Nueva Germania (Neugermanien/Neues Deutschland) ist ein Dorf im ländlichen Teil von Paraguay, circa 150 km nördlich der Hauptstadt Asunción. Es wurde im März 1886 von Bernhard Förster sowie einer Handvoll deutscher Siedler gegründet, darunter seiner Frau Elisabeth Förster-Nietzsche, der Schwester von Friedrich Nietzsche.
Geschichte Förster, ein deutscher Gymnasiallehrer, plante mit der Gründung von Nueva Germania ein Reich von rein deutscher Rasse und Kultur, ein Paradies für Germanen in Südamerika aufzubauen. Förster war ein Vertreter völkischer Ideen und war wegen seines militanten Antisemitismus aus dem Schuldienst entlassen worden. Unter anderem machte er Juden für den „Verfall deutscher Tugenden“ verantwortlich.Das Erbe von Nueva Germania. In: Der Spiegel (spiegel.de), 12. Juli 1993, abgerufen am 29. Mai 2016. Nach dem Suizid Försters, der die Vermischung der Siedler mit der indigenen Bevölkerung nicht verhindern konnte und bereits hochverschuldet war, setzte der Niedergang der Kolonie ein. Beteiligt war auch der Bankier Heinrich Quistorp, welcher die Unterstützung der Regierung gewann. Diese stellte staatlichen Grundbesitz zur Verfügung und trug durch Anleihen und Subventionen zur Finanzierung bei. Es wurde sogar eine Schifffahrtslinie nach Deutschland eingerichtet.
Die sächsischen Siedler waren auf die Bedingungen in Südamerika nicht vorbereitet und besaßen keine Erfahrung in tropischer Landwirtschaft. Zudem war Nueva Germania in der Trockenzeit vom Umland abgeschnitten. Die Kolonie verfiel in Hunger und Armut. Nachdem ihr Versuch gescheitert war, ihren berühmten Bruder Friedrich nach Nueva Germania zu holen, verließ 1892 auch Elisabeth Paraguay. Fünfundzwanzig Familien, die sich eine Heimreise nicht leisten konnten, blieben zurück. Die Kolonie besteht noch heute, ist aber von Abwanderung betroffen.
Das Projekt erfuhr wieder propagandistische Bedeutung in der Zeit der Diktatur von Alfredo Stroessner, Sohn eines Deutschen und einer paraguayischen Kreolin.Peter Burghardt: Die Aussiedler. In: Süddeutsche Zeitung, 15./16. November 2014, S. 57. Die Lebensbedingungen im Dorf blieben lange bescheiden; ein Stromanschluss wurde erst 1992 eingerichtet.Henning Kober: In, um und um Germanistan herum. In: Die Tageszeitung (taz.de), 18. Mai 2006, abgerufen am 29. Mai 2016.
Die ursprüngliche Siedlung ist Gegenstand eines deutschen Forschungsprojektes, bei dem es um gesellschaftliche Dimensionen von Ressourcen geht. Dabei untersuchten im Jahr 2022 die Archäologen Natascha Mehler und Attila Dészi Bauten und Parzellen aus der Gründungsphase der Kolonie.Nueva Germania und andere utopische Siedlungen bei Landschaftsverband Westfalen-Lippe vom 13. Mai 2024
Nach der Volkszählung von 2002 hatte Nueva Germania 4202 Einwohner, von denen 840 (20 %) angaben, Deutsch in irgendeiner Form zu sprechen. Unter den jüngeren Bewohnern waren deutsche Sprachkenntnisse noch ähnlich weit verbreitet wie unter den Älteren. (Ergebnisse der Volkszählung in Paraguay 2002). Auf: cepal.org, abgerufen am 29. Mai 2016.
Heute ist Nueva Germania eine ruhige und relativ arme Gemeinde im Bezirk San Pedro. Die drei hauptsächlich gesprochenen Sprachen sind Spanisch, Guaraní und Deutsch. Die Gründungsgeschichte der Stadt hat dazu geführt, dass die Mischung aus deutscher und paraguayischer Kultur als gemeinsames Erbe der Stadt gefeiert wird und die Einwohner bezeichnen sich selbst als Germanino. Wie Jonatan Kurzwelly in seinem Buch „People and Identities in Nueva Germania“ (Menschen und Identitäten in Nueva Germania), das auf einer langjährigen ethnografischen Untersuchung der Stadt basiert, beschreibt, identifizieren sich die Menschen in verschiedenen Situationen als Deutsche, Paraguayer oder Germaninos.
Literatur Ben Macintyre: Forgotten Fatherland – the search for Elisabeth Nietzsche. Macmillan, London 1992, ISBN 0-333-55914-2 (deutsche Übersetzung: Vergessenes Vaterland. Die Spuren der Elisabeth Nietzsche. Reclam, Leipzig 1994, ISBN 3-379-01510-5). Ben Macintyre: The True Story of Nietzsche’s Sister and Her Lost Aryan Colony. Broadway Books / Random House, New York 2011, ISBN 978-0-307-88644-6. Wolfgang Hindrichs: Nueva Germania – Eine Herausforderung in Paraguay. Hahne und Schloemer, Düren 2006, ISBN 978-3-927312-74-6. Daniela Kraus: Bernhard und Elisabeth Försters Nueva Germania in Paraguay. Eine antisemitische Utopie. Doktorarbeit. Universität Wien 1999 (online). Jonatan Kurzwelly: Being German and being Paraguayan in Nueva Germania: Arguing for “contextual epistemic permissibility” and “methodological complementarity.” Doktorarbeit, University of St Andrews 2017. Jonatan Kurzwelly: Being German, Paraguayan and Germanino: Exploring the Relation Between Social and Personal Identity. In: Identity. Band 19, Nummer 2, 2019, S. 144–156, doi:10.1080/15283488.2019.1604348 Jonatan Kurzwelly: People and Identities in Nueva Germania (= Göttinger Studien zur Kulturanthropologie/Europäischen Ethnologie. Band 18). Universitätsverlag Göttingen, Göttingen 2024, ISBN 978-3-86395-636-3. Natascha Mehler, Attila Dézsi: Nueva Germania (Paraguay): Siedlungsgeographie einer utopischen Kolonie. In: Claudia Theune, Barbara Hausmair, Christina Schmid (Hrsg.): Das 19. und 20. Jahrhundert im Fokus der Historischen Archäologie. The Historical Archaeology of the 19th and 20th Centuries (= Beiträge zur Mittelalter- und Neuzeitarchäologie in Österreich. Beiheft 15). Österreichische Gesellschaft für Mittelalter- und Neuzeitarchäologie, Wien 2024, ISBN 978-3-903192-07-2, S. 219–229 (online).
Weblinks
Utopische Siedlungen in Nord- und Südamerika im Fokus der Historischen Archäologie, Vortrag von Natascha Mehler beim LWL-Museum für Archäologie und Kultur am 16. Mai 2024, YouTube-Video (01:03 Stunden) Florian Zinnecker: Ich habe gemerkt, wie sehr ich mit dem Begriff ›deutsch sein‹ ringe. In: Süddeutsche Zeitung (sueddeutsche.de), 11. Mai 2016.
Einzelnachweise
Kategorie:Ort in Paraguay Kategorie:Rassismus Kategorie:Eugenik Kategorie:Departamento San Pedro (Paraguay)