mini|hochkant|Annemarie Jacir bei der Vorführung von Palestine 36 beim Red Sea International Film Festival 2025 in Dschidda Annemarie Jacir (; * 17. Januar 1974 in Bethlehem, Palästinensische Autonomiegebiete) ist eine palästinensisch-amerikanische Drehbuchautorin und Regisseurin. Ihr Spielfilmdebüt Das Salz des Meeres ist der erste Spielfilm einer palästinensischen Regisseurin. Jacirs Werke wurden im Rahmen von internationalen Festivals gezeigt, drei ihrer Spielfilme wurden als palästinensische Beiträge für die Oscars ausgewählt.
Leben Annemarie Jacir stammt aus einer der ältesten christlichen Familien Bethlehems. Sie wuchs dort und in Riad auf. Mit 16 Jahren schickten ihre Eltern sie in die USA auf eine Privatschule in Dallas. Anschließend besuchte sie ein College in Kalifornien. Sie arbeitete in der Filmbranche von Los Angeles, bevor sie in New York ein Masterstudium im Fach Film an der Columbia University absolvierte. Ihre Karriere beim Film begann sie als Editorin und Kamerafrau. Nach dem Studium kehrte sie nach Palästina zurück und pendelte zwischen Ramallah und New York. Nachdem ihr die israelischen Behörden im November 2007 die Wiedereinreise ins Westjordanland verwehrt hatten, lebte sie einige Zeit in Amman in Jordanien.
Um sich in Israel niederlassen zu können, nahm sie die US-amerikanische Staatsbürgerschaft an. Sie lebt mit Mann und Kind in Haifa, laut der Filmemacherin einer der wenigen Orte Israels, wo jüdische und arabische Israelis zusammenleben. Gemeinsam mit ihrer Schwester, der Künstlerin Emily Jacir, eröffnete sie 2019 in dem restaurierten, 1890 von ihrem Großvater erbauten Haus in Bethlehem ein Kulturzentrum, das „Dar Yusuf Nasri Jacir for Art and Research“. Es dient der Förderung von Bildung, Kultur und Landwirtschaft und bietet Residenzprogramme, Seminare und Workshops mit Schwerpunkt auf Bildender Kunst und Film an.Awad Hamad: Inaugural Exhibition of Dar Yusuf Nasri Jacir for Art and Research in Bethlehem. Bericht auf der Website der unabhängigen Qattan Foundation, 9. Juli 2019 Neben ihrer Filmarbeit schreibt Annemarie Jacir Gedichte, die u. a. in der Anthologie The Poetry of Arab Women. A Contemporary Anthology veröffentlicht wurden.Fayeq Oweis: Annemarie Jacir, in: Encyclopedia of Arab American Artists. Greenwood Publishing, London 2007, ISBN 978-0-313-33730-7, S. 165
Werk Filmemacherin Jacir arbeitet im Bereich des Independent-Films und hat als Drehbuchautorin, Regisseurin oder Produzentin an über 17 Filmen mitgewirkt. Sie drehte Kurz- und Dokumentarfilme sowie bis 2025 vier Spielfilme. Drei davon wurden als palästinensische Beiträge für den Oscar in der Kategorie „Bester ausländischer Film“ eingereicht, kamen jedoch nicht in die engere Auswahl. Sie gehört zu der kosmopolitischen Generation arabischer Filmschaffender, die seit den 1960er Jahren geboren und in Europa oder den USA ausgebildet wurden.Roy Armes: New Voices in Arab Cinema, Indiana University Press, 2015, ISBN 978-0-253-01528-0, S. 20–21. Jacirs Filme beschäftigen sich aus einer transnationalen Perspektive mit palästinensischer Identität vor dem Hintergrund der „Nakba“ – arabisch für Katastrophe – und mit der Suche nach kulturellen Wurzeln.
Sie war 1997 Mitbegründerin von Philistine Films, einer Produktionsgesellschaft der unabhängigen arabischen Filmszene, die 2003 ihren Kurzfilm Like Twenty Impossibles produzierte. Der 17-minütige Film ist wie eine Dokumentation inszeniert. Er folgt einer Filmcrew von der Westjordanland bis Jerusalem. Der Titel zitiert eine Zeile aus dem Gedicht Here we shall stay des Dichters Tawfiq Ziad.Anna Ball: Palestinian Literature and Film in Postcolonial Feminist Perspective, Routledge, London 2012, ISBN 978-1-138-10953-7, S. 122. Er war der erste arabische Film in der Auswahl des Filmfestivals von Cannes und wurde für die Student Academy Awards nominiert. Er gewann mehrere Preise bei internationalen Filmfestivals wie dem Palm Springs International ShortFest, dem Chicago International Film Festival, der Institut du monde arabe Biennale und dem Internationalen Filmfestival Mannheim-Heidelberg. Im Jahr 2004 wurde Jacir in die Liste der „25 neuen Gesichter im Indie-Kino“ der amerikanischen Zeitschrift Filmmaker aufgenommen.
Bereits 2003 drehte sie mit Like Twenty Impossibles den ersten palästinensischen Kurzfilm, der es in die offizielle Auswahl des Cannes-Filmfestivals schaffte. 2007 feierte sie in Cannes mit ihrem Spielfilmdebüt Das Salz des Meeres Premiere. Es ist der erste Spielfilm, der jemals von einer Palästinenserin gedreht wurde. Er handelt von der in Brooklyn geborenen Soraya, deren Familie 1948 während der Nakba aus Palästina vertrieben wurde. Jacir widmete Das Salz des Meeres dem Andenken an das Massaker von al-Dawayima. Der Film gewann einige internationale Preise, darunter das beste Drehbuch beim Internationalen Dubai Filmfestival. Bei der Verleihung widmete Jacir den Preis dem inhaftierten irakischen TV-Journalisten Muntaser al-Saidi, der kurz zuvor während einer Pressekonferenz in Bagdad als Symbol des Protestes seine Schuhe nach dem damaligen US-Präsidenten George W. Bush geworfen hatte.Dubai-Filmfestival. Schuhwerfer von Bagdad bekommt Drehbuchpreis, Spiegel Online, 18. Dezember 2008
Jacirs zweiter Spielfilm, When I Saw You (Lamma shoftak) aus dem Jahr 2012 schildert das Leben des elfjährigen Tarek, der mit seiner Mutter nach dem Sechstagekrieg von 1967 in einem fiktiven Flüchtlingslager in Jordanien gestrandet ist. Tarek vermisst seinen Vater und macht sich auf den Weg nach Hause. Er findet sich schließlich in einem Rebellencamp der Fedajin, palästinensischer Freiheitskämpfer, wieder. Neben anderen Auszeichnungen erhielt When I Saw You 2013 auf der Berlinale den NETPAC-Preis.
Ihr dritter Spielfilm Wajib – Hochzeit in Nazareth (2017) wurde beim Filmfestival von Locarno uraufgeführt. Das Roadmovie mitten durch Nazareth begleitet einen Vater mit seinem eigentlich als Architekt in Rom lebenden Sohn. Nach palästinensischer Tradition – man nennt sie „Wajib“ – überbringen sie die Einladungen zur Hochzeit der Tochter bzw. Schwester persönlich.Geri Krebs: «Wajib» – Hochzeit mit Hindernissen, NZZ, 7. März 2018 Jacir wurde zu diesem Film durch den „Wajib“ ihres Ehemannes inspiriert. In der kammerspielartigen Komödie verkörpern die Schauspieler Mohammad und Saleh Bakri Vater und Sohn, was sie auch im wirklichen Leben sind. Jacir thematisiere „parabelartig die Krux jener Großfamilien, die unter Muslimen ebenso anzutreffen sind wie im Kulturkreis arabischer Christen, aus dem sie stammt“, so die Kritik in epd Film.Manfred Riepe: Kritik zu Wajib, epd, 23. August 2019 Auch dieser Film gewann zahlreiche internationale Preise.
Jacirs aufwendig gedrehtes Historienepos Palestine 36 (2025) erzählt von gesellschaftlichen und persönlichen Umbrüchen während des Palästinensischen Aufstands von 1936 gegen die britische Kolonialherrschaft. Historisches Archivmaterial lieferte das Gerüst, vor dem sich die fiktive Geschichte abspielt. Bewusst aus palästinensischer Perspektive erzählt, schreibt Jacir die Antagonistenrolle der britischen Kolonialmacht zu. Palestine 36 feierte Premiere auf dem Toronto International Film Festival. In Jerusalem brach die Polizei im Januar 2026 eine geplante Vorführung von Palestine 36 ab und verhängte ein Vorführungsverbot. Der Film schaffte es auf die Shortlist für die Oscars 2026.
Jacirs Werk wurde mit Filmen gleichaltriger iranischer Regisseurinnen und Regisseure verglichen: Charakteristisch seien die scheinbar beiläufige, in Wirklichkeit durchdachte Kameraführung, natürlich wirkende Darstellung der Schauspieler und ein Hang zur Dramatik.
Aktivität bei Festivals und Filmstudien Im Jahr 2018 war Jacir Jurymitglied der Reihe Un Certain Regard in Cannes.Palestinian director and writer Annemarie Jacir is also among the four additional jurors for the official sidebar. The Hollywood Reporter, 7. Mai 2018 2020 wurde sie in die Wettbewerbsjury der 70. Internationalen Filmfestspiele Berlin berufen.Berlinale 2020: Internationale Jury. In: berlinale.de, 4. Februar 2020 (abgerufen am 4. Februar 2020).
Um das palästinensische Kino zu fördern, gründete sie zusammen Hamid Dabashi das Filmfestival „Dreams Of A Nation“, dessen Kuratorin sie 2003 und 2004 war.„I Wanted That Story to Be Told“, Interview mit Annemarie Jacir, in: Alif. Journal of Comparative Poetics, No. 31/2011, The Other Americas, S. 241–254 (Preview) Sie unterrichtete Filmarbeit an den Universitäten von Columbia, Bethlehem und Bir Zait sowie in Flüchtlingslagern in Palästina, im Libanon und in Jordanien.
Filmografie Kurzfilme 2001: A Post Oslo History 2001: The Satellite Shooters 2003: Like Twenty Impossibles 2005: Quelques miettes pour les oiseaux 2006: An Explanation – And Then Burn the Ashes Langfilme 2006: An Explanation – And Then Burn the Ashes Langfilme 2008: Das Salz des Meeres (Milh Hadha l-Bahr; Regie, Drehbuch, Produktion) 2012: When I Saw You (Lamma shoftak; Regie und Drehbuch) 2017: Wajib – Hochzeit in Nazareth (Wajib; Regie und Drehbuch) 2025: Palestine 36 (Palestine 36; Regie und Drehbuch)
Weblinks
Website von „Philistine Films“ Dar Yusuf Nasri Jacir for Art and Research Die Entstehung des Films Palestine 36, Regisseurin Annemarie Jacirim Gespräch mit Chris Hedges, 31. März 2026.
Einzelnachweise
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