mini|Logo mini|Deutsches Literaturarchiv und Schiller-Nationalmuseum (März 2004) miniatur|Marbach aus der Luft; unterhalb Bildmitte: Gebäude DLA, Schiller-Nationalmuseum und Literaturmuseum der Moderne (v. l. n. r., Juli 2011) Das Deutsches Literaturarchiv Marbach wurde in Friedrich Schillers Geburtsort Marbach am Neckar als Deutsches Literaturarchiv (DLA) am 12. Juli 1955 gegründet; im April 2005 wurde es umbenannt. Sein Träger ist der Verein Deutsche Schillergesellschaft e. V. Das Archiv ist das größte deutsche Literaturarchiv in einer freien Trägerschaft und ist Mitglied im Südwestdeutschen Bibliotheksverbund.
Gegenwart Es bildet zusammen mit dem Schiller-Nationalmuseum, dem Literaturmuseum der Moderne und dem Collegienhaus die einheitliche Institution Deutsches Literaturarchiv Marbach mit seinen sammelnden Abteilungen (Handschriftenabteilung mit Cotta-Archiv, Bibliothek, Bilder und Objekte), der Museums-Abteilung und der Direktions- und Verwaltungsabteilung.
Ziele Das Deutsche Literaturarchiv Marbach (DLA) ist eine der bedeutendsten Literaturinstitutionen weltweit. Es ist eine außeruniversitäre Forschungseinrichtung mit hohem Infrastruktur-Anteil und zugleich ein Institute of Advanced Study mit eigenem Forschungs- und Fellowprogramm. In seinen Sammlungen sichert es eine Fülle kostbarster und bedeutsamster Quellen der Literatur- und Geistesgeschichte von 1750 bis zur Gegenwart. In seinen Museen und durch seine Veranstaltungen vermittelt es Literatur, weckt Interesse am vertieften Lesen, schult die Interpretationsfähigkeit und Diskussionslust. Der Literaturforschung soll mittels verstärkter Digitalisierung entscheidender Vorschub geleistet werden.„Aus den Archiven heraus die Literaturforschung stärken“, abgerufen am 11. September 2025.Sinkende Lesekompetenz: Deutsches Literaturarchiv will mit Projekten gegensteuern (Staatsanzeiger), abgerufen am 11. September 2025.
Sammlung Die Sammlungen der Deutschen Literatur von 1750 bis zur Gegenwart umfassen:
Handschriften 1600 Handschriftenbestände (Nachlässe, Vorlässe, Verlagsarchive, Sammlungen) Schwerpunkte: deutschsprachige Literatur- und Geistesgeschichte des 18. und 19. Jahrhunderts (Hauff, Hölderlin, Kerner, Mörike, Schiller, Schubart, Uhland, Wieland u. a.), Literatur um 1900 (Hofmannsthal, Rilke, Schnitzler u. a.), Expressionismus, zwanziger Jahre und Exil (Benn, Döblin, Kafka, Kraus, Tucholsky u. a.), klassische Moderne und Gegenwart (Celan, Ernst Jünger, Kästner, Pastior, Sebald), Schriftstellerinnen (Domin, Kaschnitz, Lasker-Schüler, Kirsch, Köhler, Morgner, Novak, Tergit u. a.), fremdsprachige Literatur mit Bezug zur deutschen Kultur Philosoph/-innen (Arendt, Blumenberg, Gadamer, Gehlen, Heidegger, Jaspers, Löwith u. a.) Germanist/-innen und Gelehrte (Alewyn, Auerbach, Elias, Koselleck, Petersen, Szondi u. a.) Bibliothek 1,6 Mio. Medieneinheiten mit digitaler Bibliothek (elektronische Zeitschriften, E-Books, Volltextdatenbanken) Quellen- und Forschungsliteratur zur deutschsprachigen Literatur seit 1750, zur Philologie, Fachgeschichte und Editionswissenschaft, zur Buch-, Theater- und Verlagsgeschichte Auktions-, Autographen- und Antiquariatskataloge, Buchumschläge, Verlagsprospekte Über 220 Autor/-innen- und Gelehrtenbibliotheken, Sammler- und Verlagsarchivbibliotheken sowie Spezialsammlungen zu den Genres der Unterhaltungsliteratur seit 1850 mit Provenienzerschließung Umfangreiche Sammlung und inhaltliche Erschließung literarischer Zeitschriften der Moderne seit 1880 Kommentierte Bibliografien zu einzelnen Autoren (Döblin, Kracauer, Schiller) Archivierung literarischer Internetquellen im Portal ›Literatur im Netz‹ Bilder und Objekte 450.000 bildliche und gegenständliche Sammlungsstücke seit 1750 Größte Porträtsammlung zur deutschen Literatur- und Geistesgeschichte seit dem 18. Jahrhundert mit Schwerpunkt württembergischer Klassizismus und Klassische Moderne Skulpturen (Büsten, Statuetten und Reliefs); Totenmasken; Gemälde und Miniaturen; Zeichnungen; Druckgraphiken und Scherenschnitte; Fotografien; Plakate; historische Buchumschläge; Erinnerungsstücke (Schreibgeräte, Möbel, Porzellan, Textilien) Rund 500 Bildkonvolute aus Autor/-innen-Nachlässen und Verlagsarchiven Universitäre Forschungskooperationen im Rahmen der Forschungslinie ›Schreibwerkzeuge, Literaturträger und literarische Objekte: Materiale Hermeneutik‹ Verlagsarchive 55 Verlagsarchive, darunter S. Fischer, Hanser, Insel, Luchterhand, Piper, Reclam, Rowohlt u. a. Geschäftsarchiv der J. G. Cotta’schen Verlagsbuchhandlung und ihrer Tochterfirmen und Nachfolger Siegfried Unseld Archiv: Archive der Verlage Suhrkamp und Insel. Rund 9.200 Archivkästen mit Manuskripten, Druckvorlagen und Korrespondenzen der Verlagsautoren, umfangreiches Pressearchiv, Produktionsbibliothek RedaktionsarchiveRedaktionsarchive, auf dla-marbach.de
MediendokumentationMediendokumentation, auf dla-marbach.de
Veröffentlichungen In folgenden Reihen und Zeitschriften sind Forschung und Bestände des Deutschen Literaturarchivs hauptsächlich dokumentiert: Aus dem Archiv (bis 2018) Deutsches Literaturarchiv. Verzeichnisse – Berichte – Informationen (bis 2005) Jahrbuch der Deutschen Schillergesellschaft – Internationales Organ für Neuere deutsche Literatur Marbacher Bibliothek (bis 2008) Marbacher Faksimile-Drucke (bis 2006) Marbacher Kataloge (bis 2018) Marbacher Magazine Marbacher Schriften (bis 1996) Marbacher Schriften. Neue Folge Marbacher Wissenschaftsgeschichte (bis 2004) Spuren Ferne Spuren Veröffentlichungen der Deutschen Schillergesellschaft Zeitschrift für Ideengeschichte
Collegienhaus Die Deutsche Schillergesellschaft konnte dank mäzenatischer Hilfe und öffentlicher Zuwendungen 1993 ein Collegienhaus (mit 30 Appartements) für das Deutsche Literaturarchiv eröffnen. Es ist gedacht für forschende Gäste, Autoren, Stipendiaten und trägt sich wirtschaftlich selbst.
Literaturmuseum der Moderne mini|Das Literaturmuseum der Moderne in Marbach Im Jahr 2004 entstand in unmittelbarer Nachbarschaft zu Schiller-Nationalmuseum, Deutschem Literaturarchiv und Collegienhaus als viertes Gebäude das Literaturmuseum der Moderne (LiMo). Es wurde vom britischen Architekten David Chipperfield geplant. Die Übergabe des neuen Gebäudes fand am 9. Januar 2006 statt, die offizielle Eröffnung am 6. Juni 2006 in Anwesenheit des Bundespräsidenten Horst Köhler. Das Museum zeigt auf 1.000 m² Exponate aus den Beständen des Deutschen Literaturarchivs zum 20. Jahrhundert und zur Gegenwart. Im Juni 2015 wurde die komplett überarbeitete Dauerausstellung neu eröffnet. Das Literaturmuseum der Moderne, ebenso wie das Schiller-Nationalmuseum, wird von Vera Hildenbrandt geleitet.
Deutsches Literaturarchiv und Schiller-Nationalmuseum: gemeinsame Geschichte Die Geschichte des Deutschen Literaturarchivs ist untrennbar verbunden mit der Entstehung und Geschichte des Schiller-Nationalmuseums und der seines Trägervereins, der Deutschen Schillergesellschaft:mini|Blick auf den Haupteingang des Schiller-Nationalmuseums
Vorgeschichte im 19. Jahrhundert Von „Schillerdenkmal“ und „Schillerhaus“: der „Marbacher Schillerverein“ Der Stuttgarter Liederkranz veranstaltete in der Residenzstadt Stuttgart am 9. Mai 1825 die erste Schiller Gedächtnißfeyer. Dabei wurden erste Vorstellungen über ein zu errichtendes Schillerdenkmal geäußert, die in Friedrich Schillers Geburtsort Marbach Befremden auslösten. Im Mittelpunkt der Marbacher Schiller verehrenden Kreise stand zu dieser Zeit der Amtsrichter Gottlob Rooschüz (1785–1847), der Vater der Schriftstellerin Ottilie Wildermuth. Er initiierte 1835 den Marbacher Schillerverein als erste deutsche Dichtergesellschaft. mini|hochkant|Schillerdenkmal auf der Schillerhöhe 1839 errichtete der Stuttgarter Liederkranz ein Schillerdenkmal auf dem Alten Schlossplatz (heute Schillerplatz) in Stuttgart. mini|Schillers Geburtshaus, 1850 von Eberhard Emminger gemalt Der Marbacher Schillerverein kaufte Schillers Geburtshaus und eröffnete es 1859 als museale Gedenkstätte Schillerhaus. 1876 wurde das Schillerdenkmal auf der Marbacher Schillerhöhe errichtet, gegossen aus 32 Zentnern erbeuteter französischer Kanonen, überlassen von Kaiser Wilhelm I. mini|Schillers Geburtshaus heute 1889 warb Wilhelm Dilthey (1833–1911) für die Errichtung neuer Institutionen der Literaturpflege (Vortrag veröffentlicht in den Preußischen Jahrbüchern): Nach der Erlangung der politischen Einheit sehe man auch die „ganze deutsche Vergangenheit in einer neuen Beleuchtung“, und damit auch „die Literatur mit anderen Augen“. Es entstünden „aus der Pietät gegen unsere Schriftsteller und aus dem Bedürfnis unserer Forschung neue Anforderungen, […] die sich auf Erhaltung, Sammlung und zweckentsprechende Eröffnung der Quellen beziehen…. Die Hauptquelle für unsere neue Literatur sind natürlich die Bücher selber…Neben die Bücher treten als andere Quelle die Handschriften…Der handschriftliche Nachlaß der Schriftsteller ist […] unschätzbar […] Genuß und Verständnis unserer Literatur empfängt aus diesen Handschriften eine unberechenbare wertvolle Bereicherung, und die wissenschaftliche Erkenntnis ist an ihre möglichst ausgiebige Benutzung schlechthin gebunden […].Diesen Aufgaben genügen die gegenwärtigen Einrichtungen nicht. Nur Archive ermöglichen die Erhaltung der Handschriften, ihre angemessene Vereinigung und ihre richtige Verwertung. Wir müssen also einen weiteren Schritt in der Organisation unserer Anstalten für historische Forschung tun. Neben die Staatsarchive […] müssen Archive für Literatur treten.“ 1823 hatte bereits Goethe in seinem Essay Archiv des Dichters und Schriftstellers auf die Bedeutung eines gepflegten Schriftstellerarchivs hingewiesen. 1889 wurde in Weimar das Goethe- und Schiller-Archiv eingerichtet, nachdem Goethes letzter Enkel 1885 den Nachlass Goethes, das Haus, die Sammlungen und das Archiv dem Weimarischen Staat einerseits und der Großherzogin Sophie andererseits vermacht hatte und 1889 Schillers dichterischer Nachlass hinzukam.
1890 fand in Stuttgart anlässlich des Vierten allgemeinen Neuphilologentags eine „Ausstellung von verschiedenen Ausgaben, Handschriften, Briefen und Bildnissen schwäbischer Dichter“ statt (Cottas Allgemeine Zeitung vom 27. Mai 1890). Der hierfür Verantwortliche, Otto Güntter (1858–1949) schreibt in seinen Erinnerungen (Mein Lebenswerk), wie er während seiner Studienaufenthalte in London (1882/1883) in den Lesesälen des British Museums die reichhaltigen Handschriftensammlungen und in der National Portrait Gallery im damaligen South Kensington Museum die „Bildnisse und Büsten hervorragender Engländer, […] Briefe und andere Schriftstücke, sowie Gegenstände aus ihrem Besitz“ besichtigte. „So etwas sollten wir Deutsche auch haben, oder doch wenigstens jedes deutsche Land für sich“ (S. 10).
Traugott Haffner (1853–1903), der Marbacher Bürgermeister und Vorsitzende des Marbacher Schillervereins, besuchte die Stuttgarter Ausstellung und war sehr angetan. Bei der Schillerfeier am 9. Mai 1890 waren ihm von Schillers Enkelin Familienbildnisse übergeben worden, die sich nicht mehr im kleinen Schillerhaus unterbringen ließen. Beides, die Stuttgarter Ausstellung und die wachsende Sammlung, brachten ihn auf den Gedanken, in Marbach ein Schiller-Museum zu errichten. Der Schulmeister Johann Georg Fischer (1816–1897) vermittelte ihm den Kontakt zum Stuttgarter Bankier und Sammler Kilian von Steiner (1833–1903), der half, die Sammlungen des Schillervereins durch Stiftungen auszubauen.
Schwäbischer Schillerverein und Schiller-Archiv und -Museum 1891 entwickelten diese drei Persönlichkeiten den Plan des Schillermuseums und -archivs als Bildungs- und Forschungsstätte für die neuzeitliche Literatur Schwabens.