mini|hochkant=1.5|Briefkopf und -fuß der Reichs-Zentrale Die Reichszentrale für Pelztier- und Rauchwarenforschung e. V. befand sich am Leipziger Brühl, einem der zu seiner Zeit drei größten Welthandelsplätze für Pelzfelle (Rauchwaren) und Pelze, neben den Zentren London mit dem Beaver House sowie dem New Yorker Fur District. Sie widmete sich, laut dem wesentlichen Punkt ihrer Satzung, der „Förderung und Forschung der Hege, Haltung und Zucht von Pelztieren sowie von Untersuchungen über Pelztierfelle und deren Verwertung“. Sie wurde am 9. April 1926 gegründet und vereinigte die in der deutschen Pelzbranche tätigen Wissenschaftler, Züchter und Händler.

Der Gründungsname war, jedoch bereits Ende Oktober 1926 geändert, Reichs-Zentrale für Rauchwaren- und Pelztierforschung. Die Geschäftsstelle der Reichszentrale befand sich noch 1943 in Steibs Hof, Nikolaistraße 28–32, dem Geschäftshaus des Pelzhändlers Friedrich Erler,Forschung und Unterricht im Rauchwaren- und Pelzfach. In: Der Rauchwarenmarkt Nr. 1/2, 2. Januar 1943, S. 10. ihre Bibliothek 1930 in stadteigenen Räumen in der zweiten Etage der Zentralstraße 3.

Institution Durch staatliche Verleihung hatte die Reichszentrale den Charakter eines rechtsfähigen Vereins. Die Organe waren die Mitgliederversammlung, der Vorstand und die Geschäftsführung (Verwaltung). Die Geschäftsführung bestand aus dem geschäftsführenden Vorsitzenden und dem Geschäftsführer. Diese Ämter bekleideten von der Gründung an bis zur Einstellung der Tätigkeit der Institution Walter Krausse als Geschäftsführender Vorsitzender, aus der Rauchwarengroßhandlung Friedr. Erler, und Dr. Paul Schöps als Geschäftsführer. Die Betreuung der Bibliothek oblag einem Kustos; über ein Jahrzehnt bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs war das Dr. Rudolf Fritzsche. Jährlich einmal war der Mitgliederversammlung über den Geschäftsverlauf Rechenschaft zu geben.

Aufgaben Um die Zeit der Gründung der Reichszentrale wurden in erheblichem Ausmaß Edelpelztier-Farmen geschaffen. Vor allem Silberfüchse wurden gezüchtet, die zeitweilig abnorm hohen Fellpreise erzeugten eine Art Goldgräberstimmung. Bald kamen Zuchten von Nerzen, Sumpfbibern, Steinmardern und Skunks dazu. Es bestand ein dringender Beratungsbedarf für die zum größten Teil völlig unbedarften Züchter. Der Handel wünschte eine Verbesserung der anfangs geringen Qualität der deutschen Silberfuchsfelle und hatte ein Interesse an der Vergrößerung des Fellaufkommens. Während des vergangenen Ersten Weltkrieges hatte man sehr negative Erfahrungen mit der Kaninchenhaltung gemacht, mit einer Professionalisierung der Beratung der Edelpelztierzucht sollte dies künftig vermieden werden.

Die einzelnen Aufgabenkreise der Reichszentrale für Pelztier- und Rauchwarenforschung waren laut Satzung vom 9. April 1926: 1. Förderung von Untersuchungen über Pelztierfelle und deren Verwertung. 2. Förderung und Erforschung der Hege, Haltung und Zucht

Der Zweck sollte dabei insbesondere erreicht werden durch: a) Unterstützung aller Bestrebungen, die ein Aussterben der vom Rauchwarenhandel begehrten Pelztiere verhindern soll. b) Materialsammlung über mit Pelztieren gemachte Zuchterfahrungen. c) Auswertung der Zuchterfahrungen unter Mitarbeit berufener Vertreter der praktischen Tierzucht und einschlägigen Wissenschaft. d) Forschung auf dem Gebiete der Pelzveredlung. e) Bereitstellung von Mitteln zur Durchführung für in der Richtung des Vereinszweckes liegende Untersuchungen. Zur Unterstützung für besonders geeignet erachtet gelten Institute der Biologie, Chemie, Tierzucht, Vererbungswissenschaft und Zoologie der Universitäten, Technischen und Tierärztlichen Hochschulen, Forst- und Landwirtschaftlichen Hochschulen sowie Fachschulen und Fachinstitute. Daneben können andere Stellen für bestimmte Aufgaben, deren Lösung den Interessen des Vereins wesentlich dient, Zuwendung und Unterstützung erhalten. f) Aussetzen von Preisen (unter anderem auch Beisteuerung zu den Druckkosten) für verdienstvolle Arbeiten aus Gebieten, die den Verein besonders beschäftigen.Gottlieb Albrecht: Der Pelzmarkt Leipzig bei besonderer Berücksichtigung seines Rauchwarenhandels. Primärquelle: Tätigkeitsbericht für die Jahre 1926 bis 1927 der Reichs-Zentrale für Pelztier- und Rauchwaren-Forschung, Leipzig 1928, S. 2.

Die Reichszentrale bot den Züchtern eine kostenlose juristische Beratung an, die jedoch nur selten genutzt wurde, . Mehr angenommen wurde die Zuchtberatung. Von der Reichszentrale war bereits am 1. Juni 1926 eine Forschungsstelle für Pelztierkunde geschaffen worden. Die Leitung hatte Heinrich Prell übernommen, Professor an der Forstakademie Tharandt und Berater der Silberfuchsfarm Hirschegg-Riezlern im Kleinwalsertal. Mit der Landesregierung wurde eine Angliederung der Forschungsstelle an das Zoologische Institut der Forstakademie vereinbart, so dass deren Forschungskapazität für die Belange der Pelztierzucht genutzt werden konnte. Eigentlich nur eine Servicenebenleistung sollte dabei die Beratung der Farmer sein. Es stellte sich jedoch heraus, dass gerade hier eine teils erschreckende Unwissenheit und ein hoher Bedarf bestand. Prell konzipierte ein Zuchtbuch und einer seiner Mitarbeiter, der Zoologe Wolfgang Stichel, übernahm dessen Führung. Am 1. Mai 1927 wurde die Zuchtbuchstelle zu einer unabhängigen Einrichtung des Reichsverbandes Deutscher Silberfuchs- und Edelpelztierzüchter erklärt und nach Leipzig verlegt, sie gehörte dabei weiterhin zur Reichszentrale.

In der Regel beteiligte sich die Reichszentrale nicht direkt an den Forschungen. Sie sah sich vielmehr als zentraler Knotenpunkt innerhalb eines Forschungsnetzwerks. Sie brachte Experten zusammen, die sich mit wissenschaftlichen, wirtschaftlichen oder praktischen Grundlagen der Pelztierzucht befassten. Eine Ausnahme bildete die Versuchsfarm bei Connewitz, südlich von Leipzig.

Die unregelmäßig erschienene Publikationsreihe „Schriften der Reichs-Zentrale für Pelztier- und Rauchwarenforschung“ bot Fachleuten die Möglichkeit zur Veröffentlichung. Zu den Stammautoren gehörten Heinrich Prell, Reinhard Demoll, Paul Schöps und Curt Sprehn. Neun Jahre lang gab die Reichszentrale die Zeitschrift „Deutsche Pelztierzucht“ heraus, 1926 in „Die Pelztierzucht“ umbenannt, bis sie durch die Konkurrenz von Demolls „Der deutsche Pelztierzüchter“ verdrängt wurde.

Das Archiv und die Bibliothek enthielt nahezu lückenlos allgemeine und spezielle Werke des Rauchwarenhandels, der Zurichtung und Färberei, der Kürschnerei und Pelzkonfektion, der Säugetierkunde, der Tierzucht und dergleichen mehr, wie auch sämtliche Fachzeitschriften.Auf zur Mitarbeit. In: Der Rauchwarenmarkt Nr. 87, Leipzig, 23. Juli 1931.

Geschichte Ende des 19. Jahrhunderts entwickelte sich außerhalb der regionalen Trachten eine separate Pelzmode. Pelzjacken und -mäntel wurden dabei erstmals bevorzugt mit dem Haar nach außen getragen. Die Erfindung der Pelznähmaschine und der Beginn einer Pelztierzucht um die Wende zum 20. Jahrhundert ermöglichten eine wesentliche Kostenverringerung der Pelzherstellung und eine Vergrößerung des Angebots.

mini|Leipziger Rauchwarenhändler mit Silberfuchsfellen (vor 1936)

Von 1925 an fand insbesondere in Kürschner- und Jagdzeitschriften eine Werbung statt, die traumhafte Gewinne versprach, wenn man eine Silberfuchszucht begänne oder sich wenigstens an einer solchen beteilige. Es wurde regelrecht eine „Silberfuchsbewegung“ ausgelöst. In einem DDR-Fachbuch hieß es 1960 rückblickend: „Beschäftigungslose, Techniker, Kaufleute, Beamte, Künstler, alleinstehende Frauen, Offiziere, Landwirte und Industrielle traten einzeln oder in Gruppen dem Kreis der Pelztierzüchter bei. Sie traten bei mit Namen und Geld, nicht aber mit Rat und Tat.“

Robrecht Declercq bezeichnete die Entwicklung der Pelztierzucht seit ihrem Beginn zum Anfang der 1920er Jahre in Deutschland als spektakulär. Mitte der 1930er Jahre kamen allein von hier bereits jährlich etwa 20.000 der vorher seltenen und daher kostbaren Silberfuchsfelle in den Handel, dem vierfachen des Weltangebots vor dem Ersten Weltkrieg. Es war jedoch abzusehen, dass „die noch unerfahrenen, allerlei Versuchungen ausgesetzten Farmer“, viele Fehler machen würden und die Felle hohen Ansprüchen nicht genügen würden. Dabei war es möglich, unter richtiger Anleitung in der Zucht bessere Felle zu erzielen als in der freien Wildbahn. Analog zu den staatlichen Forschungsanstalten für Pelztierkunde in den U. S. A. und in Kanada wurde dies für Deutschland die Aufgabe der am 9. April 1926 gegründeten Reichszentrale für Pelztier- und Rauchwarenforschung. Ihre Rechtsfähigkeit erhielt sie durch Verleihung des Sächsischen Wirtschaftsministeriums am 24. April 1926; die Aufsicht versah laut Satzung die Handelskammer Leipzig.Wolfgang Bohne: Entwicklungstendenzen der Pelzwirtschaft. Inaugural-Dissertation an der Philosophischen Fakultät der Universität Leipzig, 1930, S. 40 (→ Inhaltsverzeichnis). Der Sitz der Reichs-Zentrale für Pelztier- und Rauchwarenforschung war das Pelzzentrum des Leipziger Brühl, einer der drei ehemals weltgrößten Handelsplätze für Pelzfelle, wo auch die Idee für ihre Gründung entstanden war. Die wirkliche Durchführung der Gründung der Reichszentrale ist der Initiative von Werner Krausse aus der Firma Friedrich Erler zu verdanken, der auch sonst in der Branchenorganisation sehr tätig war. Krausse war unter anderem Urheber und Verfechter der Schaffung einer Höheren Rauchwaren-Fachschule und hatte sich ganz für besonders für die Schaffung eines Rauchwarenhauses in Leipzig eingesetzt, in dem unter anderem das Museum für Pelztier- und Rauchwarenkunde hätte untergebracht werden sollen. Er wurde der Gründer und Leiter der Reichszentrale. Im Jahr 1929 war der Leiter der Reichszentrale Paul Schöps. Philipp Manes schrieb, anscheinend abweichend, dass die Reichszentrale bei ihrer Gründung im Jahr 1926 „dem eifrigsten Förderer der Idee, Herrn Dr. Paul Schöps, unterstellt“ wurde.Philipp Manes: Die deutsche Pelzindustrie und ihre Verbände 1900–1940, Versuch einer Geschichte. Berlin 1941 Band 2. Durchschrift des Originalmanuskripts, S. 121.

Im Pelzzentrum um den Brühl hatte man für das lange fehlende Engagement der Leipziger Universität zum Thema Pelztierzucht kaum Verständnis, zumal sich die Forstakademie Tharandt, aber auch die benachbarte Universität Halle „beispielhaft engagierten“. Erst zehn Jahre nach Gründung der Versuchszüchterei für Silberfüchse und vier Jahre nach Ausweitung der Pelztierzucht auf Nerze, Sumpfbiber und andere Pelztiere am Tierseucheninstitut wurde an der Universität eine Abteilung für Parasitenkunde und Pelztierkrankheiten eingerichtet.

Beihilfen zur Durchführung ihrer Arbeiten bekam das Institut vom Reichsministerium des Innern, vom Preußischen Landwirtschaftsministerium, vom Sächsischen Wirtschaftsministerium, dem Rat der Stadt Leipzig, der Handelskammer Leipzig und von einzelnen Verbänden, von denen 1931 besonders der Reichsverband der deutschen Rauchwarenfirmen und der Reichsverband Deutscher Silberfuchs- und Edelpelztier-Züchter genannt wurden, sowie durch Beiträge der Mitglieder. Das anfängliche Budget betrug 20.000 Reichsmark, wovon die Firmen 3500 Mark zur Verfügung stellten (die Fur Merchants Association 2000 Mark und verschiedene Firmen 1500 Mark). Die Hauptsponsoren waren die Leipziger Handelskammer und das sächsische Wirtschaftsministerium. 1927 stieg das Gesamtbudget auf 28.000 Mark, aus Mitteln der Pelzindustrie kamen davon 6000 Mark.