Der Begriff Extremismus der Mitte wurde von Seymour Martin Lipset in die Soziologie eingeführt.Jürgen W. Falter (1981): Radicalization of the Middle Classes or Mobilization of the Unpolitical? The Theories of Seymour Martin Lipset and Reinhard Bendix on the Electoral Support of the NSDAP in the Light of Recent Research. In: Social Science Information 2, 1981, S. 389–430. Siehe auch Seymour Martin Lipset: „Fascism“ – Left, Right, and Center. In: Political Man: The Social Bases of Politics. Johns Hopkins Universitas Press, Baltimore 1981, S. 127–152. Deutsch: Seymour Martin Lipset: Der ‚Faschismus‘, die Linke, die Rechte und die Mitte. In: Ernst Nolte (Hrsg.): Theorien über den Faschismus. 4. Auflage, Köln 1976, S. 449–491. In seinem Buch Political Man (1959) schrieb er, dass der linke Extremismus seine Basis in den unteren Schichten und in der Arbeiterklasse habe, der rechte Extremismus in den Oberschichten verankert und der Faschismus in der sozioökonomischen Mittelschicht beheimatet sei.Bundeszentrale für politische Bildung, Ist "die Mitte" (rechts)extremistisch?, 21. September 2015 Damit erweiterte der Soziologe die Analyse Theodor Geigers,Theodor Geiger: Panik im Mittelstand. 1930. Vgl. Daniel Gardemin: . Universität Hannover, 1997 (eingesehen am 26. März 2007) der die Wahlerfolge der NSDAP seit Beginn der 1930er Jahre aus der Reaktion des Mittelstandes auf die Weltwirtschaftskrise erklärte, und bezog sie auf die zeitdiagnostische Analyse extremistischer und antidemokratischer Bewegungen aus der Mitte der Gesellschaft. Die Extremismen von links und rechts wurden damit um einen neuen Typus ergänzt und der Faschismus als eine typische Mittelschichtbewegung erklärt.Leonhard Fuest & Jörg Löffler: Diskurse des Extremen: über Extremismus und Radikalität in Theorie, Literatur und Medien. Band 6 von Film, Medium, Diskurs. Königshausen & Neumann, 2005, ISBN 3-8260-2878-3, ISBN 978-3-8260-2878-6, S. 16 (online)

Jürgen R. Winkler zählt die Theorie von Lipset – zusammen mit den Arbeiten Richard Hofstadters (The Pseudo-Conservative Revolt)Richard Hofstadter: The Pseudo-Conservative Revolt. In: Daniel Bell (Hrsg.): The Radical Right. Garden City 1964, S. 75–95. – zu den bedeutenden Theorien der Rechtsextremismusforschung. Vergleichbar mit den Theorien der relativen Deprivation beschäftige sich Lipsets Theorie mit der „Zugehörigkeit von Individuen zu Kollektiven, deren Wahrnehmung ihrer wirtschaftlichen und sozialen Situation und ihre Befindlichkeiten“. Innerhalb dieser Forschung sei die Theorie Lipsets, wonach „Personen, die ihren Status in Gefahr sehen“, dazu neigen, „rechtsextreme Bewegungen zu unterstützen“, Winkler zufolge „sehr einflussreich“.Jürgen R. Winkler: Rechtsextremismus. Gegenstand – Erklärungsansätze – Grundprobleme ()

Durch die sozioökonomische Analyse Hitlers Wähler (1991) von Jürgen W. Falter wurden die Mittelschichtsthesen zur Erklärung des Aufstiegs des Nationalsozialismus stark relativiert. Falter fand heraus, dass zwar 40 % der NSDAP-Wähler aus der Mittelschicht stammten, dass aber auch die Arbeiterschaft eine bedeutende Wählergruppe darstellte. Als deutlichstes Sozialmerkmal der NSDAP-Wähler stellte sich die Konfession heraus, da Protestanten viel eher als Katholiken NSDAP wählten.Bundeszentrale für politische Bildung, Ist "die Mitte" (rechts)extremistisch?, 21. September 2015

In den 1990er Jahren wurde der Begriff auch zum politischen Schlagwort, mit dem generelle Kritik am Gesellschaftssystem geäußert wurde. Mit ihrer Positionierung in den Diskussionen um Leitkultur, Multikulturalismus, Nation und Einwanderung würden die politischen und ökonomischen Eliten (und nicht die rechtsextremen Parteien selbst) rechtsextremes Gedankengut fördern und damit den Weg in eine autoritäre Gesellschaft vorbereiten.Klaus Schroeder: Rechtsextremismus und Jugendgewalt in D, 2003, ISBN 3-506-71751-0, S. 110–113.

Nationalsozialismus als „Extremismus der Mitte“ Die Bedeutung des Mittelstandes für die Wahlerfolge des Nationalsozialismus war bereits gegen Ende der Weimarer Republik Gegenstand der Arbeiten verschiedener liberaler Soziologen. Der „Extremismus der Mitte“ galt als ein Erklärungsansatz für die „von den meisten erkannte Gefahr, die Hitler und die NSDAP für das parlamentarische System darstellten“.Kraushaar 1994. Zu diesen Soziologen gehörte Theodor Geiger, der noch 1949 resümierte:

Walter Mannzen schrieb 1930 in seinem Aufsatz Die sozialen Grundlagen des Nationalsozialismus, der Nationalsozialismus habe vorrangig „das ganze spezifische Kleinbürgertum“ und insbesondere die selbständigen Handwerker angezogen.Vgl. Kraushaar 1994. 1931 äußerte Hendrik de Man in Sozialismus und Nationalfaschismus die Überzeugung: Die NSDAP sei eine „typische Bewegung von Mittelständlern und Stehkragenproleten“.Hendrik de Man: Sozialismus und Nationalfascismus, Potsdam S. 31. Carlo Mierendorff glaubte 1931 fest, dass die Mittelschicht sozialpsychologisch „wegen ihrer fortschreitenden Proletarisierung alles tun (würde), um nicht dem Proletariat zugerechnet zu werden“.Zitat Kraushaar 1994. Auch der Soziologe Svend Riemer schrieb 1932, es sei eine Banalität, dass der Mittelstand als „der eigentliche Träger des Nationalsozialismus“ gelte.Svend Riemer: Zur Soziologie des Nationalsozialismus. In: Die Arbeit, Heft 9. 1932. S. 103.

Die Einflüsse rechter Ideologien auf die Mitte untersuchte 1966 Mario Rainer Lepsius: „Von einer sektenartigen Rechtspartei wandelte sich der Nationalsozialismus zu einer Partei der radikalisierten Mitte.“M. Rainer Lepsius: Extremer Nationalismus. Strukturbedingungen vor der nationalsozialistischen Machtergreifung. Stuttgart/Berlin/Köln/Mainz 1966, S. 8. Weitere Vertreter der Theorie, der Nationalsozialismus sei ein Extremismus der Mitte, waren Umberto Eco, Rudolf Heberle, Rudolf Küstermeier, Harold Lasswell, David J. Saposs, Erik Nölting, der katholische Publizist Walter Dirks sowie der Nationalökonom Emil Lederer, während zu den Kritikern vor allem Theodor Heuss und der sozialistische Historiker Arthur Rosenberg gehörten.

Der bekannteste Vertreter der Theorie vom Extremismus der Mitte ist der amerikanische Soziologe Seymour Lipset. Sein Aufsatz Der ‚Faschismus‘, die Linke, die Rechte und die Mitte von 1958, der den Extremismus von rechts und links um einen dritten Typus erweiterte, wurde 1967 von Ernst Nolte in Deutschland herausgebracht.Seymour Martin Lipset: Der ‚Faschismus‘, die Linke, die Rechte und die Mitte. In: Ernst Nolte (Hrsg.): Theorien über den Faschismus. 4. Auflage, Köln 1976, S. 449–491. Lipset geht davon aus, dass sich „links“, „rechts“ und „Mitte“ jeweils auf Ideologien beziehen, die jeweils gemäßigt oder extremistisch auftreten könnten. Jede dieser Ideologien weist er einer sozialen Schicht zu, in der sie vorherrsche: In der Unterschicht seien dies linke Überzeugungen, die Oberschicht denke rechts, und in der Mittelschicht neige man entweder zum Liberalismus oder eben zum Faschismus.Ernst Nolte: Vierzig Jahre Theorien über den Faschismus. In: derselbe (Hrsg.): Theorien über den Faschismus. 4. Auflage, Köln 1976, S. 70 f.; Viola Neu und Sabine Pokorny: Ist die Mitte (rechts-) extremistisch? In: Aus Politik und Zeitgeschichte 65 (2015), Heft 40, S. 3. Lipset widerspricht damit der These, dass lediglich die rechten und die linken Ränder eines Parteiensystems zur Diktatur neigen können und die Mitte nur zur Demokratie. So könnten „extremistische Ideologien und Gruppen in derselben Weise in denselben Begriffen klassifiziert und analysiert werden […] wie die demokratischen Gruppen, das heißt also in den Begriffe der Rechten, der Linken und der Mitte.“Seymour Martin Lipset: Der ‚Faschismus‘, die Linke, die Rechte und die Mitte. In: Ernst Nolte (Hrsg.): Theorien über den Faschismus. 4. Auflage, Köln 1976, S. 450. Zumeist trete nur der Links- oder der Rechtsextremismus auf und nur in Ländern wie Frankreich, Italien und in Deutschland könne es vorkommen, dass alle Formen des Extremismus auftreten. Unter der Kategorie „Extremismus der Mitte“ ordnet Lipset alle jene Bewegungen und Parteien ein, die gewöhnlich als faschistisch klassifiziert werden.

Der Anlass für die Entwicklung der Theorie des Extremismus der Mitte war für Lipset die aktuelle politische Debatte 1958 um den Niedergang der Vierten Republik in Frankreich. Mit dem Putsch der Generäle in Algerien befürchteten viele einen vergleichbaren Putsch in Frankreich. Dabei wurde dem gaullistischen Rassemblement du peuple français (RPF) und der populistischen Partei Pierre Poujades Union de défense des commerçants et artisans (UDCA, dt. Union zur Verteidigung der Händler und Handwerker) eine antidemokratische Politik zugetraut. Lipset ordnete dabei den Gaullismus als klassische konservative Bewegung mit einer Vielzahl typischer rechtsextremer Merkmale ein. Den Poujadismus definierte er als eine typische Form des Extremismus der Mitte. Von dieser Partei sah er die größere Gefahr für die Demokratie, da konservative Bewegungen und Regime weder revolutionär noch totalitär seien. Lipset ging es in seiner Theoriearbeit nicht um einen Beitrag zur Erklärung des Nationalsozialismus, sondern um empirisch begründete Kriterien zur Unterscheidung der drei potenziell extremistischen Bewegungen (Konservative, Mitte, Kommunisten) und ihrer antidemokratischen Gefahren:Vgl. Kraushaar 1994, S. 37. Neben dem italienischen Faschismus, Hitler und den Poujadismus rechnete er auch den McCarthyismus in den USA zum Extremismus der Mitte.

In weiten Teilen der bundesdeutschen Wissenschaft wurden die historischen Bezüge der Theorie Lipsets lange weitgehend akzeptiert. Ralf Dahrendorf schrieb 1961 zur Theorie Lipsets „Die Zerstörung der deutschen Demokratie ist also ein Werk der Mittelklasse.“ Dahrendorf erklärte den Extremismus der Mitte 1968 dadurch, dass weite Teile der deutschen Gesellschaft in der Weimarer Republik eine mangelnde Resistenz gegen antidemokratische Formen der Politik entwickelt hätten. Da die liberale Tradition schwach ausgebildet gewesen sei, habe „der neue illiberale Radikalismus der Nationalsozialisten“ sich entwickeln können.Vgl. Dahrendorf: Gesellschaft und Demokratie in Deutschland. München 1968

Es gab aber auch Kritik an Lipsets Hypothese vom Extremismus der Mitte. Ernst Nolte kritisierte 1976, sie greife an beiden Enden des politischen Spektrums zu kurz: Die demokratische Rechte lasse sich in sein Analyseschema nirgendwo einordnen, da die klassischen Konservativen bei ihm als rechtsextrem gälten; auch dass so disparate Phänomene wie der Kommunismus und der Peronismus als Linksextremismus zusammengefasst würden, sei „schwerlich überzeugend“.Ernst Nolte: Vierzig Jahre Theorien über den Faschismus. In: derselbe (Hrsg.): Theorien über den Faschismus. 4. Auflage, Köln 1976, S. 70.

Der Parteienforscher Jürgen W. Falter kam 1991 mit elaborierten statistischen Methoden zu dem Ergebnis, dass die Wählerschaft der NSDAP nur zu etwa 40 % der Mittelschicht zuzuordnen sei, ebenso viel hätten aber der Arbeiterschicht angehört. Auch Lipsets Befund, dass Angestellte 1930–1933 eher unterdurchschnittlich NSDAP wählten, spreche gegen die Mittelschichtshypothese. Die Konfession sei für die Entscheidung, NSDAP zu wählen, ein viel wichtigerer Sozialindikator gewesen als die Schichtenzugehörigkeit, die Lipset als entscheidend ansah. Insgesamt sei die NSDAP

Die Politologinnen Viola Neu und Sabine Pokorny kritisierten 2015, dass Lipset keine trennscharfe Definition des Faschismus liefere, den er rein sozialstrukturell betrachte. Empirische Belege für seine Thesen liefere er nicht, sondern stütze sich rein auf „Plausibilitätsinterpretationen von Wahlergebnissen der Reichstagswahlen 1928 bis 1933“.Viola Neu und Sabine Pokorny: Ist die Mitte (rechts-) extremistisch? In: Aus Politik und Zeitgeschichte 65 (2015), Heft 40, S. 3.

Rechtsextremismus- und Faschismusforschung