mini|DIVVS PETRVS ARETINVS(„Göttlicher Pietro Aretino“)„il divino Aretino“Bronze-Medaille aus dem 16. Jhd. mini| PETRVS ARETIN(VS)FLAGELL(VM) PRINCIPVM(„Geißel der Fürsten“)„il flagello dei principi“ Sonetti lussuriosi („Wollüstige Sonette“) oder Sonetti sopra i sedici modi (Sonette über die 16 Stellungen), kurz Andere Titel der Sammlung lauten: (lateinisch) De omnibus Veneris Schematibus („Über alle Liebesstellungen“), Corona di Cazzi (Edition „P“, Paris 1757), The Sixteen PLeasures (Lynne Lawner), Stellungen (Thomas Hettche). Im engeren Sinne versteht man unter „I modi“ nur die Stiche. Im weiteren Sinne umfasst die Bezeichnung „I modi“ sowohl die Stiche als auch die dazugehörigen aretinischen Sonetti lussuriosi., heißt eine Sammlung obszön-burlesker Schweifsonette des unkonventionellen toscanischen Cinquecento-Poeten zu pornographischen Gravuren‘I modi’ – pornographische Gravuren – auf hixtoire.net des Kupferstechers Marcantonio Raimondi.

Kaum gedruckt (um 1524), wurden alle Exemplare dieses „kleinen Kamasutras der Renaissance“,Paul Larivaille: « petit Kama-sutra de la Renaissance ». In: (Hrsg.) L’Arétin. Sonnets luxurieux. Sur les XVI postures. (Quatrième de couverture). dieses „Urtextes der modernen Pornographie“,Pietro Aretino / Thomas Hettche (Hrsg.): Stellungen. Vom Anfang und Ende der Pornografie. DuMont, Köln 2003, ISBN 978-3-8321-7836-9, S. 14. auf Geheiß des Medici-Papstes Clemens VII. von der Zensur verboten und verbrannt. So galt das Werk Sonetti sopra i XVI modi 400 Jahre lang als für immer verloren, bis 1929 ein bibliophiler Sammler, Max Sander, in der Zeitschrift für Bücherfreunde von der sensationellen Wiederentdeckung berichtete, dem . Seitdem wurde dieses Unikat mehrfach veräußert und zweimal versteigert; 2006 erzielte es bei Christie’s 325.600 Euro.Christie’s WebSite: Bibliothèque Erotique Gérard Nordmann-Première Partie Paris 27 April 2006, SALE 5445, LOT 33 L'ARÉTIN (Pietro Aretino, 1492–1556: Sonnetti (sic!) lussuriosi). Price realised EUR 325,600, Paris 27 April 2006 LOt 33: Sonnetti (sic!) lussuriosi.Erotische Bibliothek für 5,66 Mio. Euro versteigert. Im Auktionshaus Christie’s in Paris erzielte Originalausgabe von Pietro Aretino 325.600 Euro. In: Der Standard, 22. Dezember 2006, und Peter Dittmar: Die Geschichte der erotischen „Sonnetti (sic!) lussuriosi“. In: Die Welt vom 27. April 2006.

Historie mini|120px|Giulio RomanoSelbstbildnis (1540) mini|hochkant|Marcantonio BologneseintagliatoreMarcantonio RaimondiKupferstecherPorträt Entstehung An der Entstehung der „Modi“ waren drei berühmte Gestalten der italienischen Renaissance beteiligt: Der Maler Giulio Romano, der Kupferstecher Marcantonio Raimondi und der Dichter Pietro Aretino:

Der Graphiker Marcantonio Raimondi fertigte nach Giulio Romanos Zeichnungen sechzehn pornographische Kupferstiche an, die alsbald in Rom und auch in kirchlichen Kreisen im Umlauf waren. Pietro Aretino, der mit Raimondi befreundet war, schrieb zu jedem der Kupferstiche ein Gedicht. In den Sonetten lässt der Dichter heterosexuelle Paare beim Liebesakt in obszönem Vokabular, in deftig vulgärer Volkssprache miteinander kommunizieren. Er scheut sich nicht zu provozieren, indem er sämtliche Schamgrenzen überschreitet und mit der vergeistigten petrarkistischen Tradition bricht.

„Il divino“, wie ihn seine Verehrer apostrophierten, ließ um 1524 ein Buch mit den Stichen und Sonetten drucken, vermutlich lautete der Titel „Sonetti sopra i XVI modi“:

Kaum gedruckt, wurden alle Exemplare dieses „Urtextes der modernen Pornographie“Pietro Aretino / Thomas Hettche (Hrsg.): Stellungen. Vom Anfang und Ende der Pornografie. DuMont Köln 2003, ISBN 978-3-8321-7836-9, S. 14 auf Geheiß des Medici-Papstes Clemens VII. von der Zensur verboten und verbrannt. Den Kupferstecher Marcantonio Raimondi ließ der Papst ins Gefängnis werfen. Am 28. Juli 1525 wurde – mit einem Dolch – ein Attentat auf Pietro Aretino verübt, das der „sündige Dichter“ schwer verletzt überlebte. Aretino fühlte sich in Rom nicht mehr sicher und floh über Mantua nach Venedig.

Das Buch mit den Stichen und Sonetten schien für immer verloren.

Aretinofund („Toscanini-Band“) Im Jahre 1928 entdeckte und erwarb der Antiquar Walter Toscanini, Sohn des berühmten italienischen Dirigenten Arturo Toscanini, ein als für immer verschollen geglaubtes Exemplar dieses „Sonetti sopra i XVI modi“-Druckes. Max Sander, ein bibliophiler Sammler, berichtete 1929 in der Zeitschrift für Bücherfreunde von dieser sensationellen Wiederentdeckung in seinem Aufsatz , worin er allerdings weder den Namen des Finders noch die genaueren Umstände des Fundes verriet. Max Sander war überzeugt, dass es sich bei dem Zufallsfund um das verschollene, illustrierte Exemplar der „Modi“ handelte, das Il divino Aretino in einem Dankesbrief an den Diplomaten Cesare Fregoso vom 9. November 1527 erwähnt hatte:

Das wiedergefundene Opusculum war mit vier anderen, nicht von Aretino verfassten erotischen Texten zusammengebunden: La Puttana errante (Autor: Lorenzo Veniero; Gedicht in vier Gesängen, eine Parodie der Ritterromane, um 1530 geschrieben). La Zaffetta (Autor: Lorenzo Veniero; Geschichte einer Kurtisane in Versen). Il Manganello (Autor: anonym;Der Schlagstock, unflätiges Schmähgedicht auf die Frauen). Processus contra ser Catium Vinculum (Autor: anonym; Rekonstruktion eines fingierter Strafprozesses, eine „Prosa in unflätigem macaronischem Latein“).

Den Schluss des Sammelbändchens bilden die hochberühmt-berüchtigten „Sonetti sopra i XVI modi“. Es fehlen Sonett 5 und 6 sowie die zwei dazugehörigen Holzschnitte. Hinzu kommen zwei Epilog-Sonette: Epilogo I, Vedute avete le reliquie tute, Epilogo 2, Questi vostri sonetti fatti a cazzi.Pietro Aretino: Sonetti sopra i ‘XVI modi’. A cura di Giovanni Aquilecchia. Salerno Editrice, Roma, 1e edizione 1992, 2e edizione 2006, ISBN 88-8402-516-8, S. 48/49.

1978 ersteigerte der Sammler und Buchhändler Hans Peter Kraus diese Edition unica bei Christie’s in New York. Der Genfer Sammler Gérard Nordmann erwarb es anschließend von H. P.Kraus. Den Herausgebern der Edizione nazionale delle Opere di Pietro Aretino überließ er Faksimiles des wertvollen Buches.Pietro Aretino: Sonetti sopra i ‘XVI modi’. A cura di Giovanni Aquilecchia. Salerno Editrice, Roma, 1e edizione 1992, 2e edizione 2006, ISBN 88-8402-516-8, S. 70 Im Jahre 2006 wurde das Unikat bei Christie’s in Paris für 325.600 EuroChristie’s WebSite: Bibliothèque Erotique Gérard Nordmann-Première Partie Paris 27 April 2006, SALE 5445, LOT 33: L'ARÉTIN, Sonnetti (sic!) lussuriosi. Price realised EUR 325,600, Paris 27 April 2006 – Lot 33 erneut ersteigert. Der neue Besitzer bewahrt Anonymität.Angelika Heinick: Bibliothek Nordmann. Kleine Geschichte der Wollust: Erotik, gesammelt von Gérard Nordmann, bei Christie’s in Paris – F.A.Z., 19. April 2006.

Aretino-Forscher klassifizieren dieses wiederentdeckte Toscanini Exemplar mit dem Sigel „T“ (T1-T16, die vierzehn Sonette und Stiche). Dank der Faksimiles sind inzwischen verschiedene Ausgaben auf der Basis von „T“ erschienen: 1982 Giovanni Aquilecchia (nur Text, ohne Stiche), 1984 Lynne Lawner, 1992 Poesie varie, 1992 Giovanni Aquilecchia, 1999 Bette Talvacchia, 2003 Thomas Hettche.

Analyse der Sonette In seiner kritischen Ausgabe dieser aretinischen Gedichtsammlung präsentiert der Italianist Danilo Romei achtzehn „authentische“ (arabische Ziffern 1–18) und dreizehn apokrypheapokryph bedeutet fälschlicherweise zugeschrieben" (römische Ziffern I–XIII) Sonetti lussuriosi. Die Zählweise und Anordnung der Gedichte variiert je nach den verschiedenen Quellen und Werkausgaben. Danilo Romei stellt in einer Synopse („tavola“, op.cit. S. 134/135) diese unterschiedlichen Nummerierungen der wichtigsten Zeugnisse einander gegenüber. Da Danilo Romei Proöm und Epilog mitzählt, kommt er auf 18 statt auf 16 Sonette, wie es in der traditionelle Zählweise üblich ist. Dieser Wikipedia-Artikel folgt der textlichen Gestaltung der Edition Romei, denn sie ist im Volltext im Internet abrufbar.

Schweifsonett (»sonetto caudato«)

Das klassische Sonett ist ein Gedichttyp mit fester Form und vorwiegend umarmenden Reimen. Das typische italienische sonetto oder „Petrarca-Sonett“ besteht aus vierzehn Elfsilbern (it. endecasillabi), die in zwei abgesetzten Teilen angeordnet sind: in zwei vierzeiligen Quartetten und zwei dreizeiligen Terzetten.Wilhelm Theodor Elwert: Italienische Metrik, durchgesehene und erweiterte Auflage, Franz Steiner Verlag Stuttgart 1984, ISBN 978-3-515-04204-8, S. 112. (§83,4) Weltberühmt wurde diese Gedichtform durch den Canzoniere Petrarcas, durch die Sonette an Madonna Laura.Francesco Petrarca: Sonette an Madonna Laura, Italienisch / Deutsch. Reclam (Nr. 886) Stuttgart 1975, ISBN 3-15-000886-7.

Pietro Aretino setzt sich nicht nur durch die obszöne Sprache und eine die Schamgrenze überschreitende Direktheit vom spiritualisierten Petrarkismus ab. Auch in der lyrischen Form bricht er mit der mittelalterlichen Tradition, Petrarca zu imitieren und wird zum Antipetrarkisten, denn il divino greift auf eine Sonderform des Sonetts zurück, auf das Schweifsonett. Seine geschwänzten Sonette sind eine Mischform aus dem klassischen 14-zeiligen Sonett und der „Pasquinade“, dem Spottsonett mit „Coda“. So stellen die sonetti lussuriosi eine gegen die Tradition gerichtete „Gegenliteratur“, eine « contrelittérature » dar.

Das Schweifsonett, it.sonetto , auch „geschwänztes Sonett“ genanntGiorgio Bertone: Breve dizionario di metrica italiana. Einaudi, Turin 1999, ISBN 978-88-06-15109-6, S. 194, Lemma: sonettessa , ist eine siebzehnzeilige Sonderform des Gedichttyps Sonett. Ein (it.) sonetto caudato schmückt sich mit einem zusätzlichen, dritten Terzett, der „Coda“ (von provenzalisch cauda > it. coda; dt. Schweif, Schwanz), dem Schweif. Der Anfangsvers dieses zusätzlichen Terzetts ist kürzer. Er ist ein Siebensilbler (it. settenario) und reimt mit dem Schlussvers des vorausgehenden zweiten Terzetts.

Hier als Beispiel das zweite und dritte Terzett des Gedichts Miri ciascuno, a cui chiavando duole, sonetto 16 laut Danilo Romeis Nummerierung,

Zweites Terzett: V12 né già si turbin, benché siano stanchi, (d) V13 anzi tal giuoco par ch’ad ambi piaccia (c) V14 sì che bramin fottendo venir manchi; (d)

Drittes, zusätzliche Terzett: („Coda“, „Schweif“) V15 e pur stan dritti e franchi, (d) (Vers 15, dieser Siebensilbler reimt mit Vers 14) V16 ansando stretti a tal piacere intenti, (e) V17 e fin ch’ei durerà saran contenti. (e)

Die Romanistin Dagmar Reichardt fragt, was diese höchst ungewöhnliche Lyriksammlung literaturwissenschaftlich gesehen auszeichnet:

Antipetrarkismus Die Sonetti lussuriosi stehen in diametraler Opposition zu Petrarcas Canzoniere, sie stellen ein burleskes Gegenbild petrarkistischer Lyrik dar:

In seinen burlesken Schweifsonetten verkehrt il divino eine bestimmte Norm, die der höfischen Liebe, welche literarisch über die Trobadorlyrik durch den Stil- und Verhaltenscode des Petrarkismus vermittelt wurde. Der Norm des Petrarkismus setzt er die Realität entgegen, „dass sie sich in allem als Kehrseite der Norm erweist: die Geliebte ist nicht zu fern und zu hoch, sondern zu nah und zu niedrig.“Ulrich Schulz-Buschhaus: Satire oder Burleske? Bemerkungen zu Bernis Sonett: Un dirmi ch'io gli presti e ch'iogli dia. In: Romanische Forschungen, 87. Bd., H. 3 (1975), Seite 439.

Die obszönen Anfangsverse

Hier die Incipits, das heißt, die obszönen Anfangsverse der achtzehn authentischen Sonette einschließlich des Proöms und des EpilogsÜbersetzungen ins Deutsche vom Haupt-Autor dieses Artikels, in Reihenfolge und Schreibweise der kritischen Ausgabe von Danilo Romei: () Questo è un libro d'altro che sonetti – Fottiamci, anima mia, fottiamci presto, (Lasst uns ficken. meine Seele, schnell) – Mettimi un dito in culo, caro vecchione, (Lieber Alter, steck mir einen Finger in den Arsch) – Questo cazzo voglio io, non un tesoro: (Dieser Schwanz ist mir lieber als ein Schatz)