Der Kriminalitätsrückgang (engl. oder ) ist eine Theorie in der Kriminologie und ein Phänomen in der Kriminalitätsstatistik. Er beschreibt die Abnahme statistisch erfasster Straftaten in einigen Staaten.
Beobachtungs- und Forschungsgegenstand in der westlichen Welt sind zwei unterschiedliche zeitliche Phasen: Ein kürzerer Zeitraum von den frühen 1990er-Jahren bis zur Gegenwart und ein längerer vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Die längerfristige Betrachtung wurde von den späten 1950er- bis Anfang der 1990er-Jahre von einem großen Anstieg der Kriminalität unterbrochen.
Seit Beginn des 21. Jahrhunderts wird in Europa, Asien und einigen weiteren außereuropäischen, meist englischsprachigen Staaten vor allem ein Rückgang der Gewaltkriminalität beobachtet. Die statistische Entwicklung weicht jedoch von der öffentlichen Wahrnehmung oft ab.
Zumindest seit den 1960er-Jahren stieg in den westlichen Staaten die Anzeigebereitschaft zunächst an. Verhalten, das früher als inakzeptabel betrachtet und eher zivilrechtlich verfolgt wurde, wird zunehmend der Polizei gemeldet. Vor diesem Hintergrund erscheint der Kriminalitätsanstieg bis in die 1990er zu hoch und der Rückgang seither zu gering. Zudem haben sich sowohl das Strafrecht als auch die Methoden der statistischen Erfassung verändert.
In einigen Bereichen lässt sich jedoch eine Zunahme beobachten: Dies gilt vor allem in neuerer Zeit für die Internetkriminalität und die Drogenkriminalität. Eine zunehmende Sensibilität hat sich außerdem im Bereich des Sexualstrafrechts ergeben.
Auch wenn es bisher keine allgemein anerkannte Erklärung für den beobachteten Kriminalitätsrückgang gibt, wird von vielen Kriminologen der allgemeine Zivilisationsprozess als Ursache vermutet. Die zunehmende gegenseitige Abhängigkeit einerseits und die Ausweitung des Staates mit erstarkten Institutionen wie Schule, Familie, Kirche und Bürokratie würden den individuellen Charakter der Menschen verändern, was zu einer zunehmenden Verhaltenskontrolle und Sensibilität führe.
Öffentliche Wahrnehmung Sinkende Kriminalitätsraten sind eigentlich eine gute Nachricht. Sie führen zu weniger Opfern und weniger Arbeit für die Politik. Trotzdem ist diese Entwicklung in der Öffentlichkeit bisher eher unbekannt, was manche Experten wundert. In den Massenmedien spielt das Phänomen eines Kriminalitätsrückgangs praktisch keine Rolle. Steven Pinker führt das auf die Fokussierung der Medien auf negative Darstellungen zurück. Er meint:
Ob ein Thema in den Medien bearbeitet wird, hängt vom Nachrichtenwert ab. Dieser wird wiederum von den Aufmerksamkeitsfiltern der Kundschaft bestimmt. Langsame Verbesserungen ziehen keine Aufmerksamkeit auf sich, angsterzeugende Nachrichten jedoch sehr. In den letzten Jahren kommt hinzu, dass Soziale Medien die emotionale Debatte weiter aufheizen und dort teilweise falsche Statistiken große Aufmerksamkeit bekommen. Im Wettbewerb mit den Sozialen Medien stellen die klassischen Medien Vorfälle gerne größer dar beziehungsweise sensationalisieren sie.Julia Ebner ab Minute 10:00, sowie 29:40 in Am Puls mit Dunja Hayali - Die Innere (Un-)Sicherheit vom 21. August 2025 Durch ihre Abhängigkeit vom wirtschaftliche Erfolg ist ihre Funktion als Vierte Gewalt eingeschränkt.Ulrich Wickert:
Der Kriminologe Hans-Jörg Albrecht attestiert vielen europäischen Ländern „Teilnahmslosigkeit“ angesichts des Kriminalitätsrückgangs. Innen- und Rechtspolitik griffen den deutlichen Rückgang nicht auf und würden ihre Kriminalitätspolitik „contra factum“ mit einer steigender Bedrohung begründen.
Rafael Behr, Professor für Polizeiwissenschaften, meint, es gäbe Interessengruppen, die etwas davon haben, zu sagen, dass die Gewalt steige. Insbesondere konservative Sicherheitspolitiker suchten Gründe, um in die Polizei zu investieren, weil sie damit in Anspruch nehmen könnten, sie seien „die, die für Sicherheit sorgen“.
Durchschnittliche Bürger bewerten ihren von unmittelbarer Erfahrung geprägten Nahbereich zwar als sicher. Werden sie jedoch zur Situation ihres Landes oder der Welt befragt, sehen sie viele Krisen und äußern sich pessimistisch. So zeigte eine Umfrage, dass US-Bürger die seit 1992 fallenden Kriminalitätsraten nicht wahrnahmen und fast in jedem Jahr steigende Raten annahmen.
Tötungsdelikte als Vergleichswert Wegen der vergleichsweisen Eindeutigkeit und geringen Dunkelziffer eignen sich Häufigkeitszahlen von Morden gut, um Kriminalität über lange Zeiträume und über nationale beziehungsweise geographische Distanzen zu vergleichen. Mord wurde und wird praktisch universell verdammt und relativ einheitlich definiert. Statistiken zu Tötungsdelikten werden als relativ zuverlässig betrachtet, sowohl im historischen Kontext als auch im Vergleich zwischen Nationen. Als eine messbare und häufig verfügbare Größe sind Zahlen zu Tötungsdelikten ein begründeter Vergleichswert (Proxy) für Gewaltkriminalität und ein Indikator für Gewalt in einem Staat.
mini|400px|Langfristige Rate von Tötungsdelikten in Westeuropa
Um die noch verbleibenden Differenzen bei der Definition von Tötungsdelikten für statistische Zwecke zu überwinden, entwickelte das Büro der Vereinten Nationen für Drogen- und Verbrechensbekämpfung die internationale Klassifikation von Kriminalität für statistische Zwecke. Diese Definition eignet sich für ungesetzliche Tötungen sowohl in kriegerischen als auch in nicht-kriegerischen Situationen. Darin wird Mord als die „ungesetzliche Tötung einer Person mit der Absicht den Tod oder schwere Verletzungen herbeizuführen“ definiert.
Rückgang seit dem Mittelalter in Westeuropa Seit Anfang der 2000er-Jahre ist in der Kriminologie bekannt, dass es in Europa zumindest seit dem späten Mittelalter einen mehr oder weniger gleichmäßigen Rückgang der Häufigkeit von Morden gibt. Cambridge-Professor Manuel Eisner veröffentlichte 2003 eine entsprechende Studie.
Das Diagramm basiert im Wesentlichen auf Eisners Zahlen. Darüber hinaus wurden von Max Roser in Our World in Data Ergänzungen und Fortschreibungen vorgenommen.Homicides - Our World in Data Die Daten stehen unter der Lizenz Creative Commons BY license., abgerufen am 2. März 2019 Die Werte sind als Fallzahlen pro 100.000 Einwohner pro Jahr angegeben (Häufigkeitszahl). Es zeigt eine drastische Abnahme der Mord-Raten vom späten Mittelalter bis zur Gegenwart. Die Häufigkeit sank von 20 bis 70 Fällen pro 100.000 Einwohner und Jahr auf circa einen Fall.
Weitere Forschungen kamen zum Schluss, dass ungefähr zwischen den Jahren 1200 und 1450 die Mordraten in Europa in Friedenszeiten durchschnittlich bei ca. 27 pro 100.000 Einwohner lagen. In den folgenden 500 Jahren, bis zum frühen 20sten Jahrhundert, gab es einen relativ ungebrochenen Rückgang mit einer Halbierung der Raten pro Jahrhundert, also einer Abnahme von 0,5 % pro Jahr.
In seinem Buch Gewalt: Eine neue Geschichte der Menschheit leistet Steven Pinker einen Beitrag zur Erforschung des Kriminalitätsrückgangs. Er führt darin die Arbeiten von Eisner und Roser durch Untersuchungen weiter in die Vergangenheit fort. Pinker ergänzt ins Altertum und bis zu Jäger-und-Sammler-Kulturen, wo er einen nochmals höheren Gewaltlevel als im Mittelalter ausmacht. Wegen unzureichender Daten, auf die Pinker viele Aussagen stützt, wurde er kritisiert.Herfried Münkler: Steven Pinker: Gewalt: Alle Kurven weisen auf den ewigen Frieden. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18. Oktober 2011. Abgerufen am 29. Dezember 2019. In diesem Buch, sowie in Aufklärung jetzt: Für Vernunft, Wissenschaft, Humanismus und Fortschritt. Eine Verteidigung (2018), und in Vorträgen verbreitete Pinker wissenschaftliche Erkenntnisse um einen Kriminalitäts- beziehungsweise Gewaltrückgang in der Öffentlichkeit.
Anstieg von den späten 1950er- bis Anfang der 1990er-Jahre
Die meisten Kriminologen stimmen überein, dass es in der westlichen Welt einen Anstieg der Gewaltkriminalität wie Raub, Körperverletzung und Mord gab, der sich von den späten 1950er-Jahren beziehungsweise in manchen Staaten der frühen 1960er bis in die frühen 1990er hinzog. Für die Ursachen dieses Anstiegs gibt es vielfältige kriminologischer Erklärungen, die sich allerdings gegenseitig widersprechen. Mehrere Kriminalitätshistoriker meinen nun, dass es sich dabei um eine kleine Abweichung des seit Jahrhunderten anhaltenden Trends des Rückgangs handelt. Um die historische Perspektive zu verdeutlichen, verankert Manuel Eisner diese Periode in den Rückgang davor und danach.
Rückgang seit Anfang der 1990er-Jahre mini|400px|Trend der Tötungsraten von 1990 bis 2017 für: Asien, Australien und Neuseeland, Europa, Nordamerika, Welt mini|400px|Zunehmende Tötungsraten der Regionen Mittel- und Südamerika. Untere Kurve: Welt
Das Büro der Vereinten Nationen für Drogen- und Verbrechensbekämpfung untersucht die internationale Kriminalitätsentwicklung anhand von Mord-Raten. Die Diagramme stammen von der 2019 herausgegebenen globalen Studie zu Tötungsdelikten.
Ein Rückgang lässt sich in folgenden Regionen beobachten: Europa, Nordamerika, Australien und Neuseeland, Asien. In Europa war der Rückgang am deutlichsten. Die Zahlen fielen hier um fast zwei Drittel von 8,8 Fällen pro 100.000 Einwohner (1994) auf 3 (2017).
Auf der Erde insgesamt gab es nur einen kleinen Rückgang von 7,4 (1993) auf 6 (2007). Seither stagnieren diese Werte. Das liegt daran, dass es auch Regionen mit einer Zunahme gab, die die Erfolge in den rückläufigen Regionen fast ausglichen. Zunahmen zumindest von Mordraten gab es in Mittel- und Südamerika, besonders in bestimmten Karibikstaaten. Spitzenreiter sind hier El Salvador mit 61,8 und Jamaika mit 57 Fällen pro 100.000 Einwohnern (2017).
Afrika und Ozeanien werden hier nicht aufgeführt, weil die verfügbaren Daten bruchstückhaft und unzuverlässig sind.
Andere Delikte
Grundsätzlich ist zwischen Delikten zu unterscheiden, die nur nach einer Strafanzeige verfolgt werden, und solchen, die im öffentlichen Interesse des jeweiligen Staates aufgeklärt werden. Die Gründe für eine Nichtanzeige bei Straftat können sehr verschieden sein.
Es gibt umfassende Belege für eine parallele Entwicklung von Kriminalitätsraten in westlichen Staaten zwischen den 1960er- und 1990er-Jahren, mit gelegentlichen Verschiebungen in bestimmten Staaten. Die Raten erreichten ihren Höhepunkt in den 1990ern und fallen seither. Vermögensdelikte wie Einbruch und Diebstahl sind in allen westlichen Staaten seit den 1990ern gefallen. Dieser Rückgang setzte sich sogar durch die Rezession fort, die ab 2008 die meisten westlichen Staaten traf.
Dagegen stieg z. B. die Infektion von Rechnern mit Schadsoftware, die zum Identitätsdiebstahl dient (etwa der Ausspähung von Bankkontendaten), vom ersten zum zweiten Halbjahr 2008 um 800 Prozent.Elinor Mills: (Cnet, 10. März 2009)Schadcode wird mehr und mehr "von Hand" verbreitet (Heise Security, 15. April 2009); (Europa, Naher Osten, Afrika – Symantec, PDF, 50 S., 1,12 MB)
Bei speziellen Delikten wie dem Taschendiebstahl gibt es auch Schwankungen, die deutlich vom Trend insgesamt abweichen: Die Häufigkeit der Delikte war in Deutschland zunächst steigend. Nach kleineren Schwankungen verdoppelte sie sich jedoch zwischen 2008 und 2015. Bis 2021 fielen die Zahlen so schnell, wie sie zuvor angestiegen waren, auf das Niveau von 1990 zurück.
Anzeigebereitschaft Untersuchungen in den USA zeigten, dass die Anzeigeraten für Vergewaltigung und häusliche Gewalt in den 1970er-Jahren zu steigen anfingen und sich seit Mitte der 1980er substantiell erhöhten. Eine Auswirkung davon war, dass der scheinbare Anstieg von Gewaltkriminalität in den 1970ern und 1980ern überschätzt und der neuere Rückgang substantiell unterschätzt wurde.