mini|Darstellung des Sprechvorgangs in Echtzeit-Magnetresonanztomographie
Die Phonetik (, von ),Etymologie nach Wahrig, Deutsches Wörterbuch, Stichwort: Phonetik ist eine wissenschaftliche Disziplin, die Sprachlaute unter den folgenden Aspekten untersucht: Lautproduktion im Artikulationstrakt (Lunge, Kehlkopf, Rachen-, Mund- und Nasenbereich), die akustischen Eigenschaften der Laute in physikalischer Sicht und ihre Wahrnehmung und Verarbeitung durch Ohr und menschliches Gehirn. Die Phonetik ist ein eigenständiges interdisziplinäres Fachgebiet zwischen Linguistik, Anatomie, Physiologie, Neurologie, Physik und Mathematik. Der Gegenstandsbereich der Phonetik ist die gesprochene Sprache in all ihren Realisierungen.
Die Phonetik ist abzugrenzen von der Phonologie (als einem Teilgebiet der Sprachwissenschaft), die Sprachlaute unter einem anderen Aspekt untersucht. Die Phonologie ist Teil der Grammatik und behandelt Laute hinsichtlich der Funktion, die sie im System verschiedener Sprachen haben. Die Phonetik dagegen befasst sich mit den physikalischen, neurologischen und physiologischen Aspekten, die bei der Produktion, Übertragung und Wahrnehmung von Lauten relevant sind, und bedient sich dabei naturwissenschaftlicher Methoden.
Im Deutschen wird die Phonetik traditionell auch Lautlehre genannt, diese Bezeichnung unterscheidet die Phonetik aber nicht von Themen, die in den Bereich der Phonologie fallen.Siehe Helmut Glück, Michael Rödel (Hrsg.): Metzler Lexikon Sprache. 5. Auflage. Verlag J. B. Metzler, Stuttgart 2016, ISBN 978-3-476-02641-5. Im Lemma Phonetik S. 512 wird „Lautlehre“ als Synonym aufgeführt, dort weiter unten und in entsprechenden Verweislemmata jedoch auch eine ältere Unterscheidung zwischen „Sprechaktlautlehre“ (= Phonetik) und „Sprachgebildelautlehre“ (= Phonologie) angegeben. Die Bezeichnung „Lautlehre“ findet sich daneben in vielen Literaturzitaten, die Grammatik zum Gegenstand haben.
Angrenzende Fächer und verwandte Fachdisziplinen Abgrenzung zur Phonologie Die sprachwissenschaftliche Disziplin der Phonologie ist mit der Phonetik eng verwandt. Die Phonologie klassifiziert Laute und größere Einheiten aufgrund ihrer Verteilung und Funktion in einer spezifischen Sprache. Aufgrund von Minimalpaaren wie z. B. rot und tot oder hier und Tier identifiziert die Phonologie die kleinsten bedeutungsunterscheidenden Lautsegmente der betreffenden Sprache, die Phoneme (hier: bzw. und ). Im Gegensatz zur Phonologie untersucht die Phonetik die konkreten artikulatorischen und akustischen Merkmale der Laute (beliebiger Sprachen), d. h. sie beschäftigt sich damit, wie sprachliche Laute gebildet werden, wie sie durch das menschliche Ohr aufgenommen und im Gehirn weiterverarbeitet werden und wie man sprachliche Laute akustisch messen und beschreiben kann. Die Phonetik behandelt auch lautliche Unterschiede, die beim Sprechen entstehen, ohne eine systematische unterscheidende Funktion zu haben.
Kleinste Einheit in der Phonetik ist der Laut oder das Phon, die kleinste Lauteinheit in dem Lautkontinuum der gesprochenen Sprache. Diese kleinsten Einheiten werden durch Analyse und Zerlegung von sprachlichen Äußerungen identifiziert. In der Phonetik kann dann z. B. beschrieben werden, durch welche Artikulation diese Laute erzeugt werden.Bernd Pompino-Marschall: Einführung in die Phonetik. 3. Auflage. Walter de Gruyter, Berlin 2009, ISBN 978-3-11-022480-1, S. 178. Einem Phonem, der abstrakten Einheit aus der Phonologie, entsprechen in einer Lautäußerung ein oder mehrere Phone. Phone, die in einer bestimmten Sprache als Varianten desselben Phonems zählen, also in der jeweiligen Sprache funktionsgleich sind, nennt man auch Allophone dieses Phonems.
Übergreifende lautliche Einheiten und Merkmale wie Betonung, Phrasierung und Intonation werden ebenfalls in der Phonetik hinsichtlich ihrer substantiellen Eigenschaften und in der Phonologie hinsichtlich ihrer Klassifizierung und sprachlichen Funktionen untersucht.
Interdisziplinäres Fachgebiet Die Phonetik ist ein interdisziplinäres Fachgebiet, das Ergebnisse und Methoden aus den Fächern Anatomie, Physiologie, Neurologie, Physik und Mathematik nutzt.Hadumod Bußmann: Lexikon der Sprachwissenschaft (= Kröners Taschenausgabe. Band 452). Kröner, Stuttgart 1983, ISBN 3-520-45201-4, S. 385. Für die Beschreibung der Lautbildung mit Lunge, Kehlkopf sowie Mund- und Nasenraum nutzt die Phonetik Erkenntnisse aus der Anatomie und der Physiologie, für die Beschreibung der Lautverarbeitung durch das menschliche Gehirn Ergebnisse der Neurologie. Die Physik, speziell das Teilgebiet der Akustik, ist relevant für die Beschreibung der Schallübertragung der sprachlichen Laute, ebenso wie einige Erkenntnisse aus der Mathematik, die das mathematische Gerüst zur Beschreibung von Schallwellen bietet (z. B. Fourier-Analysis).
Die Phonetik wird in vielen Publikationen als interdisziplinäres naturwissenschaftliches Fachgebiet gesehen; viele Einführungen in die Sprachwissenschaft führen sie aber auch als Teilbereich der Sprachwissenschaft und behandeln sie gemeinsam mit den sprachwissenschaftlichen Disziplinen Phonologie, Morphologie und Syntax.
Neben der Phonetik und Phonologie haben u. a. auch die Fächer Sprechwissenschaft, Sprecherziehung, Rhetorik, Sprechkunst, Klinische Linguistik, Logopädie und Sprachheilpädagogik gesprochene Sprache zum Inhalt.
Geschichte der Phonetik mini|Jean-Pierre Rousselot gehörte zu den Pionieren der Sprachaufzeichnung für wissenschaftliche Zwecke. Sein zentrales Werk dazu war Principes de Phonétique Expérimentale von 1897. Es beeinflusste viele Forscher nach ihm. Im Bild sein Apparat zur Sprachaufzeichnung (um 1900).
Die Ursprünge der Phonetik gehen zurück bis in eine Periode zwischen 800 und 150 v. Chr. auf dem indischen Subkontinent, wo indische Linguisten die Phonetik des Sanskrit beschreiben.
In der europäischen Antike und in der Renaissance wurden die Grundlagen für eine systematische Beschreibung der Artikulationsorgane gelegt. So hat sich bereits in der Antike der Arzt Galenus mit dem Aufbau des Kehlkopfs beschäftigt, und auch der Arzt und Naturwissenschaftler Avicenna befasste sich im 11. Jahrhundert wissenschaftlich mit der Phonetik.I. Ormos: Observations on Avicenna’s Treatise on Phonetics. In: Acta Orientalia Academiae Scientiarum Hungaricae. Band 39, 1985, S. 45–84.I. Ormos: A key factor in Avicenna’s theory of phonation. In: Acta Orientalia Academiae Scientiarum Hungaricae. Band 40, 1986, S. 283–292. Insgesamt sind im Mittelalter jedoch eher Rückschritte bezüglich der Erkenntnisse und Vorstellungen zur sprachlichen Lautproduktion und -rezeption zu verzeichnen, was sich erst in der Renaissance wieder änderte. Sogar Leonardo da Vinci kann als Vorläufer der Phonetiker genannt werden, denn seine Studien an sezierten Leichen trugen zum Wissen über den Aufbau des Kehlkopfes bei.
Mit dem Aufstieg der Naturwissenschaften in der Neuzeit entstanden erst die Voraussetzungen für die Phonetik als naturwissenschaftliche Disziplin, z. B. die akustische Schwingungslehre, mit der der Mathematiker Leonhard Euler gegen Ende des 18. Jahrhunderts die akustischen Eigenschaften von Vokalen genauer zu beschreiben versuchte. Im 18. Jahrhundert findet man auch die ersten Versuche, Sprache künstlich zu erzeugen. Beispielhaft sei hier Wolfgang von Kempelen genannt, der ab 1769 an einer sprechenden Maschine arbeitete. mini|links|Rekonstruktion der Sprechmaschine von Kempelens
Einen Aufbruch erlebte die Phonetik im 19. Jahrhundert, als technische Apparate wie der Phonograph zur Verfügung standen, mit denen erstmals sprachliche Laute aufgezeichnet und analysiert werden konnten. Jean-Pierre Rousselot gehörte zu den Pionieren der Sprachaufzeichnung für wissenschaftliche Zwecke und kann als einer der Gründerväter der Phonetik als Wissenschaftsdisziplin genannt werden. Ludimar Hermann gelang es ferner 1889 und 1890 mit Hilfe mathematischer Prinzipien Stimm- und Lautkurven zu analysieren; er prägte auch den Begriff Formant.
Gleichzeitig entwickelte sich Ende des 19. Jahrhunderts auch die Erkenntnis unter den artikulatorischen Phonetikern, dass „Sprachlaute“ ein eigenes Beschreibungssystem benötigen, weil in den meisten Sprachen keine eindeutige Beziehung zwischen Buchstaben und Lauten mehr besteht und damit die gängigen Alphabete zur Beschreibung der Laute einer Sprache nicht ausreichen. So veröffentlichte Alexander Melville Bell mit seiner Schrift Visible Speech 1867 eine phonetische Schrift, mit der er versucht, Vokale präzise zu beschreiben. Diese Aktivitäten kulminierten in der Gründung der International Phonetic Association 1884 und der Veröffentlichung des ersten Internationalen Phonetischen Alphabets (IPA) 1888.
Im deutschsprachigen Raum wurde die Phonetik erstmals 1919 als eigenständige Disziplin anerkannt, als sie als Haupt- und Nebenfach bei Promotionen an der Philosophischen Fakultät der Universität Hamburg zugelassen wurde. Eine erste planmäßige außerordentliche Professur für Phonetik in Deutschland wurde 1922 an der Hansischen Universität Hamburg eingerichtet.
Weitere wichtige technische Entwicklungen für die Phonetik waren z. B. die Röntgenbildgebung und die Sonografie Anfang des 20. Jahrhunderts. Weitere Fortschritte in der Phonetik sind durch technische Entwicklungen zu erwarten. So sind in den letzten Jahren z. B. große Fortschritte in Echtzeit-MRTs gemacht worden. Damit ist es für die Phonetik einfacher möglich, akustische Signale und physiologische Vorgänge bei der Lauterzeugung zu analysieren.
Teilbereiche der Phonetik Hauptarbeitsgebiete Die allgemeine Phonetik beschäftigt sich mit den bei konkreten Sprechakten physikalisch ablaufenden Prozessen sowie deren messtechnischer Erfassung. Sie hat die folgenden Teilgebiete: Die artikulatorische Phonetik ist die Lehre des Aufbaus und der Funktion des Sprechapparats sowie dessen Einsatz bei der Produktion von Sprache. Die akustische Phonetik untersucht die physikalische Struktur der Schallwellen als Träger der sprachlichen Laute. Die auditive oder perzeptive Phonetik befasst sich mit der Wahrnehmung der sprachlichen Laute durch den Hörer und der jeweiligen Rolle des Gehörs und des Gehirns Ferner gibt es das Arbeitsgebiet der systematischen Phonetik, die sich um die systematische Beschreibung der Laute (Phone) der Sprachen der Welt bemüht, einschließlich der Beschreibung der Konsonanten und Vokale aller menschlichen Sprachen und deren Transkription in eine Lautschrift. Zur systematischen Phonetik zählt auch die Beschreibung der suprasegmentalen Phonetik (Prosodie), d. h. die Beschreibung einzelner Laute und deren Verwendung in der Silbe bzw. im Wort.
Artikulatorische Phonetik mini|Anatomie des Mund- und Nasenraums mit den wichtigsten Artikulationsorganen wie Zunge, Lippen, Unterkiefer und Gaumensegel
Die artikulatorische Phonetik befasst sich mit dem Zusammenspiel von Atmung (Erzeugung des notwendigen Luftdrucks in der Lunge), der Phonation im Kehlkopf und der Artikulation im Rachen-, Mund- und Nasenraum (dem Vokaltrakt). Durch die Atmung wird in der Lunge der für den Schall notwendige Luftdruck erzeugt. Im Kehlkopf sitzen die Stimmlippen, die die Schwingungen in der Luft erzeugen, die für den Klang verantwortlich sind. Schließlich wirkt der Rachen-, Mund- und Nasenraum je nach Stellung von z. B. Gaumen oder Zunge als Filter, der den Klang weiter modifiziert.