Mister Aufziehvogel (jap. Nejimakidori Kuronikuru) ist ein Roman von Haruki Murakami. Erzählt wird die Geschichte Toru Okadas und seiner Frau Kumiko. Arbeits- und orientierungslos begibt sich Toru, nachdem Kumiko ihn verlassen hat, auf eine Suchreise nach ihr und zugleich sich selbst und gerät in dunkle labyrinthische Grenzbereiche der Realität und Phantastik. Das Buch erschien erstmals 1994/95 auf Japanisch und 1998 in der deutschen Übersetzung der amerikanischen Fassung von Giovanni und Ditte Bandini.bei DuMont, Köln Im Oktober 2020 wurde unter dem Titel Die Chroniken des Aufziehvogels eine Neuübersetzung aus dem Japanischen von Ursula Gräfe publiziert.Die Chroniken des Aufziehvogels DuMont Buchverlag abgerufen am 27. September 2021.

Inhalt Überblick Die Chroniken des AufziehvogelsHaruki Murakami: Die Chroniken des Aufziehvogels. Aus dem Japanischen von Ursula Gräfe. Dumont Buchverlag, Köln, 2020. sind in drei Bücher unterteilt:

Buch: Die diebische ElsterOper von Gioachino Rossini (泥棒かささぎ編, Dorobō kasasagi hen), Juni–Juli 1984. Buch: Vogel als Prophet7. Teil des Klavierzyklus Waldszenen von Robert Schumann (予言する鳥編, Yogen suru tori hen), Juli–Oktober 1984. Buch: Der Vogelfängeraus der Oper Die Zauberflöte von Mozart (鳥刺し男編, Torisashi otoko hen), Oktober–Dezember 1985.

Nach sechsjähriger, scheinbar zufriedener Ehe verlässt Kumiko Okada plötzlich ihren Mann Toru. Bei der Suche nach den Ursachen gerät er in eine rätselhafte Doppelwelt, in der reale in traumartige Handlungen übergehen. Hinter der alltäglichen sichtbaren Realität verbergen sich dämonische Kräfte, die den Menschen beeinflussen und versuchen, ihm seine Willensfreiheit zu nehmen. Der Wirtschaftsprofessor Noboru Wataya ist die Verkörperung dieser Dämonie, privat und machtpolitisch. Er bindet nicht nur seine beiden Schwestern körperlich-seelisch an sich und verhindert ihre Entwicklung zu eigenständigen Persönlichkeiten, sondern gewinnt durch seine charismatisch-demagogischen Fernsehauftritte die Wahl in seinem Bezirk und wird Unterhaus-Abgeordneter. Kumiko unternimmt durch ihre Heirat einen Befreiungsversuch. Dies hat jedoch ihre Persönlichkeitsspaltung und die Entfremdung von Toru zufolge.

Toru erhält im Kampf um seine Frau Unterstützung von zwei Heilerinnen und Hellseherinnen, Muskat und Malta Kano, die sich bemühen, ihre Klienten vor dämonischen Mächten zu schützen und ihnen zu einem neuen Leben zu verhelfen. In dieser Zeit der Orientierungssuche lernt Toru, scheinbar zufällig, Menschen kennen,Die Hauptpersonen werden im englischen Wikipedia-Artikel vorgestellt. die ihm ihre meist tragischen Lebensgeschichten - Kindheits- bzw. Kriegstraumata, Verlust ihrer Persönlichkeit und Erstarrung ihrer Empfindungsfähigkeit, metaphysische Erlebnisse usw. – erzählen, die sich zu Murakamis Bild der japanischen Gesellschaft zur Entstehungszeit des Romans zusammenfügen. Durch diese Begegnungen und seine Traum-Erfahrungen erhält Toru Einblicke in das abgründige geheime Leben der Menschen.

Der zweite Schwerpunkt des Romans, der v. a. im dritten Buch in Parallelführung die Haupthandlung unterbricht, erzählt vom Ende des Zweiten Weltkriegs in der von Japanern beherrschten mandschurischen Provinz Manchukuo bzw. einem Kriegsgefangenenlager in Sibirien. Einige Bekannte Torus, der Hellseher Honda, dessen Freund Tokutaro Mamiya, Muskat und ihr Sohn Zimt, berichten von grausamen Kriegsereignissen, von Folter und Hinrichtungen. Die personale Verbindung der beiden Zeiten stellt Watayas Onkel her. Er entwickelte einen Plan für die japanische Besiedelung der Mandschurei und war nach dem Krieg einflussreicher Politiker. Sein Neffe Noburu wird sein Nachfolger als Abgeordneter seines Wahlkreises und gilt seinen Anhängern als Hoffnungsträger einer neuen Zeit.

Erstes Buch Die Handlung spielt 1984Wie in Murakamis Roman 1Q84 könnte dies eine Anspielung auf George Orwells 1984 sein. Süddeutsche Zeitung, 19. Oktober 2010. Ein Buch ohne ein Gramm Fett zu viel und 1985. Toru Okada, der Erzähler, ist 30 Jahre alt und wohnt mit seiner Frau Kumiko in einem kleinen gemieteten Haus im Tokioer Stadtteil Setagaya. Kumiko Okada ist Graphikdesignerin und arbeitet als Redakteurin in einem Zeitschriftenverlag, Toru hat seine Stelle als Gehilfe in einer Anwaltskanzlei gekündigt und verrichtet als Hausmann die täglichen Arbeiten. Das Leben der beiden scheint normal zu verlaufen, bis sich plötzlich merkwürdige Dinge ereignen:

Eines Tages verschwindet ihr Kater und Toru lernt auf der Suche nach ihm in der Nachbarschaft die 16-jährige May Kasahara kennen. Das Mädchen erholt sich nach einem schweren Motorradunfall, bei dem ihr Freund gestorben und sie schwer verletzt worden ist, zur physischen und psychischen Regeneration im elterlichen Haus und Garten. An einigen Tagen erhebt sie, anstelle in die Schule zu gehen, im Auftrag einer Perückenfirma die Glatzenbildung der Passanten für eine Statistik. Sie gibt Okada ironisch den Namen „Herr Aufziehvogel“ (I, 5), weil er das Gefühl hat, wie der in den Gartenbäumen verborgene schnarrende Vogel, für jeden Tag das Uhrwerk des Lebens neu aufzuziehen (II, 10). In dieser Zeit erhält Toru einen rätselhaften Telefonsexanruf, der sich im Laufe der Handlung wiederholt und, wie er am Ende des zweiten Buches in einer Vision erfährt (Buch II, Kap. 17), ein Hilferuf seiner Frau aus einem dunklen Raum ist, die von ihrer multiplen Persönlichkeit befreit werden möchte, ihm dies aber nicht auf normalem Weg sagen kann. Außerdem macht Toru einige außergewöhnliche Bekanntschaften, z. B. mit den Schwestern Malta und Kreta Kano. Malta ist Hellseherin und Esoterikerin und berät ihn im Auftrag Kumikos bei der Katersuche. Kreta war lange Zeit Prostituierte, sie besitzt magische Kräfte der Gedankenübertragung und unterstützt ihre Schwester bei Trinkwasseruntersuchungen, um schädigendes Wasser zu erkennen und das körperlich-seelische Gleichgewicht durch den Wasserfluss zu fördern. Kreta hat eine schwierige Biographie mit Schmerz- und Empfindungslosigkeitserfahrungen nach einem Selbstmordversuch sowie Erinnerungsstörungen. Seit ein Verbrechersyndikat sie zur Prostitution zwang (2. Leben), fühlt sie ihren Körper als fremdes Wesen. Nachdem sie von einem ihrer Kunden, Noboru Wataya, Kumikos älterem Bruder, missbraucht und in eine Ekstase getrieben wurde, beginnt sie ihr drittes Leben, zuerst als Medium ihrer Schwester, in deren Auftrag sie z. B. bei Toru einen Sex-Traum mit ihr, bzw. der „Telefonfrau“, also Kumino in ihrer Doppelexistenz, durch magisch-geistige Übertragungen initiiert. Zu Beginn ihrer Ehe hatte das Ehepaar Okada Kontakt mit dem Wahrsager Honda, der im Zweiten Weltkrieg als Soldat in der Mandschurei stationiert war. Nach dessen Tod überbringt Leutnant Tokutaro Mamiya im Auftrag seines Freundes Toru ein Erinnerungsgeschenk und erzählt ihm von seinen Kriegserlebnissen (I, 12 und 13). Höhepunkt der Grausamkeit war die Folter und Häutung eines Kameraden bei lebendigem Leib durch mongolische Soldaten. Ihn selbst zwangen sie, in einen tiefen Brunnen zu springen, aus dem ihn Honda befreite. Diese Erfahrung in der Isolation des Brunnens hat sein Leben verändert. Später (III, 32 und 34) beschreibt Mamiya Toru in Briefen seine Zeit in einem sibirischen Arbeitslager, das durch den Offizier „Boris, den Schinder“ zunehmend in eine stalinistische Miniaturdiktatur umgeformt wird.

Zweites Buch Kumiko verlässt Toru überraschend nach sechsjähriger Ehe. Für ihn gab es keine Anzeichen, dass sie einen Geliebten hat. Später erklärt sie ihm in Briefen (II, 11, III, 40) ihre Persönlichkeitsspaltung in zärtliches Gefühl und Liebe zu ihm und zwanghafter sexuelle Lust für viele andere Männer mit der Folge einer Geschlechtskrankheit. Toru gerät in eine Lebenskrise und klettert, motiviert durch die Erzählungen Mamiyas, mit einer Strickleiter in den ausgetrockneten Brunnen auf einem verlassenen benachbarten Grundstück. Dort denkt er über sich und seine Beziehung zu Kumiko nach und erinnert sich daran, wie er sie kennengelernt hat und wie sie miteinander scheinbar glücklich lebten, obwohl sie Symptome einer zeitweiligen Desorientierung bzw. Bewusstlosigkeit zeigte. Er hat jedoch nicht versucht, diese Rätsel zu ergründen, auch nicht, als sie sich vor einigen Jahren zu einer Abtreibung entschloss. Während seines Brunnen-Gefängnisses überschreitet Toru in einem Traum die Realitätsgrenzen, betritt durch flexible Wände ein labyrinthisches Hotel, in dessen Foyer Noboru Watayas Anhänger die Rede ihres Führers auf einem Monitor verfolgen. In einem dunklen Zimmer begegnet er der Telefonfrau (II, 8).

May Kasahara beobachtet interessiert Torus Brunnen-Experiment, um die Labor-Situation zu steigern, beobachtet ihn wie ein Versuchstier und befragt ihn über seine neuen Lebens- und Todeserfahrungen. Sie selbst hat auf der rasanten Motorradfahrt mit ihrem Freund ein grenzwertiges Erlebnis provoziert. Jetzt zieht sie die Strickleiter aus dem Brunnen, um seine Isolationsangst bis zum Kipppunkt der Panik zu treiben, und lässt ihn hilflos zurück. May verlässt bald die Stadt, arbeitet nach dem kurzen Besuch einer Internatsschule in einer Perückenfabrik in den Bergen und beschreibt ihm in einer Serie von Briefen (III, May Kasaharas Betrachtungen) den Alltag einer Arbeiterin in einer großen Halle und die mechanischen Abläufe der Knüpftechnik. Für die meisten ihrer Kolleginnen ist es nur eine ca. dreijährige Übergangszeit zwischen Schule und Heirat für sie eine Orientierungszeit. Im letzten Romankapitel (III, 41) besucht Toru sie und will mit ihr in Kontakt bleiben.

Drei Tage später wird Toru von Kreta im Brunnen entdeckt, als sie ihn besuchen will und sein Haus verlassen vorfindet, und er kehrt mit einem dunklen Mal in seinem Gesicht in sein Haus zurück. Kreta hat sich aus ihrem zweiten, unfreien Leben gelöst und will ihr drittes mit einem neuen Namen und einem Kreta-Aufenthalt beginnen (II, 14). Sie lädt Toru ein, mit ihr zu schlafen und sie auf ihrer Reise zu begleiten.

Er sieht zwar die Möglichkeit, sich in Europa aus seinen rätselhaften Verstrickungen zu lösen, will aber zuerst durch eine Art Meditation zu einem Entschluss kommen. Um seinen Kopf zu entleeren, betrachtet er in Shinjuku von einer Bank aus elf Tage lang den Strom der vorbeiziehenden Passanten, ohne zu sprechen, zu denken und zu fühlen. Als er meint, einen Musiker zu erkennen, den er mit seiner Krise in Verbindung stehen könnte, folgt er ihm und wird von ihm angegriffen. Er verteidigt sich nicht nur, sondern steigert sich in eine maßlose Wut, prügelt mit einem Baseball-Schläger den ihn trotz seiner Verletzungen auslachenden Gegner brutal zusammen und läuft davon. In der Nacht träumt er von seinem Kampf und entscheidet, nicht von seinen Problemen wegzulaufen, sondern in Japan zu bleiben, das Rätsel um Kumiko zu lösen und zu versuchen, sie in seine Welt zurückzubringen.

Drittes Buch Im ein Jahr später spielenden dritten Buch wechselt das Personal um Toru. Die Schwestern Kano verschwinden aus seinem Gesichtskreis und die Briefe Mays mit ihren Betrachtungen erreichen ihn nicht. Neue Bekanntschaften mit Muskat und ihrem Sohn Zimt dominieren seine Handlungen.

In Erinnerung an sein Traumerlebnis und seine Vision von Kumiko als Telefonfrau vermutet Toru einen Zusammenhang zwischen dem Brunnen mit der in seinem Traum durchlässigen Wand zur Telefonfrau, dem geheimnisvollen Gesichtsfleck und seiner Frau. Da er von einem Immobilienmakler erfährt, dass das Brunnengrundstück wegen einiger Todesfälle unter seinen Bewohnern kaum verkäuflich ist, spielt er mit dem Gedanken, es zu einem günstigen Preis mit einem Lotteriegewinn zu erwerben. Doch es ergibt sich eine andere Einnahmequelle.