mini|hochkant|Michael Lehmann Michael Lehmann (* 5. Februar 1827 in Langenenslingen, Fürstentum Hohenzollern-Sigmaringen; † 3. Februar 1903 in Hechingen) war ein deutscher Pädagoge, Schriftsteller, Journalist und Musiker. Er gehörte mit seinen volkstümlichen Erzählungen, Novellen und Romanen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu den bekannten katholischen Schriftstellern Süddeutschlands und als Chefredakteur der Zentrumszeitung Der Zoller im Kulturkampf zu den prominentesten Rebellen der preußischen Katholiken. Als Musiker trat der Organist und Chorleiter an der Stiftskirche in Hechingen auch mit eigenen kirchenmusikalischen Kompositionen auf.

Herkunft und Familie Michael Lehmann war der dritte Sohn des GerbermeistersF. Knaupp: Langenenslingen. 1927/1930, Nachdruck 1984, S. 69 und 97; Karl Werner Steim: Langenenslingen. Federsee-Verlag, Bad Buchau 2008, S. 419 f. Nikolaus Lehmann und seiner Ehefrau Katharina, geb. Stehle. Die Familie war katholisch, doch hatte Michael Lehmann auch evangelische Vorfahren. Seine Großmutter mütterlicherseits war die erste „conversa“, die in den Kirchenbüchern des Dorfes verzeichnet wurde.Catharina Kilbert conversa (Familienregister im Archiv der Pfarrgemeinde Langenenslingen), S. 246. In ihrer Aszendenz kommt mit Valentin Lohrer von Flehingen sogar ein lutherischer Pfarrer des 16. Jahrhunderts vor. Der erste Brettener Vorfahre, der Schultheiß und Wirt Hans Bernh. Lohrer (1660–1736), war der Bruder des Brettener Bergmüllers Nikolaus Lohrer (1656–1736). Siehe F. W. Euler: Ahnentafel v. Weizsäcker-v. Graevenitz. In: Herold-Studien. Band 1, Berlin 1992, S. 112 Michael Lehmanns Bruder Raphael war der Urgroßvater von Kardinal Karl Lehmann sowie von Marcel und Robert Hepp. Michael Lehmann war verheiratet und hatte zwei Töchter.Willy Beyer, Michael Lehmann - ein katholischer Rebell. Zum 100. Todestag des Publizisten, Schriftsteller[s] und Komponisten, in: Hohenzollerische Heimat 45, 2004, Heft 1, S. 11–13 (Digitalisat)

Leben und Wirken

Pädagoge und Kirchenmusiker Michael Lehmann wurde auf Wunsch seines Vaters Lehrer und begann seine Ausbildung dazu im Alter von 14 Jahren in Langenenslingen als Präparand.Willy Beyer, Michael Lehmann - ein katholischer Rebell. Zum 100. Todestag des Publizisten, Schriftsteller[s] und Komponisten, in: Hohenzollerische Heimat 53, 2003, Nr. 4, S. 55–58 Nach bestandener Inzipienten-Prüfung wurde er 1843 in die hohenzollerische Präparandenanstalt in Habsthal aufgenommen.(er): M. Lehmann. In: Magazin für Pädagogik. Band 60, 1897, Nr. 11, S. 88; Nekrolog. In: Magazin für Pädagogik. Nr. 15, 1903, S. 235; R. Sauter: Michael Lehmann – Der erste „Zoller“-Redakteur. Zum 100. Geburtstag 1827 – 5. Februar – 1927. In: Der Zoller. Nr. 171 vom 5. Februar 1927Joh. Evang. Stauß: Erster Bericht über die Fürstlich Hohenzollern-Sigmaringensche Bildungsanstalt in Habsthal. Sigmaringen 1846, S. 28J. Wannenmacher: Die Lehrervorbildung in Hohenzollern. In: Hohenzollerische Zeitung (Tübingen/Hechingen) Nr. 12 vom 15. August 1960; Stauß: Erster Bericht. besonders S. 1 f., 7 ff., 16 ff., 22 ff. Der Geist dieser Anstalt, die dem wessenbergianischen Ziel der „Volksbildung“I. H. von Wessenberg: Die Elementarbildung des Volkes. Zürich 1814 unter dem Einfluss der Ideen der „neurömischen“ Bewegung A. Rösch: Das religiöse Leben in Hohenzollern unter dem Einfluss des Wessenbergianismus 1800–1850. Köln 1908, S. 135 ff. eine „pietistische“ Wendung gab, prägte Lehmann nachhaltig.

Nach bestandener „Maturitäts-Prüfung“ wurde er als Achtzehnjähriger, der bereits mit ersten pädagogischen Publikationen in der Quartalsschrift für praktisches Schulwesen hervorgetreten war,Einige Worte über Zeitgewinn für die Behandlung der Lehrgegenstände, Quartalschrift 9. Jgg. (1845), H. 1, S. 432–446 Im 10. Jahrgang (1846) ist er mit einem Aufsatz über „Selbstbeherrschung“ (2. H., S. 129 – 146) und mit „Pädagogischen und didaktischen Bemerkungen“ (3. H., S. 305–336; 4. H., S. 385–416) vertreten. 1845 als „Provisor“, d. h. als provisorisch angestellter Hilfslehrer, zunächst an der Volksschule von Mindersdorf eingesetzt. Schon mit der zweiten Station in Gammertingen begannen Konflikte mit den jeweiligen Autoritäten, die sich in den PersonalaktenPersonalakten Michael Lehmann (Schuldienst) im StA Sigmaringen. Ho 235: 547 in seinem gesamten Werdegang verfolgen lassen. Ab 1847 war er für sechs Jahre Lehrer in Fischingen an einer einklassigen Schule. Er verfasste nebenher pädagogische Abhandlungen, die zunächst noch in der Quartalschrift und im Deutschen Schulboten, ab 1849 in dem von ihm selbst herausgegebenen und redigierten Magazin für Pädagogik erschienen.Magazin für Pädagogik – [Vierteljahrs-Schrift]/[Kath.] Zeitschrift für Volkserziehung und Volksunterricht, hrsgg. von M. Lehmann, Volks[schul]lehrer, von Frühjahr 1849 bis Neujahr 1853 81. Heft, 2. Abt; NF 7. u. 8. Jgg., Rottweil a.N., 1849–1850; 9. u. 10. Jgg., Ludwigsburg (C. F. Rast) 1851–1852 (4 Jgge., je 8 Hefte)

Im Frühjahr 1848 wurde er von der Revolution im deutschen Südwesten begeistert, beeinflusst und geprägt.R[oman] Sauter, Michael Lehmann – Der erste „Zoller“-Redakteur. Zum 100. Geburtstag 1827 – 5. Februar – 1927, in: Der Zoller Nr. 171 v. 5. Februar 1927 Als „großdeutscher“ PatriotM. L., Pädagogische und didaktische Bemerkungen, in: Quartalschrift für praktisches Schulwesen, 1846, 10, H. 3, S. 330; Der Werth des Unterrichts in der Geschichte für die Elementarschulen, in: Der Deutsche Schulbote 6, 1847, S. 150–153; vgl. auch: Die Freiheit des Unterrichtes, Regensburg 1850, S. 115 war er ein Verfechter des revolutionären Ziels der „nationalen Einheit“.Der Werth des Unterrichts in der Geschichte für die Elementarschulen, in: Der Deutsche Schulbote 6, 1847, S. 150 f.; nach Roman Sauter war er ein „Großdeutscher“, vgl. Michael Lehmann – Der erste „Zoller“-Redakteur. Zum 100. Geburtstag 1827 - 5. Februar – 1927, in: Der Zoller Nr. 171 vom 5. Februar 1927 Nach dem Ende der Revolution war er weiter als Dorfschullehrer in Fischingen tätig und hatte dort Auseinandersetzungen mit dem Pfarrer in dessen Eigenschaft als Schulaufseher. Im Oktober 1851 ersuchte dieser das Oberamt Glatt um die Versetzung des Provisors „wegen Mangels an Subordination“.Nach den Personalakten im StA Sigmaringen Ho 235: 547 Das Oberamt gab diesem Ersuchen allerdings nicht statt.Schreiben des Oberamts Glatt an die Königl. Preußische Regierung im StA Sigmaringen v. 14. Oktober 1851 Lehmann wurde im Oktober 1851 als preußischer Beamtenanwärter vereidigt und ersuchte im September 1853 um die Versetzung auf eine feste Lehrerstelle an einer größeren Schule. Er wurde daraufhin allerdings wieder nur als Provisor an die Stadtschule in Hechingen versetzt.

mini|Inneres der Stiftskirche Hechingen In Hechingen nahm er außerdem kurz nach seiner Ankunft zunächst provisorisch die ihm angebotene Stelle eines zweiten Organisten an der Stiftskirche an, die ihm im Januar 1857 definitiv übertragen wurde. Hier wirkte er als Organist und Chorleiter und führte eigene Kompositionen auf. Weil er sich diese Anstellung nicht genehmigen ließ, kam es zu einer erneuten Auseinandersetzung mit der Regierung.Schreiben an die Königliche Regierung v. 25. September 1858 (StA Sigmaringen Ho 235: 547) Man versetzte ihn an die Realschule, verweigerte ihm aber wieder eine adäquate Besoldung. Eine Festanstellung und Gehaltsaufbesserung, um die er 1857 eingekommen war, wurde 1858 unter anderem mit der Begründung verweigert, dass „die von diesem geleitete Schulklasse in vergangenen Jahren in keiner Weise den geringsten Anforderungen entsprochen hat“, was Lehmann aber im Brief vom 12. Juni 1858 mit dem Hinweis auf die gute Benotung seiner Schulklasse bei den letzten „Rezessen“ im Detail widerlegen konnte.Personalakten StA Sigmaringen. Ho 235: 547 Er ließ sich mehrmals für je ein Jahr beurlauben und ersuchte die Regierung schließlich um seine Entlassung aus dem Schuldienst, die ihm gewährt wurde.Schreiben des Königl. Schulkommissärs an das Königliche Oberamt vom 5. Juli 1862 (Personalakten StA Sigmaringen. Ho 235: 547). Laut Beyer erfolgte die Entlassung aber erst 1864.

Lehmann lebte damals schon nicht mehr ausschließlich von seinem Lehrergehalt. Seit 1862 war er Chorregent an der Hechinger Stiftskirche. Außerdem verbesserte er durch Musikunterricht seine Einnahmen und hatte zu diesem Zeitpunkt auch schon etliche Bücher publiziert. Er arbeitete als Korrespondent der Deutschen Reichszeitung in Bonn und der Germania. 1864 kaufte er das Haus Forststraße 4 (damals: Am oberen Tor 59), ein dreistöckiges Fachwerkhaus aus der Zeit um 1830.

Redakteur des Zoller, Casinogründer, Buchhändler und Schriftsteller in Hechingen 1872 wurde von einem Kreis von Geistlichen ein „Press-Verein“ gegründet, der neben den bisher in Hohenzollern erscheinenden Hohenzollernschen Blättern und der Hohenzollern’schen Volkszeitung sowie dem dort ebenfalls häufig gelesenen Schwarzwälder Boten eine weitere Zeitung ins Leben rief, den Zoller. Lehmann wurde Redakteur und Verleger dieses Blattes. Es sollte ab Jahresanfang 1873 dreimal wöchentlich erscheinen und ein „consequentes und entschiedenes katholisch-politisches Volksblatt“ werden. Innerhalb weniger Monate hatte der Zoller 1400 Abonnenten und überholte im Jahr 1874 mit knapp 1700 Exemplaren die Konkurrenz, obwohl das Blatt unter primitiven Bedingungen in Lehmanns Haus gedruckt wurde.

1873 übernahm Ludwig Egler als Chefredakteur der liberalen Hohenzollernschen Blätter den Vereinsvorsitz des Hechinger Musikvereins, dessen Dirigent Lehmann damals schon seit siebzehn Jahren war. Ein weiteres wichtiges liberales Mitglied des Musikvereins war der Kreisgerichtsdirektor August Evelt.Willy Beyer, Michael Lehmann - ein vergessener Kulturschaffender und Kulturkämpfer Hohenzollerns, in: Hohenzollerische Heimat 57, 2007, Nr. 1, S. 17–22 (Digitalisat) Schnell entwickelte sich ein Kleinkrieg zwischen den liberalen Hohenzollernschen Blättern und dem zentrumsnahen Zoller, in dessen Folge Lehmann 1874, mittlerweile mehrfach vorbestraft, sein Dirigat niederlegen musste. Im Rahmen der Auseinandersetzungen mit Egler geriet Lehmann außerdem mehrfach unter Plagiatsverdacht.Willy Beyer, Michael Lehmann - ein vergessener Kulturschaffender und Kulturkämpfer Hohenzollerns, in: Hohenzollerische Heimat 55, 2005, Nr. 4, S. 59–61 (Digitalisat) Lehmann geriet schon im ersten Erscheinungsjahr des Blattes mehrmals in Schwierigkeiten. Am 8. März 1873 wurde er wegen „Verächtlichmachung von Anordnungen der Obrigkeit durch Mittheilung entstellter Thatsachen“ zu 14 Tagen Gefängnis verurteilt. Die Nummer 18 seiner Zeitung vom 11. Februar 1873 musste eingestampft werden. Im April desselben Jahres erfolgte die nächste Verurteilung zu einer Geldstrafe wegen einer Ehrenbeleidigung des Abgeordneten Jung in Berlin. Als der Zoller am 18. September einen Artikel der Berliner Germania zitierte, wurde Lehmann wegen Beleidigung der Regierung in Sigmaringen zu einer weiteren Geldstrafe verurteilt.mini|Eduard Kullmanns Attentat auf Bismarck im Jahr 1874