Halfaouine – Zeit der Träume (Originaltitel: Asfour Stah, , auch ; Alternativtitel: Halfaouine – Das Kind der Dächer, französischer Titel: Halfaouine, l’enfant des terrasses) ist ein französisch-tunesischer Film aus dem Jahr 1990 unter der Regie von Férid Boughedir. Die Komödie behandelt das Leben des 12-jährigen Noura, der in die Pubertät eintritt und beginnt, Frauen mit anderen Augen zu sehen. Dabei sammelt er widersprüchliche Erfahrungen über Sexualität in der konservativ-islamischen Gesellschaft Tunesiens auf. Der Film wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet.

Handlung Tunesien in den 1970er-Jahren. Der 12-jährige Noura lebt mit seiner Familie in Halfaouine, einem Viertel im Norden der Altstadt. Da er für sein Alter noch immer zu jung aussieht, darf er noch immer mit seiner Mutter Dschamila in das Hamam der Frauen gehen. Insgeheim betrachtet Noura die entblößten Frauen in dem Badehaus allerdings nicht mehr mit den Augen eines unschuldigen Kindes, sondern mit denen eines heranwachsenden Mannes. Während nach außen in der tunesischen Gesellschaft islamisch-konservative Umgangsformen und Trennung zwischen den Geschlechtern herrschen, wird diese Fassade von beiden Geschlechtern täglich durchstoßen, sowohl bei den Männern als auch den Frauen. So, wenn die Nachbarsmädchen über die neueste Affäre einer Dritten tuscheln, Nouras ältere Freunde Moncef und Mounir auf der Straße junge Frauen mit sexuellen Sprüchen versuchen aufzureißen, oder der Schuster Salih eine Kundin nach kurzem rhetorischen Vorspiel nach drinnen geht, um ihr das "passende Schuhmodell" zu zeigen. Selbst der Imam, der Noura zuvor wegen seiner Teilnahme an den Straßenbelästigungen noch verpfiffen hat, lässt sich von dessen Tante zu einem späteren Techtelmechtel überreden. Da Noura weder von den Männern noch den Frauen als bereits in der Pubertät angekommen gesehen wird, kann er sich in beiden, öffentlich voneinander getrennten Lebenswelten bewegen.

Im Kleiderladen seines Vaters wird Noura Zeuge, wie sein Vater mit einer Kundin turtelt, ebenso wie er zuhause später seiner Tante Latifa gegenüber Annäherungsversuche unternimmt. Im Lager findet er durch Zufall auch pornografische Magazine, die er sogleich Moncef und Mounir zeigt. Um sich vor seinen Freunden zu beweisen, die sich wünschen, einige Mädchen aus der Nachbarschaft nackt zu sehen, geht Noura mit seiner Mutter wieder ins Frauendampfbad, um anschließend beiden detailliert mit Obstmetaphern die Form der Brüste der von ihnen gewünschten Mädchen zu beschreiben. Ein anderes mal stiehlt Noura seiner Tante Latifa einen BH, um diesen gegen Comichefte von seinen Freunden zu tauschen. Am Tag der Beschneidung seines kleinen Bruders wird Noura bei einem weiteren Besuch im Hamam bei seiner Spannerei von einer Aufseherin beobachtet und mit Schimpf und Schande hinausgeworfen. Nach der Aufdeckung seiner Flunkerei ist damit seine Zeit in beiden Lebenswelten vorbei; nun darf er sich nur noch in der Welt der Männer bewegen, für die er aber immer noch ein kleiner Junge ist. Noura leidet unter dieser Isolation und vermisst die Einblicke der Frauenwelt.

Doch Noura findet schnell ein neues Objekt der Begierde: das Waisenmädchen Laila, das der Imam vor einiger Zeit in die Obhut von Nouras Familie gegeben hat, wo sie als Haushaltshilfe anfängt. Eines Nachts versucht er vergeblich, der Schlafenden den Ausschnitt ihres Schlafkleides zu öffnen; es folgen weitere erfolglose Versuche. Eines Tages wollen Nouras Mutter und die anderen Frauen des Haushalts in den Hamam, lassen Laila jedoch zurück, die Noura die Haare waschen soll. Noura nutzt die Gelegenheit, um der unwissend wirkenden Laila, die vorgibt, noch nie im Hamam gewesen zu sein, zu "zeigen", wie man im Frauenbad sich kleidet. Laila zieht sich daraufhin aus und wickelt sich nur ein Tuch um, doch Noura drängt darauf, dass sie gänzlich nackt wie im Hamam ist. In diesem Moment werden sie von Nouras Mutter überrascht, die Laila kurzerhand verkündet, dass sie das Haus am nächsten Morgen zu verlassen hat. In der Nacht geht Noura in sein Zimmer, wo er die wache und nackte Laila vorfindet. Sie lächelt ihn an und löscht das Licht. Am nächsten Tag verlässt Laila das Haus, wobei sie und Noura sich schelmisch in Erinnerung an die letzte Nacht anlächeln. Noura bleibt alleine mit seinem Vater auf der Terrasse zurück, immer noch lächelnd. Als sein Vater versucht, ihn zu züchtigen, weicht Noura aus und flieht auf das Flachdach. Von dort schaut er spöttisch auf seinen tobenden Vater.

Hintergründe Charaktere Noura wird von einem Neffen Boughedirs gespielt. Sein Spiel findet hauptsächlich über die Mimik statt. Der Zuschauer liest in seinem Gesicht. Eigentlich ist Noura ein weiblicher Vorname, im Film wird der Junge auch nur einmal bei seinem vollen Namen Noureddine genannt. Die Form Noura gibt ihm immer noch den Hauch eines kleinen Jungen, etwas feminin, ambivalent. Er gilt immer noch als Kind im Hammam der Frauen, eine kleine Frau selbst. Durch seine Berichte bei seinen Freunden Moncef und Mounir über die Vorgänge im Hammam erwirbt er sich einen Sonderstatus, eine Art Schmuggler, der die Neugier der anderen bedient. Er ist Gehilfe im Friseursalon der Männer. Durch Laïla lässt Noura seine Kindheit hinter sich.

Azzouz, der Vater Nouras, betreibt einen Stoffladen. Er ist das Oberhaupt der Familie und die Autorität im Haus, streng mit Noura. Er liebt die Frauen, bereit, die Mutter mit deren Cousine im eigenen Haus oder mit einer Kundin zu betrügen. Er hat nicht das Gespür, dem Jungen feiner zu vermitteln, wie man zum Mann wird. Der Vater erwartet, dass Noura nicht länger an den Rockzipfeln der Frauen hängt.

Mutter Jamila ist eine typische Maghreb-Frau der 70er Jahre. Sie wacht über das Personal und die Zubereitung der Mahlzeiten und kümmert sich um die Kinder. Für sie ist Noura immer noch ein kleines Kind, sie ist ihm körperlich durch die Pflege, die sie an ihm im Hammam vornimmt, immer noch sehr nah. Durch ihren Einsatz bei der Wächterin des Hammams wird es überhaupt erst möglich, dass Noura dieses Reich immer noch betreten darf. Sie verteidigt Noura vor dem Vater, wenn dieser ihn misshandeln will.

Nouras Tante Latifa ist wie eine zweite Mutter für den Jungen. Sie ist eine Cousine der Mutter, jung und sexy. Ihren Mann hat sie verlassen (man kann vermuten, dass der zu traditionell für Latifa war) und verkörpert mit ihren modernen Kleidern, vorzugsweise roter Spitzenunterwäsche, Schminke und Lippenstift die befreite Frau im Maghreb. Vater Azzouz will diese Frau nicht im Haus haben. Mutter Jamila überzeugt ihn jedoch von den Stickkünsten Latifas, so darf sie bleiben. Latifa jagt täglich ihrem „Schuss“ nach, eine Umschreibung ihrer für ihren Liebhaber.

Der Schuster Salih wird zum Freund und eine Art zweiter Vater für Noura, mehr spirituell, ganz anders als Nouras strenger leiblicher Vater. Mit ihm kann er darüber sprechen, wie man Frauen verführt. Salih ist nicht religiös, er lehnt es ab zu heiraten, besucht schon gar nicht die Moschee, trinkt Alkohol und ist im Viertel aber dennoch gut akzeptiert. Für einen Muslim ist Alkohol verboten. Salih ist Alkoholiker, aber er achtet vor anderen darauf, sein Getränk in Medikamentenflaschen zu verstecken. Optisch und wörtlich wird die Moral gewahrt. Obwohl klein von Statur, ist er der Verführer des Viertels, anarchistisch inspiriert, aber kein Macho. Er ist Poet, Sänger und schreibt Theaterstücke, die niemand spielen will. Sein letztes Stück trägt den Titel Lachen im Dunkeln. Er ist eine Art lokaler Clown, der dennoch nicht zögert, seinen Humor gegen diejenigen, die ihn ärgern, zu richten. Versteckt in der Rolle des Narren, ist er der einzige, der über seine Gedichte und Theaterstücke die Wahrheit spricht, so die Heuchelei und Intoleranz aufgreifend. Durch seinen Humor bringt er die Frauen zum Lachen. Das ermöglicht es ihm, sie zu verführen. Er ist in Latifa verliebt. Der Blasphemie beschuldigt, wird Salih eines Tages verhaftet.

Nouras Freunde Moncef und Mounir sind etwas älter als er selbst. Interessiert an Frauen treiben sie sich ständig auf der Straße herum um ihnen zu begegnen. Sie nutzen den Jungen, um sich ausführlich die Frauenkörper des Badehauses beschreiben zu lassen.

Salouha und Laïla helfen im Haushalt von Nouras Familie. Salouha ist älter als Laïla, nah am Wahnsinn, unglücklich. Sie ist dem Scheich und seinen Machenschaften ausgeliefert. Niemand weiß woher sie kommen, beide Mädchen stehen unter der Obhut von Scheich Mokhtar, es verbindet sie ein seltsames Käfertattoo. Es ist Laïla, die Noura seine erste Liebe entdecken lässt, die zum Übergang in die Pubertät beitragen wird. Sie trägt ein enges Korsett, welches einladend und als Ersatz für die Nacktheit nach der Vertreibung aus dem Hammam auf Noura wirkt.

Scheich Mokhtar, verantwortlich für Nouras Religionsunterricht, ist permanent hinter den Halbwüchsigen auf der Straße her, um sie am Flirt mit den Mädchen des Viertels zu hindern. Seine Rolle ist besonders, er ist eine Mischung aus religiöser Instanz und Scharlatan. Er wird im Film etwas lächerlich dargestellt, immer anwesend, wenn es gilt, die Moral zu hüten. So auch als Noura für seine Liebelei mit Laïla bestraft wird. Er nimmt auch mit seltsamen Methoden die Austreibung eines Dämons an der Magd Salouha vor.

Der Metzger und ein Clochard verfolgen Noura bis in seine Träume: der Metzger in Verbindung mit Blut und Fleischschneiden und der vulgäre, schmutzige Clochard als Handlanger des Scheichs Mokhtar samt dessen Scharlatanerie in Form von Magie und Exorzismus.

Der Regisseur selber schlüpfte in die Rolle eines Kunden im Friseursalon des Viertels. Ebenso als Kunde findet sich der tunesische Theater- und Filmschauspieler Raouf Ben Amor, bekannt aus dem Film Piraten von Roman Polański und Der Messias von Roberto Rossellini. Issa Harath verkörpert die Rolle des Ali. Der junge Fethi Haddaoui, in der Rolle des Khemaïs zu sehen, ist Widersacher von Salih. Die weiblichen Statistinnen im Hammam werden von Französinnen maghrebinischer Abstammung gespielt.

Stab Boughedir schrieb sein Drehbuch zusammen mit Nouri Bouzid, Regisseur des Films Making of aus dem Jahr 2006 und dem Schauspieler und Dramaturgen Taoufik Jebali. Ebenfalls am Drehbuch beteiligt war Maryse León García, bekannt als Drehbuchautorin von Das Leben ist schön (La vie est belle) von Regisseur Benoît Lamy aus dem Jahr 1987. Für den Schnitt des Films war Moufida Tlatli neben Marie-Christine Rougerie verantwortlich, Tlatli arbeitet auch als Regisseurin und Drehbuchautorin. Der tunesische Produzent Ahmed Bahaeddine Attia ist auch bekannt als Produzent von 4 Filmen des Regisseurs Nouri Bouzid. Die bekanntesten darunter sind Bezness und Safa'ih min dhahab (Les Sabots en or) mit Hichem Rostom in der Hauptrolle. Er war ebenfalls Produzent von Moufida Tlatlis Palast des Schweigens. Georges Barsky führte auch die Kamera für Filme wie Das Ende der Nacht oder Befreiung aus der Ehe.

Halfaouine