mini|Siegel der Jerusalemer Peruschim, 19. Jahrhundert Peruschim (, Singular: Porisch) waren Gruppen religiöser Juden aus Litauen, Anhänger des Gaon von Wilna, die sich im 19. Jahrhundert in Palästina ansiedelten. Sie gehörten zum Alten Jischuv.

Das Heilige Land in der Lehre des Gaon von Wilna mini|hochkant|Elijah Ben Salomon Salman, der Gaon von Wilna Nach dem Vorbild des Wilnaer Gaon zogen sich die Peruschim von den Alltagsgeschäften zurück, um sich ganz dem Torastudium widmen zu können.Immanuel Etkes: The Gaon of Vilna: The Man and his Image, Berkeley / Los Angeles 2002, S. 213. Zweimal, 1772 und 1782, hatte der Gaon selbst versucht, ins Heilige Land zu reisen. Auftretende Schwierigkeiten zwangen ihn jedes Mal, das Vorhaben abzubrechen. Seine Jünger versuchten, das zu verwirklichen, was dem Gaon verwehrt geblieben war:

Raw Menachem Mendel, Raw Ezriel und dessen Enkel Raw Jisroel ben Schmuel Aschkenasi von Schklou (ca. 1770–1839; Gründer des Kolel-Peruschim) sowie Raw Binyamin Rivlin und dessen Sohn Raw Hillel,

– alle aus der Gemeinde zu Schklou.Dovid Rossoff: Where Heaven Touches Earth, Jerusalem 2004, S. 168.

Im Jahr 1781 unternahm Raw Ezriel eine Erkundungsreise nach Palästina. Bei einer zweiten derartigen Reise verstarb er, wodurch die Ansiedlungspläne für drei Jahrzehnte ins Stocken gerieten. Nur Einzelpersonen aus der Anhängerschaft des Wilnaer Gaon, wie Raw Schlomo von Talachin, übersiedelten im 18. Jahrhundert ins Heilige Land.

Ähnlich wie der biblische Esra in Jerusalem die Heimkehrer aus dem babylonischen Exil gesammelt hatte, wollte der Wilnaer Gaon die jüdische Diaspora seiner Zeit nach Jerusalem versammeln und die Stadt zum Zentrum des Torastudiums machen. Indem die Mitzwot wieder befolgt würden, die nur im Heiligen Land anwendbar sind, würde das messianische Zeitalter (Keitz haMegulah) herbeigeführt.Dovid Rossoff: Where Heaven Touches Earth, Jerusalem 2004, S. 169.

Niederlassung in Safed Die erste Einwanderergruppe wurde von Raw Menachem Mendel von Schklou geleitet, einem Schüler des Wilnaer Gaon, und traf im Jahr 1808 in Palästina ein. Nach einem kurzen Aufenthalt in Tiberias ließen sich die Peruschim in Safed nieder. Zwei weitere Gruppen folgten kurz darauf nach, so dass die Gemeinde etwa 200 Personen umfasste.Dovid Rossoff, Safed, S. 138. Das eigentliche Ziel war Jerusalem, aber aufgrund der damals geltenden Gesetze war eine Ansiedlung von Aschkenasim (wozu auch Juden aus Litauen zählten) in der Jerusalemer Altstadt verboten. So plante Rabbi Jisroel eine dauerhafte Ansiedlung in Safed. Die Stadt litt noch unter den Folgen des Erdbebens von 1759, so dass die Wohnverhältnisse sehr beengt waren. Sie gründeten für ihre Talmudstudien das Beis Midrasch haG´ra und begannen mit dem Aufbau einer Bibliothek.Dovid Rossoff, Safed, S. 140.

In Alltagsfragen waren die Peruschim, des Arabischen nicht mächtig, auf Hilfe ihrer sefardischen Nachbarn angewiesen. Der von gut vernetzten alteingesessenen Sephardim dominierte sephardische Kolel (, Pl. Kōlelīm; auch Kollel) begünstigte bei der Chaluqah Gelehrte und anderweitig angesehene Familien, ungebildete und neuangekommene Arme wurden dagegen nur unregelmäßig und geringfügig bedacht.Abraham Jakob Brawer, „Chalukka“, in: Jüdisches Lexikon. Ein enzyklopädisches Handbuch des jüdischen Wissens: 4 Bde., Berlin: Jüdischer Verlag, 1927–1930, Bd. I: A–C (1927), Spalten 1312–1315, hier: Spalte 1313. Kōlelīm (Sg. Kōlel) sind Wohlfahrtseinrichtungen, die durch Sendboten, so genannte Meschullachīm (Es heißt auf Aramäisch auch ; Gesandter [Gesandte] der Rabbinen) oder nach anderer Lesart ; Gesandter [Gesandte] der Barmherzigkeit), als Akronym für beide Schada"R .), in der Diaspora Spenden einwerben.

Dann übernehmen Kolelim die Aufteilung (Gelegentlich wird der Begriff Chaluqah (auch irrigerweise Chalu[ḳ]ḳa[h] transkribiert) auch synonym für Kolel genutzt.) der Spenden für den Betrieb verschiedener Versorgungsanstalten, wie Kranken- und Armenhäuser () und für direkte Zuwendungen an Bedürftige, vor allem lebenslang studierende Talmidej Chachamim (, das sind Talmudgelehrte).

Eine Besonderheit der Peruschim war der Wunsch, die nur im Land Israel gültigen Mitzwot zu erfüllen. Da sich diese Gebote auf die Landwirtschaft beziehen, kaufte die Gruppe Land in der Nähe von Safed und begann mit dem Ackerbau. Dabei bestand keine Absicht, durch Landwirtschaft die prekäre Versorgung sicherzustellen.David E. Fishman: Russia’s First Modern Jews: The Jews of Shklov. New York University Press, New York / London 1995, S. 131.

Um den Zufluss von Spenden an die Peruschim von Safed auf eine sichere Basis zu stellen, reiste Rabbi Jisroel 1810 nach Europa. Spendenbüchsen sollten in jeder Gemeinde aufgestellt und die Gelder von Repräsentanten zu einer Zentralstelle in Volozhin gebracht werden. Die Napoleonischen Kriege erschwerten sein Vorhaben. Schließlich kaufte Rabbi Jisroel mit dem Spendengeld eine Schiffsladung Weizen, den die Peruschim in Palästina wieder verkaufen könnten; so hoffte man das Risiko zu vermeiden, dass der Geldbote überfallen und ausgeraubt würde. Aber das Schiff sank im Mittelmeer. Der Geldbetrag, den Raw Jisroel bei seiner Rückkehr nach Safed mitbrachte, reichte nicht einmal, um die aufgelaufenen Schulden zu begleichen. 1812 wurde Galiläa von einer Seuche heimgesucht; von den rund 500 Peruschim in Safed starb ein Drittel, darunter fast die ganze Familie von Raw Jisroel.Dovid Rossoff: Where Heaven Touches Earth, Jerusalem 2004, S. 175.

Rabbi Jisroel war gerade in Jerusalem, um an der Einweihung der Sukkas-Schalom-Synagoge teilzunehmen, als 1837 ein schwerer Schlag das Ende der Gemeinde in Safed herbeiführte. Die Stadt wurde durch ein Erdbeben praktisch eingeebnet. Es gab sehr viele Todesopfer. Von nun an war die Jerusalemer Niederlassung der Mittelpunkt für die überlebenden Peruschim.

Niederlassung in der Jerusalemer Altstadt mini|hochkant|Jerusalemer Juden, 1890er Jahre mini|Die 1836 von Peruschim gebaute Sukkas-Schalom-Synagoge Eine weit kleinere Gruppe um Raw Menachem Mendel und Raw Hillel hatte sich, allen Schwierigkeiten zum Trotz, schon kurz nach der Einwanderung in Jerusalem niedergelassen. Raw Hillel hatte ein Buch verfasst (Kol haTor), das einen flammenden Appell zur Ansiedlung in der Heiligen Stadt enthielt. Dies bereite die Ankunft des Messias vor.Dovid Rossoff: Where Heaven Touches Earth, Jerusalem 2004, S. 174. Er legte den Vers Hoheslied 2,12 allegorisch aus: „Die Blumen erscheinen im Land (=in Palästina werden jüdische Siedlungen gegründet), die Zeit zum Singen (= das messianische Zeitalter) ist da. Die Stimme der Turteltaube (= die Menschen, die daran mitwirken) ist zu hören in unserem Land.“Dovid Rossoff: Where Heaven Touches Earth, Jerusalem 2004, S. 194.

Etliche Gemeindemitglieder strebten von Safed in die Heilige Stadt, und Rabbi Jisroel erkannte, dass eine Ansiedlung in der Jerusalemer Altstadt organisiert werden müsste, auch wenn die finanzielle Unterstützung aus Europa dann zwischen den Empfängern in Safed und in Jerusalem aufgeteilt würde. Eine Delegation wurde nach Konstantinopel entsandt. Ihr gelang es, die Annullierung des Firman zu erreichen, der Aschkenasim die Ansiedlung in der Altstadt verbot.

In Jerusalem konstituierte sich eine aschkenasische Gemeinde mit eigener Unterstützungskasse (Kolel), der sich 1821 auch die wenigen Chassidim in der Stadt anschlossen. Aufgaben des Kolel waren:

Eingliederung von Einwanderern, Verteilung von Spendengeldern, Bau von Wasserspeichern (die Wasserversorgung der Jerusalemer Altstadt war stets prekär), Unterhalt einer privaten Wachmannschaft, Korrespondenz mit der jüdischen Diaspora und mit den osmanischen Behörden, Abwehr christlicher Missionare, Aufbau jüdischer Nachbarschaften in der Alt- und später in der Neustadt, Organisation caritativer Gruppen wie Bikkur Cholim.

Die Gemeindeleitung (später benannt als Waʿad haKlali) befand sich zunächst in der Nachbarschaft der Hurva-Synagoge und später in der Neustadt, im Bezirk Beis David.

Im Jahr 1827 besuchte Sir Moses Montefiore Palästina und traf in Jerusalem den schon über 70-jährigen Raw Rivlin, den spirituellen Leiter der Peruschim. Montefiore machte daraufhin die Unterstützung der Juden in Jerusalem zu seinem Anliegen.

Als Palästina vorübergehend zum Herrschaftsbereich Muhammad Ali Paschas gehörte, verbesserte sich die Situation der Peruschim in Jerusalem. Sie ließen sich den Besitz des innerstädtischen Grundstücks Dayr Aschkenas bestätigen, auf dem sich die Hurva-Synagoge befand, und erwirkten eine Bauerlaubnis. 1836 begannen die Aufräumarbeiten, und 1837 wurde die Menachem Zion Schul eingeweiht,Dovid Rossoff: Where Heaven Touches Earth, Jerusalem 2004, S. 185. benannt nach Rav Menachem Mendel von Schklou

Im Jahr 1838 starb Raw Hillel achtzigjährig an einer in Jerusalem grassierenden Seuche. Im Folgejahr starb Raw Jisroel von Schklou, der sich nach dem großen Erdbeben in Jerusalem niedergelassen hatte und die Sukkas-Schalom-Synagoge leitete. Den beiden folgten Rabbiner der zweiten Generation nach, Raw Jeschaja „Schaje“ Bordaki (Menachem-Zion-Synagoge) und Raw Nasan Nata (Sukkas-Schalom-Synagoge).Dovid Rossoff: Where Heaven Touches Earth, Jerusalem 2004, S. 193.

Die Krise von 1840 Für das Jahr 1840, das Jahr 5600 jüdischer Zeitrechnung, erwarteten die Peruschim den Anbruch des messianischen Zeitalters. Als dieses Ereignis nicht eintraf, bedeutete das eine ernste Krise der Gemeinde.Dovid Rossoff: Where Heaven Touches Earth, Jerusalem 2004, S. 194.

Für die Peruschim waren die ebenfalls von endzeitlicher Erwartung motivierten christlichen Missionare in Jerusalem eine neuartige Erfahrung. Ihr caritativer Einsatz angesichts von Hunger und Seuchen in den späten 1830er Jahren machte Eindruck. Drei prominente Peruschim, Eliezer Luria (aus der Verwandtschaft des Rabbi Hillel von Schklau), Benjamin Goldberg und Abraham Nisan Walfin, nahmen 1839 engeren Kontakt mit den Missionaren der London Society for Promoting Christianity among the Jews auf. Walfin zog sich wieder zurück; die beiden anderen konvertierten 1843 zum Christentum.Arie Morgenstern: Hastening Redemption, Oxford 2007, S. 178. Beide wurden am 21. Mai getauft und erhielten die Namen Christian Lazarus Luria und John Benjamin Goldberg. Die Namen der beiden Konvertiten wurden aus der Mitgliederliste der Organisation Bikkur Cholim gestrichen; daneben steht die Notiz: „Möge sein Name und sein Gedächtnis ausgelöscht sein, er ist im Bann.“Arie Morgenstern: Hastening Redemption, Oxford 2007, S. 179 f.

Die Führung der Peruschim begegnete der religiösen Krise einerseits damit, dass sie alle Kontakte zu Missionaren zu unterbinden versuchte, andererseits, indem sie die Erlösung umdefinierte von einem plötzlichen Ereignis zu einem längerdauernden Prozess, der 1840 begonnen habe.Arie Morgenstern: Hastening Redemption, Oxford 2007, S. 191 f. Sie engagierte sich deshalb für Projekte wie den Wiederaufbau der Hurva-Synagoge. Im Verlauf der 1840er Jahre verstärkte sich jedoch die Meinung, dass alles Bauen von Wohnungen und Infrastruktur die Erlösung nicht näherbrächte und man sich ganz auf das Torastudium konzentrieren sollte. Das war eine neue Interpretation des Bibelworts Ps 127,1.Arie Morgenstern: Hastening Redemption, Oxford 2007, S. 195 f. Die Peruschim konnten nun für auswärtige Beobachter, verglichen mit den Chassidim und Sefardim, als eine rückwärtsgewandte Gruppierung erscheinen.

An Stelle planmäßigen Aufbaus trat bei den Peruschim, so Arie Morgenstern, die direkte Reaktion auf jeweils aktuelle Bedürfnisse. Ein äußeres Symptom dafür sei, dass die Unterstützungseinrichtungen (Kolelim) sich aufsplitteten nach der Herkunft der Talmudschüler: Warschauer Kolel 1848, Grodnoer Kolel 1851 usw. Jeder Kolel versuchte, möglichst viele Spendengelder aus der Heimat zusammenzubringen; übergeordnete Interessen der jüdischen Bevölkerung in Jerusalem wurden vernachlässigt.Arie Morgenstern: Hastening Redemption, Oxford 2007, S. 196.