mini|Dürer: Christus als Schmerzensmann Das Bild Melencolia I aus dem Jahre 1514 ist einer der drei Meisterstiche Albrecht Dürers. Der Kupferstich misst 24,2 cm × 19,1 cm. Er gilt als eine Glanzleistung Dürers, gibt aber dem Betrachter viele Rätsel auf und zeichnet sich durch eine komplexe Ikonographie und Symbolik aus. Die Nummer nach dem Titel ist als Klassifizierung nach den Lehren von Agrippa von Nettesheim (De occulta philosophia) gedeutet worden, wonach der Planet Saturn, der den Melancholiker beeinflusst, drei Arten des Genies hervorbringt – die erste Stufe wird hier verdeutlicht. Zum Thema wird dieses Motiv für den Künstler, da er sich als Genie oft in einer ähnlichen Gemütsverfassung wiederfindet wie die abgebildete Allegorie, nämlich mit dem Willen zum Schaffen, aber unfähig, etwas zu tun. Eine ganz ähnliche Darstellung und Haltung der Figur findet sich in Dürers Bild Christus als Schmerzensmann, das sich im Besitz der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe befindet.
Bildinhalt Die das Bild beherrschende Figur ist eine weiblich gekleidete und engelhaft geflügelte Gestalt, die auf einer Stufe sitzt und in ihrem Schoß einen Zirkel und ein mit einer sichtbaren Schließe verschlossenes Buch hält. Am Gürtel ihres Kleides hängen ein Schlüsselbund und ein Geldbeutel. Auf einer Vorzeichnung zum Kupferstich notierte Dürer, dass Schlüssel und Geldbeutel Macht und Reichtum symbolisieren. Zu Füßen der inaktiven Hauptfigur liegt ein ebenfalls inaktiver, in sich gerollter Hund. Rechts der Hauptfigur sitzt auf einem Mühlstein ein Knabe, Putto oder „genius“, dessen linker Stummelflügel den rechten Flügel der Hauptfigur berührt. Der Putto stützt sich auf ein Täfelchen (Cartolino) und hält einen Gravierstichel, dessen Ende einen Radierschaber trägt.Für den Putto sind zwei Vorskizzen erhalten: SL,5218.39 im British Museum und in der British Library Sloane 5229, fol. 60. Diese Vorskizze trägt außerdem eine Inschrift „Schlüssel betewt gewalt, pewtell betewt reichtum“. Siehe dazu Lassnig 2008, S. 53. Auf dem Boden liegen Gegenstände verstreut herum: Hammer, Zange, Nägel, Säge, Hobel, Richtscheit. Das siebente Werkzeug ist ein Streichmaß (), mit dem parallele Linien entlang einer Kante angerissen werden können. Neben dem Hund liegt eine zweiteilige Schlagschnur-Gerätschaft. Sie besteht aus einem Schlagschnur-Behälter und einem Farbbehälter. Zusätzlich liegen eine Kugel und ein sehr großes Polyeder auf dem Boden. Form und Bedeutung des letzteren sind erklärungsbedürftig (siehe unten). Hinter dem Polyeder steht ein kleines Gefäß mit brennender Kohle, darauf ein zeittypisch dreieckiger Metallschmelz-Tiegel. Daneben liegt eine große Zange zum Greifen des heißen Tiegels. Am Gebäude hinter den beiden Figuren hängen eine gleicharmige Balkenwaage ohne Inhalt, eine Sanduhr, eine Sonnenuhr und eine Glocke, deren Zugseil aus dem Bild herausführt. An der Wand lehnt eine Leiter mit sieben sichtbaren Sprossen. mini|Magisches Zahlenquadrat Unterhalb der Glocke ist ein magisches Quadrat, das Magische Dürer-Quadrat, auf eine Metallplatte graviert, in die Wand eingelassen. Die Summe aller Reihen, Spalten, Diagonalen, Quadranten und der Ecken ergeben jeweils 34. Es enthält die Zahl 1514, das Jahr, in dem das Kunstwerk geschaffen wurde (wiederholt zusammen mit dem üblichen AD-Signet auf der Stufe am rechten Bildrand). Um die Jahreszahl 1514 befinden sich die Zahlen 4 und 1, die für Dürers Initialen nach ihrer Position im Alphabet stehen könnten. Im Bildhintergrund sieht man links Meer, Land und eine Stadt. Der dunkle Himmel darüber wird von einem strahlenden Kometen (oder glühenden Meteorit) erhellt und von einem Mondregenbogen überspannt. Die Figuren im Vordergrund des Bildes werden von einer Lichtquelle beschienen, die sich rechts oben hinter dem Betrachter befindet. Das könnte ein Vollmond sei. Dieser muss – physikalisch gesehen – dort stehen, wenn ein Mondregenbogen an der Stelle entstehen soll, an der ihn Dürer platziert hat.
Deutungen Das rätselhafte Werk verschließt sich einer vollständigen Interpretation bis heute, obwohl sie seit seinem Entstehen immer wieder versucht wurde. Eine der vorgebrachten Deutungen stammt von dem Kunsthistoriker Erwin Panofsky.
Einer der Deutungsansätze besteht darin, den Kupferstich insgesamt als eine Allegorie der Melancholie, um nicht zu sagen, der Depression zu sehen. Der Stich ist im Übergang vom Mittelalter zur Deutschen Renaissance entstanden, deren Wegbereiter Albrecht Dürer war. Das herumliegende Werkzeug und der mit einem Stichel an einer Platte arbeitende Putto trägt der mittelalterlichen Verbindung von Kunst und Handwerk Rechnung, Polyeder und magisches Quadrat verweisen auf die Verbindung von Wissenschaft und Kunst in der Renaissance. Dementsprechend sah Erwin Panofsky in dem Bild einen Ausdruck für die Melencolia Artificialis, eine Künstlermelancholie, die nicht depressiv, sondern genial ist, aber vom Planeten Saturn beeinflusst zur Schwermut neigt. Zugrunde liegt dieser Aussage eine Umdeutung der Melancholie durch den Florentiner Marsilio Ficino,Johann Konrad Eberlein: Albrecht Dürer. rororo Monographie, Reinbek bei Hamburg, 2003, S. 119. demzufolge diese als einzige der vier Temperamente zur Kreativität befähigt. Daher war dies für den Maler Dürer auch ein Thema für seine Kunst, die sich aus denselben Quellen speist. Er wusste aus eigener Erfahrung von den Gefahren, die bei einer zu großen geistigen Anspannung lauern und hat dies durch die Personifikation der Melencolia zum Ausdruck gebracht.
Möglich wäre aber auch eine andere Deutung: Dürer kannte von seinen Italienreisen die neue Kunstströmung der Renaissance, die nördlich der Alpen etwa hundert Jahre später als in Italien einsetzte. Ihr könnte die sinnende Frauengestalt entgegensehen. Das Mittelalter geht zu Ende (Stundenglas), eine neue Zeit wird bald eingeläutet (Glocke), es geht aufwärts (siebensprossige Leiter), Licht (Erkenntnis) verbreitet seine Strahlen am Himmel, überwölbt von einem Regenbogen (Segen). Das Gewohnte ist bald dahin (Abschied und Melancholie). Für die künftigen Aufschwünge (Flügel) in Wissenschaft und Kunst ist die noch reglos sitzende Frauengestalt bereits mit frischen Zweigen bekränzt. Das hässliche kleine Flugtier und Fabelwesen, das das Spruchband trägt (bei genauer Betrachtung dürfte das Spruchband aus der Innenseite der Bauchhaut des Wesens bestehen, die gleichsam am Himmel aufgespannt ist), steht für die Gefahr, im Sinnieren steckenzubleiben, sich nicht aufzuraffen, um etwas zu tun.
Dürer, der auch wissenschaftliche Werke (über Mathematik, zur Perspektive und über menschliche Körperproportionen) verfasste, scheint viel von seinem Selbstverständnis in das Bild eingearbeitet zu haben. So könnten Polyeder und Kugel (als die den Polyeder umschreibende Hilfskonstruktion) auf die von ihm erfundene zeichnerische Konstruktionsmethode von Polyedern hindeuten. Fest steht, dass die geometrischen Gegenstände auf die neuen wissenschaftlichen Hilfsmittel hinweisen, derer sich der Künstler nun auch bedienen sollte. mini|Holzschnitt Typus geometriae aus Gregor Reisch: Margarita philosophica, 1504 Im Allgemeinen sind die aufgeführten Werkzeuge neben den geometrischen Formen aber Symbole des schöpferischen Bemühens, wie sie schon Gregor Reisch in seiner Enzyklopädie Margarita philosophica (1504) in einem Holzschnitt mit dem lateinischen Titel Typus geometriae abbildete. Sie sollten als Aufforderung zum Tun verstanden werden, durch die die Welt verständiger und handhabbarer wird.
Das Gestirn im Hintergrund des Bildes hat Ursula Marvin vom Smithsonian Astrophysical Observatory als den Meteorit von Ensisheim vom 7. November 1492 gedeutet.Ursula B. Marvin: The meteorite of Ensisheim – 1492 to 1992. In: Meteoritics. Band 27, 1992, S. 28–72; Christopher Cokinos: The Fallen Sky: An Intimate History of Shooting Stars. Tarcher/Penguin, New York 2009. Dürer hatte sich zu der Zeit im 38 Kilometer von Ensisheim entfernten Basel aufgehalten und die Explosion des Meteoriten auf die Rückseite einer kleinen Holztafel gemalt, mit seinem Gemälde des Hieronymus als Büßer auf der Vorderseite. Der Kunsthistoriker David Carritt ordnete das Werk 1956 Dürer zu.H. J. F. Jones: Carritt, (Hugh) David Graham (1927–1982), art historian and picture dealer. In: Oxford Dictionary of National Biography (englisch).
mini|Quadrato magico „a Gjove“ Innerhalb des magischen Quadrats von Melencolia § I sind die zu erkennenden Kombinationen vielfältig und überraschend:Ezio Fiorillo, Melencolia § II, S. 79–81, All’insegna del Matamoros, Algua (Bergamo) 2016. In italienischer Sprache. Digitale Ausgabe. ISBN 978-88-907489-6-7.
Da diese versprochenen Zahlen im Manuskript nicht grafisch sichtbar sind, wurde die Komposition mit blauen Zahlen vervollständigt (siehe Bild). Das magische Quadrat von Melencolia § I stellt eine joviale Übung (lat. iovialis, von Iovis) dar, um den Einflüssen der Melancholie entgegenzuwirken. Diese These einer „jovialen Übung“ wird sogar noch übertroffen, wenn der Kunstbetrachter die Reihenfolge der Ziffern aus Dürers Magischem Quadrat auf das Koordinatensystem überträgt. Das zeichnerische Ergebnis offenbart und untermauert auf perspektivische Art den eigenen jovialen Anspruch Albrecht Dürers.Vgl. Wolfgang Kauer: Dürers Apotheose im Magischen Quadrat. In: Rätselhaftes. Die Magie der Geometrie, Arovell-Verlag: Wien 2025, S. 30 f. Unten in der Mitte zeigt die Vereinigung der Ziffern 15 und 14 ein sehr trauriges Jahr an. „Die in Berlin aufbewahrte Zeichnung der Mutter (Kohle, L. 40) stammt aus dem Jahr 1514, dem Jahr der Melencolia. Es ist auch das Todesjahr der Frau“ (Heinrich Wölfflin, Albrecht Dürer [Die Kunst Albrecht Dürers], X, 4, p. 238, Salerno Editrice, Roma 1987).
Insgesamt gesehen erweist sich der Spielraum für denkbare Deutungen zu "Melencolia I" als sehr groß. Die Gefahr verstiegener Phantasiedeutungen ist offenkundig.
Zum "Polyeder": naturwissenschaftliche Perspektiven Einem sehr auffälligen Aspekt in Dürers Graphik wurde in kunsthistorischen Deutungen möglicherweise zu wenig Beachtung geschenkt: der ungewöhnlichen Größe des Polyeders im Bild. Den Fragen, was eine solche Hervorhebung motiviert haben könnte und was es mit dem Polyeder genau auf sich hat, haben sich Naturwissenschaftler zugewandt.D. P. Grigoriev und I. I. Schafranovsky: Über ein rätselhaftes Polyeder in Albrecht Dürers Kupferstich "Melencolia I" (1514). In: Fortschritte der Mineralogie. Band 50, 1973, S. 205–210; (dort auch weitere naturwissenschaftliche Literaturhinweise zu Dürers "Melencolia I")