Die Umweltbewegung oder Ökologiebewegung, (umgangssprachlich auch Öko-Bewegung) die auch Naturschutz und grüne Politik umfasst, ist eine vielfältige philosophische, soziale und politische Bewegung, die sich mit Umweltfragen befasst. Umweltschützer setzen sich für eine gerechte und nachhaltige Bewirtschaftung der Ressourcen und einen verantwortungsvollen Umgang mit der Umwelt durch Veränderungen in der Politik und im Verhalten des Einzelnen ein. Die Bewegung erkennt den Menschen als Teilnehmer (und nicht als Feind) der Ökosysteme an und konzentriert sich auf Ökologie, Gesundheit und Menschenrechte. Die Umweltbewegung ist eine internationale Bewegung, die von einer Reihe von Organisationen vertreten wird, die von Unternehmen bis zu Graswurzelbewegungen reichen und von Land zu Land unterschiedlich sind. Aufgrund ihrer großen Mitgliederzahl, ihrer unterschiedlichen und starken Überzeugungen und ihres gelegentlich spekulativen Charakters ist sich die Umweltbewegung in ihren Zielen nicht immer einig. Die Bewegung umfasst auch einige andere Bewegungen mit einem spezifischeren Fokus, wie z. B. die Klimabewegung. Im weitesten Sinne umfasst die Bewegung Privatpersonen, Fachleute, religiöse Anhänger, Politiker, Wissenschaftler, gemeinnützige Organisationen und einzelne Befürworter.mini|Global action day mit der Forderung nach Klimagerechtigkeit (climate justice) zum UN-Klimagipfel COP 15 in Kopenhagen, 2009
Geschichte der Umweltschutzbewegungen
Der Historiker Joachim Radkau datiert den Beginn der Umweltbewegung im heutigen Sinne auf die Debatte um die Holznot um 1800. Die Ängste vor der Holznot, einer Versorgungskrise beim Rohstoff Holz, kamen parallel zum „Naturkult“ der Wald-Romantik zu Zeiten der Aufklärung auf. In der Folge wurden der deutschsprachige Raum zum Vorreiter der Aufforstung und Japan zum Pionier einer nachhaltigen Forstwirtschaft. Die Historiker stritten in den 1980er Jahren, ob die Holznot eine tatsächliche oder nur befürchtete Ressourcenkrise war.Joachim Radkau: Die Ära der Ökologie. In: FAZ, 17. März 2011, Joachim Müller-Jung: Aus den Wäldern auf die Gipfel. Gewaltlos immer, doch mit recht disparaten Zielen: Der Historiker Joachim Radkau hat eine imposante Weltgeschichte der Umweltbewegungen vorgelegt. (Rezension)
Radkau selbst unterstellt der Umweltbewegung eine gewisse Geschichtsblindheit und ein ausgeprägtes Desinteresse an den Wurzeln und Vorgängern im eigenen Kulturraum. Für die heutige europäische Umweltszene sei die amerikanische Naturschutzbewegung, die weit bis ins neunzehnte Jahrhundert zurückreicht, die eigentliche Vorläuferin. Die Idee, besondere Naturlandschaften als schützenswert zu betrachten, kam mit William Wordsworth und George Catlin bereits 1810 bzw. 1832 auf. 1864 wurde auf Betreiben John Muirs das erste Schutzgebiet definiert – im heutigen Yosemite-Nationalpark in Kalifornien.
Das Europäische Naturschutzjahr 1970, die erste europaweite Umweltkampagne mit über 200.000 Aktionen, gilt als Geburtsjahr der modernen Umweltbewegung.
1971 z. B. wurde von vier Organisationen aus Frankreich, Schweden, den USA und England ein internationaler Zusammenschluss von Umweltschutzorganisationen gegründet, die Friends of the Earth: 2011 mit über zwei Millionen Mitgliedern und Unterstützern in 76 Ländern vertreten. (19. Januar 2011)
Deutschland 1899 wurde in Stuttgart von Lina Hähnle der Bund für Vogelschutz (BfV) als Vorläufer des heutigen Naturschutzbund Deutschland e. V. (NABU) gegründet: Der NABU ist heute als Nichtregierungsorganisation (NGO, Non Government Organisation) mit dem 1975 gegründeten BUND einer der großen anerkannten Naturschutzverbände Deutschlands (mit Verbands-Klagerecht im Natur- und Umweltschutz).
In Deutschland ist zwischen einer ersten Umweltbewegung (die um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert entstand) und einer zweiten Umweltbewegung (ca. 1970er- bis 1980er-Jahre) zu unterscheiden. Die erste Umweltbewegung hat dabei ihre Wurzeln in der Romantik, der Heimatschutzbewegung, der Lebensreformbewegung und in der aus der Anthroposophie hervorgegangenen biologisch-dynamischen Landwirtschaft (1924). Der Naturschutz im Nationalsozialismus war gekennzeichnet durch eine ideologische Überprägung mit einem völkischen Heimat-Begriff sowie der Blut-und-Boden-Ideologie.
Die zweite Umweltbewegung ist eine der sogenannten neuen sozialen Bewegungen. Sie entstand sowohl in West- wie in Ostdeutschland (DDR), wenn auch unterschiedlich. Maßgeblich geprägt wurde die zweite Umweltbewegung durch den Wertewandel und die Verbreitung postmaterialistischer Wertorientierungen.
Westdeutschland Bereits in den 1950er und 1960er Jahren gab es auflagenstarke Sachbücher, die Umweltkrisen vorhersagten oder Untergangsprophezeiungen mit populärwissenschaftlichen Darstellungen verbanden. Autoren solcher Bücher waren unter anderem Erich Hornsmann, Reinhard Demoll, Günther Schwab und Bodo Manstein.Jens Ivo Engels: Naturpolitik in der Bundesrepublik. Ideenwelt und politische Verhaltensstile in Naturschutz und Umweltbewegung 1950-1980, Paderborn 2006, Seite 78.
Eine der ältesten westdeutschen Umweltinitiativen war die Bürgeraktion Umweltschutz Zentrales Oberrheingebiet (BUZO), 1971 aus dem Widerstand gegen die Expansionspläne der Erdölraffinerien in Karlsruhe-Knielingen von Hans-Helmut Wüstenhagen gegründet, dem späteren Vorsitzenden des „Bundesverbands Bürgerinitiativen Umweltschutz“ (BBU).
In Tübingen gründete sich unmittelbar nach dem am 26. November 1970 gehaltenen Vortrag „Überleben im Atomzeitalter“ von Professor Harald Stumpf vom Institut für Theoretische Physik das Komitee für Umweltschutz, neben dem sich kurz darauf der von Hartmut Gründler gegründete Bund für Umweltschutz etablierte.
Bedeutsam für die anwachsende zweite Umweltbewegung waren auch die aus 21 Gruppierungen bestehenden Badisch-Elsässischen Bürgerinitiativen. Sie formierten sich 1972 in der Auseinandersetzung gegen ein Bleichemiewerk beim elsässischen Marckolsheim, waren im gewaltlosen Kampf gegen das Kernkraftwerk Wyhl am südbadischen KaiserstuhlBadisch-Elsässische Bürgerinitiativen ASSOCIATIONS ANTINUCLEAIRES DE BADE ET D’ALSACE badisch-elsaessische.net, abgerufen am 9. Mai 2019. letztlich siegreich und gelten als die erste größere Basis des später 600 Bürgerinitiativen umfassenden BBU. In den 1970er und 1980er Jahren war die Anti-Atomkraft-Bewegung in der öffentlichen Wahrnehmung ein wesentlicher Teil der Umweltbewegung. Doch wurde in dieser Bewegung nicht nur das frühe Nein zur Atomkraft und der Streit gegen die Umweltzerstörung artikuliert, sondern auch die relativ frühe Forderung, zukunftsfähige Energien zu nutzen. Ende Mai 1976 veranstalteten einige Aktive des damals frisch gegründeten Bund für Umwelt und Naturschutz und die badisch-elsässischen Bürgerinitiativen die deutschlandweit erste und größte Ausstellung zu alternativen Energien in Sasbach am Kaiserstuhl. mini|Sternmarsch gegen eine Erweiterung des Tagebau Cospuden im Naturschutzgebiet, April 1990
DDR In Westdeutschland entstanden insbesondere durch die Anti-Atombewegung Ende der 1970er Jahre erste nicht-staatliche Organisationen der Umweltbewegung. Derartige unabhängige Organisationen waren im politischen System der DDR verboten. In der DDR stand neben dem Protest z. B. gegen Waldschäden im Erzgebirge oder Luftverschmutzungen in Bitterfeld/Wolfen immer das Aufbegehren gegen die Nicht-Informationspolitik der Regierung. Es gab Kristallisationspunkte in der oppositionellen Umweltbewegung: das Kirchliche Forschungsheim in der Lutherstadt Wittenberg, den Ökologischen Arbeitskreis der Dresdner Kirchenbezirke oder die Umwelt-Bibliothek an der Berliner Zionskirche und schließlich ab 1988 das Grün-Ökologische Netzwerk Arche.
Mit der Wende 1989 formierte sich ein zunehmender Widerstand. Im Januar 1990 wurde die Bürgerinitiative „Stoppt Cospuden 90“ gegründet, die im Frühjahr des Jahres einen Sternmarsch zum Tagebau Cospuden organisierte. Über 10.000 Menschen nahmen teil. Der Protest hatte Erfolg. Am 20. April 1990 wurde der Vorschnitt des Tagebaus gestoppt, und am 7. Oktober 1992 verließ der letzte Kohlezug den Tagebau.
Österreich Die Historikerin Katharina Scharf attestiert auch der österreichischen Umweltbewegung „Geschichtslosigkeit“. Die Anfänge der Umweltbewegung werden in den 1970er-Jahren und für Österreich im Speziellen in der Besetzung der Hainburger Au 1984/85 verortet. Tatsächlich reichen die Traditionslinien der Umweltbewegung weit zurück in die Zeit des frühen Naturschutzes im 19. Jahrhundert, als Kehrseite der Industrialisierung und der exzessiven Ausbeutung der Natur durch den Menschen.
In den 1970er-Jahren wuchs die Sensibilität für Umweltthemen. Der Ölpreisschock 1973 löste auch in Österreich eine Debatte über die Schonung von Ressourcen und die Grenzen des Wachstums aus.
Meilensteine der Umweltbewegung in Österreich waren die Volksabstimmung über die Inbetriebnahme des Kernkraftwerkes Zwentendorf am 5. November 1978 und die Besetzung der Hainburger Au 1984/85. Nach der Atomkatastrophe von Tschernobyl im April 1986 wurde die Ablehnung von Atomkraft in Österreich zum breit mitgetragenen Konsens. Die durch die Hainburg-Ereignisse prominent gewordenen Freda Meissner-Blau trat im selben Jahr bei der Bundespräsidentschaftswahl an und bewirkte damit eine grüne Mobilisierung. Mit der Nationalratswahl 1986 zog die erste österreichische Umweltpartei als „Die Grünen – Die Grüne Alternative (Grüne)“ ins Parlament ein. 1999 wurde das Bundesverfassungsgesetz für ein atomfreies Österreich im Parlament einstimmig beschlossen.
In den 1980er Jahren formierte sich Widerstand gegen die Verschmutzung von Gewässern mit giftigen Abfällen der Industrie. Das drängendste Umweltproblem war der „Saure Regen“ und das damit verbundene Waldsterben. Als Ende der 1980er Jahre der Zusammenhang zwischen dem „Treibhauseffekt“ und der Erderwärmung bekannt wurde, verlagerte sich der Schwerpunkt auf den Klimawandel und den CO₂ Ausstoß.
Die großen internationalen Umweltschutz-NGOs entstanden mit wenigen Ausnahmen in den frühen 1980er Jahren. In der zweiten Hälfte der 1980er Jahre kam es zu einer verstärkten Institutionalisierung des Umweltschutzes in Österreich. 1985, ein Jahr nach der Besetzung der Hainburger Au, wurde das Umweltbundesamt eingerichtet. Anfang der 1990er Jahre trat das Umweltverträglichkeitsprüfungsgesetz in Kraft, wonach bestimmte Bauprojekte vorab auf ihre Umweltverträglichkeit geprüft werden müssen.
Spätestens seit der Entstehung der Klimabewegung Fridays for Future 2018 erhielt der Umwelt- und Klimaschutz in Österreich wieder Bewegungscharakter. Die Konflikte um Kraftwerksbauten wurden, wie das Beispiel der LobauBleibt!-Bewegung zeigt, weitgehend von Auseinandersetzungen um Straßenbauprojekte abgelöst.
USA Der Sierra Club ist die älteste und größte Naturschutzorganisation der Vereinigten Staaten: Er wurde am 28. Mai 1892 in San Francisco (Kalifornien) von dem Naturschützer John Muir sowie einigen Professoren der University of California, Berkeley und der Stanford University gegründet.
Der US-amerikanische Biologe und Ökologe Barry Commoner (* 1917; † 2012), Autor mehrerer einflussreicher Sachbücher über Umweltschutz, gilt als einer der führenden frühen Vertreter der modernen (nord)amerikanischen Umweltbewegung.
Kulturelle Formen