Als Gütergemeinschaft der Jerusalemer Urgemeinde (auch Gütergemeinschaft der Urgemeinde, Urgemeindliche Gütergemeinschaft oder Urchristliche Gütergemeinschaft) bezeichnet man eine Praxis, von der die Apostelgeschichte des Lukas (Apg ; ) im Neuen Testament (NT) erzählt: Danach besaß die erste Gemeinschaft des Urchristentums in Jerusalem all ihr Eigentum gemeinsam und teilte dessen Erlöse mit den bedürftigen Gemeindegliedern.
Mit Bezug auf diese NT-Darstellung versuchten zahlreiche christliche Gruppen in der Kirchengeschichte, ihr Eigentum zu teilen und ganz oder teilweise gemeinsam zu verwalten. Die Forschung fragt vor allem, woher das Motiv des Kollektiveigentums stammt, wie die zugehörigen NT-Texte dieses begründen, welcher Art es war, welche historische Realität dahinter stand und welche aktuelle Bedeutung es hat.
Neues Testament Texte zur Gütergemeinschaft Die Aussage „Sie hatten alles gemeinsam“ findet sich zweimal nahezu wortgleich in den Texteinheiten Apg 2,42–47 und Apg 4,32–35. Es sind formal, sprachlich und inhaltlich eng verwandte Summarien. Der Evangelist Lukas gilt als ihr gemeinsamer Autor.Kiyoshi Mineshige: Besitzverzicht und Almosen bei Lukas: Wesen und Forderung des lukanischen Vermögensethos. Mohr/Siebeck, Tübingen 2003, ISBN 3-16-148078-3, S. 218.
Im direkten Anschluss an das Pfingstwunder und die erste Predigt des Simon Petrus fasst die Hauptmerkmale der Jerusalemer Urgemeinde zusammen:
Das Wort koinonia („Gemeinschaft“) verwendet Lukas nur hier. Wie die Wendung hapanta koina („alles gemeinsam“) bestätigt, bedeutet es im NT nicht nur personale Harmonie, sondern auch soziale Verwendung des Eigentums. Die Verteilung von Verkaufserlösen an Bedürftige ist demnach konstitutiver Bestandteil dieser Gemeinschaft und hat denselben Rang wie die apostolische Lehre, die Mahlfeier (bei der Sakrament und Sättigung noch ungetrennt waren), das Gebet und die Mission. Dafür erfuhr die Urgemeinde laut die Sympathie des jüdischen Volkes.Kiyoshi Mineshige: Besitzverzicht und Almosen bei Lukas: Wesen und Forderung des lukanischen Vermögensethos. Tübingen 2003, S. 221.
Diese Merkmale stellt der Text als Wirkung des im Pfingstwunder ausgeschütteten Heiligen Geistes und der ersten Petruspredigt dar. Diese verkündet zentral die Auferstehung Jesu Christi, des zuvor für die Schuld aller Gekreuzigten . Sie endet mit dem Aufruf : „Tut Buße und jeder von euch lasse sich taufen auf den Namen Jesu Christi zur Vergebung eurer Sünden, so werdet ihr empfangen die Gabe des Heiligen Geistes. […] Lasst euch erretten aus diesem verkehrten Geschlecht!“ Darauf folgt eine Massentaufe der Predigthörer. In ihrer Gütergemeinschaft zeigt sich, dass sie den versprochenen Geist empfangen haben und dem Umkehrruf folgen.Peter Böhlemann: Jesus und der Täufer: Schlüssel zur Theologie und Ethik des Lukas. Cambridge University Press, 1997, ISBN 0-521-59421-9, S. 309.
Nach weiteren Missionserfolgen kommt auf das Thema Gütergemeinschaft zurück und erläutert deren Art und Ziel: Demnach blieb Privatbesitz formell bestehen, aber jeder Getaufte verzichtete den anderen Gemeindegliedern gegenüber je nach Bedarf auf seine Besitzrechte. Den so erreichten Zustand des Gemeinbesitzes bezeichnet Lukas mit der Wendung hapanta koina analog zum damaligen hellenistischen Freundschaftsideal, so dass die Urgemeinde hier auch für Nichtjuden Vorbild war und sein sollte.Gerd Theißen: Urchristlicher Liebeskommunismus: Zum „Sitz im Leben“ des Topos απαντα κοινα in Apg 2,44 und 4,32. In: Tornd Fornberg, David Hellholm (Hrsg.): Texts and Contexts. Biblical Texts in Their Textual and Situational Contexts. Scandinavian University Press, Kopenhagen/Oslo 1995, S. 689–711.
Nach diesen Summarien folgen Beispiele (): erzählt, dass Hananias und Saphira zusammen ein Grundstück verkauften, aber etwas von dem Erlös für sich behielten und Hananias den Aposteln nur einen Teil davon überbrachte. Petrus habe ihn gefragt:
Mit dem Beschluss in seinem Herzen habe er nicht Menschen, sondern Gott belogen: „Als Hananias diese Worte hörte, stürzte er zu Boden und starb.“ Ebenso ergeht es seiner Frau, die Petrus danach mit ihrer Tat konfrontiert.
Die Beispiele kontrastieren das erwünschte Verhalten, den ganzen Erlös eines Grundstücksverkaufs der Gemeinde zu spenden, mit dem verurteilten Verhalten, etwas vom Erlös für sich zu behalten. Laut der Reaktion des Petrus waren Grundstücksverkauf und Spende freiwillig, aber das Unterschlagen eines Teils war für ihn ein Belügen Gottes, weil der Spender fälschlich vorgab, den vollen Erlös zu spenden. Damit brach er die vom Heiligen Geist bewirkte Gemeinschaft, die den Bedürftigen zugutekommen sollte. Demnach sollte der tatsächliche Verkaufserlös bei einer freiwilligen Spendenübergabe nicht verheimlichtWalter Schmithals: Die Apostelgeschichte des Lukas. Zürcher Bibelkommentare NT 3.2. Theologischer Verlag, Zürich 1982, ISBN 3-290-14731-2, S. 56 oder eine vorher angekündigte Spende vollständig übergeben werden.Kiyoshi Mineshige: Besitzverzicht und Almosen bei Lukas: Wesen und Forderung des lukanischen Vermögensethos. Tübingen 2003, S. 232–234 Danach erwähnt die Apg die Gütergemeinschaft nicht mehr.
Texte zum Besitzausgleich zwischen Gemeinden Nach gewährleistete die Gütergemeinschaft nicht immer, dass alle versorgt wurden: Bei der täglichen Nahrungsausteilung seien die Witwen der Griechisch sprechenden Judenchristen übersehen worden. Eine Vollversammlung der Gemeinde habe die bisher von den Aposteln selbst geübte Nahrungsverteilung einem neu gewählten Gremium von sieben Diakonen übertragen.Kiyoshi Mineshige: Besitzverzicht und Almosen bei Lukas: Wesen und Forderung des lukanischen Vermögensethos. Tübingen 2003, S. 245f.
Weitere NT-Texte berichten von Kollekten aus anderen Gemeinden für die Urgemeinde. Sie zeigen, dass es dort weiterhin Mangel gab, so dass ein Besitzausgleich zwischen den Gemeinden eingeführt wurde. Apg 11,27–30 erwähnt eine solche Kollekte aus Antiochia. Nach Gal 2,10 wurde beim Apostelkonzil (um 48) eine fortlaufende Kollekte für die Urgemeinde vereinbart, die Paulus von Tarsus in den von ihm gegründeten Gemeinden einsammeln wollte. Denkbarer Anlass war eine Hungersnot in der Region um das Jahr 47/48.Friedrich W. Horn: Das Ende des Paulus. Walter de Gruyter, 2001, ISBN 3-11-017001-9, S. 29. Das Beispiel der Jerusalemer Gütergemeinschaft kann die externe Spendensammlung angeregt haben.Oscar Cullmann: Ökumenische Kollekte und Gütergemeinschaft im Urchristentum. In: Oscar Cullmann: Vorträge und Aufsätze 1925–1962. Mohr/Siebeck, Tübingen 1966, ISBN 3-16-103201-2, S. 600–604.
Paulus schilderte in die Übergabe dieser Sammlung „für die Armen unter den Heiligen in Jerusalem“ (vgl. Apg 24,17) und schrieb über die Spender: Er verstand diese Armenkollekte also nicht als karitative Dienstleistung, sondern als Pflicht der Heidenchristen, die den Judenchristen damit für die empfangene Heilsbotschaft des Gottes Isrels danken und ihre bleibende Verbindung zu den Judenchristen bekräftigen sollten.Christoph J. Karlson: Zum sozio-kulturellen und theologischen Hintergrund der paulinischen Kollekte. In: Frank Adloff, Eckhard Priller, Rupert Strachwitz (Hrsg.): Prosoziales Verhalten. Lucius & Lucius, 2010, ISBN 978-3-8282-0507-9, S. 24–27
In ermutigte Paulus die Gemeinde in Korinth, ihre früher begonnene Kollekte für die Urgemeinde fortzusetzen: Damit griff Paulus die Absicht der Gütergemeinschaft auf, den Mangel der Armen innerhalb der christlichen Gemeinschaft auszugleichen, und übertrug die Vorstellung des Besitzausgleichs zwischen reichen und armen Gemeindegliedern auf das Verhältnis aller Gemeinden untereinander.Michael Schäfers: Prophetische Kraft der kirchlichen Soziallehre? Armut, Arbeit, Eigentum und Wirtschaftskritik. Münster 1998, S. 133.
Wirkungen Die Gütergemeinschaft der Urgemeinde (Apg 2/4) wirkte in der Christentumsgeschichte als Vorbild für christliche Minderheiten, die entsprechend zu leben versuchen und sich damit von den Großkirchen abgrenzen. Sie bildet einen kritischen Maßstab für das gesamte Verhältnis der Kirchen zu Armut, Eigentum und Besitz. Sie begründet darüber hinaus auch Gesellschaftskritik, da sie ein gleichberechtigtes Zusammenleben in gegenseitiger, verbindlicher Solidarität ohne Ausbeutung beinhaltet und damit das kommende Reich Gottes bezeugen und vorwegnehmen will.
Spätantike Die Alte Kirche entwickelte eine Hierarchie und Ansätze zu einer Zweistufenethik, die den meisten Christen die Gebote Jesu erließ. Kirchliche Bischöfe waren zugleich Großgrundbesitzer. Das Teilen des Besitzes mit den Armen blieb dem Einzelnen als freiwillige Almosen überlassen. Als Gegenbewegung dazu entstand seit 300 das christliche Mönchtum, das meist auf Motive der Askese zurückgeführt wird. Otto Gerhard Oexle dagegen sieht die von der Gütergemeinschaft der Urgemeinde inspirierte Idee der Vita communis als Entstehungsgrund.Michael Borgolte: Sozialgeschichte des Mittelalters: Eine Forschungsbilanz nach der deutschen Einheit. Oldenbourg, München 1996, ISBN 3-486-64447-5, S. 340. Die Anachoreten folgten dem Vorbild des Antonius, der 305 seinen ganzen Besitz verschenkt und sich als Eremit in die Wüste zurückgezogen hatte. Pachomios gründete um 325 das erste christliche Kloster als Koinobion. Für ihn war die Urgemeinde ein bestimmendes Motiv, wobei er wohl noch keine Gütergemeinschaft einführte.Hans J. Milchner: Nachfolge Jesu und Imitatio Christi. Lit Verlag, 2003, ISBN 3-8258-6948-2, S. 224. Vertreter des koinobitischen Mönchtums beriefen sich stets auf Apg 2,44 und 4,32, um das asketische Modell abzulehnen und zunehmende Vergemeinschaftung als die richtige, mit der Christianisierung einhergehende Form des Zusammenlebens der Christen zu begründen.Ulrich Meyer: Soziales Handeln im Zeichen des „Hauses“: Zur Ökonomik in der Spätantike und im früheren Mittelalter. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1998, ISBN 3-525-35455-X, S. 243, Anmerkung 3 Eusebius von Vercelli (283–371) führte 340 für den Klerus seiner Stadt eine Lebens- und Gütergemeinschaft nach Apg 2 ein.Georg Schwaiger: Mönchtum, Orden, Klöster: Von den Anfängen bis zur Gegenwart. Ein Lexikon. Beck, München 2003, ISBN 3-406-49483-8, S. 132.