mini|Verteilung der Abchasen in Abchasien und der Region mini|Abchasische Männer, Mitte des 19. Jahrhunderts
Die Abchasen (/aṗsuaa) sind eine Volksgruppe im Kaukasus, die hauptsächlich in Abchasien ansässig ist. Infolge starker Emigration, insbesondere ab Mitte des 19. Jahrhunderts, leben Abchasen aber heute in zahlreichen Ländern der Welt verstreut. Die Abchasen sprechen zumeist die abchasische Sprache, kleinere Teile sprechen jedoch hauptsächlich Russisch oder die Sprache ihres jeweiligen Wohnorts.
Im Jahre 1989 lebten in der Georgischen SSR 95.900 Abchasen, davon 93.300 in der damaligen Abchasischen ASSR, in der ganzen Sowjetunion 105.000. Nach der im Jahre 2003 von der Regierung des de facto unabhängigen Abchasiens durchgeführten Volkszählung leben in Abchasien 94.500 Abchasen,Ю. Б.Коряков, Атлас кавказских языков. Москва, 2006, S. 24. diese Zahl stieg bis 2011 auf über 122.000. In Russland leben zudem über 11.000 Abchasen, in Georgien (ohne Abchasien) etwa 3.500.Georgische Volkszählung 2002 (PDF; 32 kB) Hinzu kommen abchasische Gemeinden in der Ukraine und in weiteren europäischen Ländern, in der Türkei, in Syrien, Jordanien und in den USA.
Abchasen und die verwandten Abasinen werden häufig als eine Nation angesehen. Ihre gemeinsame Anzahl beträgt in den oben genannten Ländern rund 400.000 Menschen. (PDF; 1,5 MB) Ein großer Teil der Abchasen und Abasinen lebt jedoch bereits seit mehreren Generationen in der Diaspora, es ist unklar, wie viele von ihnen sich infolge von Assimilation und Akkulturation noch selbst als Abchasen bzw. Abasinen sehen.
Die Abchasen sind sprachlich und kulturell mit den nordkaukasischen Tscherkessen und den Ubychen verwandt, weisen jedoch auch zahlreiche kulturelle Ähnlichkeiten mit den Georgiern auf. Das jahrhundertelange gemeinsame Leben beider Völker wirkte sich auch auf die Sprache der Abchasen aus. Die Selbstbenennung der Abchasen ist „apsua“ (аԥсуа). In den meisten Sprachen der Welt wurde der Begriff „Abchas“ oder „Apchas“ aber aus dem georgischen Wort „Apchasi“ (აფხაზი) entwickelt. Auf Türkisch und in einigen nordkaukasischen Sprachen werden Abchasen als „Abasen“ bezeichnet.
Sprache
Die Muttersprache der Abchasen ist die Abchasische Sprache, die zur Nordwestkaukasischen oder Abchasisch-Adyg(e)ischen Sprachfamilie gehört. Abchasisch teilt sich in zwei Dialekte: Bsipisch und Abschuisch. Sie unterscheiden sich hauptsächlich in der Phonetik. Der abschuische Dialekt wurde der abchasischen Standardsprache zugrunde gelegt, die vor allem in Sochumi und im südwestlichen Abchasien gesprochen wird. Ein Teil der in Abchasien lebenden Abchasen beherrscht die abchasische Sprache nicht mehr und spricht Russisch.
Die abchasische Sprache ist sehr nah mit dem Abasinischen verwandt, das von den Abasinen im Nordkaukasus (Karatschai-Tscherkessien) gesprochen wird. Diese zwei Sprachen sind miteinander eng verbunden und bilden eine Untergruppe der (nordwestkaukasischen) abchaso-adygeischen Sprachfamilie. Sie unterscheiden sich in der Lexik und Phonetik nur wenig, so dass die Unterteilung beider Sprachen eher auf die verschiedenen Sprachräume zurückzuführen ist.К. В. Ломтатидзе, Абхазский язык // Языки народов СССР. Т. 4. Иберийско-кавказские языки. «Наука». Москва, 1967, S. 101.
Im Mittelalter war in Abchasien Georgisch als Schriftsprache sowohl unter ethnischen Georgiern als auch unter Abchasen vorherrschend. Nur in der Kirche galt Griechisch bis zum 9. Jahrhundert als offizielle Sprache für religiöse Zwecke. Seit dem 9. Jahrhundert wurde die griechische Sprache auch in der Kirche durch Georgisch ersetzt,ს. ჯანაშია, აფხაზთა სამეფოს ისტორიიდან, შრომები, II, თბილისი, 1952, გვ. 306 weil sich damals die orthodoxe Eparchie des Königreiches Egrissi-Abchasien der Georgisch-Orthodoxen Kirche angeschlossen hatte. Die große Verbreitung der georgischen Sprache wird durch die große Anzahl mittelalterlicher hagiografischer und hymnografischer Werke in Abchasien bezeugt, die auf Georgisch verfasst wurden. Im mittelalterlichen Abchasien gab es ab dem 9. Jahrhundert nur noch georgischsprachige Schriften.Х. С. Бгажба, Из истории письменности в Абхазии, Tiflis, 1967, S. 13
In der georgischen Chronik „Das Leben Kartlis“ gibt es eine etymologische Erklärung des Beinamens des georgischen Königs Giorgi IV. Lascha. Danach bedeutet „Lascha“ in der Sprache der Apsaren „der Strahlende“.ქართლის ცხოვრება, ს. ყაუხჩიშვილის რედაქციით, ტ. 2, განათლება, თბ., 1959, S. 58. Deutsch: Das Leben Kartlis, Eine Chronik aus Georgien 300-1200, übers. und herausgegeben von Gertrud Pätsch, Leipzig, 1985 Heute wird oft diese Sprache der Apsaren mit dem Abchasischen identifiziert; der Grund ist sowohl die phonetische Ähnlichkeit der Wörter Apsar und Apsua, als auch die Tatsache, dass im heutigen Abchasischen das Wort alascha „das Licht“ bedeutet.
Einige georgische Historiker vertreten die These, dass die abchasische Sprache ursprünglich im Nordkaukasus gesprochen worden sei und erst nach der Einwanderung adygeisch-abchasischer Stämme ins heutige Abchasien im 17. bis 18. Jahrhundert dort verbreitet wurde. (georgisch, russisch, englisch; PDF; 673 kB) Die Mehrheit der Historiker außerhalb Georgiens hält diese Theorie für widerlegt und geht davon aus, dass die Abchasen schon sehr früh in Abchasien ansässig waren.Smith, Graham (1998). Nation-building in the post-Soviet borderlands: the politics of national identities. Cambridge University Press. p. 55. ISBN 978-0-521-59968-9.
In einem 1895 veröffentlichten russischen Nachschlagebuch, in dem die Bewohner des Russischen Kaiserreichs beschrieben sind, wird über Abchasen gesagt, dass sozial hochgestellte Menschen Georgisch sprechen und andere in einem besonderen Dialekt (), womit vermutlich die heutige abchasische Sprache gemeint ist.Алфавитный список народов обитающих в Российской Империи (Накануне всеобщей переписи). Издание канцелярии комитета министров. СПб., 1895, ст. 5
Geschichte Frühe Geschichte Die ältesten Siedlungen im Gebiet des heutigen Abchasien stammen aus der frühen Steinzeit, sind etwa 400.000 Jahre alt und gehören zum Acheuléen. Seit dem 5.–4. Jahrtausend v. Chr. beginnt die Bevölkerung mit der Metallverarbeitung. Die ersten in Abchasien gefundenen Erzeugnisse aus Bronze werden auf das 3. Jahrtausend v. Chr. datiert.
Die ethnische Herkunft der Stämme, die bis zum 2. Jahrtausend v. Chr. auf dem Gebiet des heutigen Abchasiens und auch anderer Regionen des westlichen Georgiens wohnten, ist heute unklar. Die meisten Forscher sprechen für diese Zeit nicht von einer bestimmten Ethnie. Archäologische Funde seit dem 2. Jahrtausend v. Chr. bis zur Antike weisen darauf hin, dass Westgeorgien in diesem Zeitraum von protokartwelischen Stämmen der Kolchis-Kultur besiedelt war, die sich in mehrere Subgruppen aufteilten.О. М. Джапаридзе, Западногрухинская культура, Очерки истории Грузии, I, тб., 1989. S. 119–140. Die protokartwelische Bevölkerung ist bis zur Antike auf diesem Gebiet bezeugt. Die etymologische Herkunft des Namens von Sochumi geht auf den alten Namen der Stadt „Zchumi“ () zurück, stammt aus der swanischen Sprache und bedeutet „Hainbuchen“.Г. М. Меликишвили, К вопросу об этиической принадлежиности населеня древней Грузии, Очерки, S. 182–183.
Überlieferungen über die Bevölkerung Abchasiens bis in die Antike sind bei mehreren griechischen Autoren erhalten, darunter Hekataios von Milet, Herodot, Skylax, Strabon. Aus diesen Quellen wird deutlich, dass von den Kolchern das heutige westgeorgische Gebiet bis zur Stadt Dioskuria (heute Sochumi) besiedelt war; nördlich von Dioskuria werden neben Kolchern auch andere Stämme, wie die Kerketen und Koraxen genannt. Diese Stämme werden manchmal als subethnische Gruppen der Kolcher, manchmal auch als unabhängige Ethnien bezeichnet, die zur Kolchis-Kultur gehörten.
Bei Claudius Ptolemäus und Flavius Arrianus wird im 2. Jahrhundert n. Chr. in der Nähe der heutigen Stadt Tuapse ein geografisches Gebiet mit dem Namen „Altes Lasika“ erwähnt. Einige georgische und abchasische Wissenschaftler sehen diesen Namen als Hinweis auf kolchische Bevölkerung in diesem nördlicheren Gebiet bereits zu dieser Zeit.პ. ინგოროყვა, გიორგი მერჩულე, თბილისი, 1954, გვ. 131 და შემდგომნი (dt.: P. Ingoroqwa, Giorgi Mertschule, Tiflis, 1954, S. 131 ff.)მ. ინაძე, ანტიკური ხანის შავი ზღვის ჩრდილო-აღმოსავლეთ სანაპიროს მოსახლეობის ეთნიკური შედგენილობის საკითხისათვის, სსსრ მეცნიერებათა აკადემიის საზოგადოებრივ მეცნიერებათა განყოფილების «მოამბე», 1960, №2, გვ. 145-162 (dt.: M. Inadse, Für die ethnische Herkunft der nordwestlichen Georgiens in der Antike, „Moambe“, 1960, №2, S. 145–162)Г. А. Меликишвили, Колхида в VI-IV вв. до и.э. Очерки, I, S. 223დ. მუსხელიშვილი, საქართველოს ისტორიული გეოგრაფიის ძირითადი საკითხები, I, თბილისი, 1977, გვ. 46.Ш. Инал-Ипа, Апхазы, Сухуми, 1960З. В. Анчабадзе, Очерк энической истории абхазкого народа, Сухуми, 1976.
Antike In der Frühantike gehörte das heutige abchasische Gebiet zu Kolchis (6. Jahrhundert v. Chr. bis 1. Jahrhundert n. Chr.). Die ethnische Zugehörigkeit der Bevölkerung nordwestlich von Dioskuria ist für diese Zeit umstritten. In den nördlichen Regionen von Kolchis wohnten Swanen, die auch bis Dioskuria verbreitet waren.Г. А. Меликишвили, Иаселение юго-восточние Причерноморья в VIII – I вв. до и э. Очерки истории Грузии, I, S. 283
Chroniken um die Zeitenwende erwähnen die Stämme der Abasgen, Apsilen, Missimianer und Sanigen. Die Missimianer und Sanigen werden heute als kartwelische Stämme swanischer Sprache bezeichnet.ყაუხჩიშვილი ს., მისიმიანთა ტომი, «თსუ შრომები» , 1936, ტ. 1;G. Melikischwili, Georgische Sowjetenzyklopädie, Band. 7., Tiflis, 1984, S. 15–16.P. Ingoroqwa, Giorgi Mertschule, Tiflis, 1954 (ინგოროყვა პ. გიორგი მერჩულე, თბ., 1954) Die Sprache und Herkunft der Abasgen und Apsilen ist unklar. Auch ist umstritten, seit wann diese zwei Stämme in diesem Gebiet wohnen. Es gibt die Ansicht, dass sie schon seit früher Zeit hier siedelten, in den Quellen anfangs aber nicht erwähnt wurden, weil sie zur gemeinsamen Kolchis-Kultur gehörten. Einer anderen Theorie nach wanderten die Apsilen und Abasgen zum Beginn unserer Zeitrechnung vom Nordkaukasus ein.მ. ინაძე, ანტიკური ხანის შავი ზღვის ჩრდილო-აღმოსავლეთ სანაპიროს მოსახლეობის ეთნიკური შედგენილობის საკითხისათვის, სსსრ მეცნიერებათა აკადემიის საზოგადოებრივ მეცნიერებათა განყოფილების «მოამბე», 1960, №2, გვ. 162 Es gibt außerdem unterschiedliche Überlegungen über die sprachlich-ethnische Herkunft dieser Stämme. Vermutlich waren beide abchasisch-adygische Stämme und die unmittelbaren Vorfahren des abchasischen Volkes. Mehrere georgische Historiker und Sprachwissenschaftler, wie Nikolos Marr, Iwane Dschawachischwili, Simon Dschanaschia, Nikolos Berdsenischwili, Giorgi Melikischwili und andere vertraten diese Meinung. Nur wenige Wissenschaftler meinen, dass die Abasgen und Apsilen kartwelische Stämme waren und die heutigen Abchasen sich aus im 17. Jahrhundert angesiedelten adygisch-abchasischen Stämmen formierten. Die georgische Historikerin Meri Inadse lenkt die Aufmerksamkeit auf die von Plinius erwähnten Völker der „Abzoe“, die im Nordkaukasus wohnten, und stellte die Hypothese auf, diese Völker könnte man auch mit den Abchasen verbinden.მ. ინაძე, ანტიკური ხანის შავი ზღვის ჩრდილო-აღმოსავლეთ სანაპიროს მოსახლეობის ეთნიკური შედგენილობის საკითხისათვის, სსსრ მეცნიერებათა აკადემიის საზოგადოებრივ მეცნიერებათა განყოფილების «მოამბე», 1960, №2, S. 85 Es gibt auch die Annahme, dass die in syrischen Quellen benannten Stämme von „Abeschla“, die im gebirgigen Kleinasien siedelten, in der Antike Vorfahren der Abchasen gewesen sein könnten, später wanderte aber ein wichtiger Teil dieser Bevölkerung nach Norden.