos zu spielen. Außerdem erfand er die Blattschraube und – immens bedeutsam – die Daumenstütze. Letztere schuf durch eine günstigere Gewichtsverteilung die Möglichkeit des Untersichblasens an Stelle des Übersichblasens, bei dem das Mundstück aus heutiger Sicht verkehrt herum aufgesteckt war, also mit dem Blatt nach oben – sh. Abbildung „Frühe Klarinette“ –, mit den damit verbundenen Problemen, insbesondere beim Staccato. Nach einigen Anlaufschwierigkeiten wurde die Müller-Klarinette nach ihrer Vorstellung 1809 nach und nach, vor allem in den 20er Jahren des 19. Jahrhunderts der Standard weltweit.Zur Müller-Klarinette insgesamt: Stephanie Angloher: Das deutsche und französische Klarinettensystem. Eine vergleichende Untersuchung zur Klangästhetik und didaktischen Vermittlung. Inaugural-Dissertation. Herbert Utz Verlag, München 2007, PDF-Datei S. 18–25.
Böhm-System / Französisches System
Die Böhm-Klarinette wurde zwischen 1839 und 1843 in Frankreich von dem Klarinettisten Hyacinthe Klosé und dem Instrumentenbauer Louis Auguste Buffet durch teilweise Übertragung des kurz zuvor von dem Flötisten und Flötenbauer Theobald Böhm für die Querflöte erfundenen Klappen- und Brillensystems auf die Klarinette entwickelt.Klarinetten Historie Sie erhielt 17 Klappen und eine Brille mit 2 Ringen am Oberstück und eine mit drei Ringen am Unterstück und zusätzlich einen Ring um das Tonloch für den rechten Daumen an der Unterseite des Oberstücks.Jean Christian Michel: Histoire de la Clarinette. Sie war leichter zu spielen als die Müller-Klarinette oder gar ein historisches Instrument mit vier bis sieben Klappen und eröffnete neue Spielmöglichkeiten.Stephanie Angloher: Das deutsche und französische Klarinettensystem S. 29. Besonders charakteristisch war dabei die neue redundante Klappentechnik am Unterstück für die beiden kleinen Finger mit vier Klappen für den rechten und drei für den linken Finger gegenüber je zwei Klappen bisher und ohne Redundanz.Stephanie Angloher: Das deutsche und französische Klarinettensystem S. 46. Jedoch erforderten insbesondere diese Klappen eine weitere Innenbohrung mit einem deutlich größeren Konus am unteren Teil des Unterstücks des Instruments.Die Konizität (Differenz zwischen dem kleinsten Innendurchmesser oben am Oberstück und dem größten unten am Unterstück) beträgt bei historischen und deutschen Klarinetten ca. 3 mm, bei Böhm-Klarinetten ca. 7 mm. Die dadurch bedingte Beeinträchtigung der Intonation wurde durch Verlängerung des Unterstücks und damit der Klarinette insgesamt um 10 bis 15 mm und entsprechenden Versatz der unteren Tonlöcher ausgeglichen.Stephanie Angloher: Das deutsche und französische Klarinettensystem S. 43. Hinzu kamen eine breitere Unterschneidung der Tonlöcher und ein breiteres Mundstück, das wiederum andere Blätter bedingte. Durch diese Operationen ging aber der charakteristische Klang der Klarinette verloren, der Mozart so sehr fasziniert hatte.
Oehler-System / Deutsches System mini|Ein Satz Ottensteiner (Nachbau aus braunem Buchsbaum von Andreas Schöni, Bern)
Es dauerte nicht lange, bis das Ringklappensystem der Böhmflöte und der Böhmklarinette auf die Müller-Klarinette und auch andere Holzblasinstrumente übertragen wurde. Man findet es neben weiteren Entwicklungen und einer höheren Anzahl der Klappen insbesondere in der um 1860 entstandenen Bärmann/Ottensteiner-Klarinette. Diese wurde Anfang des 20. Jahrhunderts in mehrjähriger Arbeit durch den Klarinettisten und Instrumentenbauer Oskar Oehler weiter perfektioniert. Er erhöhte die Anzahl der Klappen auf 22 und fügte dem Brillensystem der Böhm-Klarinette einen 3. Ring am Oberstück hinzu. Außerdem schloss er das mittlere Tonloch am Unterstück und ersetzte den Ring durch einen Deckel. Dieser schließt bei Betätigung zwei Klappen auf der rechten Seite, die das unter dem Deckel nicht mehr vorhandene Tonloch ersetzten. Nunmehr gab es zwei technisch voll entwickelte und in etwa gleichwertige Griffsysteme.
In beiden Systemen gibt es Klarinetten, die mit einer größeren oder geringeren Anzahl an Klappen ausgestattet sind, auch solchen, die nicht von Oehler bzw. Klosé/Buffet, sondern von späteren Klarinettenbauern erdacht wurden. Gleich, ob nun mehr oder weniger Klappen, handelt es sich prinzipiell jeweils um dasselbe System, das deutsche oder das französische, wie sie seit der Entwicklung von Oehler vorzugsweise genannt werden.
Trotz hoch entwickelter Mechanik weist jedes System beachtliche Mängel auf. Beim deutschen System gibt es zwei, die das französische System nicht hat:
1. Bei den Verbindungen e-cis’ (h’-gis’’) und fis-cis’ (cis’’-gis’’) muss man mit dem linken kleinen Finger von der einen zu der anderen Klappe rutschen, ein äußerst ungünstiger Griffwechsel, der beim französischen Griffsystem dadurch vermieden wird, dass man e bzw. h’ und fis bzw. cis’ alternativ auch mit dem rechten kleinen Finger greifen kann. Das Rutschen kann allerdings durch eine breite Rolle an der fis/gis’’-Klappe erleichtert werden, die aber an den meisten Klarinetten nicht vorhanden ist.
2. In der unteren Lage muss man bei der Verbindung des’-es’-f’ zwischen es’ und f’ mit dem Zeigefinger von einer Trillerklappe zur nächsten rutschen, ebenfalls sehr ungünstig. Beim französischen System gibt es das Problem nicht, weil das f’ anders gegriffen wird als beim deutschen System. Es gibt allerdings eine Abhilfe durch den längere Zeit nach Oehler erfundenen Gabel-Mechanismus für f’, der jedoch eher selten verbaut wird, standardmäßig allerdings bei der unten beschriebenen Schmidt-Kolbe-Klarinette.
Mängel des französischen Systems:
1. Für cis’’’ gibt es keinen Hilfsgriff. Das deutsche System hat den enormen Vorteil, dass man cis’’’ „leer“ oder „offen“ greifen kann (wie c’’’ auf der französischen Klarinette: Überblasklappe gedrückt, Loch für den linken Daumen geschlossen, alle anderen Tonlöcher offen). Die Verbindung vom zweiten zum dritten Register ist daher beim deutschen System wesentlich leichter.
2. Im dritten Register setzen sich die Nachteile des französischen Systems gegenüber dem deutschen fort. Die Griffkombinationen cis’’’-d’’’-dis’’’ sind deutlich schwerer zu spielen als beim deutschen System, bei dem man d’’’ und dis’’’ (und die höheren Töne mit Ausnahme von b’’’ und h’’’) ohne den rechten kleinen Finger greifen kann.
3. Weniger gravierend: a) beide möglichen Griffe für fis’ sind bei den meisten Intervallen recht ungünstig, b) ebenfalls ungünstig: bei c’’’ wird die Klarinette nur mit den beiden Daumen gehalten, c) am Unterstück müssen die Finger weiter gespreizt werden.
Somit gibt es Passagen, die mit einer Oehler-Klarinette und andere, die mit einer Böhm-Klarinette schwieriger zu spielen sind (in Grenzfällen bei entsprechendem Tempo dazu noch in Legato auch gar nicht).
Verbreitung: Das deutsche System ist heute nur noch in Deutschland und Österreich verbreitet, das französische im Rest der Welt.
Variante 1 der französischen Klarinette: die Voll-Böhm-Klarinette
mini|200px|1. Standard Böhm Klarinette mit 17 Klappen und 6 Ringen 2. Voll-Böhm- Klarinette, mit 19 Klappen und 7 Ringen, Es-Heber und Tonumfang bis tief es, 3. Reform-Böhm-Klarinette mit 20 Klappen und 7 Ringen.
Die 1870 von Buffet Crampon entwickelte sog. Voll-Böhm-Klarinette unterscheidet sich von der Standard Böhm-Klarinette auf jeden Fall dadurch, dass das untere der drei Tonlöcher des Oberstücks wie die beiden anderen ebenfalls von einem Ring umgeben ist. Dadurch wird, wie bei der deutschen Klarinette, für das zweigestrichene b zusätzlich ein Gabelgriff möglich, der allein am Oberstück ausgeführt wird (mit linkem Zeige- und Ringfinger). Hinzu kommt eine weitere Klappe am Unterstück mit Heber zwischen dem oberen und dem mittleren Tonloch. Weiterhin ist diese Klarinette mit einem Es-Heber (für das zweigestrichene es und das kleine as) für den linken kleinen Finger versehen, der allerdings auch bei Standard Böhm-Klarinetten optional zu haben ist. Zudem reicht der Tonumfang nach unten bis zum kleinen es statt, wie normal, bis e, wodurch das Instrument um einige Zentimeter länger wird.
Voll-Böhm-Klarinetten sind heute eher selten anzutreffen und werden nur noch von wenigen Herstellern angeboten, z. B. von Fratelli Patricola (sh. Abbildung).
Variante 2 der französischen Klarinette: die Reform-Böhm-Klarinette
Die Innenbohrungen von Klarinetten sind nicht durchgehend zylindrisch, sondern weisen entweder nur oder vorzugsweise am Unterstück einen mehr oder weniger starken Konus auf mit Einfluss auf den Klang. In der zweiten Hälfte der 1940er Jahre entwickelte der deutsche Klarinettenbaumeister Fritz Wurlitzer eine Klarinette mit französischem Griffsystem, bei der er die Bohrung so veränderte, dass sie vom Klang her annähernd der deutschen Klarinette entsprach. Vor allem reduzierte er die Konizität von 7 auf 4,5 mm und veränderte auch das Mundstück. Diese Variante findet bis heute unter den Böhm-Klarinettisten in einer Reihe von Ländern eine wenn auch wohl allmählich abnehmende Zahl an Liebhabern. Sie wird vornehmlich von der Manufaktur Herbert Wurlitzer hergestellt.