Beim Rückführungsdienst für Fremdenlegionäre (RFL) handelte es sich um eine zwischen Oktober 1956 und Spätsommer 1962 operierende Dienststelle der Algerischen Nationalen Befreiungsfront (FLN), die deren von Marokko aus operierendem militärischen Arm, der Algerischen Nationalen Befreiungsarmee (ALN) unterstand. Ihre Aufgabe war es, für Frankreich in Algerien kämpfende Fremdenlegionäre zur Desertion zu bewegen und ihnen danach die Rückkehr in ihre Heimatländer zu ermöglichen. Der RFL hatte außerdem den Auftrag, für den FLN Kontakte zu politischen Parteien, Gewerkschaften und Massenmedien in Europa herzustellen und insbesondere in Deutschland die Arbeit der dortigen Kofferträger zu koordinieren.

Die Gründung des Rückführungsdienstes

Die Gründung des RFL geht auf eine Initiative von Si Mustapha-Müller zurück. Dieser musste 1956 wegen seiner Arbeit für den FLN aus Frankreich fliehen und wartete in Marokko auf eine neue Verwendung. Seine eher zufällige Heranziehung als Dolmetscher bei der Vernehmung von desertierten Fremdenlegionären führte dann zu der Idee, „für diese Söldner ein Projekt im Rahmen der psychologischen Kriegsführung zu entwickeln, ähnlich dem von der Roten Armee gegenüber Deutschen praktizierten Modell“,Fritz Keller: Ein Leben am Rande der Wahrscheinlichkeit, S. 45 das Müller aufgrund seiner Mitarbeit im Nationalkomitee Freies Deutschland vertraut war.

Im Oktober 1956 erfolgt durch Beschluss des Conseil National de la Révolution Algérienne (CNRA)Nationalrat der algerischen Revolution, oberstes Beschlussorgan der FLN die Schaffung eines Rückführdienstes für Fremdenlegionäre (»Service de Rapatriement des Légionaires Étrangères«) als offizielle Dienststelle des FLN und unter dem Kommando von Abdelhafid Boussouf. Die Ziele dieser Organisation, deren Leitung Si Mustapha-Müller übertragen wurde und die ihren Sitz in der Villa Dar Brixa in der Straße Triq Oued-Laou im marokkanischen Tétouan hatte, umreisst der Historiker Fritz Keller folgendermaßen: „Ziel des als Teil der psychologischen Kriegsführung deklarierten Rückführungsdienstes ist in erster Linie ›Sensibilisierung der öffentlichen Meinung‹ (Sensibilisation de l'Opinion Publique Étrangere). Die Deserteure sollen dazu in Befragungen publizistisch verwertbares Material liefern. Ein Weiteres Ziel ist der Versuch, mit den Abwerbeaktionen die ›Umwandlung einer Eliteeinheit in einen Unsicherheitsfaktor für den Feind‹ (Transformation du Corps d'Elite en un Facteur d'Insecurité pour l'Ennemi) voranzutreiben. Zum dritten sollte der Rückführungsdienst ein ›Mittel zur Anerkennung der Revolution auf internationaler Ebene‹ sein (Moyen de Reconnaissance de la Révolution a l'Échelle Internationale).“Fritz Keller: Ein Leben am Rande der Wahrscheinlichkeit, S. 45–46

Nach Si Mustapha-Müller, der es etwas pragmatischer formulierte, waren dem Rückführdienst „drei Aufgaben gestellt:1. Erziehung der algerischen Bevölkerung zur Hilfeleistung für die Flüchtlinge.2. Schaffung der notwendigen organisatorischen Voraussetzungen.3. Bekanntmachung dieser Rettungsmöglichkeiten innerhalb der Legion.“Manuskript von Si Mustapha-Müller aus dem Jahre 1958, zitiert nach Klaus Polkehn: Die Mission des Si Mustapha, S. 35

Das Leben in der Villa Dar Brixa Die Etablierung des Rückführungsdienstes in der Villa war auch eine Reaktion auf vorangegangene Schwierigkeiten bei der Fluchthilfe für Ex-Legionäre, denn deren Flucht endete anfangs häufig in einem Gefängnis in Spanisch-Marokko. Wenn sich dort keine konsularische Vertretung ihrer Heimatländer ihrer annahm, wurden sie nicht selten von den Spaniern wieder an die Franzosen ausgeliefert. Erst nachdem die Geflüchteten von der FLN besser betreut und unterstützt wurden, sahen die spanischen Behörden von einer Inhaftierung ab, und nach der marokkanischen Unabhängigkeit wurde dann der FLN die Villa Dar Brixa für den Rückführungsdienst überlassen.Fritz Keller: Ein Leben am Rande der Wahrscheinlichkeit, S. 48–49

1960 stieß mit Mourad Kusserow ein weiterer Deutscher zum Rückführungsdienst, der später in einem Buch Einblicke in das Innenleben des Rückführungsdienstes vermittelte. Kusserow arbeitete als eine Art Sekretär für Si Mustapha-Müller, der bei ihm, den er noch als Winfried Müller kannte, aus unerklärten Gründen Si Ahmed heißt, und musste sich vor allem um die deutschsprachige Korrespondenz kümmern. Er hielt die schriftlichen Kontakte zur Unterstützerszene und zur Presse und versorgte beide mit Informationsmaterial, unter anderem mit dem Mitteilungsblatt des Rückführungsdienstes für desertierte Fremdenlegionäre.Mourad Kusserow: Flaneur zwischen Orient und Okzident, S. 67 Meist musste er auch morgens die Post aus dem international bekannten Postfach mit der Nummer 399 abholen, das als offizielle Adresse des Rückführungsdienstes galt. Das war nicht ungefährlich, da außerhalb der Villa immer mit Anschlägen des französischen Geheimdienstes zu rechnen war und sich zumindest in einem Fall auch eine Briefbombe im Posteingang befand, deren Explosion gerade noch verhindert werden konnte.Mourad Kusserow: Flaneur zwischen Orient und Okzident, S. 71

Das in einem großen Garten gelegene Gebäude bestand aus dem Erdgeschoss und einer Etage mit Terrasse. Unten befanden sich zwei Räume, von denen einer von der algerischen Wachmannschaft belegt war, und der andere als Vorratskammer diente. Hinzu kamen eine Küche und eine Eingangshalle, in der auch die Mahlzeiten eingenommen wurden. Im Obergeschoss befanden sich zwei größere Räume für die Unterbringung der auf ihre Heimreise wartenden Fremdenlegionäre, während ein kleineres Zimmer mit Gartenblick von Si Mustapha-Müller bewohnt wurde: ein rostiges Feldbett, ein Camping-Kleiderschrank und ein alter Schreibtisch waren sein Mobiliar. Die Stammbesatzung bestand, abgesehen von der Wachmannschaft, aus fünf Personen: zwei Köchen, Kusserow und ein weiterer Sekretär sowie Si Mustapha-Müller.Mourad Kusserow: Flaneur zwischen Orient und Okzident, S. 60–61 Sie waren zu einem spartanischen Leben gezwungen: Nur im Hof gab es Wasser, im Haus weder Toilette noch Bad; für die Notdurft der Bewohner wurden immer wieder neue Gruben im Garten ausgehoben. Wer unbedingt ein Bad nehmen wollte, musste sich vom bescheidenen Sold ein Hotelzimmer mieten; Ausgang für private Vergnügen gab es nur am Samstag bis Mitternacht.

Die Villa war eine Durchgangsstation für die desertierten Fremdenlegionäre. Sie lebten hier in der Regel zwei bis drei Wochen, bevor sie die Reise in die Heimatländer oder in ein Land, das bereit war, ihnen eine Aufenthaltsgenehmigung zu erteilen, antreten konnten. Nicht alle Deserteure konnten oder wollten nämlich in das Land zurückkehren, aus dem sie stammten. Viele Ex-Legionäre aus der DDR wollten lieber in die Bundesrepublik, und auch bei vielen der nach dem Ungarnaufstand in die Fremdenlegion geratenen Männer bestand häufig keine Neigung, nach Ungarn zurückzukehren. In solchen Fällen musste sich der Rückführungsdienst auch schon mal darum bemühen, beim Hohen Flüchtlingskommissar der Vereinten Nationen einen Nansen-Pass zu beantragen und ein Asylland zu finden.Mourad Kusserow: Flaneur zwischen Orient und Okzident, S. 61 Darüber hinaus übernahm der FLN die Kosten für die Einkleidung und den Aufenthalt der Deserteure und zahlte ihnen auch ein Taschengeld. Im Falle der Deutschen unter ihnen streckte das deutsche Konsulat die Kosten für die Flugscheine vor, und „die Legionäre zahlten später das sogenannte Heimschaffungsdarlehen ratenweise zurück“.Mourad Kusserow: Flaneur zwischen Orient und Okzident, S. 83. Zu weiteren Details siehe den SPIEGEL-Artikel [Algerien. Wer desertiert, muss Alemani rufen].

Aus der Arbeit des Rückführungsdienstes Für den Rückführungsdienst mussten neue organisatorische Strukturen geschaffen und die Abwerbepropaganda innerhalb der Legion vorangetrieben werden. Zusätzlich musste die algerische Bevölkerung zur Unterstützung der Deserteure gewonnen werden, was vor dem Hintergrund von deren Erfahrungen mit der Fremdenlegion am Anfang am schwierigsten zu realisieren gewesen sei. Es habe der steten Aufklärungsarbeit bedurft, aber gelegentlich habe man bei verweigerten Hilfeleistungen auch zu Sanktionen seitens der Polizeiorganisation der FLN greifen müssen.Manuskript von Si Mustapha-Müller aus dem Jahre 1958, zitiert nach Klaus Polkehn: Die Mission des Si Mustapha, S. 35 Allmählich konnte dann ein landesweites Hilfsnetz aufgebaut werden, und mit Flugblättern und anderen Methoden wurden die Fremdenlegionäre direkt angesprochen und nach ihrer Desertion meist über (Spanisch-)Marokko in ihre Heimatländer gebracht. Angelockt wurden sie mit „Flugblättern, in denen Geflohene ihre früheren Kameraden mittels Fotos, die sie in Begleitung vollbusiger Damen zeigen, über die erfolgreiche Flucht informieren […]. In Kneipen und Bordellen werden Legionäre von Agenten des Rückführungsdienstes direkt angesprochen. Straßenhändler und Schuhputzjungen drücken den Legionären dieses Propagandamaterial in die Hand, in dem sie zur Fahnenflucht aufgefordert werden. […] Manchmal hilft Mustapha mit einigen handfesten Argumenten beim Denkprozess der Söldner nach. Er lockt alkoholisierte Legionäre in einen Hinterhalt, betäubt sie mit einem Kinnhaken, fesselt sie und schleppt sie über die Grenze nach Tetuan. Zurück zur Legion können sie dann nicht mehr, weil man ihnen misstraut und sie entsprechend behandelt.“Fritz Keller: Ein Leben am Rande der Wahrscheinlichkeit, S. 51–52

Si Mustapha-Müller schrieb in seinem Gastbeitrag im Spiegel von einem regelrechten Agentennetz innerhalb der Legion.Der Spiegel 2. September 1959: Wer desertiert, muss Alemani rufen Die Informationsbeschaffung aus der Legion sei eine nicht weniger wichtige Aufgabe als die Abwerbung, deshalb schalte er sich aktiv in die Verhöre der Überläufer ein. „Die desertierten Fremdenlegionäre wurden systematisch vernommen, um ihre Erlebnisse publizistisch auszuschlachten, aber auch um militärische Informationen zu sammeln, welche die militärische Strategie der ALN erheblich verbessern könnten.“Khenifer Sid-Ali: Die Bundesrepublik im Schatten des Algerienkrieges, pdf-S. 151 Si Mustapha-Müller war auch „sein eigener, perfekter PR-Mann“Claus Leggewie: Kofferträger, S. 94, der dafür sorgte, dass die Arbeit des Rückführdienstes auch in den Herkunftsländern der Legionäre, speziell in Deutschland, bekannt wurde. Am 19. Februar 1957 berichtete die Bild-Zeitung auf Seite 1 und mit den üblichen großen Lettern über eine Aktion Weihnachtsmann, mit der eine „Geheime Macht“ 100 deutsche Legionäre befreit hätte. Die Hintergründe der Flucht durfte ein deutscher Ex-Legionär ausführlich darstellen.Der sich über die Seiten 1 und 2 erstreckende Artikel ist abgedruckt bei Fritz Keller: Ein Leben am Rande der Wahrscheinlichkeit, S. 56–57 In Erika Fehses Film schildert Werner Händler, ein ehemaliger Mitarbeiter des Deutschlandsenders der DDR, wie sie in ihren nächtlichen Sendungen versucht hätten, den „Duft von Bratäpfeln über unsere Sendung zu Weihnachten“ zu transportieren, um bei den hartgesottenen Männern der Legion Heimatgefühle zu wecken, die schließlich zur Flucht verleiten sollten.Si Mustapha-Müller – Kurze Zeit des Ruhms, ein Film von Erika Fehse Si Mustapha-Müller gab in dem erwähnten Gastbeitrag Einblicke in seine Arbeit und die des Rückführdienstes.

Solidarität im deutschsprachigen Raum In der Bundesrepublik Deutschland gab es vielfältige Unterstützung für die algerischen Unabhängigkeitsbestrebungen. Diese umfasste die Hilfe für französische Kriegsdienstverweigerer ebenso wie die Unterstützung des Rückführungsdienstes.

Die Naturfreundejugend und der Rückführungsdienst