mini|Der Wanderer über dem Nebelmeer von Caspar David Friedrich
Die Romantik ist eine kulturgeschichtliche Epoche, die vom Ende des 18. Jahrhunderts bis weit in das 19. Jahrhundert hinein dauerte und sich insbesondere auf den Gebieten der bildenden Kunst, der Literatur und der Musik äußerte. Dieser markante geistes- und stilgeschichtliche Zeitabschnitt wirkte auch auf die Geschichte, Theologie und Philosophie sowie in die Naturwissenschaften und Medizin hinein.
Für den Bereich der Literatur wird die Romantik (ca. 1795–1835) untergliedert in Frühromantik oder Jenaer Frühromantik (bis 1803), Heidelberger Romantik oder Jüngere Romantik (bis 1809) und Spätromantik (bis 1835). In der Malerei dauert die Spätromantik bis Mitte des 19. Jahrhunderts, in der Musik bis Anfang des 20. Jahrhunderts (Gustav Mahler, Richard Wagner). Als wesentliches Kennzeichen der Romantik gilt eine aus der idealistischen Tradition, vor allem aus der Philosophie von Johann Gottlieb Fichte stammende Betonung der Spontaneität des Subjekts.Kristian Köchy 2021: Romantische Naturphilosophie. In: Thomas Kirchhoff (Hrsg.): Online Encyclopedia Philosophy of Nature / Online Lexikon Naturphilosophie, S. 4.
Geschichte des Romantikbegriffs Etymologie Der Begriff kommt etymologisch von lingua romana („romanische Sprache“) und bezog sich auf Schriften, die in der Volkssprache der romanischen Länder verfasst waren. Diese bildeten einen Gegensatz zu den zuvor üblichen, in lingua latina (Latein) geschriebenen Texten. Aus lingua romana entwickelte sich über das Französische das Wort Roman. „Romantisch“ (ursprünglich, im 17. und 18. Jahrhundert noch „romanisch“)Friedrich Kluge, Alfred Götze: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. 20. Aufl., hrsg. von Walther Mitzka, De Gruyter, Berlin / New York 1967; Neudruck („21. unveränderte Auflage“) ebenda 1975, ISBN 3-11-005709-3, S. 606 (romantisch). bedeutete daher zunächst romanhaft, und so wurde der Begriff auch ursprünglich von Friedrich Schlegel verwendet, der den modernen Romantikbegriff prägte.Z. B. bezogen auf Petrarca in Kritische Fragmente Nr. 119: „auch ist er romantisch, nicht lyrisch“, d. h. es handele sich eher um einen Roman in Sonetten. Allerdings wurde der Begriff zunächst oft von den Gegnern der Romantik benutzt, so von Goethe:
Selbstverständnis der Romantiker Romantik bedeutete im Sinne von Friedrich Schlegel Abwendung von der Antike und von klassischen Vorbildern: Die mit dem Terminus Romantiker bezeichneten, in ihrem Selbstverständnis „modernen“ Autoren erschließen sich Themen aus ihrer eigenen Kultur und Geschichte und wenden sich von klassischen Formen ab. Das erklärt aus der nachträglichen und historischen Perspektive die Vorliebe für eine fragmentarische Schreibweise in der Romantik. Die Hinwendung zur eigenen Kultur bedeutete zugleich eine stärkere Hinwendung zu phantastischen und traumhaften Inhalten, insbesondere zur Sagen- und Mythenwelt des Mittelalters oder zur barocken Mystik. Die Romantiker betrachteten das antike Menschenbild als unvollständig, als unvollkommene Ausschöpfung des menschlichen Wesens. Das, was zu ergänzen war, umriss Schlegel mit dem Wort „Paradoxie“: Das vom normalen Denken abweichende Empfinden jenseits des rational Verstehbaren und Begreiflichen sollte hervorgehoben werden. Diese Erfassung aller Lebensbereiche war das Ziel der „Universalpoesie“. Aus dem begeisterten Versuch, die klassische Dichtung zu ergänzen, erwuchs jedoch rasch eine schroffe Gegenposition. Während die Jenaer Romantik weitgehend unpolitisch war, blieb angesichts der Ernüchterung wegen der ausbleibenden Wiederauferstehung der Reichsherrlichkeit nach dem Sieg Napoleons schließlich nur die Flucht in Volksgut und Idylle, in die Sehnsucht nach Auferstehung des staufischen Kaisertums (so vor allem die Heidelberger Romantik mit Achim von Arnim, Clemens Brentano und Joseph Görres), in die Sicherheit des religiösen Dogmas (Eichendorff, schließlich auch Brentano) oder in Exotik und Selbstironie (Ludwig Tieck, E. T. A. Hoffmann).Hermann Glaser, Jakob Lehmann, Arno Lubos: Wege der deutschen Literatur. Eine geschichtliche Darstellung. Ullstein Propyläen, Berlin o. J. (1966), S. 215 ff., 228 ff.
Die Vertreter des an der Antike orientierten Klassizismus, allen voran Johann Heinrich Voß, fühlten sich durch die Zeitschriften der Romantiker zum Teil stark angegriffen und polemisierten entsprechend heftig gegen die neue Strömung. Sie bezeichneten das Romantische als phantastisch oder auch als krankhaft – letzteres allerdings vor allem im Hinblick auf die französische Romantik. Generell müssen „Klassik“ und „Romantik“ auch als nachträgliche Zuordnungen verstanden werden; die Vertreter der Klassik haben sich nicht als „Klassiker“ gesehen, fühlten sich aber klassischen Idealen bzw. Idealisierungen verpflichtet, genauso sahen die „Romantiker“ in der „romantischen Poesie“ ein Ziel, sich selbst aber nicht unbedingt als dessen Verwirklicher.Vgl. Dieter Borchmeyer: Zur Typologie des Klassischen und Romantischen. In: Walter Hinderer (Hrsg.): Goethe und das Zeitalter der Romantik. Würzburg 2002 (Stiftung für Romantikforschung; 21), S. 19–29, hier S. 19 f. Sie streben einerseits nach dem Einfachen, Reinen, selbst Erlebten, vor allem in der Lyrik; andererseits offenbart sich in der Prosadichtung oft das chaotische Labyrinth der Seele, wobei für die Romantiker das Unbewusste gegen das rationale Bewusstsein eine besondere Bedeutung hat.
„Romantik“ im heutigen Sprachgebrauch Im allgemeinen Sprachgebrauch bezeichnen die Wörter Romantik und romantisch heute meist einen sentimentalen Zustand des Gefühlsreichtums, vielleicht auch der Sehnsucht.Ausführlicher fasst es das Wörterbuch der deutschen Umgangssprache von Heinz Küpper (6., bislang letzte Auflage 1997, hier zitiert nach der Ausgabe in der Digitalen Bibliothek Band 36, Berlin 2004): „Flucht in eine Welt des schönen Scheins; Gefühligkeit; neumodische Innerlichkeit, die sich zu den Maßstäben der Vergangenheit flüchtet; versponnen-rührselige Altertümelei; Neigung zu gefühlsbetonter Illusion als Abwehr der rauhen Alltagswirklichkeit.“ Dieser umgangssprachliche Wortgebrauch wird wie folgt historisch eingeordnet: „Spätestens gegen Ende des Ersten Weltkriegs aufgekommen und vor allem in Schlagern und Filmen gestaltet; nach 1945 wiederaufgelebt als sehnsüchtiges Streben nach der heilen Welt inmitten der Trümmerlandschaft; nach 1960 erneut vorgedrungen unter den jungen Leuten, die nach den Jahren der Gefühlsernüchterung ihren Gefühlen neuen Betätigungsraum zu schaffen suchen.“ Typisch sind Wortverbindungen wie „romantische Stunden“ oder „romantisches Weinlokal“. Für eine „romantische Affäre“ hat sich das Wort RomanzeDuden Universalwörterbuch, elektronische Ausgabe 2006: „episodenhaftes Liebesverhältnis [das durch die äußeren Umstände als bes. romantisch erscheint]“. Küpper: „kurzfristiges, gefühlsseliges Liebesverhältnis“, nach H. Schulz, O. Basler: Deutsches Fremdwörterbuch. 3. Band, 1977, S. 481–482. eingebürgert, das ursprünglich die Literaturgattung Romanze bezeichnete.Wie bei Wieland, Schlegel (Luzinde), Eichendorff, Hoffmann, Heine oftmals mit erotischen Anspielungen gebraucht. In der Musik dagegen ist die Romanze als eine wenig gebundene (Satz-)Form – nach der romantischen Idee der künstlerischen Freiheit; vgl. Mozart, Robert Schumann. Auch in diesem Wort spiegelt sich der Werdegang der romantischen Idee von der historischen Epoche bis in die heutige Welt.
Entwicklung mini|Das Romantikerhaus in Jena im ehemaligen Wohnhaus des Philosophen Johann Gottlieb Fichte. Um 1800 waren die deutschen Frühromantiker nahezu vollständig in Jena versammelt.
Grob unterscheiden kann man drei Phasen der Entwicklung der Romantik in Europa und eine Zeit der Nachblüte: zunächst die Vorromantik seit etwa 1740/50 bis zur Französischen Revolution, die zeitlich z. T. mit dem Zeitalter der Empfindsamkeit zusammenfällt und deren Stimmungen und den Ich-Kult weiter radikalisiert; die Frühromantik mit ihrem Genie- und Heldenkult, teils gegen die Aufklärung gerichteten, aber oft auch von paneuropäisch-transnationalen Ideen befeuert, die von der Französischen Revolution bis zum Beginn der Herrschaft Napoleons über Europa angesetzt werden kann,G. Hoffmeister: Die historische Perspektive. In: Deutsche und europäische Romantik. Sammlung Metzler (Realien zur Literatur). Stuttgart 1978, S. 23–62. und die Phase der Hochromantik in der Zeit ab 1804. In diesem Jahr ließ Napoleon den potenziellen Thronfolger, den Duc d’Enghien entführen und hinrichten und sich zum Kaiser erheben,Diese Vorgänge empörten zahlreiche Intellektuelle in Frankreich und Deutschland trugen zum Ende des Heldenkults bei; vgl. Jakob Koeman: Die Grimmelshausen-Rezeption in der fiktionalen Literatur der deutschen Romantik. Amsterdam, Atlanta 1993, S. 212 ff. was zum Scheitern revolutionärer Hoffnungen führte und nationale, konservative und religiöse Strömungen stärkte. Nach den Befreiungskriegen und dem Wiener Kongress 1815 schließt sich eine Phase der Spätromantik bis etwa zur Julirevolution von 1830 oder 1835 an: Insbesondere nach den Karlsbader Beschlüssen 1819 flüchten die Romantiker vor dem Hintergrund ihrer eher individualistischen Grundeinstellung in Melancholie und in phantastische, unwirkliche oder biedermeierliche Welten, um sich eskapistisch aus dem gesellschaftlichen Leben weitgehend zurückzuziehen oder einer kleinstädtischen Idylle zuzuwenden. Ihre Themen sind vor allem Liebe und Natur. Die Romantik findet aber auch später immer wieder Epigonen, vor allem in den romanischen Ländern. In Lateinamerika setzt sie teilweise erst um 1830 ein.
Ursprünge Die Romantik kann auf zwei seinerzeit populäre literarische Richtungen zurückgeführt werden. Zunächst einmal sind ihre englischen Wurzeln zu berücksichtigen. Hier ist die Entdeckung der pittoresken Landschaften wichtig, wie sie Joseph Addison in seinem berühmten Spectator-Essay über „Imagination“ hervorgehoben hat. Die Nacht- und Grabesdichtung der Engländer ab 1740 gehört ebenso zu den Voraussetzungen der Romantik wie des Gothic Revival. Im Rahmen dieser Wiederentdeckung der Gotik und des Mittelalters stand zunächst die Gartenkunst im Mittelpunkt, später auch die Literatur. Horace Walpole ist hier eine zentrale Figur. Er begann 1747 mit dem Umbau seines Landsitzes Strawberry Hill an der Themse zu einem neogotischen Schloss-Kloster und schrieb 1764 den ersten Schauerroman The Castle of Otranto. Es handelt sich einerseits um die Schauerliteratur der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts – in England und Deutschland las man leidenschaftlich gerne Schauerromane.
Zum anderen muss die literarische Strömung des Sturm und Drang berücksichtigt werden, der Ende des 18. Jahrhunderts im deutschen Sprachraum von vielen Literaten getragen wurde. Während Schauerromane eher der Trivialliteratur zugerechnet werden, befanden sich die Werke der Sturm-und-Drang-Bewegung, vertreten u. a. durch Johann Wolfgang Goethes Briefroman Die Leiden des jungen Werthers und Friedrich Schillers Drama Die Räuber, auf höherem literarischen Niveau. Die historisch rückwärts gewandte Schauerliteratur regte die Phantasie an, Motive waren oft Gespenster, Ritter, verwunschene und halbzerfallene Burgen. Neben Schlegel und Novalis gehörte auch der Dichter Ludwig Tieck zu den prägenden Persönlichkeiten der deutschen Frühromantik, deren Ursprünge in Jena gesehen werden.