Der Nordseekanal () ist ein 21 Kilometer langer Kanal für Seeschiffe in den Niederlanden. Er verbindet in der Provinz Nordholland den Hafen von Amsterdam in westlicher Richtung mit der Nordsee bei IJmuiden.Beschreibung Nordseekanal auf: Rijkswaterstaat.nl (niederländisch) Östlich des Seehafens von Amsterdam geht der Kanal in das Binnen-IJ über, das über sieben Kilometer bis nach Schellingwoude an das Markermeer nordöstlich von Amsterdam reicht und damit die Verbindung zum IJsselmeer herstellt. Für Binnenschiffe steht das Binnen-IJ in direkter Verbindung zum Amsterdam-Rhein-Kanal, der rund 72 Kilometer in Richtung Süden führt und bei Tiel die Waal und damit das Flussgebiet des Rheins erreicht.
Der Wasserstand im gesamten Kanalsystem wird bei 40 Zentimeter unter NAP (NAP = Normaal Amsterdam Peil) gehalten. Dazu sind an allen Enden des Systems Schleusen angeordnet. Verantwortlich für den Betrieb und die Unterhaltung des gesamten Kanals ist Rijkswaterstaat, die ausführende Behörde des niederländischen Ministeriums für Infrastruktur und Umwelt zum Bau und Unterhalt von Straßen und Wasserwegen.
Kanalverlauf mini|links|Hafenmolen am Ende vom IJgeul
Für Schiffe mit großem Tiefgang beginnt die Zufahrt zum Nordseekanal genau genommen schon in der Nordsee. Da der Küstenbereich in der Nordsee vor IJmuiden keine ausreichende Tiefe für große Seeschiffe aufweist, wurde eine Fahrrinne (geul) mit Namen IJgeul ausgebaggert, die 2019 eine Tiefe von 21 Meter aufwies. Das 1982 eröffnete Fahrwasser mit 450 bis 600 Meter Breite ist 43 Kilometer lang und reicht von den Tiefwasserwegen und dem Verkehrstrennungsgebiet der Nordsee bis an die Küste und vor die Hafenmolen von IJmuiden. Dadurch können Schiffe mit einem maximalen Tiefgang von 17,8 Metern seit 2006 den Hafen von IJmuiden anlaufen. Die letzten 23 Kilometer im IJgeul werden durch die Leuchtfeuerlinie der beiden Leuchttürme von IJmuiden markiert. Grundsätzlich müssen Schiffe mit einem Tiefgang über 14,10 Metern im IJgeul fahren.
Am Kanal neben dem kleinen Leuchtturm von IJmuiden befindet sich das Hafenbetriebszentrum (Haven Operatie Centrum HOC) mit der Verkehrszentrale (Vessel Traffic Service) zur Schiffslenkung im IJgeul und im Nordseekanal. Daneben ist dort auch die Einsatzzentrale von Nederlands Loodswezen für die Region Amsterdam-IJmond. Die Lotsen werden zu und von den Schiffen durch Lotsenboote versetzt, die am Kopf der ersten Schleuseninsel ihren Standort haben.
Mit Passieren der beiden Molenfeuer an der Hafeneinfahrt beginnt der Vorhafen von IJmuiden. Die beiden Molen wurden in den 1960er Jahren verlängert auf 2.500 (Nord) bzw. 3.000 Meter Länge (Süd) und haben seitdem einen asymmetrischen Grundriss in Halbrundform. Sie geben eine Einfahrtsöffnung von 750 Meter Breite frei. Südlich und damit hinter der alten Südmole liegt heute der Yachthafen Seaport Marina IJmuiden, einer der wenigen Jachthäfen in den Niederlanden, die einen direkten Zugang zur Nordsee besitzen. Diesem folgen in Richtung Osten die Hafenbecken IJmondhaven, Haringhaven und der Vissershaven. Inmitten des Einfahrtsbereichs (Havenmond) liegt das Forteiland mit der Festung IJmuiden, das von den beiden Zufahrtskanälen zu den Schleusen umgeben ist. Der nördliche Kanal (Noorder Buitenkanaal) ist gleichzeitig die Zufahrt zum Averijhaven (dt. Havariehafen) und dem Hoogovenhaven, an dem das Stahlwerk Hoogovens mit den zwei Hochöfen liegt. Nur dieser Zufahrtskanal hat ausreichende Tiefe für Schiffe mit maximalem Tiefgang. Da der maximale Tiefgang für den Nordseekanal 'nur' 13,75 Meter (in Salzwasser) beträgt, müssen Schiffe mit zu viel Tiefgang vor der Einfahrt in die Schleusen an den IJ-Dalben geleichtert werden. Dies soll zukünftig im Havariehafen erfolgen.
Hinter dem Havenmond schließt sich in östlicher Richtung die große Schleusenanlage an, durch die der Nordseekanal vom Tidegeschehen der Nordsee entkoppelt wird. Über eine Länge von 1500 Metern liegen gestaffelt hintereinander fünf Schleusen für die Schifffahrt und ein Entwässerungskanal (Spuikanaal). Südlich der Schleusenanlage erstreckt sich die Innenstadt von IJmuiden.
Details siehe: Schleusenanlage
Die Kilometrierung der Wasserstraße beginnt hinter den beiden ältesten Schleusen am Südufer des Kanals. Entlang der Kanaltrasse zweigen insgesamt 10 Seitenkanäle ab und erschließen bzw. entwässern das Hinterland. Die anfangs errichteten zwei Eisenbahnbrücken über den Kanal (Velserspoorbrug und Hembrug) wurden durch Tunnel ersetzt. Bei km 11,5 wird mit dem Afrikahafen das westliche Hafengebiet von Amsterdam erreicht. Über eine Länge von 10 Kilometern erstrecken sich in der Folge südlich der Kanaltrasse weitere Hafenbecken, die noch mit dem maximal möglichen Tiefgang erreicht werden können. Direkt hinter dem Coentunnel der Autobahn A10 endet der Nordseekanal am Mercuriushafen, dem letzten Becken des Seehafens von Amsterdam.
Der restliche Teil der Kanaltrasse wird als Binnen-IJ bezeichnet und weist noch eine Wassertiefe von 11 Metern auf. Hier liegt östlich des Amsterdamer Hauptbahnhofs (Amsterdam Centraal) das Passenger Terminal Amsterdam, an dem die Kreuzfahrtschiffe festmachen.Nordseekanal auf: wijkstra.net (niederländisch) Nach sieben Kilometern endet das Binnen-IJ an den Oranjesluizen bei Schellingwoude. Dahinter beginnt das Außen-IJ als Teil des Markermeers, über das die Binnenschiffe ins IJsselmeer und zum niederländischen Wattenmeer gelangen. Vor den Schleusen zweigt in Richtung Süden der Amsterdam-Rhein-Kanal ab.
Im Nordseekanal gelten für die Schiffe Beschränkungen der Geschwindigkeiten in Abhängigkeit von ihrem Tiefgang:Maximale Geschwindigkeiten im Nordseekanal auf portofamsterdam.com (niederl.) Tiefgang unter 4 Meter: 18 km/h (9,7 Knoten) Tiefgang von 4 bis 8 Meter: 14 km/h (7,5 Knoten) Tiefgang über 8 Meter: 12 km/h (6,5 Knoten)
Errichtung des Kanals Entstehungsgeschichte mini|Zeichnung über den Verlauf des Nordseekanals 1863
Amsterdam liegt am Südende der ehemaligen Nordseebucht Zuiderzee an der Mündung der Amstel in die IJ-Bucht, einem Nebenarm der Zuiderzee. Sein Hafen mit den Werften lag seit dem 16. Jahrhundert an der Ostseite der alten Innenstadt. Die einzige Zufahrt von der Nordsee zum Hafen von Amsterdam führte durch die Zuiderzee, dem heutigen IJsselmeer. Doch im Laufe der Jahre versandete diese Zufahrt immer mehr, sodass man über andere Möglichkeiten nachdachte. Dies führte im Auftrag von König Wilhelm I. zum Bau des 80 Kilometer langen Nordhollandkanals, der seit 1824 Amsterdam mit der Küstenstadt und dem Marinehafen Den Helder im Norden verbindet. Doch der Kanal mit zehn Meter Sohlbreite und einer Wassertiefe von sechs bis sieben Metern wurde recht schnell zu klein für die immer größer werdenden Schiffe und den angewachsenen Schiffsverkehr. Daher musste erneut nach einer Alternative gesucht werden.Bau des Nordseekanals auf: theobakker.net (niederländisch)
Die Stadtverwaltung von Amsterdam bevorzugte eine möglichst kurze Kanaltrasse direkt zur Nordsee über das IJ, das in der Mitte des 19. Jahrhunderts im Westen mit dem Wijkermeer bis an die Dünen von Velsen reichte. Dort war zu der Zeit die engste Stelle von Nordholland mit nur sieben Kilometer Breite, die für einen Kanalbau durchbrochen werden musste. Lange Zeit scheute man diese Möglichkeit, da man bei einer Schwächung dieser Stelle die Gefahr sah, dass bei einem Durchbruch der Nordsee das halbe Land überflutet würde. Doch im Jahr 1863 erteilte der König per Dekret eine Konzession an die Firma De Amsterdamsche Kanaal Maatschappij (AMK) zum Bau des Nordseekanals mit Durchbruch an den Velser Duinen. Hintergrund war auch die Absicht des Königs die Arbeitslosigkeit zu bekämpfen. Jedoch fand sich keine niederländische Firma für die vorgesehenen Arbeiten und es musste die englische Firma Henry Lee & Son mit Erfahrungen beim Bau von Häfen beauftragt werden.WDR - Stichtag 29. April 1930
Bau und erste Betriebsjahre mini|Die ersten Schleusen im Bau – Aquarell von Johan Conrad Greive jr
Die Bauarbeiten begannen 1865. Zur Ausbildung der Kanaltrasse wurde das IJ eingepoldert und mit Deichen von insgesamt 17 Kilometern Länge versehen. Die beidseitigen Polderflächen von 5.500 Hektar (55 km²) wurden verkauft und für die Finanzierung des Kanalbaus verwendet. Auch wenn es schon dampfgetriebene Bagger gab, musste der Durchbruch bei den Velser Dünen zur Nordsee weitgehend von Hand mit Schaufel und Schubkarre geschaffen werden. Die Arbeiter lebten unter erbärmlichen Umständen in Holzhütten aus Strandgut und Lehm oder in Erdlöchern. Wer das Glück hatte, in einer Scheune zu wohnen, musste Wuchermieten bezahlen. Krankheiten, Schlägereien und Alkoholmissbrauch waren an der Tagesordnung.Die Eröffnung des Nordseekanals in: Oneindig Noord-Holland onh.nl Nach 11 Jahren am 1. November 1876 konnte der Kanal durch König Wilhelm III eröffnet werden. Die geplante Tiefe des Kanals war zu Anfang noch nicht gegeben und musste in den folgenden zwei Jahren noch mit Baggerschiffen ausgehoben werden. Das erste voll beladene Schiff, das Amsterdam ungehindert erreichen konnte, traf im Oktober 1878 ein. Zu der Zeit hatte der Kanal eine Sohlbreite von 27 Metern und die erforderliche Wassertiefe von rund sieben Metern.
Am westlichen Ende des Kanals entstand am Südufer die Hafenstadt IJmuiden (niederländisch für IJ-Mündung) mit den ersten zwei Schleusen. Auf Amsterdamer Seite wurde ein Damm mit einer Schleuse als Abschluss zur Zuiderzee errichtet. Auf Drängen der Stadt Amsterdam und der Binnenschiffer wurde die Anzahl der Schleusen auf drei erhöht und das Areal als Oranjesluizen bezeichnet.
Finanziell war der Kanal für die AMK kein Erfolg und sie musste die Konzession zurückgeben. Der niederländische Staat übernahm 1883 die Verantwortung für den Bau des Kanals. Zwischenzeitlich war die Nutzung des Kanals durch Seeschiffe ständig gestiegen und auch die Schiffe waren immer größer geworden, sodass ein Ausbau dringend erforderlich wurde. Neben der Verbreiterung und der Vertiefung der Kanaltrasse entstand bis 1896 eine dritte größere Schleuse in IJmuiden.
Weiterer Ausbau des Kanals Der Kanal hat das Wachstum des Amsterdamer Hafens sehr gefördert und dazu geführt, dass er beim Güterumschlag derzeit auf Platz vier in Europa liegt und nach Rotterdam Europoort der zweitgrößte Seehafen in den Niederlanden ist. Sein Ausbau war zunächst nur ausgelegt für das niederländische Hinterland. Erst durch den Bau und die Eröffnung des Amsterdam-Rhein-Kanals im Jahr 1952 kam die Ausrichtung des Hafens auch auf das internationale Hinterland hinzu. Mit dem 'Allgemeinen Ausbreitungsplan' (Algemeen Uitbreidingsplan) wurde in den 1950er Jahren das westliche Hafengebiet mit weiteren Becken ausgebaut und der Kanal vertieft. Dagegen verlor das alte Hafengebiet im Osten an Bedeutung und es entstanden dort ab 1990 neue Wohngebiete. Über die Jahre wurde der Kanal mehrfach vertieft und verbreitert (S. 20 inG.J. Arends (2001): Schleusen und Pumpwerke am Nordseekanal auf: publicaties.minienm.nl (niederländisch)) und besitzt heute eine Sohlbreite von 170 Metern bei einer Oberflächenbreite von ca. 270 Metern. Die derzeitige Tiefe beträgt 15,10 Meter und ist damit die maximal mögliche Tiefe des Kanals, die durch die Scheitelpunkte der beiden Tunnelbauwerke bei Velsen vorgegeben ist. Der maximal zulässige Tiefgang für den Nordseekanal (Süßwasser) beträgt wegen des notwendigen Sicherheitsabstands 14,05 Meter. Dies entspricht einem Tiefgang in Salzwasser von 13,75 Meter.Fahrweginformationen Nordseekanal auf portofamsterdam.com (niederl.)
Ausbau des Nordseekanals Jahr Tiefe Sohlbreite 1876–1883 8,00 m 27 m 1889–1896 9,00 m 25 m 1897–1898 9,50 m 36 m 1902–1907 10,30 m 50 m 1929–1939 12,50 m 75 m Plan 1955 15,00 m 100 m 1960–1979 16,00 m 170 m Quelle:Kennziffern zum Nordseekanal (2004) PDF auf publicaties.minienm.nl (niederl.)
Schleusenanlage IJmuiden Bau der Schleusenanlage mini|Schleusenanlage vor dem Zweiten Weltkrieg – noch ohne Brücken